Freiheit - Warum der Westen nicht kapituliert

Jene bauen schneller größere Flughäfen, sie überholen uns, ohne uns einzuholen. Hört man. Aber die Kraft des Westens ist ungebrochen, weil sie nicht in Dollars und Raketen gründet

Die Freiheitsstatue in New York
Der Westen zeichnet sich vor allem durch seinen hohen Freiheitsgrad aus / picture alliance

Autoreninfo

Frank A. Meyer ist Journalist und Kolumnist des Magazins Cicero. Er arbeitet seit vielen Jahren für den Ringier-Verlag und lebt in Berlin.

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Die Neue Zürcher Zeitung eröffnete ihre Samstagsausgabe am 12. Oktober mit der Schlagzeile: „Kulturpessimismus ist in Mode“. Auf Seite acht schrieb die NZZ mit einer weiteren Schlagzeile trotzig gegen den Kulturpessimismus an: „Demokratien sind noch lange nicht am Ende.“ Gleichentags sinnierte die Frankfurter Allgemeine gedankenschwer über „die Erzählung vom Niedergang des Westens“. Das Blatt der klugen Köpfe kam zum Schluss: „Der Westen untergräbt und schwächt sich selbst.“

Derweil raunen privilegiert bestallte Intellektuelle in den Salons des Bildungsbürgertums mit Blick auf China ehrfurchtsvoll von einer unbedingten Willenskultur, an der es westlichen Arbeitnehmern leider, leider gebreche. Und so mancher Wirtschaftsreisende verkündet nach der Rückkehr aus dem Reich der Mitte enthusiasmiert die Kapitulation des westlichen Kapitalismus: „Wir haben in Zukunft nicht mehr viel zu bestellen!“

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helmut armbruster | Di, 12. November 2019 - 10:34

Gerade in China hat es noch nie Freiheit gegeben, dafür aber immer ein großes Heer bedürfnisloser Arbeiter bzw. Arbeitssklaven.
Damit kann man chinesische Mauern und anderes bauen. Es sind aber immer nur materielle Dinge.
Sie können nicht Kreativität und Geist ersetzen.
Hier noch ein paar Zitate zu Freiheit:
Seneca: Die Freiheit besteht darin weder vor Menschen noch vor Göttern Furcht zu haben, seine Wünsche weder auf Schimpfliches noch auf Übermäßiges zu richten und über sich selbst unbedingte Gewalt zu haben
Mathias Claudius: Niemand ist frei, der nicht über sich selbst Herr ist
Goethe: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß.
Alexandre Vinet (Schw.Theologe): Eure Freiheit, vergesst es nicht, taugt gerade so viel, wie ihr taugt.
Gustave Lebon: Wer sich nicht zu beherrschen weiß ist dazu verurteilt bald von anderen beherrscht werden

Herr Armbruster: Sie sollte sich mal die diversen Forschungsteams der westlichen Elite-Universitäten ansehen.. Dann finden Sie überproportional viele Forscher chinesischer Herkunft.
Auch die unfassbar vielen Virtuosen klassischer westlicher Musik rekrutieren sich überproportional aus Chines(en)innen.
Von Lang Lang über Sarah Chang und andere unzählige Virtuosen bis hin zu weltmeisterlichen Sportlern, im Tennis oder Tischtennisbereich, neuerdings auch in der Leichtathletik - gibt es praktisch keine Sparte, in der nicht Chinesen weltweit führend agieren. Und das alles unter dem Stichwort "Unfreiheit" erklären zu wollen, erfordert schon ein gehöriges Mass an westlicher Arroganz. Chinesen sind anders.
Sie sind als Kinder diszipliniert, lernbegierig und zielstrebig - was vielen unserer Nachkommen abgeht. Selbst Mischlingskinder von deutsch/chinesischen Eltern sind in ihrer frühkindlichen Auffassungsgabe bewundernswert. Ganz ohne Zwang und diktatorische Unfreiheit.-

Christa Wallau | Di, 12. November 2019 - 11:44

ja, lieber Herr Meyer, das ist das Erstrebenswerteste, und das haben die Staaten der westlichen Welt erreicht.
Allerdings ist dieser Zustand nicht stabil. Er muß vielmehr mutig und entschieden täglich verteidigt werden, und zwar von allen, die diesen Luxus genießen.
Leider ist es aber so, daß ein wohliger Zustand
träge macht. Folge: Man achtet der dauernden Bedrohungen nicht mehr. Wohlstand und Freiheit geraten in höchste Gefahr!
Die In Freiheit Lebenden sind zudem geschichtsvergessen u. undankbar:
Sie wissen nicht mehr bzw. wollen nicht daran erinnert werden, welche Anstrengungen u.
Opfer es ihre Vorfahren gekostet hat, die Bedingungen herzustellen, die sie jetzt genießen.
Im Gegensatz zu Ihnen, Herr Meyer bin ich daher nicht so fest davon überzeugt, daß der Westen
nie kapitulieren wird. Die Idee (das erstrebenswerte Ziel), in Wohlstand und g l e i c h z e i t i g in Freiheit zu leben, ist unausrottbar, aber w o es in Zukunft noch verwirklicht sein wird, das weiß
niemand.

Christoph Kuhlmann | Di, 12. November 2019 - 12:05

früher oder später zu erheblichen Fehlsteuerungen. In China hat man das erkannt und die Steuerung der Wirtschaft teilweise dem Markt überlassen und damit ein ungeheures Potenzial an Wirtschaftskraft freigesetzt. Die Mischung aus strategischer Lenkung durch den Staat und Marktwirtschaft ist beinahe explosiv und zwingt den Westen die Marktwirtschaft in Bezug auf China zumindest teilweise einzuschränken. Wenn es zum Beispiel um den Verkauf von Firmen mit strategischem Know How geht. Man darf jedoch nicht vergessen, das bei annähernd gleichen Wettbewerbsbedingungen große Teile der chinesischen Wirtschaft in westlicher Hand wären. Es ist also legitim gleiches Recht für alle zu fordern oder eben selbst zu regulieren. Die Überschuldung des Staates und der Unternehmen dieses Landes wird bei nachlassendem Wachstum ein ernstes Problem, besonders bei der chinesischen Alterspyramide. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Strukturen dort erstarren, wenn es keine Liberalisierung gibt.

Johan Odeson | Di, 12. November 2019 - 13:57

Gut gebrüllt Löwe. Aber diese Vision setzt ein selbstbestimmtes Individuum mit der Fähigkeit zur Reflexion über die eigenen Handlungen voraus. Dazu bedarf es Bildung, in der diese Fähigkeit frei von den Einflüssen von Religion oder Ideologie vermittelt wird. Dazu bedarf es Anstrengung und den Willen sich stetig fortzuentwickeln oder zumindest seinen KIndern die Möglichkeit zu bieten. Leider ist der "Westen" darin sehr nachlässig geworden. In einem Kulturrelativismus sondergleichen wird alles gleich gesetzt. In den Schulen wird nicht Leistung, sondern Gleichheit gepredigt. Kulturen, die sich seit 600 Jahren unter dem Korsett einer alles regelnden Religion nicht bewegt haben, werden als gleich akzeptiert und eben nicht gefordert. Die Sicherheit des Landes wird vernachlässigt und die Fähigkeit sich machtpolitischen Ansprüchen von außen entgegen zu stellen ist ziemlich dahin. Offen werden diktatorische Befugnisse zur Weltrettung oder dem neuen Sozialismus propagiert. Wahrheitssuche? Wo?

Ronald Lehmann | Mi, 13. November 2019 - 09:52

In reply to by Johan Odeson

Die beiden Kommentare haben es zusammen auf den Punkt gebracht. Als Ergänzung: Der heutige Monopolkapitalismus oder Börsenkapitalismus, der sich auszeichnet durch eine immer stärkere Zentralisierung von Macht (wie der Sozialismus in seinen unterschiedlichen Formen), wo der Geist unter der Fuchtel von Zahlen & Gewinnen von "Einzelnen" steht (& nicht im gegenseitigen Austausch), der ist auch nicht in der Lage, die globalen Probleme wie Umweltprobleme zu lösen, sondern Sie zu verstärken. Hauptursache lag sicher auch daran, dass man nach dem zweiten Weltkrieg die Wirtschaftsmächte alles immer wieder auf "alte Fundamente bzw. Gesetze" aufbaute, statt "das Gebilde" vom Fundament an neu zu definieren. Dies hätte aber auch bedeutet, dass Macht abgegeben wird, was wiederum ein sehr allgemeine menschliche Schwäche war & ist. Darüber nach gesinnt mit LG

Siegfried Eder | Di, 12. November 2019 - 14:21

Der Freiheitsbegriff bei Meyer ist romantisch und problematisch. Die angeblich "wundersam gelebte" europ. Freiheit und die "Anfechtungen", die ihr im "demokratisch rechtsstaatlichen Haus" drohen, müssen benannt werden. Ein grundsätzliches Missverständnis, das Flüchtlinge aus der ganzen Welt nach Europa treibt, ist dieser Gedanke der angeblich grenzenlosen Freiheit.Man darf alles in Europa, glauben viele, und sei es noch so abseitig, auch z.B. den Gedanken der Unterwerfung des Staates unter die Religion ausleben, den Gedanken der Nicht-Gleichberechtigung der Frau praktizieren und den Gedanken, demokratische Regeln zu unterwandern, in die Tat umsetzen. Dass dies alles aber nicht Ausleben von Freiheit im europäischen Sinn ist, wollen (können) zu viele, die aus anderen Kulturen und Religionen, also vorzugsweise islamisch geprägten Ländern, hierher kommen, nicht verstehen.
Nein, wenn wir hier weiterhin an die "wundersam gelebte Freiheit" glauben, wird sich Europa selbst aufgeben (I.Kertesz)

Heidemarie Heim | Di, 12. November 2019 - 16:48

Was heißt wäre? Auf einigen Feldern der Politik und nicht erst seit FfF und deren weniger friedlichen Trittbrettfahrern ist es zu fatalen Eindrücken, besser Zweifeln zum Schaden unseres Rechtsstaates gekommen. Diese räumt man m.E. nicht durch Vergleiche mit völlig anderen Regierungsformen wie z.B. China oder Russland aus oder indem man darauf beharrt, den Souverän nur alle vier Jahre eine direkte Beteiligung zu ermöglichen was für ihn wichtige Fragen und Themen betrifft. Gerade als Schweizer Bürger weiß unser Herr Meyer doch aus eigener Erfahrung wie fatal eine Resignation "Die da oben machen doch eh` was sie wollen!" des einzelnen Staatsbürgers ist. Und andererseits wie empfänglich er für Friede-Freude-Freiheit-Beste-Demokratie-der-Welt-Phrasen ist solange ihn politische Versäumnisse nicht direkt betreffen. Der Staat, das sind wir alle! Und nichts ist gefährlicher als eine Ausgrenzung von darin lebenden kritischen, politisch zweifelnden Bürgern egal ob sie links,rechts,mittig sind. FG

Heinz Maier | Di, 12. November 2019 - 17:02

„Jeder Gedanke ist denkbar ....“, ja, wo denn. Etwa im Land der Alternativlosigkeit? Wo leben Sie,
Herr Meyer? Hierzulande wird gerade versucht
jedes Andersdenken zu unterbinden. Z.B. mittels Antifa Schägertrupps. Ansonsten obsiegt der Dummsprech von ganz oben.

Bruno Weizen | Mi, 13. November 2019 - 01:13

In reply to by Heinz Maier

Lieber Herr Maier,
Wer oder was bitte unterdrückt Andersdenkende in unserem Land?
Das von der AfD Propaganda genährte Narrativ einer Gesinnungsdiktatur des „linksgrünen Mainstreams“ ist nicht nur lächerlich, sondern mittlerweile unerträglich.
Ich hoffe nicht, dass Sie die Interessen derer unterstützen wollen, die aus unserer freiheitlichen Grundordnung eine gelenkte Demokratie nach dem Vorbild Russlands machen wollen.

@ Herr Weizen: Erwarten Sie hier etwa eine Antwort? Die Diskursfähigkeit in unserer Gesellschaft ist doch längst verloren gegangen. Jeder lebt nur noch in seiner Echokammer besonders im rechtspopulistischen Umfeld

Schulz, Irmgard | Mi, 13. November 2019 - 11:47

.......schlicht und ergreifend:
"Hard times create strong men,
strong men create good times,
good times create weak men -
and ...weak men create hard times"
(Stefan Aarnio)

Uwe Kühner | Mi, 13. November 2019 - 23:16

Die Freiheit des Westens hat aber immer auch auf einer militärischen und wirtschaftlichen Überlegenheit basiert. Sonst erklären einem halt die Anderen was man zu tun hat.

Man kann in Südostasien sehr schön beobachten, was wirtschaftliche und politische Schwäche bedeuten, wenn ein Staat wie China seine Interessen durchdrückt.

In dem Zusammenhang wäre es deshslb schon hilfreich, wenn unsere Demokratie in der Lage wäre eine Eisenbahnlinie in unter 30 Jahren oder einen Flughafen in unter 20 Jahren zu bauen. Oder unsere Verwaltung zu modernisieren. Oder Einwanderung vernünftig zu organisieren. Oder gute Schulen zu betreiben.

Die Welt wartet auf niemanden. Einfach nur noch lustlos und inkompetent durchwurschteln wird auf Dauer unser freiheitliches System gefährden. Man muss schon ab und an mal was richtig machen.