Der Schriftzug "Berlin-Tegel Otto Lilienthal" am Gebäude des Flughafens Tegel in Berlin
Die Mehrheit der Tegel-Befürworter will den Flughafen vor allem als Backup für den BER / picture alliance

Volksentscheid in Berlin - Ein bisschen Tegel ist besser als gar kein Flughafen

Fünf Tage vor dem Berliner Volksentscheid über den Weiterbetrieb des Flughafens Tegel sind die Fronten verhärtet. Vor allem die Tegel-Befürworter sehen sich Vorhaltungen und Verdächtigungen ausgesetzt. Dabei könnte die Lösung gerade nicht in einem Entweder-Oder liegen

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Malte Lehming ist Autor und Leitender Redakteur des Berliner "Tagesspiegels".

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„Elende Nostalgiker sind das, die das Recht mit Füßen treten und sich einen Dreck um die Gesundheitsbeeinträchtigung der Anwohner scheren sowie um die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt, den Wohnungsbau eingeschlossen.“ So schallt es Tegel-Befürwortern von Tegel-Gegnern oft entgegen. Die Fronten sind verhärtet. Ein rationaler, ziviler Diskurs scheint kaum noch möglich. Was den einen als vernünftig dünkt, empfinden deren Widersacher als Wahnsinn.

Tegel als Backup-Flughafen

Was erklärt die Massivität der Vorhaltungen und Verdächtigungen? Ist die Mehrheit der Berliner, die es laut Umfragen für den Weiterbetrieb von Tegel gibt, tatsächlich verrückt, egoistisch und uninformiert? Vielleicht hilft es, den Streit einmal nüchtern zu betrachten. Die Mehrheit der Tegel-Befürworter will den Flughafen ja vor allem als Backup, als eine Art Versicherung, falls die Pannen beim BER nach der Eröffnung weitergehen. Auch andere Unwägbarkeiten sind denkbar, ein Terroranschlag etwa oder die Evakuierung des Flughafengebäudes wegen einer Bombenentschärfung, ausgelöst durch einen herrenlosen Koffer. Viele Großstädte verfügen über mehr als einen Flughafen, damit der Flugverkehr im Falle eines Falles nicht ganz zusammenbricht.

Ein Backup-Flughafen erfüllt seinen Zweck bei sehr eingeschränktem Betrieb. Start- und Landezeiten können zeitlich begrenzt (7 bis 22 Uhr etwa) und die Zahl der regelmäßigen Verbindungen drastisch reduziert werden. Das Horrorszenarium, dass der derzeitige Mammutbetrieb in Tegel auf ewig weitergehen würde, ist nichts anderes als das – ein Horrorszenarium.

Eine Abwägungssache

Was aber ist mit der geplanten Nachnutzung des Tegel-Geländes, den Forschungs- und Industrieansiedlungen, dem Wohnungsbau? Nun, der Verzicht darauf ist der Preis, den die Tegel-Befürworter zu zahlen bereit sind. Sie treffen, wie meist im Leben, eine Abwägungsentscheidung. Die ethische Formel, die sie leitet, heißt: Um die kleine Wahrscheinlichkeit eines großen Übels zu verhindern (BER zu klein, zu viele Pannen, Terroranschlag), wird die große Wahrscheinlichkeit eines kleinen Übels (reduzierte Lärmbelästigung, kein Technologiepark) in Kauf genommen.

Da in dieses Kalkül Wahrscheinlichkeiten einfließen, die sich nicht genau quantifizieren lassen, handelt es sich letztlich um eine Bauchentscheidung. Aus Sicht der Tegel-Befürworter lässt die Vielzahl der Pannen beim BER für die Zukunft Übles ahnen. Dass der Senat wenige Wochen vor der Abstimmung hektisch wirkende Erweiterungspläne zirkulieren ließ, beruhigte sie nicht, sondern bestätigte den Verdacht, dass eben doch mit zu knappen Kapazitäten geplant worden war.

Das Totschlagargument

Bleibt zuletzt die Rechtslage. Für die Tegel-Gegner scheint sie das zentrale Argument zu sein. Weiterbetrieb? Geht nicht, basta! Aus Sicht der Tegel-Befürworter indes ist das eine absurde Begründung, weil suggeriert wird: Selbst was möglicherweise vernünftig ist, darf nicht gemacht werden. Man verweist auf Beschlüsse, Gesetze, Planfeststellungsverfahren. Kann das sein? Die heiligste Schrift der Deutschen, ihre Verfassung, wurde schon Dutzende Male geändert, aber der Weiterbetrieb eines Flughafens soll rechtlich völlig unmöglich sein? Das mutet seltsam an, wie eine Kapitulation.

Was spricht eigentlich gegen eine Probezeit? Tegel könnte doch – statt ein halbes Jahr nach Eröffnung des BER – drei Jahre lang weiterbetrieben werden. In diesem Zeitraum lassen sich Ängste nehmen und Befürchtungen widerlegen. Funktioniert alles reibungslos? Ist ein Backup wirklich notwendig? Das wäre ein echter Kompromiss, bei dem beide Seiten über ihren Schatten springen müssten. Und Politik besteht genau darin: ein Entweder-Oder-Problem, dessen Lösung nur Sieger und Verlierer kennt, in eine Mehr-oder-weniger-Lage zu verwandeln. Die Zukunft von Tegel hat die Berliner lange genug gespalten.

Ulli Ramps | Di, 19. September 2017 - 12:34

Hach, Cicero, warum bist Du keine wählbare Partei ...
Wären Deine Artikel doch durchweg fast schon langweilig, in der Vernunft, bei der sich jeder Nicht-Fanatiker fragt "Ja! Warum nicht gleich so!", wenn sie nicht in der Presselandschaft so einmalig wären.

Lieber Herr Lehming, seien Sie Verkehrsminister in meinem Wunsch-Kabinett mit Herrn Schwennicke als Bundeskanzler.

Wie wär's? 2021?

Heinrich Späth | Di, 19. September 2017 - 16:46

Klingt eigentlich alles ganz logisch, aber von den Gegner wird behauptet, dass Tegel (sehr) teuer renoviert werden müsse, wenn er offen bleiben solle.

Die Lärmbelästigung innerstädtisch bliebe auch, da hülfe auch eine Begrenzung auf 7-22 Uhr nichts.

Maximal könnte man den Flughafen vielleicht als Regierungsterminal erhalten, aber das ist dann auch eine Abwägungssache zwischen den Kosten und den Verlust des Forschungszentrums.

Rolf Pohl | Mi, 20. September 2017 - 18:59

... ein nicht ganz unwesentlicher Fehler erkennbar.
In vier Tagen wird nicht über den Weiterbetrieb oder die Schließung von Tegel abgestimmt.
Es wird darüber abgestimmt ob der Berliner Senat die Option des Weiterbetriebes von Tegel möglicherweise wahrmachen könnte.

Das wird nicht passieren, damit ist dieser Volksentscheid von vornherein eine Farce und nur gut für die Parteibücher.
Ich geh trotzdem hin und gebe meine Stimme für den Weiterbetrieb dieses Flughafens ab Punkt. Das allein schon deshalb, damit dieser Senat nicht so problemlos über das Thema hinwegfegen kann und in Erklärungsnot gerät.

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