Deutsche Netzkultur - In fünf Schritten zum Internet-Weltmeister

Deutschland schwächelt: In der Twitter-Weltrangliste stehen wir nur auf Platz 34. Hier fünf Kniffe, die den Deutschen helfen sollen, in puncto Netzkultur aufzuholen

Das blaue Twitter-Vögelchen
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Autoreninfo

Alexander Pschera ist Publizist, Autor und Blogger. Er ist Geschäftsführer der Münchner Agentur Maisberger. Zuletzt erschien von ihm der Essay „Vom Schweben. Romantik im Digitalen“

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Holland ist Weltmeister. Auf Platz zwei kommt die Türkei. Dann Japan und Venezuela. Dicht gefolgt von Indonesien und Großbritannien. Erst auf Platz 34: Deutschland. Verrückte Fußball-Welt? Nein, die weltweite Twitter-Rangliste. Eine neue Studie zeigt den deutschen die rote Karte, was den schnellen Nachrichtendienst angeht. Während in Holland jeder Dritte twittert, ist es hierzulande nicht einmal jeder Zehnte. Gerade einmal eine halbe Million Nutzer zählt Twitter in Deutschland. Und das nach 8 Jahren. Erdogan hätte seine helle Freude an uns: Wir verbieten uns Twitter selbst.

Das Wall Street Journal zählt für die Twitter-Malaise zwischen Helgoland und Zugspitze 5 Gründe auf. Erstens steht Twitter für eine Form der öffentlich ausgetragenen Debatte, für die der Deutsche keinen Sinn hat. Demokratie ist hier Privatsache. Meinung wird gemunkelt, statt manifestiert. Schon gar nicht kurz und bündig, wie Twitter es verlangt. Zweitens ist die komplizierte deutsche Sprache für die einfach strukturierten Tweets ungeeignet. Schon Mark Twain wußte: Ein deutscher Zeitungssatz ist eine höchst erhabene Sache. In 140 Zeichen kann man die Welt nicht erklären. Drittens stehen die Deutschen technischen Innovationen skeptisch bis ablehnend gegenüber, statt einfach mal auszuprobieren. Die Deutschen haben sich, was Technologie angeht, in einer Kultur des reflektierten Scheiterns eingerichtet, die sie mit einem lässigen Verweis auf den Titel „Exportvizeweltmeister nach China“ in Kauf nehmen. Bei der deutschen Bahn verrotten die Schienen, das MP3-Format hat Apple groß gemacht, nicht sein Erfinder, das steuerlich gut durchfinanzierte Fraunhofer-Institut, die grüne BioTech ist von Öko-Fundamentalisten im Keim erstickt worden, und ich habe bis heute aus der im Stau stehenden S-Bahn noch keinen Magnetschwebezug zwischen Münchens Innenstadt und dem Flughafen an mir vorbeischnurren sehen. Viertens fehlen die Twitter-Promis, die das Medium Twitter erst wirklich massenkompatibel machen - Boris hin, Becker her. Fünftens ist das Unternehmen Twitter in Deutschland eine 6-Mann-Bude ohne Saft und Kraft. Es ist so etwas wie die Piratenpartei der Start-Ups.

Wie kann es Deutschland gelingen, Internet-Weltmeister zu werden?
 

Man könnte einen sechsten Grund anfügen: Die deutschen Journalisten finden immer ganz schnell fünf Gründe, warum etwas NICHT funktioniert. Sie sind Weltmeister in der Disziplin „kritische Schnellanalyse“. So mancher technologische Gedankenblitz, der den Globus genialisch erhellte, ist schon in der deutschen Eiche des medialen Mißtrauens kläglich zuckend verendet. Das digitale Umparken beginnt im Kopf, nicht auf dem Touchscreen. Wagen wir ihn also, den Versuch, und nennen fünf Gründe, warum und wie es Deutschland noch gelingen kann, Internet-Weltmeister zu werden.

Erstens: Wir brauchen eine eigene Kultur des Sozialen. Die Social Media Kultur ist US-amerikanisch geprägt. Alles dreht sich hier um Interaktion und Transparenz. Dahinter steht der gleiche Begriff von Öffentlichkeit, der auch den amerikanischen Wahlkampf prägt und ihn so sehr von dem deutschen unterscheidet. Die deutsche Mentalität ist anders. Sie ist nicht egalitär, sondern hierarchisch. Sie funktioniert nicht in der Ebene, sondern in der Vertikalen. Eine deutsche Netzkultur, die krampfhaft versucht, sich amerikanisch zu sozialisieren und uns zu Helden des „Sharings“ zu machen, führt zu einer versprengten Berliner Netzbohème, zu mehr aber nicht. Sie bleibt Sub-Kultur, die von der Elite abgelehnt wird. Hier muß der Wandel ansetzen. Das Netz muß von oben kommen, es muß „geben“, nicht „teilen“ – von Professoren, die bloggen, von Autoren, die nur noch E-Books schreiben, von Wissenschaftlern, die ihre Erkenntnisse in Video-Tutorials erklären.

Zweitens: Wir müssen aus dem Netz eine Institution machen. Die globale Netzkultur ist eine Ordnung des Chaotischen. Die Netzgemeinde vertraut der Selbstorganisation des Internets. Dadurch wird es anfällig für Manipulationen. So mancher nimmt das als Kollateralschaden der digitalen Revolution in Kauf und setzt auf die demokratisch regulierbare Macht von Google. Die Deutschen nicht. Sie sind die Meister der Institution: „Zwei Deutsche, ein Verein“. Es wäre ein kleiner Schritt für Deutschland, aber ein großer Schritt für das Netz, aus ihm eine Institution zu machen, vorzuleben, daß das Netz mit einem Minimum an politischem Willen in das gesellschaftliche Leben integriert werden und damit produktiv und stabilisierend sein kann. Das beginnt mit der Einrichtung eines Internet-Ministeriums, setzt sich mit einem durchdachten Netz-Unterricht an den Schulen fort, geht über verbindliche Social Media Schulungen für Mitarbeiter in Unternehmen und endet bei staatlichen Forschungsprojekten zur Förderung des „Gemeinwohls“, das im Mittelpunkt eines Netzes als Institution stehen sollte.

Drittens: Wir müssen Netz-Security made in Germany produzieren. Damit könnte endlich auch die Stunde der deutschen Internet-Startups schlagen. Bisher ist aus den Business Parks eher ein zaghaftes Gebimmel zu vernehmen, trotz Zalando, Xing, Soundcloud und Scout 24. Denn das sind alles Ableitungen des amerikanischen Modells des „Sozialen“. Die besten Produkte entstehen nicht dort, wo man etwas nachahmt, sondern da, wo das Herz brennt. Das Herz der Deutschen brennt nicht für Kommunikation, sondern für Qualität und Sicherheit. Anstatt amerikanische Geschäftsmodelle zu kopieren, die ohne das entsprechende Risikokapital ohnehin nicht abheben, sollten deutsche Internetingenieure Grundlagentechnologie entwickeln, die das Netz sicherer machen und seine Nutzer schützen. Das „deutsche Google“ kommt wahrscheinlich nie, aber ein „Siemens des Internets“ liegt durchaus in germanischer Reichweite. 

Deutsche Netzverweigerer durch pragmatisches Klein-Klein überzeugen
 

Viertens: Wir müssen Netz-Pragmatiker werden. Das Netz ist eine einzige große Utopie-Maschine, so scheint es. Wenn sich durch das Digitale nicht alles gleich und grundsätzlich ändert, dann hat „das Netz“ versagt. Mindestens Tyrannen müssen fallen. Aber vielleicht ist es auch schon ein Erfolg, wenn man über ein YouTube-Tutorial lernt, die Schaltung seines Rennrads sauber einzustellen? Pragmatischer Minimalismus war ja immerhin auch lange Jahre die Philosophie des deutschen Fußballs. Und so unerfolgreich war er ja nicht. Also: Das noch einzurichtende Netz-Ministerium sollte kontinuierlich viele kleine Erfolgsgeschichten aus einem Internet des Pragmatischen sammeln und diese öffentlich machen. So mancher hartnäckige Netzverweigerer würde seine Meinung ändern und zum Mitarbeiter am Digitalen werden.

Fünftens: Wir müssen eine europäische Netzkultur bauen. Das Netz ist ein globales Gebäude, aber auf jeder Etage gibt es regionales Leben. Das Internet darf Unterschiede nicht einebnen, sondern es muß Differenzen sichtbar machen und lokale Identität stiften. Vielfalt im Globalen lautet die Zauberformel: Im Netz will ich lesen, welche Texte ladinische Autoren im Grödner Tal schreiben und was bretonische Bauern über die neuesten EU-Gesetze denken. Die Energie kommt von unten. Die Rahmenbedingungen dafür müssen nationale Identitätskampagnen schaffen. Ein deutscher Alleingang kann das nicht leisten. Er könnte aber eine Initialzündung sein für den Aufbruch in ein neues Internet.

   

 

 

 

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