Cicero-Wahlkampfindex - Das große Schwanken vor der Wahl

Vor der Europawahl sind viele Wähler noch unentschieden, welche Partei sie wählen sollen. Ihre Wechselbereitschaft ist deutlich höher als vor der Bundestagswahl im vergangenen Jahr. Überraschungen sind am Sonntag also nicht ausgeschlossen

Europawahl
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Thorsten Faas ist Professor für Politikwissenschaft im Bereich „Methoden der empirischen Politikforschung“ an der Universität Mainz. Zu seinen Forschungsgebieten zählen Wahlen, Wahlumfragen und Wahlkämpfe. 

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Der Europawahlkampf ist vorbei. Doch erreicht hat er die Menschen in Deutschland nicht. Eher emotionslos und desinteressiert blicken sie auf den Wahlsonntag. Dies geht aus einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov in Zusammenarbeit mit Cicero Online hervor. Gerade einmal 22 Prozent der Befragten sagen demnach, dass in ihrem Bekanntenkreis derzeit viel über die bevorstehende Europawahl gesprochen werde. 54 Prozent hingegen sprechen darüber praktisch nicht. Das Interesse an der Wahl ist gering, der Wahlkampf hat die Menschen nicht erreicht, obwohl die Parteien erstmals europaweite Spitzenkandidaten ins Rennen geschickt haben. Nur 18 Prozent der Befragten gaben an, der Wahlkampf sei für ihre Wahlentscheidung hilfreich gewesen, für eine Mehrheit von 55 Prozent war er es hingegen nicht. 60 Prozent der Wähler zeigten kein Interesse für Informationen über die zur Wahl stehenden Parteien.

Trotzdem hat die Dynamik des Wahlkampfes gegenüber der ersten Befragung vor zwei Wochen leicht zugenommen. Einen Tag vor dem Wahlgang in Deutschland zeigt der Cicero-Wahlkampfindex einen leichten Anstieg der Dynamik des Wahlkampfs. Gegenüber der Vorwoche ist der Dynamik-Index um 4 Punkte auf 42,7 Punkte angestiegen. Der Dynamik-Index bildet dabei ab, wie sich der Wahlkampf entwickelt, ob er bei den Wählern ankommt und wie sie ihn bewerten.

Im Vergleich zur Bundestagswahl im September vergangenen Jahres schneidet der laufende Wahlkampf damit einerseits gar nicht so schlecht ab? Vor acht Monaten lag der Dynamik-Index wenige Tage vor der Bundestagswahl bei 46 Punkten, also etwas höher. Im Europawahlkampf taten sich die Wahlkämpfer also noch schwerer, die Wähler zu erreichen, als im Bundestagswahlkampf. Daran konnten vor der Europawahl auch die zahlreichen Fernsehduelle wenig zu ändern. Der erhoffte Push hat sich nur sehr bedingt eingestellt.

Auf der anderen Seite zeigt sich im Cicero-Wahlkampfindex ein entscheidender Unterschied zwischen Europawahl und Bundestagswahl. Auch kurz vor dem europäischen Urnengang sind sehr viele Wähler unentschieden, welche Partei sie wählen sollen. Der Volatilitätsindex, der aufzeigt, wie entschlossen die Wähler sind, beziehungsweise wie sehr sie bereit sind, ihre Wahlentscheidung noch zu ändern, liegt zum jetzigen Zeitpunkt bei 35 Punkten und damit noch deutlich höher als im vergangenen Jahr kurz vor der Bundestagswahl. Damals waren es nur noch 26 Punkte.

Dabei gilt: Je höher der Wert, desto höher ist der Menschen, die noch unentschieden sind.  Entschieden ist die Europawahl also noch lange nicht. Woran liegt das? Viele Wähler haben noch nicht entschieden, ob sie überhaupt zur Wahl gehen. Nur 42 Prozent der Befragten sind sich sicher, dass Sie morgen Ihr Kreuzchen machen werden, 14 Prozent hingegen sind sich sicher, dass sie genau das nicht tun werden. Viele Wähler werden also erst spontan entscheiden, ob sie sich zum Wahllokal aufmachen. Und wenn sie gehen, wird eine große Anzahl von Wähler noch auf dem Weg in die Wahlkabine darüber nachdenken, welche Partei sie wählen sollen. Zwar sind sich 31 Prozent sehr sicher und 25 Prozent ziemlich sicher, wem sie ihre Stimme geben werden, aber der Rest schwankt noch.

Alles kommt daher am Sonntag darauf an, erst dann wird sich zeigen, welcher Partei es besser gelungen ist, die Wähler zu mobilisieren. Den großen Parteien? Den kleinen Parteien? Den Europafans oder den Euroskeptikern? Erst das Wahlergebnis wird Klarheit bringen. Von Spannung allerdings kann trotzdem keine Rede sein, eher von kollektivem Achselzucken.

Die Umfrage wurde vom Meinungsforschungsinstitut YouGov im Zeitraum 21. bis 22. Mai mittels Online-Erhebung durchgeführt. Zahl der Befragten in der Stichprobe: 1003. Die Umfrage ist damit repräsentativ.

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