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(picture alliance) Briefmarken zum 100. Geburtstag von Axel Springer

Messias und Prolet - Axel Springer – ein Mann der Widersprüche

Er war ein Patriot, aber kein Nationalist. Er liebte Israel, ließ aber Altnazis für sich schreiben. Axel Springer war ein Mann der Widersprüche – eine Würdigung zum 100. Geburtstag

Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus der Mai-Ausgabe des Cicero zum Thema "Republik der Rechthaber - Moral-Standort Deutschland".

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Axel Springer war ein menschenscheuer Menschenfänger. Mit sicherem Gespür hat er im richtigen Moment nach dem Krieg und im aufstrebenden Wirtschaftswunderland das Richtige getan – Motto, von Wilhelm Raabe geklaut: „Blick auf zu den Sternen, hab acht auf die Gassen“ – und Zeitungen für den seichten Massengeschmack gegründet. Für Massen, mit denen er unmittelbar nichts zu tun haben wollte, da war er zu sehr Ästhet. Das Volk, dessen Sprache er verstand und dessen Träume er benutzte, sollte dem Genie nur Beifall klatschen und seine Produkte kaufen.

Der Teil Springers, der eigentlich lieber eine Frau war (wie sein langjähriges Schlachtross an der Spitze des Konzerns, Peter Tamm, über ihn sagte), hat mit seinem untrüglichen Gefühl für die wahren Bedürfnisse der Menschen den Aufstieg seines Verlags zum größten Zeitungshaus Europas überhaupt erst möglich gemacht. Für die harten Auseinandersetzungen im Konkurrenzkampf wiederum brauchte der Verleger, der sogar Wutausbrüche vor dem Spiegel übte, seine Männer. Die sollten sich – hoch bezahlt oder gut abgefunden, falls er sie nicht mehr ertrug – mit dem beschäftigen, wozu Springer keine Lust hatte, weil es sein nicht sehr ausgeprägtes Durchhaltevermögen überforderte: Bilanzen, Strategien, Vertrieb.

Im Gegensatz zu den meisten anderen seiner Generation hat Axel Springer das Terrorregime der Nazis nicht als einen bedauerlichen Fehler der Geschichte verdrängt. Er sprach stets deutlich von den Verbrechen der Deutschen, vergaß in keiner Rede, auf die braune Vergangenheit hinzuweisen, und empfand diese Schuld der Nation immer auch als persönliches Versagen. Er leistete wie kein anderer Deutscher Wiedergutmachung an den Juden, soweit dies überhaupt möglich ist. Diese moralische Haltung passte zwar nicht ins Weltbild seiner Feinde. Aber zur widersprüchlichen Persönlichkeit Axel Springers.

In Israel, dem Land seiner Sehnsucht, erlebte er alles unmittelbar, worüber er gelesen hatte. Er blätterte in seiner Bibel wie in einem Reiseführer. Lukas sei ein glänzender Reporter gewesen, erzählte der Verleger seinen Leuten in Berlin, alles stimme bei ihm, jedes Detail. Bei allem Engagement jedoch war Springer unfähig – oder einfach zu faul? –, die Ursachen des Nationalsozialismus zu analysieren, die letztlich Konzentrationslager, Genozid, Kriege bewirkt haben. Unfähig zu erkennen oder gar zu verhindern, wenn manche seiner Starschreiber im Idiom der Nazi-Stürmer auf alles einschlugen, was nicht ihrer Meinung war. Auch nicht zu verhindern, dass ehemalige aktive Nazis wieder hohe Posten in seinen Blättern erhielten. Sein treuer langjähriger Vertrauter Ernst Cramer hatte als jüdischer Emigrant selbst erlebt, was Faschismus im Alltag bedeutet, und keinen Hehl daraus gemacht, was er von manchen Mitgliedern der Springer-Kamarilla hielt. Die waren ihm zu ähnlich den Häschern, denen er einst gerade noch entkommen war.

Warum Springer in Wahrheit ein unpolitischer Mensch war...

Ein amtierender Chefredakteur von Bild hatte mal einen Kommentar geschrieben, in dem er sich beklagte, dass die armen Deutschen im Ausland nie anständig behandelt würden, obwohl der Krieg doch schon über zehn Jahre her sei. Was sollen wir denn noch tun? Fernschreiben des Verlegers aus Kampen: „Ich will Ihnen sagen, was die Deutschen im Laufe der nächsten zehn Jahre tun sollten. Sie sollten die Schnauze halten und still vor sich hinarbeiten. Sie haben so viel Elend in der Welt verursacht, dass sie überhaupt keinen Grund haben, das Maul aufzureißen.“

Springer war in Wahrheit ein eher unpolitischer Mensch, der nur in Kategorien von Böse und Gut dachte, also alles für Teufelswerk hielt, was seiner Ordnung nicht entsprach. Die Linken waren des Teufels, also schlecht, die Rechten glaubten an Gott, waren also gut. Er war überzeugt, stets im Namen von Gott und Vaterland zu handeln, also im Geiste höherer Werte. Für seine wichtigsten Blätter fehlte ihm jedoch jene Heerschar jüdischer Intellektueller, Journalisten aus Berlin, die von den Nazis vergast oder in die Emigration getrieben wurden. Die man nur noch bei der New York Times treffen konnte.

Der norddeutsche Protestant, der sich als Preuße fühlte und nicht als Hanseat, holte sich für seine Gebete und Erleuchtungen das für ihn am besten Passende aus verschiedenen Kirchen. Die weihrauchselige Tradition und die Bilderkraft der Visionen aus der Ostkirche, den Engelsglauben und die Verehrung des Heiligen Geistes aus der katholischen Kirche, die unbedingte Treue gegenüber Gottes Wort von den Altlutheranern, die geheimnisvollen Verkündigungen der bevorstehenden Endzeit von den Meistern der christlichen Mystik. Und die Überzeugung, dass der Messias, für den er sich 1957 ein paar Monate lang hielt, wiederkehren werde, vom jüdischen Glauben, der in Verbindung mit der deutschen Schuld aus dem anderen Tausendjährigen Reich sein Leben entscheidend prägte.

Im Gegensatz zu vielen seiner Gegner, die eine moralischere Welt forderten, aber meistens von den anderen, erfüllte Springer zumindest seine Vorstellung von einem guten Menschen einigermaßen mit Leben. Er hat nie einen vergessen, der ihm mal geholfen hat, selbst wenn der inzwischen zum Kommunisten geworden war. Auch dies zeugte von seinem widersprüchlichen Charakter: Er war ein Patriot, aber kein finsterer Nationalist. Er war ein Frauenheld, aber unfähig zur Bindung. Er war bescheiden, aber auf die Wirkung dieser Bescheidenheit bedacht. Er war ein König, aber nicht souverän.

Warum Springer sich über die Spiegel-Affäre freute...

Springers Blattmacher setzten die Ideen ihres Verlegers um in tägliche Erfolge. In den Jahren, als er in seinen Zeitungen noch nicht zum Kreuzzug gegen das Reich des Bösen in Moskau rüstete, sondern nur zur Attacke auf die Portemonnaies der deutschen Leser, konnte ihm keiner was vormachen. Einen solchen Instinkt kann man nicht erlernen oder erklären. Gute Reporter riechen eine Geschichte und machen sie, egal was es kostet. Gute Verlagsleiter sorgen dafür, dass immer genügend Geld dafür da ist. Axel Springer konnte beides, riechen und rechnen.

Die Nähe zu Seinesgleichen, also damals noch Journalisten, verschaffte Springer Lustgewinn und Lebensfreude: Die sind kreativ und spontan wie er, auch ein bisschen halbseiden, mehrheitlich nicht gerade gebildet, aber neugierig auf alles, was sie nicht wissen. In seinen guten Phasen war er besser als die besten unter ihnen. Auf dem glitzernden Boulevard der Sensationen wohlgemerkt, oft nicht mal in den Gassen, sondern in den Gossen, selten in der Arena des politischen Diskurses.

Hellmuth Karasek, heute einer der wesentlichen Autoren des Hauses Springer, veräppelte einst den Verleger in einer frei nachempfundenen „Rede, fast von Axel Springer“ in der Zeit: „Wir alle, meine Damen und Herren, wollen den Frieden. Aber ein Frieden, bei dem unsere Töchter Sklavinnen sowjetischer Spitzenfunktionäre sein müssten und bei dem – wie ich aus den Geheimdokumenten eines übergelaufenen jugoslawischen Gefreiten weiß – das Verlagshaus der Welt in eine landwirtschaftliche Kolchose verwandelt werden soll, ein solcher Frieden ist kein Frieden. Man hat mir vorgeworfen, ich sei gegen die Ostpolitik, weil Chruschtschow mich unhöflich empfangen hätte. In Wahrheit war es umgekehrt. Chruschtschow ließ ganze Straßenzüge mit Kerzen illuminieren und mit Blumengirlanden schmücken – ein Prunk, den man für gewichtige internationale Persönlichkeiten in diesem Ausmaße vorher nicht gekannt hatte. Aber gerade dadurch, dass er mir bei meinem Gespräch unter vier Augen dauernd besorgt Kaviar auf den Teller legte und seine Frau anherrschte, als sie mir einmal nicht prompt nachschenken wollte, wurde ich misstrauisch.“

Während der Spiegel-Affäre 1962, als Franz Josef Strauß am Parlament und am Grundgesetz vorbei Rudolf Augstein und einige seiner Redakteure – Conrad Ahlers, Claus Jacobi – wegen Geheimnisverrat verhaften ließ, kam bei Springer große Freude auf. Endlich habe man diesen „Vaterlandsverräter gepackt“, jubelte er. In Zeiten der Wut, bei Ausbrüchen von Jähzorn, war die Sprache der Proleten auch seine Sprache. Dann will er Egon Bahr „aufs Maul hauen“, dann befiehlt er – nachdem ein lukrativer Druckvertrag mit dem Feind Spiegel geschlossen wurde –, die Herren dieses Verlags „aufs Scheißhaus zu führen“, aber nicht ins Casino zum Essen.

Was Axel Springer dem Vaterland versprach...

Die aufkeimende deutsche Nachdenklichkeit am Ende der Straßenschlachten, am Beginn des mittlerweile tot zitierten langen Marsches der sogenannten 68er- Generation durch die Institutionen erfasste auch Axel Springer, der im kleinen Kreis bekannte, wie tief ihn schon der Tod von Benno Ohnesorg getroffen habe. Einem Journalisten des Daily Mail in London sagte er: „In diesen jungen Köpfen herrscht eine tiefe Animosität gegen das Establishment, gegen dieses gut geregelte, ordentliche, konservative und – lassen Sie uns ehrlich sein – ziemlich graue Leben, das wir alle in einer solchen Gesellschaft führen müssen. Sie sehen um sich herum das Streben nach materieller Verbesserung und fast nichts, das auf dem Weg künstlerischen Ausdrucks dabei herauskommt. Ich sage, der Fehler liegt bei uns allen, nicht beim Staat.“

Der preußische Schwärmer hat das Vaterland nie wie eine ferne Größe betrachtet und auch nie wie einen abstrakten Begriff aufgefasst, den Staatsrechtler in Seminaren erklären. Er hat es nicht politisch definiert, also mit dem Verstand hinterfragt. Er hat das Vaterland geliebt wie ein Ritter die hohe Frau, der man sich ohne Lust, aber mit glühender Leidenschaft näherte. Er hat das Vaterland besungen, und er hat es beschworen, es war ein Lebenstraum, von dem er nie ließ. Den ihm zugeschriebenen Satz „Ich werde Deutschland wiedervereinigen, ob Sie es glauben oder nicht“ hat er zwar dementiert, aber inhaltlich entsprach es seiner Überzeugung. Wenn er vom Vaterland sprach, dann klang es stets wie ein Gebet, und wenn er die dritte Strophe des Deutschlandlieds sang, wie ein Choral. Die Eröffnungsansprache für sein neues Verlagshaus direkt an der Berliner Mauer beschloss er mit dem patriotischen Bekenntnis, das er aus seiner Schulzeit kannte: „Ich hab mich ergeben / Mit Herz und mit Hand / Dir Land voll Lieb und Leben / Mein deutsches Vaterland.“

Tragisch, aber passend zum niemals in normalen Bahnen verlaufenden Leben des Romantikers Axel Springer, dass er das Ende der DDR und die deutsche Einheit nicht mehr erlebte, ausgerechnet er. Doch letztlich waren es nicht Axel Springer und seine Zeitungen, sondern ein Kommunist namens Michail Gorbatschow, der den Mantel der Geschichte öffnete. Und ein deutscher Bundeskanzler, der sich einen Zipfel griff. Auch Moses, ein Mann der Bibel, die der Verleger oft zitierte, hat das Gelobte Land zwar aus der Ferne erblicken dürfen, aber es war ihm nicht mehr vergönnt, um in Springers Sprache zu bleiben, sein Volk selbst dorthin zu führen.

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