Anschlag von Halle - Die Faszinationskraft des Fanatikers

Warum werden aus radikalen Verlierern Helden des Bösen? Man muss keine Angst vor Leuten haben, die Ego-Shooter spielen, aber Angst vor ihrer Desorientierung. Wie Globalisierung und Digitalisierung mit dem rechtsextremen Anschlag von Halle zusammenhängen

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Aus Computerspielen kann zwar ernst werden, das passiert aber sehr selten / Foto: Jürgen Hermann Krause

Autoreninfo

Norbert Bolz ist Professor für Medienwissenschaften an der Technischen Universität Berlin. Er ist Autor zahlreicher Bücher; zuletzt erschien von ihm „Das richtige Leben“ (Verlag Wilhelm Fink, 2013). Im Jahr 2011 wurde Bolz mit dem Tractatus-Preis für philosophische Essayistik ausgezeichnet

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Terror und Spiel – diese Begriffe haben mehr miteinander gemein, als man denken könnte. Wie jeder Krimi, jeder Horrorfilm zeigt, fasziniert uns der Schrecken, wenn er gespielt und das heißt eben immer auch: heruntergespielt wird.

Es gibt heute wohl kaum mehr ernst zu nehmende Psychologen und Medienwissenschaftler, die die simple These vertreten, dass Jugendliche und junge Männer durch Gewaltspiele im Internet verwahrlosen und sich brutalisieren. Man muss keine Angst vor Leuten haben, die Ego-Shooter spielen. Trotzdem ist der Spott über Innenminister Horst Seehofer, der nach dem rechtsterroristischen Attentat von Halle die Gamer-Szene genauer beobachten wollte, unbegründet. Der 27-jährige Täter, sagte dessen Vater, sei zuletzt „nur online“ gewesen.

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Heidemarie Heim | Fr, 1. November 2019 - 12:10

Zunächst vielen Dank an Prof. Bolz und die Redaktion für diesen nachdenklich machenden Beitrag! Das Netz, so habe ich es verstanden, hat also aus einem Tante Emma-Laden mit beschränktem Angebot einen Supermarkt mit einem unübersichtlichen Riesensortiment gemacht und Gängen, in denen man sich leicht verlaufen kann. Hat man dann endlich das richtige Regal angesteuert, steht man wie erschlagen vor der Vielfalt des Angebots und hält vergeblich Ausschau nach einem Verkäufer/Fachmann/frau, die zumindest eine verkaufsunabhängige Empfehlung bzw. Orientierungshilfe geben könnte. Die Entscheidung liegt also ganz bei mir und zwingt mich auf ganz reale, nicht virtuelle Erfahrungen mit möglichen Verkäufertricks zurück zu greifen. Was Fall heißt, das ich Artikel auf Kunden-Augenhöhe meist meide und mal nach der Bückware schaue.
Für mich immer ein kleiner innerer Triumph, denn ich habe mich sozusagen der Manipulation erwehrt! Will heißen, meine Orientierung funktioniert noch einigermaßen;)Danke!

Dorothee Sehrt-Irrek | Fr, 1. November 2019 - 13:23

Herr Bolz, möchte eher von aussen fragen, passiert denn da nicht Einiges, bis sich ein Mensch als radikalen Verlierer empfindet oder als Niemand?
Ich bin über den jungen Mann kaum informiert worden, aber wie kann sich der Sohn einer Lehrerin als Niemand vorkommen?
Es sei denn, dass er den Weg nicht weitergehen konnte?
Seinen Studienerfolg kann ich nicht beurteilen, nicht die Erwatungshaltungen an ihn, nicht ob seine Familie zu den Verlierern der Wende zählt.
Von seinem eigenen Bild her wirkte er nicht so, als ob er sich das gefallen lassen würde, evtl. ein Verlierer zu sein.
Dieses Missverhältnis zwischen eigener Wahrnehmung und gesellschaftlichem Anerkennen gibt es in vielen Bereichen und vielleicht lässt sich die Gewalt im persönlichen Miteinander nicht zuletzt darauf zurückführen.
Ich erinnere den Satz von Botho Strauss - durch Herrn Dr. Kissler - "Es gab einen Zwischenfall".
Wie weit das geht, was alles mitspielt an fehlgeleiteter Gesinnung/Phantasiewelt, manchmal entgleitet es?

Ellen Wolff | Fr, 1. November 2019 - 14:30

Aus Angst vor der Freiheit, sei es die eigene oder die der Anderen, flüchten sich viele in mehr oder weniger Abstruse Gedankengebäude, Ideologien oder Religionen. Es wäre die Aufgabe der Bildungsinstitutionen, die Menschen auf ein Leben in Freiheit vorzubereiten. Aber ist es von unseren „Eliten“ wirklich gewollt, dass Menschen sich ihres eigenen Verstandes bedienen, dass Menschen es aushalten, dass es keine Gewissheiten außer dem Tod gibt? Ich fürchte eher nicht, es ist eher gewollt, eine verfügbare Masse zu haben, die man für eigene Machtinteressen manipulieren kann. Vielleicht brauchen die Massen ja tatsächlich den Trost, den Religionen oder politische Ideologien spenden können. Vielleicht braucht es einfach ein paar mehr unschädliche Ideologien und Religionsauslegungen, die es uns ermöglichen in Frieden und Freiheit miteinander auszukommen. Da hilft es nicht, wenn Kritik an Ideologien oder Religionen verteufelt wird, wenn Kritiker als was auch immer ...phob, oder ...leugner usw. d

Ernst-Günther Konrad | Fr, 1. November 2019 - 15:45

Zutreffende Analyse Herr Bolz. Ich kann Ihnen durchaus zustimmen. Nur, wie geht man mit den Idioten, ob nun politisch, religiös oder weil als gesellschaftlich abgehängt eingestuft und entsprechend radikalisiert um?
Ja, der Staat muss sich gegenüber jeder Form von Extremismus wehrhaft zeigen. War man in 1980er und davor auf dem rechten Auge blind und hat infolge der RAF sich nur auf links eingeschossen, so wandelte sich das inzwischen aufgrund verschiedener Vorkommnisse nun gerade ins Gegenteil. Jetzt ist "nur" rechts" als permanente Gefahr im Fokus und wenn es nicht anders geht, weil eben islamistische Anschläge passieren, keimt mal kurz dieses Problem auf und wird thematisiert. Als erstes müsste mal eine saubere Definition von Radikalität und Extremismus vorgenommen werden. Die Begriffe links und rechts klar definiert werden. Auch müsste Kritik und Hass wieder ihrem eigentlichen Wortstamm entsprechend benutzt werden. Politik und Medien könnten dazu beitragen, da fängt das Problem an.

In dem man erstes zu der Erkenntnis kommt, das bisher angewandte Methodik nicht nur nicht greift, sondern Probleme zumindest partiell noch verstärkt? Das Jeder, vom einzelnen Bürger und Wahlberechtigten bis zum Inhaber eines politisch gestalterischen Amtsauftrages und der damit verbundenen Macht, mit der gebotenen Wahrheit und Transparenz zu Werke geht? Das z.B. Eltern ihren Kindern vermitteln das es einen gravierenden Unterschied zwischen Fantasiegebilden wie Märchen und Spielen und dem realen Leben gibt,mit eigenen Regeln und Grenzen. Das es dabei aber immer Mitmenschen gibt, die sich bewusst nicht daran halten und sie mit Bonbons ins Verderben locken möchten? Das die Kinder wie auch später wir als Erwachsene jederzeit darauf vertrauen können,das die jeweiligen Vertrauenspersonen (Eltern,Lehrer usw.) und später die staatlichen Institutionen unsere Rechte und unser Dasein uneingeschränkt begleiten und schützen werden bei Bedarf und auf Wunsch! Wir zäumen ständig von hinten auf!? MfG