Joe Biden und Xi Jinping
US-Präsident Joe Biden während einer Videokonferenz mit Chinas Staatschef Xi Jinping im vergangenen November / picture alliance

Weltordnung nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine - Die amerikanisch-chinesische Achse

Mit dem russischen Einmarsch in die Ukraine wurde die Nato zwar wachgerüttelt, wiederauferstanden ist sie aber nicht. Dennoch wird sich Putins Traum von der Wiedererlangung sowjetischer Größe nicht erfüllen. Stattdessen könnte der Krieg sogar zu einer Allianz zwischen Peking und Washington führen.

Autoreninfo

George Friedman, 73, ist einer der bekanntesten geopolitischen Analysten der Vereinigten Staaten. Er leitet die von ihm gegründete Denkfabrik   Geopolitical Futures und ist Autor zahlreicher Bücher. Zuletzt erschien „Der Sturm vor der Ruhe: Amerikas Spaltung, die heraufziehende Krise und der folgende Triumph“ im Plassen-Verlag.

So erreichen Sie George Friedman:

Krieg ist für alle Beteiligten eine Qual. Kriege sind blutige Angelegenheiten, die nicht nur für die Soldaten, die sie führen, Konsequenzen haben. Sondern auch für die Regierungen, die sie beschlossen haben. Eine unbequeme und daher oft übersehene Tatsache des Krieges besteht darin, dass diese Folgen manchmal bedeutender sind als das, worum der Krieg geführt wurde. Ich glaube, dass dies in der Ukraine der Fall ist.

Es ist fast unmöglich, einen Krieg in seinen ersten Tagen richtig zu analysieren. Die Fehlinformationen und Desinformationen, die Propaganda und die Mutmaßungen sind einfach zu groß, um sie zu überwinden. Aber ich will Folgendes sagen: Wenn Russland diesen Krieg verliert oder wenn sich der Krieg als langwierige und zermürbende Angelegenheit erweist, wird jenes Russland, das Präsident Wladimir Putin schaffen wollte, niemals zustande kommen. Er sagte einmal, der Zusammenbruch der Sowjetunion sei eine der größten geopolitischen Katastrophen der Geschichte gewesen. Mit dem Einmarsch in die Ukraine will er vielleicht beweisen, dass der Zusammenbruch überwunden ist, dass die Grenzen der Sowjetunion und des Russischen Reiches wiederhergestellt sind und dass Russland nun in der ersten Reihe der Großmächte steht.

Deutschlands Sonderrolle

In jedem Fall ist eines der folgenreichsten Ereignisse bisher, dass der Einmarsch in der Ukraine die Nato, das Bündnis, das ursprünglich sowjetische Angriffe abwehren sollte, wachgerüttelt hat. Moskau hatte gehofft, das Bündnis gegen sich selbst ausspielen zu können, wobei einige Mitglieder Vergeltungsmaßnahmen zugunsten der Aufrechterhaltung ihrer engen Handelsbeziehungen zu Russland ignorierten. Das beste Beispiel dafür ist Deutschland, das enge Handelsbeziehungen zu Russland unterhielt und dank der Nato in der Lage war, seine militärischen Bedürfnisse zugunsten seiner wirtschaftlichen Interessen hintanzustellen.

Aber selbst Berlin hat sich entschieden, die wirtschaftlichen Kosten zu akzeptieren. Ich sollte noch Japan hinzufügen, das, wie ich vermute, übersehen wurde, weil es nicht europäisch ist. Dennoch entschied sich Japan für ein gemeinsames Vorgehen gegen Russland – keine Kleinigkeit, wenn man bedenkt, dass es die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ist und noch dazu mit Russland ernsthafte territoriale Streitigkeiten hat. So wichtig die globale wirtschaftliche Reaktion aber auch war, sie ist insofern schwach, als sie keine militärische Reaktion ist und daher keinen Ersatz für einen Krieg darstellt. Die Verpflichtung gegenüber der Ukraine umfasst derzeit keine militärischen Maßnahmen für den Fall, dass die Sanktionen versagen.

Die Legende von der wiederauferstandenen Nato

Die Koalition ist also zum Teil eine vertraglich gebundene Gruppe und zum Teil eine Gruppe von Einzelakteuren, von denen keiner bereit oder in der Lage ist, einen Krieg zu führen. In diesem Sinne ist die Nato überhaupt nicht wiederauferstanden; es gibt eine Koalition, die Sanktionen anwendet, um Russland aus der Ukraine zu drängen, und die keinen Raum für eine Eskalation lässt.

Russland hingegen scheint sich von den Sanktionen nicht abschrecken zu lassen. Die Maßnahmen werden den Russen in der Tat weh tun, aber da Moskau wusste, dass Sanktionen unweigerlich kommen würden, war es die wirtschaftlichen Schmerzen offenbar wert, die Ukraine in einen Pufferstaat umzuwandeln. Dies bedeutet, dass die Nato und ihre Verbündeten möglicherweise zu militärischen Mitteln greifen müssen, um die gewünschten Ergebnisse zu erzielen. Das wird natürlich nicht passieren. Aber auch Russland kann Sanktionen nicht unbegrenzt standhalten. Es scheint, dass Russland einen schnellen russischen Sieg ebenso dringend braucht wie die Nato eine schnelle russische Niederlage.

Einfach ausgedrückt: Die Nato-Mitglieder scheinen zwar in der Theorie geeint zu sein, aber man kann nicht sagen, dass ihr Bündnis durch den Krieg in der Ukraine „wiederbelebt“  wurde, denn das Bündnis als Ganzes hat sich nicht dafür entschieden, Krieg zu führen, wie es sein ursprünglicher Zweck war. Und da die Nato gegründet wurde, um mit Russland fertig zu werden, würde ich argumentieren, dass die Erfüllung der ihr zugedachten Aufgabe keine grundlegende Veränderung des internationalen Systems darstellt.

Interessanter ist China, das vor dem Ausbruch des Krieges einen Vertrag mit Russland unterzeichnet hatte, in dem es gewissermaßen heißt: „Liebe währt ewig“. In den chinesischen Medien kursierten Berichte, wonach ein Einmarsch in die Ukraine ein Fehler wäre. Wenn Russland glaubt, dass es überleben kann, weiß China (das Sanktionen zu befürchten hätte, wenn es Russland helfen würde), dass es das nicht kann. China ist eher eine Wirtschaftsmacht und stützt sein internes System auf Finanz- und Produktionssysteme. Als solches ist es der größte Exporteur der Welt. Die Verhängung einiger Zölle durch die Vereinigten Staaten war beunruhigend. Die Verhängung eines Sanktionssystems könnte katastrophale Folgen haben.

Peking möchte die Vereinbarungen mit den Vereinigten Staaten über Investitionen auf Dollarbasis festigen, um Chinas Wirtschaft zu stabilisieren. (Und hier bietet sich für China die Möglichkeit, Einfluss auf das russische Handeln zu nehmen.) Dies könnte eine Gelegenheit für ein Bündnis mit den Vereinigten Staaten schaffen, das China braucht und gegen das die Vereinigten Staaten unter bestimmten Bedingungen nichts einzuwenden hätten. Und genau dies könnte das interessanteste Ergebnis des Ukraine-Krieges sein. Falls es denn dazu kommt.

In Kooperation mit

GPF

Hans Jürgen Wienroth | Fr, 4. März 2022 - 17:03

Ein Sprichwort sagt: Wenn 2 sich streiten, freut sich der Dritte. China möchte in diesem Streit zw. Nato und Russland der lachende Dritte sein und seine Macht weiter ausbauen. Wer glaubt, Chinas Xi würde wegen wirtschaftl. Vorteile friedlich werden, der irrt. Xi will seine Macht und die wirtschaftl. Abhängigkeit des Westens weiter ausbauen, um dann seine Weltmachtpolitik umzusetzen. Schon heute ist die Welt bei vielen Produkten vom chinesischen Marktmonopol abhängig, gibt es keine weiteren Produktionsstätten auf dem Globus.
Wer glaubt, China als Verbündeten gg. Putin zu haben, irrt gewaltig. Xi verfolgt nur ein Ziel: Ausbau seines Landes zur einzigen Weltmacht.
Die Chance einer Annäherung der „Weltmächte“ Russland und USA wurde aus politischen (oder pers.) Gründen boykottiert. Dafür hat man Putin in die Nähe zu China getrieben. Was zwischen diesen Beiden abläuft, wird nicht bekannt. Diplomatie findet dort richtigerweise im Geheimen statt und wird nicht medial zelebriert.

China wird alles unternehmen, sich aus diesem Konflikt herauszuhalten. Dort wo es nützlich erscheint, wird China auch Kontakt halten und die Naivität ihrer Partner ausnutzen, um ihr eigentliches Ziel, die Weltmacht zu werden, erreichen zu können. Sollen sich die anderen doch den Kopf einschlagen. Dort, wo man ein Geschäft machen und seine Einfluss Sphäre ausbauen kann ist man ganz pragmatisch dabei. Zugleich liest man seine künftigen Gegner, wenn es gegen Taiwan geht. Ob die Welt da auch so heuchlerisch hysterisch reagiert? China ist doch schon längst auf dem Vormarsch sie haben überall, mit Schwerpunkt inzwischen Afrika, die Länder wirtschaftlich so abhängig zu machen, dass das andere wie von selbst gehen wird. Gerade D ist doch so vom chin. Tropf abhängig, dass die Regierung schon Teile der chin. Diktaturelemente übernommen hat. Ja Herr Wienroth, volle Zustimmung, gerade zu Ihrem letzten Satz: "Diplomatie findet dort richtigerweise im Geheimen statt und wird nicht medial zelebriert.

michael büchner | Fr, 4. März 2022 - 17:05

man könnte fast meinen, hätten alle beteiligten in den letzten jahren den cicero gelesen, wäre vielleicht das alles nicht passiert...
@cicero: hiermit erkläre ich, ein abonnement für die herren putin und silensky abschließen zu wollen. zustelladresse kriegen sie sicherlich raus, meine adresse für die rechnung haben sie ja schon...
allen ein friedliches wochenende!

Annette Seliger | Fr, 4. März 2022 - 17:07

Die U.S.A. haben seit Trump jede Glaubwürdigkeit verspielt. Warum sollten die Chinesen mit den U.S.A. einen Deal eingehen? Mit wem auf amerikanischer Seite haben es die Chinesen in 3 Jahren zu tun? Aus der Sicht der Chinesen muss Putin seine Ziele (neutrale und entmilitarisierte Ukraine) schnell erreichen, dann müssen die Amerikaner und die NATO an den Verhandlungstisch. Und vergessen wir die Inder und die VAE nicht, die sich alle bei der UN Abstimmung der Stimme enthalten haben, so wie ganz Südamerika. Diese Enthaltung der überwiegenden Mehrheit der Menschen auf der Erde war doch das wirklich bemerkenswerte bei der UN Abstimmung. Nein, die Chinesen gehen keinen Deal ein. Als Trump die Europäer sanktionierte, da waren diese froh die Chinesen zu haben, die die Umsatzausfälle mit den U.S.A. kompensiert haben. Trump wird außer Europa keine Alliierten gewinnen und vergessen wir nicht die Wahlen in Südkorea in einer Woche. Verliert dort der U.S.A. Favorit, dann steigt der Einfluss Chinas!

Sie haben vollkommen Recht, Frau Seliger. Man könnte es als für den Westen willkommenes Gedankenspiel bezeichnen, was Mr. Friedman da zusammenspinnt. Er beweist, das er die Chinesen nicht wirklich kennt. Die USA sind und bleiben Chinas Hauptfeind. Zwar lächeln die Chinesen immer, aber sie vergessen die Demütigungen durch die USA keinesfalls. Ich behaupte sogar, dass demnächst die "Heimholung" Taiwans stattfinden wird. Und damit wird den Russen Ablenkung beschert, womöglich sogar abgestimmte. Nein, Nr. Friedman, die Chinesen werden aus dem Ukrainekrieg ihre Vorteile ziehen. China wird in spätestens 5-10 Jahren die Weltmacht Number one sein. Und mit Russland verbunden, weil die USA Russland aus Europa vertrieben haben, wird diese Allianz ein Potenzial vereinigen, wovon der Westen und die USA nur träumen können. Hängt mit der Kurzfristigkeit amerikanischen Denkens zusammen. Man die Russen den Chinesen förmlich aufgedrängt. Die USA betreiben Harakiri und wähnen sich schlau...

Ronald Lehmann | Sa, 5. März 2022 - 23:18

In reply to by Klaus Funke

Wer hat die wirkliche Macht im Amerika & vor allem, wer ist der/die Puppenspieler von Amerika. Der Präsident, das Pentagon, CIA oder eine der über 50 sichtbaren & unsichtbaren ......?
Ich glaube, die wirklichen Schachspieler dieser Welt sind unsichtbar Global eingenäht & haben mehr Macht wie unsere Narrenkapitäne.

Die, die gewählt sind, haben nicht zu entscheiden. Und die entscheiden, wurden nicht gewählt!

Fmp. war z.B. Corona Mittel zum Zweck & die Achse zwischen USA & CHN war in meinen Augen nicht nur von ein paar "Unbedeutenden" vor langer Zeit entstanden.
Und so wie die vorhergehenden Seuchen alle aus einem Labor kamen, so werden auch alle zukünftigen aus einen Labor kommen.

Hinzu, wenn China für irgend einen wichtigen Politiker (egal ob Biden oder Tramp) ein wirklicher Klassenfeind wäre, warum werden die Themen Uiguren, Tibet, Hongkong, Taiwan, japanische Inseln &&&
von ALLEN (!) unter den Teppich gekehrt (wie Stasi HEUTE!)!

NO Klassenfeind-der Feind sind die SELBST-DENKENDEN

Karl-Heinz Weiß | Fr, 4. März 2022 - 17:10

Vor der Ukraine-Invasion wurden die Geschichtsdeutungen von Putin nicht ernstgenommen. Macht man nun bezüglich China/Taiwan den gleichen Fehler ? Diktatoren sind berechenbar, leider. Ein Bündnis USA-China zu sehen, das zeugt von Optimismus.

Joachim Kopic | Fr, 4. März 2022 - 17:30

... im Zweifelsfalle glaube ich eher an Letzteres! Man hat das Gefühl, die Welt wird von Tag zu Tag verrückter ... als wenn es das nicht schon gab ...

Gerhard Lenz | Fr, 4. März 2022 - 19:37

auf Gedeih und Verderb den Bündnispartner für den durchgeknallten Kreml-Kriegsherrn spielen.

Russland ist militärisch eine Großmacht, ökonomisch jedoch ein durch Korruption und Unfähigkeit der Putin-Clique heruntergewirtschafteter Zwerg. Was könnte China also von Russland zu erwarten? Nicht viel. Vorstellbar ist, dass Putin vor den Chinesen einen artigen Kotau hinlegt, wenn die Chinesen ihre Truppen nach Taiwan schicken. Und natürlich werden sie froh sein, Abnehmer für ihre Energieexporte zu haben.

Putin kann nur hoffen, dass in den USA bei den nächsten Präsidentschaftswahlen Trump wiedergewählt wird. Der hat nicht nur einen Narren gefressen an Putin's alberner Macho-Kämpfernatur, sondern fürchtet auch die Chinesen als wirkliche wirtschaftliche Konkurrenz.

Eine Verbindung Trump-Putin wäre für die westliche Welt, aber auch für die Chinesen fatal. Unberechenbarkeit und cholerisches Gehabe würden die gesamte Welt dem Abgrund nahebringen.

Christoph Kuhlmann | Fr, 4. März 2022 - 23:16

verschleißt Putin gerade seine Truppen in der Ukraine und bricht einen neuen Rüstungswettlauf in Europa vom Zaun, den er nicht gewinnen kann weil er außerdem die Wirtschaft seines Landes zugrunde richtet. Gleichzeitig nähern sich die USA und China an und Russland steht zunehmend isoliert da. Ob die Nato nun widerbelebt wird oder nicht wird sich zeigen. Seit Trump steht da ein Fragezeichen. Eines mehr, weil die USA viel zu oft vergessen, dass die NATO ein Verteidigungsbündnis ist und die Weigerung in sinnlose Kriege wie Irak und Libyen zu ziehen nichts mit diesem Bündnis zu tun hat.

Maximilian Müller | Sa, 5. März 2022 - 00:04

"Aber selbst Berlin hat sich entschieden, die wirtschaftlichen Kosten zu akzeptieren."

Diese Dilettanten in Berlin haben gar nichts, bei diesen Leuten kommt die Inflation nicht an, sondern bei uns. Wir haben doch nicht etwa schon vergessen, wer ohne Backup-Plan und Energiesicherheit unsere Atomkraftwerke abschalten lies? Ein Schritt, der an Dummheit seinesgleichen sucht. Die deutsche Abhängigkeit von russischem Gas war vielleicht der fehlende Dominostein für Putins Pläne, und jetzt sollen wir diesen Fehltritt quasi doppelt bezahlen? Jeder Blinde mit Krückstock kann so eine Politik machen. Ich komme mir vor wie in einem schlechten Film. Während Biden sich weiter Gas liefern lässt, "weil sonst die Preise steigen", hält unsere (das muss jetzt raus) Regierung aus Schlappschwänzen und Durchfeminisierten den Arsch hoch. Was Deutschland braucht, ist ein Totalreset, da ist nichts mehr zu retten.

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