US-Wahlen 2020 - „Von diesem Haus ins Weiße Haus, so Gott will“

Das Kopf-an-Kopf-Rennen in den USA geht weiter, doch es wird enger für Donald Trump. Der Wahlabend in Joe Bidens Heimatstadt Scranton in Pennsylvania erlaubt möglicherweise einen kleinen Ausblick auf das, was da noch kommt. 

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Amerika vor dem Fernseher: Noch immer wartet das Land auf ein Ergebnis der US-Wahl / dpa

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Daniel C. Schmidt ist freier Reporter. Er studierte in Manchester und London (BA Politics & Economics, MSc Asian Politics) und lebt zur Zeit in Washington, D.C.. Schmidt schreibt über Pop, Kultur und Politik.

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Daniel C. Schmidt

Vielleicht ist der Schlüsselsatz des Abends, an dem so viel geredet und gemutmaßt und getwittert und gerechnet wurde, der hier: „Vor vier Jahren war es unglaublich, aber 2020 war die Begeisterung kaum noch messbar.“

Joe Mizerak stand bei seinem Kumpel Paul Wood in der Küche, als er erklärte, dass keiner von ihnen den Präsidenten im Stich gelassen hatte. Es war spät geworden, aber nicht zu spät. Bis zum Ende wollten die Trump-Wähler eh nicht aufbleiben („Wir sind keine Demokraten, die auf dem Sofa sitzen, wir müssen morgen zur Arbeit“, sagte Wood und lachte). Nun, kurz vor Mitternacht des Wahlabends, ließ sich das bislang Geschehene zumindest schon ein bisschen einordnen. 

Amerika hatte gewählt, ohne eine eindeutige Entscheidung zu treffen, zumindest für den Moment. Aber ein klarer Joe-Biden-Sieg, soviel war abzusehen, würde es nicht werden. Vier Jahre Donald Trump und ein Teil von Amerika bekommt immer noch nicht genug. Das Land, so scheint es, ist weiterhin uneins, beinah in der Mitte zerteilt in zwei Lager. 

Die Wiederholung von 2016

Wenn man ein bisschen im Land rumgereist ist, so sehr das möglich war während einer Pandemie, bekam man in den vergangenen Wochen und Monaten den Eindruck, dass sich 2016 wiederholte, nur unter umgekehrten Vorzeichen: Vor vier Jahren musste sich Hillary Clinton, die Verhasste, für ihr Leben in der Politik rechtfertigen; jetzt war es Trump, der Unbeliebte, der seine Bilanz verteidigen musste.

„Ich stelle mir immer vor: Wen würde ich in einem Strafgerichtsprozess durch die Tür kommen sehen wollen, um mich zu vertreten?“, sagte Ed, der für einen großen Pharmakonzern arbeitet und deshalb seinen Nachnamen nicht verraten wollte. „Ganz sicher nicht Joe Biden.“

Plötzlich beschäftigen sie sich mit Politik

Auch Ed stand in der Küche, 15 Minuten vom Geburtshaus von Joe Biden entfernt. Nebenan im Wohnzimmer flimmerte der Fernseher, draußen auf der Terrasse auch. Fox News und CNN immer im Wechsel – was sagt die andere Seite? 

Sie sagten ähnliche Dinge, die beiden Sender, die gleichen Zahlen, erstaunlich ähnliche Analysen. Und auch die Männer in der Küche waren sich einig: Joe Biden ist für sie jemand, der alt ist, der sich vor den Karren spannen lässt, der eine Handpuppe der linken Demokraten ist, wie sie sagen. Ihre Logik: den moderaten Joe Biden wählen, aber Sozialismus bekommen. 

Komischerweise haben sie ihn, den Sohn der Stadt, fast alle schon einmal gewählt. Zweimal sogar, sie haben fast alle 2008 und 2012 für Obama gestimmt, jedes Mal stand Biden als möglicher Vizepräsident auf dem Wahlzettel. Und trotzdem können sie nichts mit ihm anfangen, wie sie jetzt sagen, auch weil Trump etwas getan hat, was hier vorher kaum jemand in ihnen ausgelöst hat: Sie sind zwar auch vorher wählen gegangen, interessiert hat es sie aber kaum. Und plötzlich, seit der Kandidatur des Immobilien-Unternehmers aus Manhattan, beschäftigen sie sich mit Politik. 

Wie holt man diese Wähler ab?

Nicht dass Trump ein Aktivisten-Erweckungserlebnis für sie war; sie kandidieren nicht mit einem Mal in der Lokalpolitik oder gründen zivilgesellschaftliche Bürgerorganisationen, aber sie verfolgen das Geschehen und die Nachrichten. In einer Zeit nach Trump, ob bald oder in vier Jahren, wie holt man diese Wähler ab? Was könnte man tun, um ihnen klar zu machen, dass Amerika ein bisschen Versöhnung vielleicht gut zu Gesicht stünde?

Für die Männer hier in der Küche ist Trump eine unbeugsame Figur, und bekanntlich hat das Land ein Faible für gerissene Schlitzohren, die sich durchmogeln und den amerikanischen Traum leben, von Al Capone bis Don Corleone. Trump hat ihnen gezeigt, dass es einen anderen Weg gibt, um reich zu werden, und einen anderen Weg, wie man Politik machen kann. Beides gefällt ihnen. 

Amerika in der Schwebe

Falls Trump doch gehen müssen sollte, würden sie sich dann Don Jr. als Kandidat wünschen? „Mal abwarten“, sagt Paul Wood. „Er müsste erst einmal genau darlegen, was er so vorhat. Vielleicht ist er ja politisch links von seinem Vater.“ 

Jetzt, einen Tag später, ist die Situation weiterhin ungewiss. Vielleicht reicht die Auszählung. Vielleicht entscheiden die Gerichte. Amerika in der Schwebe. Es scheint kein Geheimnis zu sein, wenn man behauptet, dass diese Wahl das Land noch etwas beschäftigen wird. Politisch wie gesellschaftlich. 

Eine kurze Botschaft

Und falls es für Biden reichen sollte, obwohl die Trump-Anhänger sich sicher waren, dass die Begeisterung sogar noch größer als 2016 war, dann könnte der Schlüsselsatz dieser Wahl von Biden selbst stammen. Am Tag der Wahl war auch er noch einmal nach Scranton im Nordosten von Pennsylvania gereist, um sein Geburtshaus zu besuchen. Ein letzter Wahlkampfauftritt, ein emotionaler Appell: Ich bin von hier, wir teilen diese Herkunft.

Und so hinterließ er mit einem Filzstift eine kurze Botschaft im Wohnzimmer, als Erinnerung an den November 2020, der so viel entscheiden könnte in Amerikas Zukunft: „Von diesem Haus ins Weiße Haus, so Gott will.“

gabriele bondzio | Do, 5. November 2020 - 08:50

Die nicht an Gott glauben, haben ja inzwischen schon mal Krawall geübt. „Black Lives Matter“ (BLM), „Antifa“ und ähnlichen Bewegungen haben in mehreren Städten der USA, linksextremen Krawall angezettelt. Ihr Vertrauen in Biden scheint schon jetzt abhanden gekommen.
Somit ist ihre Aussage über Menschen in den USA, „mit Biden können viele nichts anfangen“ doppelt untersetzt. Und ja, Herr Schmidt, dass Land hat bekanntlich eher ein Faible für gerissene Schlitzohren, welche den „amerikanischen Traum“ am nächsten kommt.
Die bisher auf uns eingehagelten Prognosen, über den alten, weißen Mann, der konservativ-unbeirrt der Schuldige am Drama der Welt ist, hat sich in den USA als Mär erwiesen.

Ernst-Günther Konrad | Do, 5. November 2020 - 09:24

Netter Artikel. Ich werde mich erst zu den Wahlen in den USA inhaltlich äußern, wenn das Ergebnis eindeutig feststeht. Ab heute lese ich wieder nach meiner gestrigen Auszeit alle Artikel hier und anderen Medien, beteilige mich aber an der Kaffeesatzleserei nicht. Amerika hat gewählt nicht Deutschland. Die müssen ihren "neuen" oder "alten" Präsidenten aushalten. Deutschland sollte sich endlich heraus halten. Wenigstens schildern Sie Herr Schmidt einen persönlichen Eindruck durch Befragung von Amerikanern. Das klingt authentisch und ehrlich. Natürlich trafen Sie selbst jetzt nur auf Trump-Anhänger. Die Trump-Gegner werden gegenteilig argumentieren. Dieses Land ist tatsächlich zu 50:50 tief gespalten. Auch DE ist gespalten. Politik 2020.

Gerhard Lenz | Fr, 6. November 2020 - 09:01

In reply to by Ernst-Günther Konrad

wehen im Hessischen die Fahnen demnächst auf Halbmast.

Und nein, die Situation in Deutschland ist nicht vergleichbar.

Trump hat fast die Hälfte der amerikanischen Wähler hinter sich.

Die AfD hatte gerade mal 12,6%. Tendenz fallend.

Urban Will | Do, 5. November 2020 - 09:39

ganz junge Biden die nächsten vier Jahre gesund bleiben und sein Amt, das er wohl innehaben wird, auch ausfüllen.
Außer einer Rückkehr zum Pariser Klimaabkommen kenne ich bisher wenig, was er denn zu tun gedenkt.
Nur als „Trump – Alternative“ ins Amt gewählt worden zu sein, ist wahrlich nicht viel Vorschuss.
Da hatte es sein Vorgänger Obama leichter. Frisches Auftreten, Hautfarbe und dann noch ein unglaublich gutes Redetalent, da sanken sie reihenweise auf die Knie, die Vertreter des links – grünen deutschen Establishments.
Und den Friedensnobelpreis warf man ihm gleich noch mit ins Nestchen.
Biden muss ordentlich Gas geben, um das so „gespaltene Land“ wieder zu einen. Ich befürchte, das Gegenteil wird passieren, nicht weil Biden das so möchte, sondern weil er zu schwach ist.
Und man darf gespannt sein, ob Trump, wenn er abgewählt und aus dem White House draußen ist, nicht vielleicht i d Politik bleibt und in vier Jahren zurück kommt.
Mit 78, ähnlich alt wie Joe heute...So Gott will...

Joe Biden ist ein alter, kranker und vor allem zeitweise DEMENTER Mann, der vor allem Mitleid verdient. Durch die Medien geistert aktuell der Bericht, daß er am Wahltag im Gespräch im Journalisten in Philadelphia seine (neben ihm stehende) Enkelin mit seinem bereits verstorbenen Sohn verwechselt hat.
Interessenten finden die Geschichte in den Qualitäts-Medien dieser Republik zum Beispiel in der HNA (Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen).
Zur Erinnerung:
Ein Präsident der Vereinigten Staaten ist zugleich Herr über den 'roten Koffer' und entscheidet ggf. über den Einsatz von Atom-Waffen.
Unabhängig von der eigenen politischen Präferenz kann man nur zu Gott beten und flehen: 'bitte bitte: Biden muß nach seiner Vereidigung SOFORT zurücktreten - oder für amtsunfähig erklärt werden'. Und dann muß es jemand machen, der/die seine/ihre Sinne beeinander hat; wenn es sein muß - auch Kamala Harris.

Aber es gibt Medikamente, die eine Demenz, wenn nicht heilen, so doch etwas aufhalten.
Dann macht für mich den Unterschied, ob die betreffende Person schon zuvor politisch gefährlich war.
Biden hat sich erstaunlich gut gehalten und wenn er seine Präsidentschaft von Gott abhängig machen will, bin ich gespannt.

Verschiedene Medien bereiten uns ja schon eifrig vor, das Biden wohl nicht lange sein (noch nicht zugeschlagenes Amt) ausfüllen wird."ET: ... brach in den beiden umkämpften Bundesstaaten Wisconsin und Michigan eine Kontroverse aus, als am Morgen des 4. November in beiden Staaten plötzlich auffällig viele Stimmzettel auftauchten, welche für Joe Biden stimmten."
Aber auch wenn Biden gewinnt, schreibt z.B. "die welt" schon Sätze:„Biden wäre ein von Anfang an mit Problemen beladener Präsident“. Wird dem Wähler, wie fast immer, die Problematik danach serviert. Vordem sind derartige Worte (siehe Trump) ja eher eine Unverschämtheit/Böswilligkeit/Zeichen schlechten Geschmacks...

Wer befehlen kann, findet die, welche gehorchen müssen. (Nietzsche)

christoph ernst | Do, 5. November 2020 - 11:32

Biden ist ein Übergangsmodell. Kamala Harris, die ihn bald ablösen dürfte, spielt in einer ähnlichen Liga wie die verlogene Multimillionärin Nancy Pelosi. Sie ist die Tochter eines Wirtschaftsprofessors aus Jamaika, der in Stanford lehrte. Ihre Mutter aus Madras, Kind eines hohen indischen Regierungsbeamten, war Forscherin. Bemüht Harris bei Wahlkampfauftritten einen "schwarzen" Akzent, ist das Talmi. Sie war immer privilegiert. Wenn irgendwer garantiert keinerlei „schwarze Erfahrung“ mitbringt, so ist sie es. Slums kennt sie nur vom Vorbeifahren.
In Afroamerikanische Traditionen ist sie genauso wenig verwurzelt wie Ilhan Omar oder Rashida Tlaib, die gemeinsam mit Alexandria Ocasio-Cortez und Ayanna Pressley als „Women of color“ im Kongress gegen alles Front ma-chen, was weiß, männlich oder republikanisch ist.
Diese Damen dürften erfolgreich das Erbe von Martin Luther King begraben und das Land zugrunde richten.