- „Nicht wenige bereuen es, die Foltergefängnisse überlebt zu haben“
Menschen werden im Iran zurzeit verhaftet, gefoltert oder ins Gefängnis gesperrt. Vier Iraner, die in den letzten Tagen auf den Straßen gegen das Regime und seine Sicherheitskräfte kämpften, lassen wir in diesem Beitrag zu Wort kommen, damit ihre Stimmen gehört werden. Sie berichten über Todesangst, ihren Kampf für Freiheit und die Wut über die Ermordung ihrer Mitstreiter.
Im Iran gehen Tausende Menschen auf die Straßen, nachdem eine junge Frau in Polizeigewahrsam ums Leben kam. In den letzten Wochen kam es regelmäßig zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. Laut diversen Medienberichten sind schätzungsweise bereits über 200 Menschen gestorben. Gleichzeitig wurde das Internet massiv eingeschränkt und insbesondere mobile Netzwerke weitgehend abgeschaltet.
Die Namen der Autoren wurden von der Redaktion geändert, da sie sich vor Verfolgungen durch den iranischen Geheimdienst fürchten.
„Nika, wir werden im Himmel die Schönheit des Lebens feiern“
Ich war in jener Nacht dabei, in der unsere Heldin Nika Shakarami entführt wurde. Ich war unter den aufgebrachten Demonstranten auf dem Keshavarz-Boulevard in Teheran. Es war stockdunkel und chaotisch. Die Angst kroch uns aus allen Poren. Junge Frauen, Studenten und Teenager standen gepanzerten und schwerbewaffneten Polizisten gegenüber. Sie versuchten, uns mit unerbittlichen Orgien der Gewalt zu verjagen. Ich habe dabei einen meiner Freunde verloren, als wir vor der Polizei wegliefen, besser gesagt, um unser Leben rannten. Dann folgte eine dreistündige Gedankenqual. Ich dachte, er sei verhaftet oder tot. Zum Glück ging es ihm gut.
Ich wurde in dieser Nacht feige und hinterlistig mit Gas angegriffen, mit dem die Polizei seit jeher unseren Geist der Unschuld vernichten möchte. Zwei Tage lang musste ich mich übergeben und konnte mich nicht mehr auf den Beinen halten.
Als ich in den folgenden Tagen die Nachricht hörte, dass die 17-jährige Nika ermordet wurde, fing ich an zu weinen und konnte nicht mehr aufhören. Ein weiteres junges Menschenleben, das im Iran ohne jeden Grund ausgelöscht wurde.
Ich war auch da. Das hätte ich sein können. Es hätte meine Freundin sein können. Es hätte jede junge Frau sein können, die das Geschenk des Lebens genießen möchten. Es ist einfach so unwirklich, und doch erleben wir es jeden Tag.
Nika, du wirst unseren Kampf sicherlich weiterhin aus dem Himmel beobachten. Habe keine Angst, du lebst in uns jede Sekunde als Stimme der Freiheit weiter. Und eines verspreche ich dir von ganzem Herzen: Wir werden solange an dich denken, bis wir dich im Himmel wieder in die Arme nehmen und zusammen die Schönheit des Lebens feiern können.
Shila, 16 Jahre alt, Teheran
„Demonstriert wird im Iran zurzeit gemeinsam, gestorben wird alleine“
Wenn ich in diesen Tagen durch die Stadt gehe, kann ich das Blut unseres Volkes riechen. Wir haben längst keine Angst mehr vor dem Tod, wir haben nur Angst davor, von ihnen verhaftet und in den brutalen Foltergefängnissen in Evin oder Kahrizak zerstört zu werden. Evin und Kahrizak sind zurzeit die freudlosesten Orte der Menschenvernichtung. Die Seelen der Toten sind dort glücklicher als die der Lebendigen. In finsteren und feuchten Zellen der Trostlosigkeit werden Menschen im Minutentakt vergewaltigt und gequält. Blutende Menschen schreien ihren Schmerz aus der Dunkelheit der Folterkammern. Niemand hört sie. Demonstriert wird im Iran gemeinsam, gestorben wird alleine.
Nicht wenige bereuen es, die Foltergefängnisse überlebt zu haben. Der erlittene Schmerz wird zu einem ständigen Begleiter in ihrem Leben. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Die Bilder der blutigen Grausamkeit, die Erinnerungen an das Geschrei, der unendliche Verlust der eigenen Würde. Sie wünschen sich, niemals gelebt zu haben. Erst vor wenigen Tagen nahm sich eine junge Frau das Leben. Ihre Dämonen vermochten erst aufhören zu wüten, nachdem ihr letzter Puls schlug.
Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass die Leichen aus den Folterkammern der Gefängnisse an ihre Familien zurückgegeben werden. Nicht selten lassen die Folterer die leblosen Körper einfach zurück, damit sie für immer in Vergessenheit geraten. Die islamische Diktatur möchte uns der Glückseligkeit des Lebens berauben. Der Mut der Freiheitsliebenden soll in eine Sackgasse der großen Traurigkeit führen.
Ich schreibe diese Dinge in dem Wissen, dass die Bestien morgen auch an meiner Haustür klopfen können. Meine Familie hat kein Geld, um in freie Länder auszuwandern. Wir müssen im Iran bleiben und zusehen, wie sie unsere Freunde töten. Wie Kinder ohne ihre Mütter aufwachsen müssen, weil sie die Freiheit liebten. Doch das Feuer unserer Wut wird nicht erlöschen. Unsere Liebe zum Leben wird immer stärker sein als der Vernichtungswille der islamischen Diktatur.
Nima, 26 Jahre alt, Maschhad
„Die Soldaten zielten auf unsere Gesichter“
Ich fuhr mit meiner Mutter und meinem Bruder im Auto auf einer belebten Straße. Plötzlich sahen wir, wie Soldaten gewaltsam in ein Gebäude eindrangen. Die Menschen, die in dem Gebäude eingeschlossen waren, konnten wir nur durch ein kleines Fenster sehen. Ihre verschwitzen und gequälten Gesichter durchdrangen uns dennoch. Sie wussten, welches Martyrium ihnen bevorstand. Noch nie musste ich in meinem Leben so tief in den Abgrund menschlicher Todesangst blicken.
Die Soldaten verhafteten diese unschuldigen Menschen und pferchten sie voller Brutalität wie Vieh in einen Transportwagen. Ich sage Ihnen, es ist entsetzlich, mit anzusehen, wie die eigenen Leute verhaftet werden, während man nichts dagegen tun kann. Die eigene Ohnmacht frisst unsere Seelen mehr auf als der lebenslange Hass auf das Regime. Denn existenzielle Ohnmacht ist stärker als alles andere auf der Welt. Das ist das einzige, was die Menschenverächter in über 40 Jahren Diktatur über das Leben gelernt haben.
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Wir stiegen aus dem Auto aus und schlossen uns der wütenden Menge an, die dort stand und schrie: „Lasst sie frei, lasst sie frei, lasst sie frei“. Doch innerhalb einer Sekunde wurde aus einem Moment der Verbrüderung purer Überlebenskampf. Die Soldaten begannen mit ihren Gewehren plötzlich auf uns zu schießen. Sie zielten zunächst auf die Scheiben der Autos und dann direkt auf unsere Gesichter. Wir rannten in eine andere Straße und konnten dem Tod entkommen.
Es gibt allerdings nichts Schlimmeres und Schmerzhafteres, als seine Schwestern und Brüder im Gefecht zurücklassen zu müssen. Ob für immer oder nur an diesem Abend, werde ich wahrscheinlich niemals erfahren. Wie so oft in diesem Herbst. Im iranischen Herbst des Todes.
Nesrin, 28 Jahre alt, Sanadaj
„Hoffnung ist unsere schärfste Waffe im Kampf für Freiheit“
In diesen tragischen Tagen meines geliebten Landes sehe ich ein wachsendes Gefühl des Hasses und der Rachsucht in den Menschen. Sie möchten nicht länger Sklaven eines Unterdrückerstaates sein. Ich sehe Männer und Frauen mit langen Gesichtern, die ihre tiefe Wut und Frustration zeigen, gemischt mit einer unerschütterlichen Entschlossenheit, die es bei früheren Protesten noch nie gab.
Ich sehe junge Menschen, die so mutig und klug sind und endlich in Freiheit leben möchten. Ich sehe Schulmädchen, die eine alte und verrottete Ideologie ablehnen, die das Regime ihnen diktiert hat. Ich sehe, dass die Menschen heute viel solidarischer und einfühlsamer sind als früher.
Wir befinden uns in einem Zustand des schnellen Wandels, der zur Beendigung einer alten Ideologie gegen die Menschenrechte, das Leben und die Freiheit führt und den Beginn einer heranwachsenden Generation darstellt, die zurzeit voller Mut auf den Straßen „Frau, Leben, Freiheit“ skandiert.
Ich habe die dunklen Jahre des unterdrückerischen und unmenschlichen Systems der Islamischen Republik durchlebt und bereits bei der grünen Bewegung 2009 mitdemonstriert. Noch nie hörte ich den Satz „Ich habe Hoffnung“ so häufig wie in diesen Tagen. Hoffnung haben, das ist in unserem Land der Menschenfeindlichkeit etwas Verbotenes. Hoffnung ist anrüchig und macht verdächtig. Die korrupten und zynischen Machthaber fürchten sich vor ihr am allermeisten. Denn sie wissen, dass Hoffnung unsere schärfste Waffe im Kampf für Freiheit ist.
Reza, 36 Jahre alt, Teheran
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Ich habe in 43 Berufsjahren hinter manche Fassade "hochanständiger Familien", blicken müssen, wenn am Ende ein Familienmitglied gewaltsam zu Tode kam. Es ergreift einem Bedrückung und Hilflosigkeit, wenn man hier wieder lesen muss, wie Menschen mit ihren Teil der Menschheitsfamilie umgehen. Sind das noch Menschen, die andere auf solch eine Art und Weise behandeln, nur weil die etwas verlangen, was in vielen Teilen der Welt selbstverständlich erscheint. Freiheit und Würde, Selbstbestimmung und das Recht seine Meinung zu äußern, elementare Menschenrechte werden im Iran durch die Schergen der Regierung unterdrückt. Ja, ich kann verstehen, dass sie unter Pseudonym berichten, denn wir haben ja ins eigene Land genug von diesen Menschenschlächtern ins Land gelassen, die sofort und gleich zuschlagen würden, könnten sie die "Abtrünnigen" eliminieren. Gut, dass sie sich hier zu Wort melden können. Und wie reagiert unsere Politik, vorneweg die Ampel? Lautes Schweigen und wenn, viel Heuchelei.
... dass ernsthafte politische Anliegen durch aufgepepptes künstlerisches Design irgendwie besser zur Geltung gebracht werden können.
Handy-Bilder von den vielen Gräueln, die in der Welt passieren, verlieren für mich völlig den Charakter von objektiven Informationen, wenn sie so offensichtlich von Designern nachträglich pseudo-ästhetisch nachbearbeitet worden sind.
Propaganda ist immer als solche zu erkennen, auch wenn sich die Propagandisten als Künstler verkleiden.
Das gilt auch für schimmelige Heldenmythen, die verbal in die Welt gesetzt werden, egal ob von Christen, Heiden, Männer, Frauen, Kommunisten, Faschisten oder von wem auch immer.
Eine solche Propaganda schadet in meinen Augen denen, denen sie angeblich helfen will.
überaus klugen Außenministern, Vorkämpferin „feministischer Außenpolitik“, „Völkerrechtlerin“ und was weiß ich noch alles, hat all das, was wir hier lesen, nichts mit dem Islam zu tun.
Es sind halt „einfach“ nur Verbrechen, die ein Regime einfach halt einfach nur so an seinem Volk verübt, weil diese Volk aufsteht gegen die Unterdrückung, die seit über 40 Jahren in diesem Lande herrscht wie die hier zu Wort kommende Nesrin es uns berichtet.
1979 ist wohl gemeint, die „Islamische Revolution“ , der Beginn des Terrors.
Aber, wie wir ja nun wissen, hat all das „nichts mit dem Islam“ zu tun, was da in diesen Tagen passiert...
Diese Frauen hier im Artikel und all die vielen anderen im Iran, deren Stimmen wir gar nicht alle hören können, sie werden die „feministische Außenpolitik“ unserer Annalena „rühmen und lobpreisen“, ist sie ihnen doch eine so große Hilfe in diesen dunklen Tagen.
Danke Herr Traub, dass Sie den Opfern einer weiteren Terrordiktatur oder Herrschaft eine Stimme geben, die uns wieder einmal anschaulich machen, wie furchtbar es ist in einem solchen Unterdrückersystem leben zu müssen. Und ich bin bei all unserer Meckerei hier über unsere Politik oder staatliche Eingriffe auf unsere Persönlichkeitsrechte usw. zugleich beschämt, wie wenig wir unsere Freiheit zu leben schätzen oder wie im Fall der Ukraine kein oder erschreckend wenig Verständnis dafür haben, dass die Menschen dort ebenso wenig wie die Iraner*innen oder auch Belarussen*innen unter solch einem totalitären Machtapparat ihr Dasein fristen möchten, wo ein verrutschtes Kopftuch, ein falsches Wort oder eine Demoteilnahme zu Foltergefängnis und Tod führen kann. Hongkong, Taiwan, Nahostkonflikte, Uiguren, Kurden, usw. usw. Man kann sich langsam des Gefühls nicht mehr erwehren, dass das Böse auf Erden auf dem Siegeszug ist und bleibt.
Trotz allem, Ihnen allen ein gutes Wochenende! MfG
