Nahost-Konflikt - „Es gibt genügend Platz für alle“

Nach dem Rücktritt des israelischen Verteidigungsministers Mosche Jaalon, könnte die Regierung unter Benjamin Netanjahu nach rechts rücken. Damit gerät auch der Frieden im Nahen Osten in weitere Ferne. Oliver Vrankovic hat mit Israelis über die Zwei-Staaten-Lösung gesprochen

Eine Siedlerin hält die jüdische Flagge während des Passahfestes in der Stadt Hebron / picture alliance

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Liat Schustermann, 39, rote Haare, alleinerziehende Mutter, wurde im Sommer 2014 zu dem, was man einen innerstaatliche Flüchtling nennt. Sie stammt aus Sde Avraham, einer israelischen Genossenschaftssiedlung an der Grenze zum Gazastreifen. Vor zwei Jahren floh Schustermann mit ihrer dreijährigen Tochter vor den Raketenangriffen der Hamas ins Landesinnere.

Im selben Jahr unterstützten fast zwei Drittel der Israelis eine Zwei-Staaten-Lösung. Voraussetzung dafür ist, dass Israel Teile der besetzten Gebiete im Westjordanland räumt. Dass der Tausch „Land für Frieden“ funktioniere, daran glauben aber nur noch die wenigsten Israelis.

Auch nicht Liat Schustermann.

In ihrer Kindheit wohnte sie sehr nah bei den Palästinensern, viele von ihnen arbeiteten auf den Feldern. Eine ältere Muslima, Fatma, ersetzte ihr immer ein wenig die Großmutter. Mit ihren Eltern fuhr sei regelmäßig an den Strand von Gaza.

2004 hatte sie noch Hoffnungen: Sie war eine entschiedene Unterstützerin des damaligen Ministerpräsidenten Ariel Scharon und dessen Plan, die besetzten Gebiete zu räumen. Dabei erhielten die Palästinenser die von Israel im Sechs-Tage-Krieg 1967 eroberten Gebiete zurück.

Mit dem Rückzug jüdischer Siedler aus Gaza hoffte Scharon, den Nahostkonflikt beilegen zu können und eine Zwei-Staaten-Lösung zu erreichen. „Land für Frieden“ – die Idee war auch in der Bevölkerung populär. Eine Mehrheit der Israelis unterstützte Scharon.

Die Palästinenser, sagt Liat Schustermann, hätten viel aus dem Küstenstreifen machen können. Es sei ein Ort, wie gemacht für den Tourismus. Und die jüdischen Siedler hätten aufgezeigt, dass sich gewinnbringend Landwirtschaft betreiben lasse.

Der Gesinnungswechsel
 

Heute aber sieht Liat Schustermann die Räumung als Fehler an. Beim letzten Krieg attackierte die Hamas die grenznahen israelischen Siedlungen mit Granatwerfern und buddelte Tunnel. Im Sommer tauchte ein Überfallkommando nur ein Kilometer von ihrem Kibbuz auf. Die Terroristen wurden von der israelischen Armee entdeckt und neutralisiert. Die Bewohner mussten ihre Häuser verriegeln und durften kein Licht nutzen. Im Dunkeln zu sitzen, nicht wissend, welche Mordkommandos sich womöglich draußen herumtreiben, habe sie ziemlich entnervt, gibt Schustermann zu. Schließlich verließ sie ihren Kibbuz.

Die Idee von Ariel Scharon lebt trotzdem weiter. Sein damaliger Weggefährte, Yoel Hason, kämpft heute für das Parteienbündnis „Zionistisches Lager“ in der Knesset. Hason ist Oppositionspolitiker. Er ist gegen die Politik von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der die Räumung des Gazastreifens damals abgelehnt hatte.

Yoel Hason sitzt in seinem Büro im Parlamentsgebäude. Er sagt: Die zwei Zwei-Staaten-Lösung sei richtig.

Das große Hindernis sei aber nicht der Siedlungsbau. Die Israelis hätten mehrfach unter Beweis gestellt, dass sie zum Abzug bereit seien, sagt er. „Der Weg ist im Grunde vorgezeichnet. Es fehlt nur auf beiden Seiten der politische Mut, ihn auch zu begehen.“

Auch der einseitige Druck der EU auf Israel sei nicht hilfreich: Das würde die Palästinenser in ihrer Weigerung zu verhandeln nur weiter bestärken.

Deutlich optimistischer ist da ein Israeli, der in seinem Leben unvorstellbaren Grauen begegnet ist. Der Holocaustüberlebende Pesach Anderman ist überzeugt: Eine Annäherung zwischen Israel und Palästina sei möglich. „Der Wille zum Frieden wird auf beiden Seiten von einer Mehrheit getragen.“ Es sei an der Zeit, sagt Pessach, dass diese Mehrheit sich Gehör verschaffe.

Anderman war elf Jahre alt, als er aus der Ukraine vor den Deutschen fliehen musste. Die Besatzer verfolgten ihn und seine Schwester; sie hatten Pferde, Schusswaffen und Messer. Anderman hat seine Geschichte in dem Buch „Der Wille zu leben“ aufgeschrieben.

Er schaffte es nach Palästina und wurde einer der Pioniere des  religiös-zionistischen Kibbuz Messuot Jitzhak im Siedlungsblock Gush Ezion. In den Bergen um Jerusalem sprengte Anderman Felsen, legte Terrassen an, machte das Land urbar.

Am 11. Mai 1945 begann die Polizeimiliz „Arabische Legion“ den Siedlungsblock anzugreifen, um nach Jerusalem vorzurücken. Zehntausende Palästinenser aus den Dörfern schlossen sich der Offensive an. Die Gefechte am Felsenhügel, der Verteidigungslinie vor dem Siedlungsblock, dauerten zwei Tage an. In dieser Zeit konnten die Verteidigungsanlagen um Jerusalem so weit befestigt werden, dass die Einnahme der Stadt verhindert wurde. „Der Felsenhügel, auf dem das erbitterte Gefecht stattfand“, schrieb Ex-Verteidigungsminister Ehud Barak später in einem persönlichen Brief an Pessach Anderman, „ist heute eine Gedenkstätte, besucht von israelischen Kindern und Soldaten, die, wie ich hoffe, die Geschichte Ihres Heldentums von dort weitertragen werden.”

Ehud Barak bot als israelischer Ministerpräsident den Palästinensern 2000 einen Staat an. Pessach Anderman sieht das so: Die Palästinenser unter Jassir Arafat hätten sich gegen die Etablierung eines eigenen Staates und für die zweite Intifada entschieden.

Mit der palästinensischen Führung sei auch heute noch kein Frieden zu schließen, findet Pessach. Aber genauso kritisiert er die derzeitigen israelischen Machthaber. Israel befinde sich in Geiselhaft der Siedlungslobby und der Religiösen. Dem nach dem Sechs-Tage-Krieg neu gegründeten Siedlungsblock Gush Ezion im besetzten Westjordanland kann er nichts Gutes abgewinnen.

Die Bedingungen für eine Zwei-Staaten-Lösung
 

Ein Israeli, der in einem umstrittenen Gebiet wohnt, ist Omer Wiener. Er sei für Frieden, glaubt aber nicht, dass dieser sich mit „den Arabern“, wie er sagt, realisieren lässt.

Omer Wiener schloss sich nach dem Sechs-Tage-Krieg einer Gruppe von Israelis an, die zur Befestigung der strategisch bedeutsamen Golanhöhen den Kibbuz Merom Golan errichteten. Omer wurde Viehbauer und blieb dies mit Unterbrechungen bis heute. Auf dem Bental Berg, unweit des Kibbuzes und wenige Meter von der syrischen Grenze entfernt, erklärt er, wo die Hisbollah Gebiete kontrolliere und wo die Rebellen. Immer wieder ist ein krachendes Geräusch zu hören, der Einschlag von Mörsergranaten auf der syrischen Seite. Manchmal ist der Rauch zu erkennen, der über den Einschlagstellen aufsteigt. Während er das erzählt, beziehen zwei UN-Beobachter Stellung auf dem Berg.

Parallel zu den Verhandlungen mit den Palästinensern wurde 2000 mit Syrien über eine Rückgabe des Golan verhandelt. Für Omer Wiener und seine Familie hätte dies nach mehr als 30 Jahren bedeutet, den Kibbuz räumen und ihre Häuser an die Syrer abtreten zu müssen. Doch die Bewohner von Merom Golan, einer Hochburg der Arbeiterpartei, lehnten sich nicht gegen die Verhandlungen auf. Für den Frieden, so versichert der Cowboy Omer, hätten sie den Kibbuz geräumt.

Omer findet, die Israelis dürften sich angesichts der blutigen Realität in der arabischen Welt keine Experimente erlauben. Sonst rücke das Schlachtfeld bis an Jerusalem und den Ben-Gurion-Flughafen heran.

Für die Zwei-Staaten-Lösung werden auch immer wieder zwei Bedingungen genannt: Rückzug Israels auf die Grenzen von 1967 und Gebietsaustausch in beiderseitigem Einvernehmen.

Die Gegner der Zwei-Staaten-Lösung bekämpfen die Gebietsverkleinerung: Die 1967er-Linie bezeichnen sie als nicht zu verteidigende „Auschwitz-Grenzen“. Die Idee eines Gebietsaustausches wiederum sorgt bei vielen israelischen Arabern für Unwohlsein.

In einem großen Haus in der arabischen Stadt Taybe, nahe der Sperranlage, lebt eine junge geschiedene Araberin, die ihren Namen nicht nennen möchte, mit den Kindern im Haus ihrer Eltern.

Die junge Araberin sagt später, als sie alleine ist, dass sie lieber woanders wohnen würde. Weg von der sozialen Kontrolle. Denn sie hat in Tulkarem in den besetzten Gebieten einen neuen Freund, von dem ihre Eltern aber nichts wissen. Während sie als arabische Israelin ihn jederzeit besuchen kann, darf er nicht in Israel einreisen.

Liebend gern, sagt sie später am Checkpoint, würde er die Gebiete verlassen. Ihr Freund spricht fließend Hebräisch. Als Automechaniker sind viele seiner Kunden israelische Siedler.

Eine Zwei-Staaten-Lösung wäre ihr größter Horror: Denn dann würde die Stadt Taybe im Zuges eines Gebietsaustausches Palästina zugeschlagen werden.

Die überzeugte Siedlerin
 

Für Chaya Tal, eine israelische Jüdin deutsch-russischer Abstammung, ist die Zwei-Staaten-Lösung sogar ein Hirngespinst.

Chaya Tal war 13 Jahre alt, als sie das erste Mal Israel besuchte und eine spirituelle Verbindung zum jüdischen Staat empfand. Ihre jüdische Identität und ihre religiös-zionistische Überzeugung verfestigten sich. Nach ihrem Abitur machte sie von ihrem Einwanderungsrecht Gebrauch.

Im Sommer 2014, als die drei israelischen Jugendlichen Gilad, Eyal und Naftali im Westjordanland entführt und ermordet wurden, was den neuerlichen Gaza-Krieg auslöste, packte Tal mit an. Sie wollte im Wald nahe dem Tatort eine jüdische Präsenz errichten. Die Verbundenheit zu Land und Boden sei ein „Kernanliegen des Zionismus“, sagt sie. Vier Monate half sie, dann beschloss sie, die judäischen Berge zu ihrer Heimat zu machen.

Tal lehnt eine Abtrennung des Gebietes von Israel strikt ab. Sie ist eine überzeugte Siedlerin – und verweist auf die weit zurückreichende jüdische Präsenz im biblischen Kernland der Juden. Tal sagt, dass sie die arabische Präsenz anerkennt. Sie distanziert sich von den Forderungen der extremistischen Siedler, die von Landraub und einer Deportation von Palästinensern sprechen. Tal lernt Arabisch, sie will sich bei der Verständigung mit den palästinensischen Nachbarn einbringen.

Sie habe kein Problem damit, den Palästinensern die israelische Staatsbürgerschaft zu geben. Für die Auflösung der Besatzung in einer Ein-Staaten-Lösung gebe es eine Reihe von Entwürfen, sagt sie. Tal stellt sich eine Mischung aus schrittweiser Einbürgerung der Palästinenser und eine weitgehend autonomen Verwaltung in den palästinensischen Ballungsgebieten vor.

Dass dann aber die Araber die Mehrheit in Israel stellen und die jüdische Souveränität gefährden könnten, bereitet ihr keine Sorgen. Dieses Szenario würde viele Faktoren unberücksichtigt lassen. So zum Beispiel die jüdische Einwanderung, die nach allem, was gerade in der Welt passiere, eher zu- als abnehmen werde.

Nach Überzeugung von Myron Joshua aus Gush Ezion, einer jüdischen Siedlung im Westjordanland, gehört das Land Israel nicht den Juden, sondern die Juden in das Land. Joshua leitet daraus die Verpflichtung ab, eine gute und gerechte Gesellschaft im Geiste der Propheten zu entwickeln. Es gebe außer den Juden noch Menschen, die auch zu diesem Land gehörten. Es gehe nicht nur darum, sich das Land zu teilen, sagt er, sondern in diesem Land auch gemeinsam zu leben. Joshua engagiert sich beim Projekt „Roots“ für die interreligiöse Verständigung zwischen Siedlern und deren palästinensischen Nachbarn.

In den 90er Jahren nahm Joshua einen Palästinenser per Anhhalter mit und gelangte so zum Hausmeister der Grundschule von Gush Ezion. Ein Mann, dessen armselig anmutendes Haus am Eingang von Khirbet Zakharia steht, einem palästinensischen Dorf inmitten des jüdischen Siedlungsclusters. Joshua erfuhr, dass sich der Hausmeister bei der Zivilverwaltung erfolglos um eine Baugenehmigung bemühte. Joshua begann, die Welt und die Lebenssituation der Palästinenser mit anderen Augen zu sehen.

Bei seinem ersten Besuch in dem palästinensischen Dorf war er schockiert. Er hörte von unzähligen abgelehnten Bauanträgen, sah eine halbfertige Moschee, die nicht weitergebaut werden durfte und eine Straße, die ohne Genehmigung geteert und deshalb vom israelischen Militär wieder aufgerissen wurde.

Myron Joshua wurde zum Mitinitiator von Begegnungen zwischen Siedlern und Palästinensern, die bei diesen Begegnungen ihre Angst vor dem Anderen zum Thema machten. Diese Angst, so sagt er, sei der eigentliche Feind.

Joshua sagt, der politische Diskurs sei rückwärtsgewandt und suche nach der Schuld in der Vergangenheit. Dabei müsse man sich nur umschauen. Dann würde man sehen: „Es gibt genügend Platz für alle.“

Nicht auf dem Boden ist es eng, sondern in den Herzen.

Fotos: picture alliance (Titel), Rebecca Pini (Myron Joshua)

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