Frankreichs Antwort auf #metoo - Das Schweigen der Pariser Elite

Die Vergewaltigungsaffäre des linken Starjuristen Olivier Duhamel löst in Frankreich eine MeToo-Welle aus wie seinerzeit der Weinstein-Skandal in Hollywood: Zahllose Inzestopfer melden sich nun im Internet zu Wort.

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Folgenschwere Vorwürfe: Mit ihrem Buch hat Camille Kouchner eine me-too-Debatte in Frankreich ausgelöst /dpa

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Stefan Brändle ist Frankreich-Korrespondent mit Sitz in Paris. Er berichtet regelmäßig für Cicero

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Stefan Brändle

Es ist eine schrecklich banale Zahl: Eines von zehn Kindern werde in Frankreich Opfer sexueller Gewalt durch Familienmitglieder, erklärte die Psychiaterin Muriel Salmona kürzlich. Viele Leute glaubten ihr nicht. Jetzt werden sie eines Besseren belehrt: Hunderte, wenn nicht tausende Betroffene outen sich seit gut einer Woche über den Twitter-Hashtag #MeTooInceste.

Die Nation ist wie vor den Kopf geschlagen: Zahllose erwachsene Französinnen und Franzosen berichten nun in kurzen Statements, wie sie als Kinder sexuell missbraucht worden waren, aus Schamgefühl aber bis heute niemandem davon erzählt hätten. Etwa, wie der Vater zu ihnen in die Badewanne gestiegen sei, oder wie sie der Onkel auf den Dachboden gelockt habe. In Anlehnung an den Titel eines bekannten Buches über Inzestopfer beginnen viele Twitterbericht mit den Worten: „Beim ersten Mal war ich sechs Jahre alt.“ Oder zehn, oder drei...

Von der eigenen Stieftochter an den Pranger gestellt 

Diese Ich-auch-Lawine ist einem Mann zu verdanken, der gerne auf diese Ehre verzichtet hätte: Olivier Duhamel, den Franzosen bekannt als renommierter Jurist, Politberater und Journalist. Der 70-Jährige war eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des Pariser Establishments. Er trat regelmäßig in Fernsehsendungen auf, betreute eine wöchentliche Radiosendung, gab die Zeitschrift pouvoirs (Mächte) heraus, leitete die Stiftung der Universität „Sciences Po“, welche die Politelite des Landes ausbildet, und er präsidierte seit 2020 auch den exklusiven Club „Le Siècle“ – den wichtigsten Treffpunkt der Mächtigen Frankreichs.

All diese Ämter hat Duhamel anfangs Januar über Nacht mit einem kurzen Hinweis auf Twitter niedergelegt. Am Vortag hatte ihn seine Stieftochter Camille Kouchner in einem Buch namens „Die große Familie“ des jahrelangen sexuellen Missbrauchs ihres Bruders bezichtigt.

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Karl-Heinz Weiß | Di, 26. Januar 2021 - 13:21

Verwunderlich ist nur, dass durch ein einziges Buch diese Debatte losgetreten wurde. Die bisher sakrosankte 68er-Generation in Deutschland hatte am Beginn ihres Marsches durch die Institutionen die identische Geisteshaltung.

Offensichtlich kennen Sie die 68er nur aus den diffamierenden Äusserungen vom rechten Rand.
Richtig, es gab immer wieder mal Spinner, die gefährlich tolerant zu pädophilen Tendenzen agierten, manche gar mit erkennbarer Sympathie.
Das ist, auch im Nachhinein, absolut zu verurteilen.
Zu behaupten, die 68er hätten grundsätzlich aus pädophil eingestellten Menschen bestanden, ist allerdings absoluter Quatsch.

Die schlimmsten pädophilen Vergehen fanden eindeutig im Bereich der Kirchen statt. Seltsamerweise bleibt die Kritik daran jedoch vergleichsweise leise, im Vergleich zu der an den ewig schuldigen Linken.

Wie würden Sie die Odenwaldschule einordnen?

Es ist völlig egal, ob in Kirchen mehr oder weniger Missbrauch vorkam. Es ist egal, ob Missbrauch in rechten, linken oder sonstigen Kreisen vorkommt.
Sowohl die strafrechtliche als auch die moralische Bewertung ist in jedem Fall gleich.

... es macht schon einen Unterschied, ob der gestrige und heutige Kindesmissbrauch strafrechtlich relevant ist und bleibt, oder ob man/frau/es/? ihn morgen zum Akt der sexuellen Befreiung macht, und die Täter zu Märtyrern, wie es im säkularen Umfeld wohl beabsichtigt ist, ein Cohn-Bendit ist mir dafür Beweis genug, nie belangt. Und er ist nicht alleine.

Christa Wallau | Di, 26. Januar 2021 - 13:49

Sexueller Mißbrauch von Kindern ist keine spezifisch katholische Angelegenheit! Er hat auch nichts mit dem Zölibat zu tun.
Es gibt ihn ü b e r a l l !
Denn er erwächst aus allgemein menschlicher Gier u. mangelnder Selbstbeherrschung unreifer Personen und nicht aus einer bestimmten Weltanschauung o. Religion.
Überall, wo Kinder u. Jugendliche Erwachsenen vertrauen, kann ihr Vertrauen mißbraucht werden und wird es leider auch: in Familien, in Sportvereinen, Jugendgruppen, Heimen, kirchlichen und weltlichen Organisationen jeglicher Art.
Wer spricht jedoch bei uns davon, daß z. B. in muslimischen Gemeinden Mißbrauch von Kindern auch häufig vorkommt, wie es sehr eindringlich
Hamed Abdel Samad in seinem Buch "Abschied vom Himmel" schildert?
Herumhacken auf einer bestimmten Gruppe ist unredlich u. nützt nichts. Das Problem muß als
allgemein-menschliches betrachtet werden, und man muß Lösungen/Abwehrmechanismen finden, die überall von denen anwendbar sind, die in Mißbrauchsgefahr sind.

Tomas Poth | Di, 26. Januar 2021 - 14:21

Damit sind wir dann wieder bei einigen Ansichten Grüner aus früheren Zeiten, Sex mit Kindern.
Erinnert sei nur die "Stadtindianer" auf dem Grünen Parteitag 1980 in Dortmund. Haben die Grünen das Thema wirklich aufgearbeitet oder gibt es dort immer noch stille Befürworter dieser Einstellung?

Romuald Veselic | Di, 26. Januar 2021 - 16:10

spielt sich monochrom nur auf einem Ebene ab, das geographisch gewisse Verwunderung bei mir hervorruft. Grob skizziert; zw. der D-Ostgrenze und endet westwärts, irgendwo an der Kanadisch/US Westküste. Asien o. Afrika scheinen davon nicht betroffen zu sein.
Damit will ich äußern: MeToo Auf- und Wirksamkeit endet dort, wo keinen Zaster mehr zu holen ist.
Sogar Pakistan, Indien u. Vietnam schlossen sich dem Hashtag an. Wobei mir keine Resultate aus diesen Ländern bekannt sind. Rein statistisch, dürfen sich dadurch nicht alle alte, sehr weiße Männer unwohl fühlen.

Heidemarie Heim | Di, 26. Januar 2021 - 16:40

Warum sollte also der "Mord an einer Kinderseele verjähren"? Und das ist m.E. auch das "Mindeste" was eine Gesellschaft, die seit Urzeiten lieber wegschaut und immer nur wenn ihr Dreck an die Oberfläche gespült wird "schockiert" ist, tun kann für die Opfer ! Denn so einfach kann sich keiner aus der Mitverantwortung stehlen. Unzählige Beispiele von "Lieber nicht einmischen, Der Ruf der Familie steht auf dem Spiel, Die Kirche, Politik, Prominenz und Reichtum sind mächtig und unantastbar, bis Das war schon immer so, die Tradition, andere Kultur", und was es alles noch so an Ausreden gibt um nicht zu reagieren oder zu handeln. Die beste Ausflucht immer noch:" Mein Gott, entsetzlich! Davon habe ich gar nichts mitgekriegt! Der, die waren doch immer so nett und zuvorkommend!" Seit meiner Kindheit, wo meine Spielkameraden noch eine Tracht Prügel obenauf bekamen wenn sie sich ihren Eltern wegen dem fummelnden Onkel oder Pfarrer anvertrauten, wurde ich gewahr wie das Ganze zu laufen hat! MfG

Alexander Mazurek | Di, 26. Januar 2021 - 23:17

... ein Tag - ist ganz und gar nicht katholisch und damit ganz und gar nicht altmodisch "sittlich".
Es ist "modern", seit Epikur und erst Recht seit Marquis de Sade, der den Sturm auf die Bastille und damit die Französische Revolution ausgelöst hat, welche die Grundlage der heutigen Moderne ist - was übrigens dem Islam nicht widerspricht, siehe Aischa.
Fortschritt feinste Sahne ...