Auf einem Wandgemälde in Syrien ist eine Solidaritätsbekundung mit der Ukraine zu sehen / dpa

Falsche Vergleiche - Die Ukraine ist nicht Syrien

Die russischen Angriffe auf ukrainische Städte führen derzeit zu vielen Syrien-Vergleichen. Putin habe in Syrien sozusagen für den Ernstfall in der Ukraine geübt, heißt es. Ein Vergleich mit dem syrischen Bürgerkrieg, der vor elf Jahren ausbrach, zeigt, dass es sehr wohl Ähnlichkeiten, aber auch viele wesentliche Unterschiede gibt. Letztere beginnen schon beim Wesen des jeweiligen Krieges.

Autoreninfo

Dr. Bastian Matteo Scianna ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Militärgeschichte und Kulturgeschichte der Gewalt an der Universität Potsdam. Er ist Mitautor von „Blutige Enthaltung. Deutschlands Rolle im Syrienkrieg“.

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Obgleich weitgehend ohne Hoheitsabzeichen, so kämpfen russische Streitkräfte in der Ukraine in einem zwischenstaatlichen Krieg gegen ein anderes Land. Die ukrainische Regierung hat nicht wie Assad um russische Hilfe zur Bekämpfung eines internen Aufstandes gebeten. Dies gab Putin eine völkerrechtliche Begründung für den Einsatz in Syrien an die Hand. Zudem ist der Kräfteansatz keineswegs vergleichbar: In Syrien waren Kampfflugzeuge, Spezialkräfte, Luftabwehr und Söldner der Wagner-Gruppe im Einsatz, wohingegen Schätzungen zufolge rund 120.000 Soldaten der russischen Armee mit schwerem Kriegsgerät auf ukrainischem Boden kämpfen – und selbst die Verluste tragen.

Darunter scheinen immer mehr Wehrpflichtige, deren Moral brüchig zu sein scheint. Zumal – ein weiterer Unterschied – sie zwar in einem fremden Staat sind, aber von der Zivilbevölkerung in der gleichen Sprache angesprochen werden können. In Syrien waren die russischen Truppen Fremde in einem fremden Land. Kulturell sind beide Gegner keineswegs gleich, aber ähnlich. Es herrscht daher kein Bürgerkrieg wie in Syrien, sondern allenfalls ein Bruderkrieg.
 

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Karl-Heinz Weiß | Di., 15. März 2022 - 11:02

Putin hat der Ukraine die Staatlichkeit abgesprochen-dies ist der wesentliche Unterschied und rechtfertigt für ihn den Einsatz massiver militärischer Gewalt. Von diesem Denkansatz wurde ganz offenbar auch sein engeres Umfeld überrascht und diese Zielrichtung schließt eine Kompromisslösung praktisch aus. Nach der offenbar kurz bevorstehenden völligen Einkesselung von Kiew handelt es sich um eine Frage weniger Wochen, vor allem bei einer Unterbrechung der Stromversorgung mit allen daraus resultierenden Auswirkungen.

Christoph Kuhlmann | Di., 15. März 2022 - 11:58

Soldaten gebraucht. Kein Land auf dieser Welt war dazu bereit. Die USA hatten bereits in Afghanistan und dem Irak tausende Milliarden US-Dollar verbrannt. Niemand wollte den alten OST-West Gegensatz wieder aufleben lassen. 2014 hatte die ukrainische Armee ganze 3000 einsatzbereite Soldaten. Die Gegenwehr war gleich null. Insofern war es nicht abzusehen, dass die Ukraine die Korruption bekämpfen würde und Militärhilfen nicht wieder in dunklen Kanälen versickerten. Die Bundesregierung hat gemeinsam mit den EU-Partnern den Konflikt zu hohen Kosten durch Sanktionen eingefroren. Was sie versäumt hat, ist die Bundeswehr zur Landesverteidigung zu befähigen. Weiterhin wurden nicht einmal die LNG - Terminals gebaut um kurzfristig von russischem Gas unabhängig zu werden. Sowie das Land durch Abschaltung der AKW und Aufgabe der Entwicklung zur CO 2 Verpressung, was nagelneue Kohlekraftwerke vollständig entwertete, sehenden Auges in die Alternativlosigkeit zu russischen Energieimporten geführt.

Chris Groll | Di., 15. März 2022 - 12:02

Es gibt schon Unterschiede in diesen beiden Kriegen.
Wie wäre es denn in Syrien gewesen, wenn die russische Armee nicht eingegriffen hätte? Der IS, der eh schon in dem Land gewütet hat, hätte weiterhin freie Hand gehabt. Der WEsten hatte dem nichts entgegenzusetzen. Wäre Assad, sicherlich ein übler Tyrann und Diktator, gestürzt worden, was wäre aus Syrien geworden? Man braucht sich doch nur die anderen arabisch/afrikanischen Länder ansehen, deren angeblicher Freiheitskampf vom Westen unterstützt wurden. Alles weiterhin verbrecherische Staaten und Diktaturen. Was aus der Ukraine wird ist noch offen. Ich hoffe, daß die Menschen dort bald in Frieden und Freiheit leben können.

Tomas Poth | Di., 15. März 2022 - 12:07

Der "Westen" ist kein Demokratischer Heilsbringer, wie all die kriegerischen Konflikte der letzten Jahrzehnte in Nah-Mittelost & Nordafrika zeigen.
Es waren, sind Konflikte im Kampf um Kontrolle & Verfügungsgewalt über Öl & Gas, die Energieadern des Westens!
Afghanistan machte da eine Ausnahme, es war der persönliche 9/11 Rachefeldzug der USA.
Der Ukrainekrieg wiederum paßt in das Schema Kontrolle & Verfügungsgewalt über Gas & Öl.
Russland als wichtiger Hauptlieferant & ehemaliger Macht-Gegenpol für die EU/USA soll nicht durch unsere Zahlungen "fettgemästet" werden. Dadurch besteht die Gefahr daß Russland sich erneut zu einer dominanten Gegenmacht aufbauen kann & die Kontrolle über Öl & Gas bei sich behält.
Deshalb muß "Demokratie" nach Russland & die früheren SU-Teilrepubliken gebracht werden, sprich Kapitalismus im westlichen Sinne mit der Macht & Kontrolle durch den US-Petro-Dollar!
Die Ukraine ist hier in das Schussfeld geraten und trägt den Blutzoll dieser Politik.

Gerhard Lenz | Di., 15. März 2022 - 13:38

erschließt sich mehr nicht. Macht es einen Unterschied, dass Russland in Syrien - vielleicht - für den Überfall auf die Ukraine geübt hat? Zweifellos gab es andere Gründe und Bedingungen für den russischen Einsatz in Syrien. Putin half dem Schlächter Assad beim Machterhalt - allerdings hatte Assad auch weitere Unterstützung, z.B. durch die Hisbollah. Positiver Nebeneffekt war - das muss man zugeben - dass die Russen an Assads Seite natürlich auch den IS bekämpften.

Andererseits war die Skrupellosigkeit des russischen Militärs bereits in Syrien sichtbar, als bedenkenlos Krankenhäuser bombardiert wurden und man nichts gegen Assads Giftgaseinsätze einzuwenden hatten.

Nur: Was hat das, was haben irgendwelche Erklärungsversuche mit den Gräueltaten der Russen in der Ukraine zu tun?
Es ist offensichtlich, dass Putin, endgültig vom Wahn befallen, die Ukraine auslöschen und einem Russland an- oder eingliedern will, dass irgendwann die Größe der alten Sowjetunion haben soll.

Ach Herr Lenz, vielleicht haben Sie es auch gelesen: am letzten Samstag sind bei unserem Alliierten und Energielieferanten Saudi-Arabien 81 Menschen auf einen Schlag hingerichtet worden. Anfang Februar haben die USA in Idlib, - einem Gebiet Syriens, das weder von Assad noch von Russland, sondern von der Türkei kontrolliert wird.- offenbar auf persönliche Anordnung von Präsident Biden einen Anführer der IS-Miliz spektakulär (und mit einigen Kollateralschäden) umbringen lassen.

Allenthalben Schlächter? Ich erinnere mich dunkel, dass bei den Giftgaseinsätzen in Syrien durchaus auch türkische "Urheber" im Gespräch waren.

Zu jedem Krieg, auch zu einem schmutzigen Bruderkrieg gehört eine überbordende Gräuelpropaganda, die von jeder Kriegspartei professionell organisiert wird. Das geschieht, weil so viele Menschen darauf hereinfallen und die Propaganda-Nachrichten weiter tragen und so zu wertvollen Kombattanten im Bruderkrieg werden.

Das ist alles unendlich traurig..

Ingo Frank | Di., 15. März 2022 - 14:27

egal von wem, mit wem oder gegen wen!
Mit freundlichen Gruß aus der Erfurter Republik

Ernst-Günther Konrad | Mi., 16. März 2022 - 09:00

Ich weigere mich, Kriege 1:1 miteinander zu vergleichen. Eines kann über jeden Krieg gesagt werden. Er kostet Leben und bringt Flucht, Zerstörung und Leid. Ob sich Taktiken ähneln, Gründe gleichen, Gräueltaten wiederholen. Jeder Krieg ist einer zu viel, egal wer ihn warum beginnt.
Nur will man Frieden, braucht es das Reden miteinander und die Fähigkeit, auch den Blickwinkel des anderen in dessen Argumentation zu verstehen, ohne dessen Gründe anzuerkennen zu müssen. Wer den anderen nicht verstehen will, sich dieser geistigen Auseinandersetzung nicht stellt, wer keine eigene Fehlerkultur hat, dem fehlen Argumente für Kompromisse hin zum Frieden.
Wer sagt das? Mir der gesunde Menschenverstand.