Der deutsche Blick auf den Ukraine-Konflikt - Noch nicht im Westen angekommen

Kolumne: Grauzone. Eigentlich muss Putin hierzulande seine Vergehen nicht mehr rechtfertigen. Es tummeln sich genug, die meinen, die wahren Kriegstreiber in Washington und Brüssel erkannt zu haben. Es blüht das antiwestliche Ressentiment

Wird auch in Deutschland geliebt – Wladimir Wladimirowitsch Putin
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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ und „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer". Zuletzt erschien von ihm „Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität“ bei Claudius.

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Die Welt ist unübersichtlich geworden, ziemlich unübersichtlich sogar. Da kann es hilfreich sein, kurz innezuhalten und sich einige Grundtatsachen klar zu machen. Zum Beispiel über den Ukraine-Konflikt.

Der begann nämlich so: Als Reaktion auf die proeuropäischen Maidan-Demonstrationen und die Absetzung und Flucht des prorussischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch annektierte Russland gegen das Völkerrecht und ohne jede Legitimation im März 2014 die Krim. Parallel dazu begann eine von Russland unterstützte Soldateska in der Ostukraine einen blutigen Bürgerkrieg, mit dem Ziel, die prahlerisch „Volksrepubliken“ genannten Gebiete Donezk und Luhansk von der Ukraine abzuspalten.

Eigentlich ist die Sache gar nicht so kompliziert. Und auch eine moralische Einordnung sollte nicht sonderlich schwer fallen – könnte man meinen. Immerhin zeugt das Vorgehen Putins von einer Brutalität und Rücksichtslosigkeit, die nur noch durch seine Verlogenheit und Doppelzüngigkeit überboten wird.

Aber wir sind ja in Deutschland. Da geraten die Dinge mitunter etwas durcheinander. Das hat hierzulande eine gewisse Tradition. Und so tobt seit gut einem Jahr und mit steigender Intensität die wütende Fraktion der Russlandversteher – vor allem in Blogs, Foren und diversen Kommentarseiten.

Entweder im Vorgarten oder im Hinterhof
 

Nun ist allein die Tatsache, dass sich in einer freien westlichen Gesellschaft massenhaft Kommentatoren finden, die die Verbrechen eines zynischen, aggressiven und skrupellosen Autokraten verteidigen, bizarr genug. Getoppt wird dieser Irrsinn allerdings noch durch die kruden Argumente, die dabei vorgebracht werden.

Da wird von der „russischen Seele“ schwadroniert, von dem „russischen Bären“, den man nicht reizen dürfe und von der „russischer Erde“ – so als ob diese sinistren Phrasen aus der intellektuellen Dunkelkammer tatsächlich irgendeinen ernst zu nehmenden Gehalt hätten.

Doch nicht nur verhinderte Volkskundler sind im Internet unterwegs. Gerade unter den Russlandverstehern tummeln sich gerne auch passionierte Geostrategen. Da wird ein autonomes Land ganz nebenbei zur „russischen Einflusssphäre“ degradiert. Halb Europa und Asien wird zum „russischen Vorgarten“ erklärt, gerne auch zum „russischen Hinterhof“, je nachdem. Und wie selbstverständlich faselt man von „russischen Sicherheitsinteressen“.

Dass man mit diesem Gerede nahtlos die nationalistische und imperiale Propaganda des Kremls übernimmt, scheint dabei niemand zu stören. Im Gegenteil, denn für diese selbsternannten Aufklärer ist nichts so vertrauenswürdig und seriös wie das russische Propagandaprogramm RT Deutsch. Die westlichen Medien hingegen sind – Stichwort „Lügenpresse“ – von der CIA manipuliert und von einem düsteren Konglomerat von Geheimdiensten, Banken und Politikern ferngesteuert.

Überhaupt: Die wahren Kriegstreiber, so weiß man in diesen Kreisen, sitzen natürlich nicht in Moskau, sondern in Washington und in Brüssel, die das friedliebende Russland mit ihrer aggressiven Politik bis auf das Blut reizen. Man greift sich an den Kopf.

Nehmen wir an, die Leute glauben wirklich, was sie da so posten: Woher kommt dieser Irrsinn?

Sehnsucht nach dem Anderen
 

Zugegeben: Da könnten zunächst ganz rationale, wenngleich egoistische Motive eine Rolle spielen. Etwa die Sorge, mit der Ukraine könnte mittelfristig ein weiteres Land Aufnahme in die EU suchen, das weder politisch noch ökonomisch zu ihr passt. Oder die Befürchtung, ein härteres Auftreten des Westens könnte zu einer schwer kalkulierbaren Eskalation führen, weshalb man die Ukraine doch besser gleich opfert.

Solche Erwägungen sind vielleicht zynisch, aber realpolitisch und rational. Man könnte über sie diskutieren. Doch die Aggressivität und Verbohrtheit, die einem aus zahllosen Blogs, Kommentaren und Foren entgegendröhnt, hat mit nüchternem Kalkül nichts zu tun. Hier liegen andere Motive vor. Hier geht es nicht um die EU oder um Krieg und Frieden, und um die Ukraine geht es schon mal gar nicht. Hier geht es um die politkulturelle Identität Deutschlands.

Verräterisch an dem oftmals feindseligen Tonfall ist die Distanz, ja die Verachtung gegenüber dem Westen, die dort zum Ausdruck kommt. Unwillkürlich fragt man sich, wo diese Leute eigentlich leben. Und wo sie Bayern, Niedersachsen, Mecklenburg oder Thüringen kulturell verorten. Im Westen offensichtlich nicht.

Und das ist die eigentliche Tragödie: 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs und 26 Jahre nach dem Fall der Mauer ist Deutschland mental noch immer nicht im Westen angekommen. Stattdessen blühen antiwestliche Ressentiments: gegen den „Finanzkapitalismus“, den „US-Imperialismus“ und gegen die liberale Alltagskultur des Westens, die als unecht, verlogen und degeneriert wahrgenommen wird – auch wenn man munter von ihr profitiert.

Demgegenüber ist die grassierende Russophilie Ausdruck einer romantischen Sehnsucht nach dem Anderen, dem Authentischen, Unzivilisierten und Archaischen, die in Deutschland schon immer die seltsamsten Blüten trieb.

Dass hierzulande zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder einmal so mancher vom Deutschen Sonderweg träumt, lässt tief in die Abgründe der deutschen Seele blicken. So tragisch es ist: Der lange Weg nach Westen, den der Historiker Heinrich August Winkler mit der Wiedervereinigung Deutschland abgeschlossen sah, er ist noch lang nicht zu Ende.

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