Coronakrise in Italien - Organisiertes Versagen

In keiner anderen Region der Welt sterben so viele Menschen am Coronavirus wie in der Lombardei. Obwohl die Krankheit bis heute über 9.000 Tote gefordert hat, gibt es keinen Plan zur Bekämpfung der Pandemie. Petra Reski über ein kaputtgespartes Gesundheitssystem und seine Folgen.

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Letzte Station Krematorium: Nirgendwo fordert das Coronavirus so viele Tote wie in der Lombardei / picture alliance

Autoreninfo

Petra Reski lebt in Venedig, schreibt über Italien und immer wieder über die Mafia. Zuletzt erschien ihr Roman „Bei aller Liebe“ (Hoffmann&Campe). Foto Paul Schirnhofer

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Petra Reski

Ja, der Canal Grande liegt da wie ein Silbertablett. Und, ja, man kann in manchen Kanälen bis auf den Grund blicken, weil keine Boote mehr sind, die das Wasser mit ihren Motoren aufwühlen. Überall Enten und Kormorane und eine unheimliche Stille. Venedig in Zeiten des Coronavirus ist von gespenstischer Schönheit – wie viele Orte in Italien. 

Vor ein paar Wochen haben wir noch gefeiert, dass wir Venedig für uns hatten. Die Cafés am Markusplatz gaben allen Venezianern ein Getränk aus. Der Slogan hieß: „Piazza San Marco siete voi, l'aperitivo lo offriamo noi”, auf Deutsch: „Der Markusplatz, das seid Ihr, den Aperitiv schenken wir“. Die Initiative sollte bis Ende März dauern und dazu dienen, Venedigs Neuanfang zu preisen.  

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Ernst-Günther Konrad | Sa, 28. März 2020 - 13:08

Ob die Politik in Italien, wie in D aus der Krise lernen wird? Ich wage es zu bezweifeln. Das die Italiener noch schlechter aufgestellt sind wie wir, nehme ich Ihnen durchaus ab. Nur deshalb uns in D zu feiern, wir hätten das weltbeste Gesundheitssystem? Nun, es mag viel besser sein, wie andere, das streite ich nicht ab, das Beste, naja. Dort wo Privatisierung oder Teilprivatisierung im Gesundheitswesen stattfindet, müssten die Staaten alle diskutieren darüber, ob es das wert ist, unser aller Gesundheit den Profitgeiern zu überlassen. Es müsste eine Mischform sein, weil Staat es nicht allein kann, die Privatwirtschaft nicht will.
Dennoch danke für den Artikel, werde mal meine italienischen Verwandten und Bekannte fragen, wie sie es von ihr Lieben zu Hause wissen. So traurig es ist. Es traf dort eine Region mit sehr viel alten Menschen. Auch die Italiener müssen nach der Krise diskutieren und neu nachdenken. Jedes Land hat seine speziellen Probleme. Ich maße mir kein Urteil an.

und die Menschen dort. Ich bin tief traurig wegen der Situation dort. Nein mit allen Betroffenen, weltweit.
Ich war immer schon gegen Privatisierungen in sensiblen Bereichen wie dem Gesundheitssystem, Wasserversorgung, Schienennetz u.ä. Einrichtungen! Dies gehört nicht in profitorientierten Händen. Dies ist Allgemeingut und gehört zur Daseinsfürsorge. Da haben wir dem angloamerikanischen System zu viel vertraut. Der Markt regelt das schon. Ja, dass die "Kohle" in die eigene Tasche fließt!
Und hat nicht Deutschland (AM, Schäuble) immer darauf gedrängt, die Maastricht Verträge penible einzuhalten.
Italien wollte 2018 so eine Art "Hartz 4 auf italienisch" einführen. Kosten ca. 17 Milliarden Euro. In Italien gibt es keine Sozialhilfe o.ä. Wollte dadurch etwas mehr Geld aufnehmen (hätte insg. ca. 2,4 % Neuverschuldung bedeutet). Und wer hat dagegen am meisten gewettert? Natürlich Deutschland. Frankreich durfte mühelos die Kriterien brechen!
Soviel zur Solidarität in Europa
La Testa Italia

Jörg Müllee | Sa, 28. März 2020 - 13:12

Der Artikel scheint mir in vielerleiHinsicht nicht zu Ende gedacht. Ein Land kann sich nur das Gesundheitssystem leisten, das es auch bezahlen kann. Es mag ja sein, dass Italien an anderer Stelle zuviel ausgibt und zu wenig im Gesundheitssystem, das hat aber nichts mit den Maatricht Kriterien zu tun. Ein Gesundheitssystem in normalen Zeiten kann auch nie die Kapazitäten vorhalten, die in einer Pandemie genötigt werden. Dazu braucht es atmende Systeme, die wie eine Armee im Kriegsfall skalierbar sind. Aber das muss man vorbereiten und das ist nicht Teil des normalen Gesundheitssystems, sondern allgemeine Staatsaufgabe.

Niemand kann jederzeit für alle Eventualitäten Vorkehrungen treffen. Davon abgesehen ist das Leben in unseren Breiten vollständig "ökonomisiert" - alles muss sich letztendlich irgendwie "lohnen". Die schwarze Null wurde geradezu zum Kult. Ansonsten: Der Markt würde es schon richten, ist er doch generell "erfolgreicher" als der private Sektor, wenn es ums Wirtschaften geht. Und überhaupt ging es doch in Zeiten von Nullzinsen um optimale Anlagestrategien in erfolgsversprechenden Sparten. Der öffentliche Sektor? Kostet doch nur. Bringt nichts. Sozialismus pur.
Die Populisten beklagen jetzt, man habe keine Vorsorge getroffen. Das ist natürlich verlogen und geheuchelt: Ich kann mich nicht erinnern, jemals - vor Ausbruch der Pandemie - eine entsprechende Forderung der AfD gehört zu haben. Stattdessen hat man Corona die ganze Zeit verharmlost, ja man macht es immer noch, wie man sieht und hört.
Der öffentliche Sektor, Gesundheitsvorsorge eingeschlossen, wurde schlicht "rationalisiert".

Ich glaube auch nicht an "kaputt gespart". ZB habe ich das oft bei Spanien gelesen und ganz besonders gern wird dann auf die konservative Partei gezeigt. Das die seit mehreren Jahren nicht mehr die Regierung stellt, sondern die Sozialisten, wird nicht erwähnt. Wenn man in Europa nur eine Woche früher den lockdown gemacht hätte, hätte das viel geholfen. Oder die Skisaison in Tirol vorzeitig beendet, oder, oder, oder. Es hätte viel gegeben, was man hätte besser machen können. Die USA erlebt das gerade ganz dicke, wo man merkt was es für einen persönlich bedeutet das Trump Präsident ist. Ich bin sicher, Obama hätte Corona besser gemanagt. Nun, wir haben Merkel: kompetent aber Entscheidungen bis zuletzt herauszögernd und unbelehrbar. Es ist halt nicht egal wer der Chef ist. Leider! Vielleicht wäre eine KI als Kanzler besser?

Roland Völkel | Mo, 30. März 2020 - 18:33

In reply to by Gast

dafür hat Spanien aber den "teuersten" Fußballverein der Welt! Die "königlichen", mit Namen Real Madrid. Und der wird vom Staat auch noch gegängelt (Steuern u.a)
Brot & Spiele eben.

Christa Wallau | Sa, 28. März 2020 - 14:19

... diese Leichtigkeit, das Gegenteil von Perfektionismus (außer beim Essen), Witz, Filouigkeit u. täglicher Fatalismus - das erweist sich jetzt als negativ für unsere europäischen Brüder, die Italiener.
Man bezahlt eben i m m e r im Leben, wie klug man es auch anstellen mag:
Ist man ernsthaft, vorsichtig u. penibel, dann verpaßt man viel Alltagsfreude, hat aber für Notzeiten sicher gut vorgesorgt.
Genießt man dagegen sein Leben in froher Leichtigkeit bei Spiel u. Tanz - ähnlich wie die Grille in der Fabel von Grille u. Ameise - und nimmt nichts richtig ernst, dann rächt sich diese Laisser-faire-Haltung spätestens in der nächsten Krise.

Wenn es eine Riesenschleuder gäbe, in die man Bürger aller europäischen Länder steckte, um sie in einem speziellen Prozeß genetisch durcheinander zu wirbeln, dann käme evtl. hinterher der "ideale Europäer" raus.
DOCH: Wäre d e r nicht blaß u. todlangweilig? Besser lassen wir alles beim Alten. Jeder soll weiter
nach seiner Facon selig werden.

Interessant. Während die Fachwelt noch darüber rätselt, warum in Italien Infektionszahlen und besonders Todesfälle weitaus zahlreicher sind, kennen Sie bereits die Antwort.
Am lässigen Lebensstil liegt es, am "laisser-faire". Anders ausgedrückt: Den Italienern fehlt es an Ordnung und besonders deutscher Disziplin.
Die Fachwelt vermutet anderes. Vielleicht liegt es eher am schlecht ausgerüsteten Gesundheitsdienst. Daran, dass grosse Familien - die doch, wertkonservativ wie Sie immer sein wollen, eigentlich nach Ihrem Geschmack sein müssen - zahlreich sind, und die Jungen die Alten anstecken. Dass mehr Menschen dichter zusammenleben. Aber abwarten: Deutschland hinkt der italienischen Entwicklung ein paar Wochen hinterher. Bei der Zahl der Infizierten holt Deutschland auf, der Abstand zu Italien verringert sich. Ihre Ursachenforschung läuft Gefahr, sich als völlig falsch zu erweisen. Und was das "Laisser-faire" angeht: das wollen Sie doch wohl nicht italienischen Ärzten unterstellen?

Deutschland hinke der italienischen Entwicklung hinterher? Höre ich da den Wunsch heraus, es möge uns recht schlecht gehen. Deutschland verrecke! Der Wahlspruch der Linken. Was sind Sie nur für ein Mensch? Wilhelm Busch sagte einst: "Manchen hat es schon gereut, dass sich zun früh gefreut!" Passen Sie nur auf, dass Sie vor lauter linkem Glaubenseifer und dem Eindreschen auf den politischen Gegner, nicht selber positiv getestet werden. Es wäre schade. Sie nähmen uns die Freude an diesen Foren...

Herr Lenz, lieber Herr Funke ist ein Mensch, der selbst hysterisch in seinen Kommentaren seinen Job erledigt. Es gilt hier Unfrieden zu stiften und die Kommentatoren so zu manipulieren, das sie entnervt aufgeben, ihm irgendwann des lieben Friedenswille recht geben oder sich beim Cicero ausloggen. Schimpfen Sie also nicht auf ihn. Er will nicht anders. Framing ist seine Kommentarmaxime und das macht er doch nicht schlecht. Da ich ihm nicht antworte, steigert er sich förmlich in seine Hysterie hinein, hier gäbe es im Forum "böse" Menschen, die den Staat ansich abschaffen wollen. Dass er es sein könnte mit seiner "merkwürdigen" Demokratieauffassung, das will er nicht erkennen.
Er kommt mir vor wie der Dozent vor den Zuhörern. Alle sehen sein offenes Hosentürle, nur er selbst merkt es nicht. Er merkt nicht, wie tief alle hier im Forum in seine Seele blicken können, die jeder in der Verfärbung für sich selbst bewerten kann. Mir machen seine Kommentare jedenfalls viel Freude. Alles Gute.

Manfred Sonntag | Sa, 28. März 2020 - 17:00

Bisher dachte ich, dass die Bertelsmann Stiftung mit ihrer Aussage: "Eine bessere Versorgung ist nur mit halb so vielen Kliniken möglich" und der "Gesundheitsexperte" der SPD: "Lauterbach sagte, tatsächlich sei es so, dass mit weniger Kliniken die Qualität wahrscheinlich steigen würde, ...." eigenständig handelten. Die heutige Information "Vorgaben der Maastrichter Verträge" lässt dies aber in einem vollkommen neuen Licht erscheinen. Die progressive neoliberale Elite der EU (siehe Nancy Fraser - Phil. Magazin 06/ 2018) schreckt nicht vor verheerenden Maßnahmen gegen die eigenen Bürger zurück. Erst das Gesundheitswesen, dann die Düngeverordnung in einer Nacht & Nebel Aktion, dann der todgeschwiegene Migrationspakt, dann ... dann. Holen wir die Souveränität unserer Länder zurück. Was zu weit geht, geht zu weit! Back to the roots! Eine EU-Wirtschaftsvereinigung zum Nutzen der Bürger und Firmen: JA; eine entfesselte & ideologisierte EU-Bürokratie: NEIN

Es ist nicht möglich tausende überflüssige Betten plus Schwestern und Arzte für den Fall einer Epidemie zu betreiben. Die letzte Epedemie in Deutschland war vor hundert Jahren, vielleicht werden wir erst in hundert Jahren die nächste bekommen? In Asien hatte man nach SARS Pandemie Pläne gemacht und sie funktionierten. Hier hat man nichts gemacht. Die Asiaten haben gezeigt, daß man sich vorbereiten kann. Genau das ist gute Politik. Übrigens, Automatisierung in der Medizin könnte eine sinnvolle Antwort sein. Deutschland hat Notvoräte an Erdöl, Nahrung, etc. Offenbar wäre auch ein Vorrat an Schutzmaske sinnvoll gewesen.

Christoph Kuhlmann | Sa, 28. März 2020 - 18:45

niemand weiß in der Krise genau was richtig ist. Warum können die baltischen Staaten mit einem Bruchteil des pro Kopf Einkommens mit der Krise umgehen und Italien nicht? Maastricht ist schuld, woran denn? An niedrigen Zinsen und einer stabilen Währung. Rahmenbedingungen, die große Teile der EU zu Wirtschaftswachstum und einem Abbau der Staatsverschuldung nutzen. Es ist unheimlich einfach mit dem Finger auf Europa zu zeigen, nur es bringt niemanden weiter. Wer Gemeinschatsfonds und anderes will, der muss ein Stück Autonomie abgeben. Wenn in einem Land die Partialinteressen wichtiger sind als das Gemeinwohl, dann lässt es sich möglicherweise auf europäischer Ebene herstellen. Doch damit befindet sich die EU auf dem Weg der monetären Entdemokratisierung. Eine Lösung, die niemand will.

Dana Winter | Sa, 28. März 2020 - 19:54

Entschuldigung, aber dieser Artikel überzeugt mich argumentativ nicht. Romanhafte Einleitung, ziemlich substanzlose Verweise auf die Maastricht-Kriterien, die Schuld an den Einsparungen im italienischen Gesundheitswesen tragen sollen, dann der etwas simple Hinweis auf die Privatisierungen im Gesundheitsbereich und bei Altenheimen als Ursache für das aktuelle Versagen. Die Maastricht-Kriterien gelten in 27 Mitgliedstaaten, darunter viele mit einem hervorragenden Gesundheitssystem. In D sind vor langem fast alle Krankenhäuser privatisiert worden, ebenso die Altenheime. Die Frage der Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen hat lange vor den Privatisierungen bestanden und sie bewirkt. Ob man diese Privatisierungen nun richtig findet oder nicht, die alleinige Ursache für die Zustände in italienischen Krankenhäusern sind sie nicht. So wirkt der Artikel unsauber argumentiert. Ach ja, und Salvini hat 3 Nullen vergessen, na sowas!

Hätten sie etwas mehr nachgedacht, wären sie auf die Antwort gekommen.
Italien ist auf Grund der Korruption, der MAFIA und der unüberwindbaren Widerstände in der öffentlichen Verwaltung unfähig zu Reformen. Um gegenüber Brüssel die Einhaltung von Maastricht in etwa zu beweisen, hat man beim Gesundheitssystem eingespart.
So ist auch die griechische Regierung auf allen Feldern verfahren, wo der geringste Widerstand zu erwarten war. Mit fatalen Folgen.
Die deutschen Krankenkassen schwimmen vergleichsweise in Geld und können die hohen Kosten noch bezahlen.

helmut armbruster | So, 29. März 2020 - 10:15

in Italien und Spanien läuft der Krankenhausbetrieb anders als bei uns. Die Familie, oder wenigstens ein Familienmitglied, ist fast ständig beim Patienten. Auch nachts. Auch wird dem Patienten das Familienessen gebracht, wenn er die Krankenhauskost nicht mag.
Das ist so, weil die Familie kein Vertrauen hat, dass ihr Patient vom Pflegepersonal auch wirklich gut versorgt wird. Also machen sie es selbst.
Das sind beste Bedingungen für die Ausbreitung eines Virus.
Ich habe das selbst erlebt, weil ich jeweils einige Jahre in Italien und Spanien gelebt habe.
Schon damals habe ich mich sehr gewundert.
Ich wundere mich, dass dieser Aspekt nirgendwo angesprochen wird.

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