Roosevelt vs. Rockefeller

Mit der Zerschlagung der Standard Oil Company war klar: Wettbewerb ist den USA wichtiger als jeder Wettbewerber

Es waren wohlgesetzte Worte, mit denen der reichste Mann der USA dem mächtigsten Mann des Landes gratulierte: „Ich beglückwünsche Sie auf das Herzlichste zu dem großartigen Ergebnis der gestrigen Wahl.“ Man schrieb den November 1904 und Präsident Theodore Roosevelt war gerade mit großer Mehrheit wiedergewählt worden. Der Absender des Glüchwunsch-Telegramms indes, Ölmagnat John D. Rockefeller, würde bald Grund genug sehen, seine Wahlkampfspenden an den dynamischen Republikaner im Weißen Haus zu bedauern. Mit einer Deutlichkeit der Sprache, zu der sich der mimisch maskenhafte Rockefeller selbst nie hätte hinreißen lassen, knurrte ein anderer Sponsor, der Stahlbaron Henry Clay Frick, über den Präsidenten: „Wir haben den Hurensohn gekauft, aber er blieb nicht gekauft.“ Denn Theodore Roosevelt erwarb sich vor allem in seiner zweiten Amtszeit von 1905 bis 1909 den Ruf eines Trustbusters, der große monopolistische Konzerne und miteinander den Wettbewerb aushebelnde Industriekonglomerate zum Wohle des Konsumenten, des amerikanischen Normalverbrauchers, zerschlug. Im Mutterland der Marktwirtschaft werden seitdem immer wieder rigide Maßnahmen ergriffen, wenn es notwendig erscheint, den Wettbewerb vor dem einen oder anderen Wettbewerber zu schützen. Das amerikanische Justizministerium unterhält eine schlagkräftige Abteilung, die Antitrust Division, um gegen Monopolisierungen, Preisabsprachen und abgestimmtes Vorgehen bei öffentlichen Ausschreibungen („bid rigging“) sowie abgesprochene Marktaufteilungen vorzugehen. Auch wenn der aus dem 19.Jahrhundert stammende Begriff „Trust“ etwas antiquiert klingt – die Behörde hat mehr denn je zu tun und erreichte in den ersten Jahren des 21.Jahrhunderts einen Rekord in der Zahl der angestrengten Gerichtsverfahren, der erhobenen Geldbußen und der Verurteilungen zu Gefängnisstrafen. Die Regierung von Theodore Roosevelt war die erste, die in großem Maßstab ein Gesetz zur Anwendung brachte, das aus Sorge vor den wachsenden Monopolbestrebungen der Stahl-, Öl- oder Eisenbahnmagnaten sowie anderer „robber barons“ verabschiedet worden war, den Sherman Act vom Juli 1890. Zusammen mit zwei späteren Gesetzen, dem Clayton Act und dem Federal Trade Commission Act, stellt er auch heute noch das legale Rückgrat moderner „Trustbusters“ dar. Roosevelt, von Herkunft und Überzeugung eigentlich ein Mann der Wirtschaft, verstand sich auch als Advokat des einfachen Amerikaners und als Bewahrer von Fairness und Chancengleichheit. Bereits 1902, knapp ein Jahr nach seinem Einzug ins Weiße Haus, stellte er zur vollständigen Konsternation der Wall Street die Holdinggesellschaft Northern Securities Company von J.Pierpont Morgan unter Anklage. Danach kamen die Giganten des „Gilded Age“ an die Reihe: U.S.Steel, U.S.Tobacco und Standard Oil. Die Serie der Verfahren gegen Rockefellers Imperium begann mit der ersten Anklageerhebung am 15.November 1906 und endete vier Jahre später mit dem Urteil des Supreme Court, Standard Oil in 34 getrennte Unternehmen zu zerschlagen. Rockefeller, der eine ganze Armee von Anwälten beschäftigte, fügte sich letztlich ins Unvermeidliche und richtete seine beträchlichen Energien auf ein ganz neues Aufgabenfeld: die Philanthropie. Der einst weithin verhasste Mann spendete Hunderte von Millionen für wohltätige Zwecke, gründete unter anderem das Rockefeller-Institut für medizinische Forschung (heute Rockefeller University) sowie die Rockefeller Foundation. Der Gründer des umstrittensten Trustes erlebte einen erstaunlichen Umschwung seiner öffentlichen Reputation, wurde vom Beelzebub zum Samariter. Die Zerschlagung eines „Trusts“ – das mag, sollte es hart auf hart kommen, E.ON, EnBW, RWE und Vattenfall zum Trost gereichen – bedeutet keineswegs zwangsläufig das Ende von Macht, Einfluss und Gewinn. In den USA gingen aus der 1982 aufgelösten Telefongesellschaft AT&T sieben neue, regional abgegrenzte Firmen hervor („Baby Bells“), die nicht nur gediehen, sondern gerade in letzter Zeit eine bislang obrigkeitlicherseits nicht beanstandete Tendenz zur Re-Fusionierung zeigen. Auch die Bruchstücke von Standard Oil waren alles andere als hilflose Überbleibsel des staatlichen Interventionismus. Aus ihnen entstanden unter anderem Ölriesen wie Amoco, Chevron, Mobil und vor allem Exxon. Amerikas größtes Unternehmen erzielt derzeit Gewinne, die angesichts der an den Zapfsäulen des Landes herrschenden Benzinpreise von weiten Teilen der Bevölkerung und damit zwangsläufig auch von den Politikern als geradezu obszön empfunden werden. Im Fadenkreuz der Trustbusters befinden sich keineswegs nur Großindustrien. In den letzten Jahren kämpften die Agenten der Antitrust Division und – als Konsequenz dieser Ermittlungen – die Staatsanwälte unter anderem gegen die Hersteller von Faxpapier und die Produzenten von Material für die Klempnerinnung, gegen Teppichhändler und gegen Großbäckereien. Die Ermittlungen machen nicht an den Landesgrenzen halt – die Antitrust Division ist von einem Sendungsbewusstsein beseelt, gemäß dem es den amerikanischen Konsumenten und den freien Wettbewerb auch auf internationaler Ebene zu schützen gilt. Bestes Beispiel ist die Zerschlagung eines internationalen Vitaminkartells, das als Zulieferer für Coca-Cola, Kellogg’s und zahlreiche Lebensmittelketten agierte. Jeder Amerikaner, der ein Glas Milch zu sich nahm oder seine Frühstücksflocken goutierte, wurde in den späten neunziger Jahren nach Einschätzung des Justizministeriums durch eine regelrechte „conspiracy“ abgezockt. Das Verfahren führte zur Anklageerhebung gegen amerikanische, deutsche, schweizer und japanische Vitaminhersteller und letztlich zu Rekordbußen wie jenen 500 Millionen Dollar, die gegen Hoffmann-LaRoche, und den 250 Millionen Dollar, die gegen BASF verhängt wurden. Die Stellungnahme der Antitrust Division hierzu klingt nicht von ungefähr wie eine Kampfansage: „Die Verhängung von Geldbußen in nie da gewesener Höhe gegen ausländische Firmen und von Haftstrafen gegen außerhalb unseres Landes lebende Angehörige anderer Nationen strahlt die kräftige, abschreckende Botschaft aus, dass die Vereinigten Staaten zu einem entschlossenen Antitrust-Feldzug gegen Kartelle entschlossen sind, die das amerikanische Wirtschaftsleben tangieren. Wo wir deren Teilnehmer finden, ist egal.“ Mark my words. An der Spitze der modernen Trustbuster steht der stellvertretende Justizminister Thomas O. Barnett. Sein Examen hat der Jurist mit magna cum laude abgeschlossen, an der Harvard Law School. Dort saß ein paar Generationen vor Barnett ein anderer Student der Rechtswissenschaften auf den Hörsaalbänken. Sein Name war Theodore Roosevelt. Ronald D. Gerste lebt als Korrespondent und Autor bei Washington. Er schreibt für Die Zeit und die NZZ. Zuletzt erschien „Amerikanische Dynastien“ (Pustet)

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