IfW-Chef Gabriel Felbermayr zur Coronakrise - „Es wird Pleiten geben“

Ob Deutschland die Coronavirus-Krise als Wirtschaftsnation gut übersteht, ist mehr als fraglich. Im Interview mit „Cicero“ sagt IfW-Chef Gabriel Felbermayr heftige Einschnitte voraus und warnt vor abwandernden Unternehmen in der gesamten Europäischen Union.

Sonnenuntergang im Hamburger Hafen
Sonnenuntergang für die Weltwirtschaft? "Wir werden den Gürtel enger schnallen müssen", sagt Gabriel Felbermayr / picture alliance

Autoreninfo

Bastian Brauns leitet das Wirtschaftsressort „Kapital“ bei Cicero. Zuvor war er Wirtschaftsredakteur bei Zeit Online. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er an der Henri-Nannen-Schule.

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Bastian Brauns

Der österreichische Wirtschaftswissenschaftler Gabriel Felbermayr ist Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) an der Christian-Albrechts-Universität. Er forscht insbesondere zu internationaler Handelspolitik und ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi).

Herr Felbermayr, wie haben wir uns den Zusammenbruch der Weltwirtschaft vorzustellen?
Wirklich zusammenbrechen tut sie nicht. Es gibt Regionen wie China, Südkorea oder Taiwan, die sich bereits erholen. Auch die südliche Hemisphäre und selbst die USA sind zumindest noch nicht am Zusammenbrechen.

Das klingt nach Verharmlosung.
Nein, wir werden 2020 in einzelnen Weltregionen durch Corona eine durchaus dramatische Rezession sehen. Die Eurozone wird sehr deutlich betroffen sein, kurzfristig vermutlich stärker als in der Weltwirtschafts- und Finanzkrise von 2009. China wird zwar im ersten Quartal zum ersten Mal seit Mao Zedong nicht wachsen, sondern schrumpfen. Aber es sieht alles danach aus, als würde es eine Rückkehr zur Normalität hinbekommen. Zumindest, wenn das Corona-Virus dort nicht erneut ausbricht.

Sind die Eurozone und die EU verletzlicher als der Rest der Welt?
Die Region ist in der Tat strukturell anfälliger als Asien oder Nordamerika. Unsere Wachstumsraten sind schon ohne Corona-Virus deutlich geringer. Das Potenzialwachstum liegt in Deutschland nur mehr knapp über 1 Prozent und wird weiter sinken. Damit liegen wir deutlich unter den USA und noch weiter unter Asien. Ein externer Schock wie Corona stößt uns deshalb gleich in eine Rezession. Dynamischere Volkswirtschaften können damit besser umgehen.

Was fehlt uns?
Uns fehlen die demografische Dynamik und damit auch eine innovationsfreudige, unternehmerische Bevölkerung. Wir kratzen in Deutschland an einem Medianalter von knapp 48 Jahren. Das sind zehn Jahre mehr als in den USA oder in China. Dieser Faktor wird bei uns nach wie vor extrem unterschätzt. Dazu kommen selbst gemachte Hindernisse: eine mit Unsicherheiten behaftete Energiewende, die viel zu hohen Strompreise und eine hohe Steuerbelastung. Das hohe Niveau des Sozialstaats hat einen großen Wert, kostet uns aber auch wirtschaftliche Dynamik.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier und Finanzminister Olaf Scholz betonen, wie reich Deutschland sei und wie gut wir darum in der Corona-Krise gewappnet seien. Teilen Sie diese Einschätzung?
Im Vergleich zu anderen Ländern Europas hat Deutschland durch die guten Haushaltsabschlüsse der letzten Jahre ein paar Vorteile. Aber wir haben nach wie vor eine hohe öffentliche Verschuldung und vor allem auch eine hohe implizite Verschuldung.


Was meinen Sie damit?
Die fiskalische Solidität Deutschlands ist leider nicht so gut, wie gerne vorgegeben wird. Denn es ist nicht nur wichtig, in der Vergangenheit gut gewirtschaftet zu haben. Wir haben hohe Versprechungen in die Zukunft gemacht, etwa durch die Pensionsverpflichtungen oder zusätzliche Rentenversprechen. Hinzu kommen jetzt Belastungen aus dem Schlamassel der Corona-Krise. Hier werden zwangsläufig öffentliche Mittel eingesetzt werden müssen – ob Kurzarbeitergeld, Zusicherung von Krediten, die Stundung von Steuerschulden oder direkte Transfers an Kleinunternehmer und Selbstständige. Dies wird die öffentlichen Haushalte massiv belasten.
 

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Dr. Roland Mock | Do, 19. März 2020 - 17:09

Felbermayr fordert, daß man den Kapitalismus nicht abschaffen, sondern „optimieren“ solle. Immerhin; selten zu hören im sozialismusverliebten Deutschland. Ich vermisse allerdings Hinweise auf eklatante wirtschaftspolitische Fehler der letzten Jahre: zu hohe Steuern inclusive der Sucht des Staates, neue zu erfinden (jüngst: CO2-Steuer), die großflächige Vernichtung von Volksvermögen im Rahmen der EU-Politik (aktuell: „Green Deal“)und: so ziemlich jede Maßnahme der letzten Jahre, welche uns in den letzten Jahren als „Klimarettung“ verkauft wurde. Würde die deutsche Industrie z.B. vom Dekarbonisierungswahn und den zweithöchsten Strompreisen in Europa befreit: Der nachfolgende Boom würde jedes „Konjunkturprogramm“ obsolet machen. Desgleichen die überfällige sofortige Abschaffung des Solis, und zwar für a l l e. Wäre dieser Virus nicht exakt die Gelegenheit, dies in Angriff zu nehmen? Deutschland ginge fitter aus der (schon begonnenen) Rezession heraus als es hineingeschlittert ist.

Ernst-Günther Konrad | Fr, 20. März 2020 - 09:22

In reply to by Gast

Bravo Herr Dr. Mock. Auch wenn ich nicht viel von Wirtschaft verstehe, muss ich Ihren Kommentar und Herr Brauns für seine klaren Fragen loben. Sowohl das sprachlich leicht verständliche Interview als auch die Antworten treffen auf Zustimmung und regen zum weiteren Nachdenken an.
Wer den Binnenmarkt ankurbeln will sollte vor allem auch mehr Kaufkraft schaffen. Nicht mit kleinen Geldgeschenken via komplizierten bürokratischen Anträgen. Der Wegfall des Soli für alle, der doppelt und dreifach ergaunerte KV- Beitrag bei Rentnern und Pensionären, der Abbau der völlig überzogenen Bürokratie in allen Bereichen, auch das Maßnahmen, da könnte der Staat einfach mal die Hände zurück ziehen ohne großen Aufwand und durch Rücknahme von Anbgabepflichten und steuerliche Umlenkungsmodelle ohne großen Aufwand mal "verzicht" zu Gunsten der Steuerzahler üben. Nicht nur die Wirtschaft hat sich mit " just in time" verzockt. Auch der Staat hat keine Lagerhaltung. Wir sehen es bei der BW und der Gesundheit.

W.D. Hohe | Fr, 20. März 2020 - 16:44

In reply to by Gast

Wäre dieser Virus nicht exakt die Gelegenheit.... "Liegengebliebenes in Agriff zu nehmen, meinen Sie ?
Wahrscheinlicher Herr Dr Mock...
Das Virus ist die Gelegenheit für alles Folgende eine Ursache gefunden zu haben.

Heidemarie Heim | Do, 19. März 2020 - 17:11

Wie gewohnt ein gutes Interview Herr Brauns, der auch der Unwissenden dank der klar verständlichen Aussagen von Herr Felbermayr, das drohende Szenario etwas näher bringt! Manches davon dräute einem schon selbst, zu anderem bzw. zu weiterem fehlt einem der Blickwinkel und das Wissen über die Zusammenhänge globaler Abhängigkeiten. Das Positive an solch einer Krise ist die nun erzwungene Beschäftigung mit dem ganzen ökonomischen Gebilde, was das Beispiel eindimensionale Lieferketten, eingesparte Lagerkapazitäten usw. zeigt. Wie damals bei der Banken/Finanzkrise müssen sich Politik und Unternehmen mit Fehlern, Schwächen und Versäumnissen aktiv auseinander setzen und entsprechende Änderungen vornehmen. Denn die Menschheit wird wohl weitere, vielleicht noch schlimmere Pandemien
erleben. Einige Forscher sprechen davon, das es ca. alle 40 Jahre eine vergleichbar unbeherrschbare Phase geben könnte. Ich denke dabei immer öfter an meine Großeltern, die 2 WKs, Inflation usw. er/-überlebten. MfG

Norbert Heyer | Do, 19. März 2020 - 18:49

Wer abhängig von anderen ist, ist erpressbar. Er kann auch in wirtschaftliche Turbulenzen geraten, wenn notwendiger Nachschub - in diesem Fall eine durch eine Pandemie - ausbleibt. Es war einfach zu verlockend, viele benötigte Bauteile billig im Ausland zu beziehen: Man profitiert von geringeren Lohnkosten und hat nur ein kleines Vorratslager für wenige Produktionstage. Genau diese Strategie war aber jahrzehntelang die von allen Wirtschaftsberatungen vertretende Linie. Kosten runter und Steuern sparen durch geringen Lagerbestand. Ganze Auslagerungen in der Textilbranche führten dazu, dass hier noch noch Verwaltung und Vertrieb beheimatet sind. Deutsche Marken produzieren in Asien, Afrika, Russland und Übersee. Sollten nach dieser Krise Firmen ihre Strategie neu ausrichten, ist es doch viel einfacher, die Verwaltung auch noch in das Fertigungsland zu verlegen. Einfacher jedenfalls, als eine Gesamtrückkehr in ein abgehängtes Europa. Steuern und Energie sind ein starkes Argument dafür.

helmut armbruster | Fr, 20. März 2020 - 08:43

und ist die Krise noch so groß
Beamter ist ein gutes Los.
Wer in Kurzarbeit geschickt wird erhält 60% seines Nettoeinkommens. Wie soll er damit klar kommen?
Wem der Arbeitsplatz (betriebsbedingt) gekündigt wird sieht sich plötzlich als Arbeitsloser.
Wenn ein Ladenbesitzer seinen Laden schließen muss, hat er keine Einnahmen mehr, die Kosten laufen aber weiter.
Jeder Selbstständige hat dasselbe Problem wie der Ladenbesitzer.
Nur unsere Beamten haben kein Problem. Sie können sich beruhigt zurück lehnen und sich sagen, was geht mich die Krise an.
Ich finde das ist ein Privileg, also eine Vorzugsbehandlung, die nicht (mehr) zu rechtfertigen ist. Es kann nicht sein, dass eine solche Krise das ganze Land und jeden trifft, aber die Beamten trifft es nicht.

war so, ist so, bleibt so. Daran wird nicht gerüttelt. Das ist ja das
Erschreckende. --

Hat was von der Schaumweinsteuer... (war so, ist so, bleibt so).
Die Schaumweinsteuer wurde 1902 vom Reichstag zur Finanzierung der kaiserlichen Kriegsflotte eingeführt, weil „bei einer so starken Steigerung der Ausgaben für die Wehrkraft des Landes auch der Schaumwein herangezogen werden muß“.[1] Der Beschluss des Schaumweinsteuergesetzes durch den Reichstag erfolgte nach drei Beratungen in der Sitzung am 26. April 1902. Es wurde am 15. Mai 1902 veröffentlicht (RGBl. Seite 155) und trat am 1. Juli 1902 in Kraft.[2][3]

Dorothee Sehrt-Irrek | Sa, 21. März 2020 - 12:27

zu einer, wie ich aus dem Artikel lerne, zu großen Teilen beherrschbaren Krise.
Weil nämlich ALLE zusammenarbeiten und von einander lernen.
Ich muss mir auch keine Ökonomie aus den Fingern saugen, weil diese
Überlegungen geliefert werden.
DANKE
Und damit möglichst viele Kommentatoren hier im Forum veröffentlicht werden können, frage ich, was dem Cicero fehlt, um eine entsprechende Redaktion auszubauen.
Der Cicero ist klein, aber m.E. sehr sehr wichtig.

die Abwanderung von Betrieben.
Betriebe haben auch etwas mit Allocation? zutun.
Bedingungen müssen erfüllt sein und werden im Allgemeinen, da meist auf Kreditbasis, durch Banken/Sparkassen hinterfragt und ständig beurteilt, bevor Geld geliehen wird.
Wenn man einen Betrieb wegen niedrigerer Löhne sagen wir nach Indien auslagert, hier in Europa aber verkaufen will, dann funktioniert das meist nur bei viel zu niedrig angesetzten Transportkosten.
Will man aber expandieren, dann machen solche Löhne in den Ländern "Sinn", Produktion aufzubauen für ein Know How, das evtl. dort nicht entwickelt wurde.
Langfristig kann/muss man Löhne aber mit steigendem Anspruch auf die Arbeitskraft/Ausbildung der Beschöftigten erhöhen.
Etwas anderes ist die internationale Verteilung der Produktion von bestimmten Waren.
In der Herstellung billiger, weil konzentrierter, schwierig aber, wenn diese Länder ausfallen.
Das zeitweise Umstellen von Produktion muss angedacht werden->Krisenmodus in geordneten Bahnen.

Ich habe eimal EXTREM KURZ in einem Katastrophenschutzamt gearbeitet.
Da für eben kurze Zeit und "niedere Aufgaben" bezahlt, hatte ich Zeit, über das Phänomen Katastrophe nachzudenken.
Aufs Große und Ganze gesehen sind viele scheinbar zuletzt nicht zielführende Handlungen, dann doch irgendwann zu gebrauchen?
Man schnuppert hinein, bekommt die Ahnung eines Feelings, kann etwas besser einordnen.
Ich setze auf Komplexität der Gesellschaft, der Politik, des Staates, nicht auf Vereinfachung.
Wenn nicht selbst geeignet, so gibt es doch die Spezialisten an allen Orten.
Und ganz ohne trial and error geht es nicht, auch nicht bei staatlichen Planungen.
Ein großes z.B. wissenschaftliches Brainstorming, andere Expertisen aus Wirtschaft etc., so ein "Sturm" setzt ungeheure Kräfte frei, die aber immer noch gesteuert werden können, wenn man alle Arten von "Winden" kennt und meistert.
Da stimmt dieser Spruch schon, dass man nicht aus Angst vor dem Leben Selbstmord begehen solle/dass Rettendes wächst