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Küchengerät Thermomix - Die deutsche Antwort auf Apple und Co.

Kolumne: Zwischen den Zeilen. Der Thermomix von Vorwerk flutet deutsche Haushalte. Er kann fast alles – außer Staubsaugen. Ein Automat, so funktional wie der Deutsche selbst

Autoreninfo

Timo Stein lebt und schreibt in Berlin. Er war von 2011 bis 2016 Redakteur bei Cicero.

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Der blinde Fleck der Astrophysik ist die Singularität. Sie beschreibt, vereinfacht gesagt, die theoretische Konstellation, dass sich alle Masse in einem einzigen Punkt vereint. Ein schwarzes Loch. Dort, wo Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie endet und die Quantenphysik beginnt. Dort, wo altes Wissen auf neues stößt und urknallartig Unwissen erzeugt. Ein, nein, das Paradoxon unserer Zeit. Dialektik ohne erkennbare Synthese. Nichtwissen auf allerhöchstem Niveau. Wer die Singularität entschlüsselt, entschlüsselt die Welt.

Meine Singularität heißt Thermomix. Eine Küchenmaschine. Genauer: Modell TM5. Das Schweizer Taschenmesser im Küchengeräteuniversum. Ich kannte es nicht. Bis die Süddeutsche Zeitung ihm die Seite Drei (!) widmete. Jene spezielle Seite, die eigentlich dem Besonderen ein Zuhause geben soll.

Die Suche nach der absoluten Machbarkeit


Nun also einem Küchengerät. Doch dieses Gerät ist mehr als ein schlichtes Mixgerät mit Heizfunktion. Es ist ein Bekenntnis, ein Symbol, ein anthropologischer Fußabdruck. Das Phänomen Thermomix verrät über deutsche Haushalte mehr als jede soziologische Studie der letzten 150 Jahre.

Denn der Thermomix ist die deutsche Antwort auf die Suche nach etwas Universellem, der Wunsch nach absoluter Machbarkeit, nach Funktionalität in mitunter absurder Perfektion. Ästhetik spielt da eine untergeordnete Rolle. Der Thermomix in der Politik heißt übrigens Angela Merkel.

Bereits der TM5-Phänotyp verrät, auf was der bundesrepublikanische Thermomix-Nutzer verzichten kann: Design, Schöngeisterei. Der Thermomix ist ein überdimensioniertes abgerundetes Oval. Mittig nimmt ein Edelstahltopf darin Platz. Herzstück ist ein rotierendes Vier-Klingen-Schlagmesser, getrieben von einem Laufwerk, das auf über 10.000 Umdrehungen pro Minute kommt. Im Rechtslauf zerkleinert das Schlagmesser, im Linkslauf wird gerührt. Man kann damit mixen, kochen, backen, wiegen, dünsten. Der Thermomix ersetzt Küche und Koch. Mehrere Aufsätze machen aus dem Mixgerät eine Art Wolpertinger der Küchenästhetik. Via Display sagt es dem Nutzer, womit es gefüttert werden will. Eine Maschine, die im Unklaren lässt, wer hier eigentlich der Automat ist.

Der Thermomix kommt aus dem Hause Vorwerk. Richtig, jenes Wuppertaler Familienunternehmen, das die alte Republik Jahrzehnte lang mit Staubsaugervertretern terrorisierte. Doch längst hat der TM5 dem berüchtigten Kobold-Staubsauger den Rang abgelaufen. Auch Vorwerk geht mit der Zeit: Zielgruppe ist nicht mehr die Koboldhausfrau, sondern die Karrierefrau mit wenig Zeit. Die Nachfrage ist riesig. 12 Wochen Wartezeit müssen Thermomixfans in Kauf nehmen.

Das Thermoversum hinter dem Mixer


Zukunftsvisionen wirken im Rückblick schräg. So wird es beispielsweise niemals ein Raumschiff geben, dass wie die alte Kirk-Version mit blinkenden und klobigen Knöpfen ausgestattet ist. Es wird interstellare Raumfahrt geben, aber keine Enterprise, so wie sie sich der Erfinder Gene Roddenberry vorstellte. Das ist der Unterschied zum TM5. Ihn gibt es. Hätte man in den 60er Jahren Futurologen gebeten, eine Küchenmaschine für das 21. Jahrhundert zu entwerfen, sie hätten eins zu eins den Thermomix kreiert. TM5 ist Zukunft, direkt aus der Vergangenheit.

Die USA haben das Silicon Valley. Die deutsche Antwort lautet TM5. Wenn es noch eines Beweises kontinentaleuropäischer Rückständigkeit auf Angebots- als auch Nachfrageseite in Sachen Innovation bedurft hätte, dann kommt der Thermomix gerade recht.

Hinter dem Mixer lauert längst ein ganzes Thermoversum. Eine ungeahnte Parallelwelt, die einen fassungslos macht, weil sie die Singularität deutscher Haushalte in ganzer Rätselhaftigkeit ins Gedächtnis ruft. Es existieren unzählige Videos im Internet, in denen die Thermofrau von heute ihre Rezepte präsentiert. Mehrere Zehntausend Klicks sind Minimum.

Frauen, die aussehen wie der Thermomix höchst selbst: mit Fächern und Multi-Funktionen, funktional gekleidet und universell im Bau. Sie nennen sich Tanjas Thermi TV oder Thermimaus, bereiten Hackbällchen Toskana zu oder tauschen Schnitzelrezepte.

„Hallo, da bin isch schon wieder. Isch möschte mit euch ganz schnelle Brötschen machen“, ruft Tanja Thermi ihrem YouTube-Publikum zu. Sie steht inmitten ihrer heimischen Einbauküche. Der Thermomixer in freier Wildbahn. Gardinchen hängen verwegen auf Halbmast am Küchenfenster. Kindergejaule im Hintergrund. Die Zuschauer werden Zeuge, wie Tanja mit blondiertem Bübchenschnitt Wasser abmisst und abgewogenes Dinkelmehl in die Kamera hält. Der Hund bellt. Und wir erfahren, dass das Rezept von der Iris ist und wie akkurat man eine Arbeitsplatte einmehlt.

Nächster Kanal: Zu Gast bei Thermifee. Selber Haarschnitt, ähnliches Einbauküchenmodell, aber Erbsensuppe mit Würstchen im Programm. Das Rezept sei auch für die TM-31-Besitzer geeignet, beruhigt die Thermifee. Puh, das kritische Thermomix-Publikum der alten Schule atmet auf. Mettenden rücken in den Fokus. Unterdessen kocht Thermi-Maus auf einem anderen Kanal Eierlikör mit ganzen Eiern. Wieder Gardinen, wieder der obligatorische Kurzhaarschnitt. Was bleibt, ist ein Verdacht: Wird diese verflixte Wundermaschine am Ende etwa auch noch Haareschneiden können?

Merke: Es gibt den typischen Thermohaushalt. Samt thermomixtypischem Inventar. Da wird einem ganz schwindelig ums Thermoherz. Ja, diese Maschine egalisiert. Dennoch: Thermomixvideos schauen ist wie nachts um drei auf seine Facebook-Timeline zu starren. Es beruhigt. Weil man weiß, dass die Welt zwar hoffnungslos verloren ist. Aber zumindest auch dann und wann noch stillsteht.

Fotos: picture alliance

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