#Metoo - Fundstück: Sex und Grenzen

Das Magazin „Time“ würdigt die Frauen der #MeToo-Bewegung als „Personen des Jahres“. „Cicero“-Chefredakteur Christoph Schwennicke traut sich zu dem Thema ausnahmsweise keine Meinung zu. Empfiehlt aber die Lektüre eines Philosophen

Slavoij Zizek
Nicht die „Person des Jahres“, aber ein kluger Kopf: Slavoj Zizek / picture alliance

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Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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Bei dieser Sexismus-Debatte tue ich mich schwer. Sie ist berechtigt und befremdet mich zugleich in weiten Teilen, ich kann gar nicht genau sagen, warum. Vielleicht ist das Thema Sex einfach viel komplexer als Politik. Da traue ich mir viel eher regelmäßig Urteile zu. Vielleicht verstehe ich von dieser Sache auch einfach nicht so viel wie andere.

Zugleich habe ich das diffuse Gefühl, dass in überbordend guter Absicht gerade ganze Kindergärten mit dem Bade ausgeschüttet werden. Und am Ende nichts besser ist. Der Sex schon gar nicht. Soweit ich das als interessierter und gelegentlich teilnehmender Beobachter überblicke, hat Sex immer mit Entgrenzung zu tun. Und die erste Annäherung beziehungsweise dessen Anbahnung immer mit einer (kalkulierten) Grenzüberschreitung.  

Monate vor Metoo habe ich zufällig in der Neuen Zürcher Zeitung einen Aufsatz von Slavoj Zizek gelesen, der die Sache auf eine weit höhere Ebene gehoben hat als die meisten, die sich jetzt dazu zu Wort melden. Hier daher statt einer abgeschlossenen eigenen Meinung ein Lesehinweis zur Bildung der jeweils eigenen. Ergebnisoffen.


Mit unseren „Fundstücken“ wollen wir in loser Folge auf außergewöhnliche Standpunkte aus dem Netz und anderswo hinweisen. Dies ist der Auftakt der Reihe.
 

Stefan Leikert | Mi, 6. Dezember 2017 - 19:38

Erstmal: vielen Dank für dieses Fundstück und hoffe auf eine schöne, lange Reihe weiterer! Erst wollte ich zu Zizek's Artikel etwas sagen, auf der Ciceroseite zurück fällt mein Blick aber darauf: "außergewöhnliche Standpunkte". Nö, ist nicht außergewöhnlich, sondern leider nur ungewohnt, sofern man Selberdenken nicht übt und sich nur auf den breiten Wegen aufhalten will. Links und rechts im Gebüsch und Unterholz ist es interessant und lehrreich. Natürlich auch ein bisschen anstrengender.

Heidemarie Heim | Mi, 6. Dezember 2017 - 21:00

Eine schöne Erweiterung des CICERO. Dient m.E. auch zur Abwehr des Vorwurfes eines wie immer
gearteten "Blasenjournalismus" inkl. aller Beteiligten im Kommentar-Hohlorgan ;-). Das mit dem "Sex nach Deklaration", dem neuesten Schrei aus USA, war mir gänzlich unbekannt. Gehört dies nun auch zum ehelichen Pflichtprogramm? Fein säuberlich und ordentlich abgeheftet im Leitz-Ordner? Vor Beginn sorgfältig verstauen! So ein Teil im Kreuz könnte den Gefühlen abträglich sein.
Also "Easy Livin" stelle ich mir gerade etwas anders
vor, bzw. fällt mir ein Standardspruch eines Bekannten ein:" Ich bin zu alt für so `nen Sch...!" Eine weitere Idee wäre dann noch die Deklarationen zu sammeln & archivieren. Für spätere Zeiten als Beleg und Zeugnis eines aufregenden Lebens. Das erzeugt bei etwaigen Kindern und Enkeln garantiert Bewunderung,(nach Überwindung des ersten Würgreflexes). Auch Altherrenwitze erübrigen sich. Da hat man aber einen Stein ins Rollen gebracht. Und das mit einem 2$-Kit ! MfG

Volker Weisheit | Mi, 6. Dezember 2017 - 22:46

die Diskussion selbst nimmt bizarre Züge an: Beliebigkeit mit Absicherung: Dem Leben soll das Unbill genommen werden (Des Lebens Unbill soll reguliert werden), indem jeweils eine "Reiserücktrittsversicherung" rechtsverbindlich abgeschlossen wird. Natur und Umwelt werden versucht in positives Recht zu verwandeln, das Individuum, Träger des freien Willens, tritt dabei zurück. Statt die Individualität zweier Subjekte zu fördern wird nun deren Existenz durch positives Objekt ersetzt, wodurch beliebiges Empfinden zum Rechtssubjekt wird: Ein Abgesang auf den freien Citoyen, jedoch eine Rückkehr der Reaktion. Untertanen.

Ulrich Jarzina | Mi, 6. Dezember 2017 - 23:10

Mit einem Urteil über #metoo tue ich mich auch schwer. Für mich liegt #metoo irgendwo zwischen den Missbrauchsvorfällen am Berliner Canisiuskolleg einerseits und dem Kachelmannprozess andererseits.
Ähnlich wie der offene Brief des damaligen Kollegrektors, Pater Mertes, eine Öffentlichkeit herstellte, die es Missbrauchsopfern ermöglichte, offen über ihr Leid zu sprechen, schätze ich an #metoo, dass die Bewegung mittels der Medien auf ein strukturelles Problem hinweist.
Ohne den öffentlichen Druck hätte es damals kein Umdenken in der kath. Kirche gegeben - ohne öffentlichen Druck wird es heute kein Umdenken in Hollywood geben.

Auf der anderen Seite hat der Prozess um Jörg Kachelmann verdeutlicht, wie leicht der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs als Waffe verwendet werden kann, um die Existenz eines anderen Menschen zu zerstören und sich selbst aufzuwerten.

Die Möglichkeit, dass #metoo ebenfalls als Waffe verwendet wird, ist da. Ich fürchte, von ihr wird auch Gebrauch gemacht.

Tomas Poth | Mi, 6. Dezember 2017 - 23:25

brachte lesenswerte Lektüre. Diese ganzen verkrampften "Bewegungen/Bemühungen" dem Menschen das was ihn ausmacht in Teilen zu nehmen , damit er nur "Gut sei", wird ihn nur unter Repression setzen die sich früh oder spät entlädt und zum Gegenteil führt. Wie die Religionen ihre sexfeindliche Haltung zur Steuerung ihrer Gläubigen braucht, wird hier versucht etwas neues zur Gängelung des Menschen auf die Schiene zu bringen.

Dorothee Sehrt-Irrek | Do, 7. Dezember 2017 - 11:04

gehe ich nicht von einer Entgrenzung aus sondern von Verschmelzung, es sei denn man begrenzt auf das Individuum.
Die Individuen stehen qua Geburt so im Feld der Anderen, dass es sich um eine Anfrage handelt.
Die Idee, man könne Sexualität aus dem Raum der Individuen tilgen oder deren Selbstsein opfern ist ein Widerspruch in sich selbst.
Kein Wunder, wenn sich ein Philosoph dazu äußert.
Die Grenzüberschreitung ist die von der Anfrage zur Beharrung, wenn man mich fragt.
Zu beachten wären auch die Räume, in denen die Anfragen gestellt werden.
Es gibt solche, die ein Individuum eher davor schützen, andere, die sie wahrscheinlicher machen.
Eine Party ist kein Bewerbungsgespräch für eine Rolle.
Die Wahl finde ich in Ordnung, denn sie wird für die Zukunft auch Präsidenten wie Bill Clinton ausschliessen.
Trump kann sich Flapsigkeiten überhaupt nicht mehr leisten.
Eine win-win-Situation würde ich sagen.
Selbst Merkel konnte für einen Moment aus der politischen Versenkung auftauchen..

Dorothee Sehrt-Irrek | Do, 7. Dezember 2017 - 13:18

als brillianter Denker, obwohl auch ihn der Vorwurf treffen könnte, dass ihm übers Denken die Wirklichkeit abhanden kommt.
Das können sich ganz andere wieder zunutze machen?
Man kann sehr wohl über Schutz reden, man muss nur die Bedingungen richtig formulieren und überhaupt die Ausgangslage annähernd beschreiben.
Und die wäre, dass wir aus Sexualität entstehen, es also niemals! eine Zumutung sein kann, selbiger zu begegnen.
Wollte man die Sexualität vom Individuum nehmen, möchte ich bitte wissenschaftlich haltbare Ansätze.
Was ich immer nur am Rande so über die USA mitbekommen, läuft für mich hinaus auf die Wahrscheinlichkeit, dass es dort in keinster Weise eine Einvernehmlichkeit, sprich Gesellschaft gibt, aber Millionen Rechtswege, den Zustand zu verlängern.
Wenn ich Probleme "mit" Habermas hatte, dann mit dessen Sicht der USA.

Ingo Isenhardt | Do, 7. Dezember 2017 - 16:39

Erinnert sich noch Jemand an die französische Politikerin Edith Cresson, die sich darüber beklagte, dass die Männer in nördlichen Gefilden die Frauen überhaupt nicht anschauen würden? Sie zielte damals wohl vor allem auf die Briten, aber gemeint sind natürlich Angehörige des männlichen Geschlechts, die ungeübt in Komplimenten für Frauen sind. Cressons Tenor war wohl: WIR WOLLEN ANGESCHAUT, BEACHTET WERDEN ALS FRAUEN! Als ich in Spanien lebte, habe ich als Teutone gelernt, "piropos" auszusenden, kleine Schmeicheleien gegenüber hübschen Frauen, in der Metro, auf der Straße, im Vorübergehen, einfach so, ohne wirklich anbaggern zu wollen. Damit würde ich heute vorsichtig sein in dem jetzt entstandenen gesellschaftlichen Klima. Aber der jetzige Skandal kommt ja auch vor allem aus dem angelsächsischen Bereich, wo Zwischenmenschliches häufig ökonomischem Kalkül zugeordnet werden muss.

Dorothee Sehrt-Irrek | Do, 7. Dezember 2017 - 18:23

In reply to by Ingo Isenhardt

und Sie sind sicher, dass Sie auch die Ergebnisse der Schmeicheleien (er)tragen wollen?
Mir hat noch nie jemand geschmeichelt und wenn, hätte ich es nicht verstanden.
Die Art der Kommunikation ist mir fremd.
Ich würde in den Ländern aber auch nicht freiwillig leben wollen.
Ich überlege gerade, ob ich Männern schmeicheln würde.
Nein, ich sage meist, was ich denke.

von meinem Vater weiss ich zwei Beschreibungen von mir,
Alpha) Dorothee, Du bist nicht schön, Du bist klug, die ich übrigens lange nicht annehmen wollte. Er hatte aber doch mehrere Töchter:)
Omega) Ich war für ihn seine "Athene", entsprechend wurde ich genannt Dorothee, Gottesgeschenk (Ich gebe Dich), was mir nicht selten eine Last war.
Aber jeder macht, was er kann.
Ich beklage mich nicht.
Beziehungen waren für mich nun nicht das, was Kant über den gegenseitigen Gebrauch der Geschlechtsorgane schrieb, aber auch nicht so weit davon entfernt.
Sie sind...für mich BESTENfalls ein-leuchtend, weshalb ich die Kritik der reinen Vernunft erotischer finde als das Decamerone, Letzteres auch nie gelesen habe:)

Ruth Müller | Do, 7. Dezember 2017 - 19:03

[...] "Hierbei wird das Mitgeteilte zwar seiner Bedeutung nach prinzipiell verstanden, aber seinem Sinn nach nicht akzeptiert, etwa weil eine zugrunde liegende Auffassung nicht geteilt wird."

Es ist eine Diskussion entstanden die am Thema vorbei geht. Eine Strang der selektiv nur bestimmte Gruppen als Missetäter aufgeführt sehen will ist für mich unglaubwürdig und manipulativ.

Als Beispiel möchte ich Schweden aufführen. Das Land mit der höchsten Vergewaltigungsrate der Welt. Eine von Frauen dominierte Regierung die mit Männern zusammen die sich selber als Feministen sehen - regieren dieses Land.
Wie kommt so etwas unter diesen Umständen zustande? Das ist schon einmal absurd oder zumindest widersprüchlich.

Hintergrund:
Da die Täter zumeist aus orientalischen Ländern kommen wird darüber nicht gesprochen. Ergo - #metoo ist eine politische Farce - am Beispiel Schwedens sichtbar.
.

Der Text von Zizek ist sehr klug und aufklärend - dafür Danke an den Chefredakteur.

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