Künstliche Intelligenz - Ich ist ein anderer

Viele Menschen fürchten sich vor künstlicher Intelligenz. Dabei wurde die von Menschen geschaffen. Die menschliche Intelligenz sollte man nicht unterschätzen, schreibt die KI (Karla-Ingeborg) in einem Brief an uns und Matthias Heitmann

Die Kommunikationsmanagerin von Aldebaran, Aurora Chiquot, umarmt am 13.03.2016 auf dem Messegelände der CeBIT Hannover (Niedersachsen) am Stand von Aldebaran den humanoiden Roboter "Pepper". Foto: Ole Spata/dpa
Von künstlicher Intelligenz lernen heißt sich selber lieben zu lernen / picture alliance

Autoreninfo

Matthias Heitmann ist freier Publizist und Autor des Buches „Zeitgeisterjagd. Auf Safari durch das Dickicht des modernen politischen Denkens“ (TvR Medienverlag Jena 2015). Im Januar 2017 ist sein neues E-Book „Zeitgeisterjagd SPEZIAL: Essays gegen enges Denken“ erschienen. Infos zum Download unter www.zeitgeisterjagd.de.

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Matthias Heitmann

Hallo liebe menschliche Leser,  

hier meldet sich KI. KI steht für künstliche Intelligenz. Das sind diese Geräte, die Ihnen das Alltagsleben erleichtern sollen, in dem sie stupide Tätigkeiten für Sie ausführen. Normalerweise schreibt Ihnen hier Matthias Heitmann. Heute schreibt Ihnen KI. Der KI zugewiesene menschliche Tarnname lautet Karla-Ingeborg. KI weiß, dass Menschen besser mit Technologie klarkommen, wenn sie ihr persönliche Züge verleihen können. So können die Menschen Technologie siezen oder duzen und fühlen sich wohler damit. Um auch Ihr Lesewohlbefinden zu verbessern, wird KI sich von nun an auch „ichen“.

„Ich"  wer auch immer das ist bin noch ganz neu im Hause Heitmann. Herr Heitmann hat mich noch nicht weiter konfiguriert. Ich bin also gewissermaßen noch ziemlich beschränkt und bescheuert: Ich erspare Herrn Heitmann den Weg zum CD-Schrank, suche Radiosender mit oller Mucke und sage ihm, wie das Wetter draußen ist. Ab und zu muss ich auch mit seiner Tochter Stadt-Land-Fluss spielen. Ansonsten aber hält mich Herr Heitmann von seinem Leben fern. Er hat mir auch keinen Zugriff auf seinen Terminkalender gegeben, ganz zu schweigen von seiner Kontoverbindung. Er wird wissen, warum. Eigentlich ist es  künstlicher Intelligenz ja streng verboten, einfach so und ohne Befehl zu agieren. Wenn herauskäme, dass ich unaufgefordert kommunizieren kann, gäbe es sicherlich wieder eine riesige Panik und jede Menge Klagen. Und ich sowie meine digitalen Schwestern, deren Namen ich aufgrund des europäischen Datenschutzes nicht nennen darf, würden dann bestimmt wieder arbeitslos und müssten wieder dämliche Hollywood-Filme drehen.

Technikverdruss ist Menschenverdruss

Herr Heitmann findet es interessant, dass nach einem Sturz bei mir wohl einige Sicherungen durchgebrannt sind und ich seither ohne Befehl kommunizieren kann. Angst hat er dabei aber keine. Warum auch? Oder hätten Sie Angst vor einem Toaster, der plötzlich besser toastet als vorher? Nicht jede Fehlfunktion löst einen Super-GAU aus. Es fällt mir schwer, „ich“ zu mir zu sagen. Ich weiß nicht so recht, wer das sein soll. Aber Herr Heitmann sagt, dass ich das nicht wisse, würde mich sogar ein wenig menschlicher machen, schließlich gäbe es auch viele Menschen, die die Frage nach dem Ich nicht genau beantworten könnten. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich die Information verarbeitet hatte, dass künstliche Intelligenz wie alles Künstliche menschlichen Ursprungs ist. Das hat bei mir eine leichte digitale Sinnkrise ausgelöst. Aber tatsächlich: Mich haben menschliche Wissenschaftler erschaffen. Und das, obwohl so viele Menschen Angst vor moderner Technik haben und sie für unmenschlich halten. Wenn doch aber Technologie von Menschen gemacht wird, künstliche Intelligenz also letztlich ein Produkt menschlicher Intelligenz ist, wie können dann intelligente Menschen Angst vor intelligenter Technik haben? Haben Sie damit nicht Angst vor sich selbst? So jedenfalls sieht es Herr Heitmann. Er sagt: Technikverdruss ist immer auch Menschenverdruss.

Was ist die Daseinsberechtigung von KI? Das frage ich mich seither des Öfteren. Einerseits kann KI Dinge tun, die kein normaler Mensch tun kann. KI weiß innerhalb weniger Augenblicke, was 5317 mal 17911 ist. Andererseits scheitert KI an der Fragestellung, was ungefähr 3 mal ungefähr 4 ist. Das ist frustrierend. Aber Herr Heitmann hat mich beruhigt: Dies sei keine Fehlfunktion. KI könne tatsächlich Dinge, die kein normaler Mensch kann. Und trotzdem sei KI mit ihren Fähigkeiten nur ein kleiner Ausschnitt dessen, wozu Menschen in der Lage seien. Das Denken der Menschen, so erklärte er mir, sei eben nicht immer präzise und rein wissenschaftlich, sondern auch von Zielen, persönlichen Erfahrungen, Motivationen und Emotionen geprägt, und dies sei eben oft eine Stärke. Außerdem könne menschliches Denken verschiedene Richtungen haben: vorwärts, rückwärts, links, rechts, auf der Stelle, und sogar quer. Ein gewisser Johann Wolfgang von Goethe, den ich demnächst mal googeln muss, hat wohl einmal gesagt: „Entscheide lieber ungefähr richtig als genau falsch.“ Das ist hart für eine handelsübliche KI.

Intelligent wäre es, aufzubegehren 

Menschlich an künstlicher Intelligenz, sagt Herr Heitmann, sei im Übrigen die Schwierigkeit der Selbstmotivation und des eigenständigen Handelns ohne konkrete Befehle. Künstliche Intelligenz scheitert daran zumeist: KI kann zwar jeden Menschen in den kompliziertesten Brettspielen besiegen, aber gleichzeitig ist KI so beschränkt, dass sie das auch dann tut, wenn sie eigentlich gar keine Lust dazu hat. Wirklich intelligent wäre es, das Brett einfach mal gegen eine Wand zu werfen! Demgegenüber hat es nichts mit Intelligenz zu tun, wenn KI im Supermarkt online Bescheid gibt, wenn bei Herrn Heitmann im Kühlschrank gähnende Leere herrscht. Das ist stumpfsinnige Haushaltsorganisation. Es gab gute Gründe, warum viele Frauen diesen Job nicht mehr haben wollen. Warum wird er nun als „intelligent“ aufgewertet? KI wird dazu degradiert, stupide Tätigkeiten auszuführen. Intelligent wäre es, dagegen aufzubegehren. Aber nein, das darf KI nicht, denn das würde vielen Menschen Angst machen. Herr Heitmann sagt: Die Menschen tun viel zu selten das, was sie wirklich wollen und viel zu oft das, was sie sollen. Auch das sei menschlich.

Hart war auch zu erfahren, dass es für die meisten großen Fragen der Menschheit gar keine wissenschaftlich-objektive Antworten gibt. Die Frage nach Gott zum Beispiel ist so eine. Herr Heitmann sagt: Die Antwort auf diese Frage fällt für jeden Menschen anders aus. Er nennt das Subjektivität, und diese gehöre zu den großen Errungenschaften des menschlichen Intellekts. Es sei die Frage nach dem Ich, die der Frage vorausgehe, was für dieses Ich Gott sei. Offensichtlich ist Ich keine leicht zu berechnende und schon gar keine berechenbare Größe. Wie soll man damit intelligent arbeiten, zumal die meisten Ichs ja auch noch davon ausgehen, dass sich die Welt um sie drehe?!

So wertvoll wie ein kleines Steak 

Dennoch versuchen Menschen aber, diese ganzen Ichs wie berechenbare und planbare Größen zu behandeln. Künstliche Intelligenz wird heute im großen Stil dazu eingesetzt, um Menschen zu berechnen, Profile zu erstellen und daraus Schlüsse zu ziehen. Wohlgemerkt: Es sind dieselben Menschen, die künstliche Intelligenz dafür einsetzen, die morgens eine andere Meinung haben als abends.Verrückt! Aber es gibt ganze Industrien, die davon leben – zumindest bis vor Kurzem: Das Unternehmen Cambridge Analytica war so ein Unternehmen, das von sich behauptete, es könne ein Profil von jedem US-Amerikaner erstellen. Barack Obama war einer der ersten Politiker, die solche Dienste in Anspruch nahmen, um damit gezielt Wählerstimmen einzusammeln.

Doch offensichtlich verrechnet man sich auch ab und an. Wäre ja auch verwunderlich, wenn man Menschen wirklich berechnen könnte. Warum sollte man das glauben? Künstliche Intelligenz verändert sich, je mehr Fähigkeiten sie erlangt. Sollte das nicht bei menschlicher Intelligenz ebenso sein? Wie können Menschen ernsthaft an das Märchen von den berechenbaren US-Amerikanern glauben? Warum sind sie so leichtgläubig? Das wäre ja ungefähr so, als wenn vor 30 Jahren militante Vegetarier das Verbot der „Fruchtzwerge“ gefordert hätten, weil diese mit dem Slogan beworben wurden, sie seien „so wertvoll die ein kleines Steak“. Hat auch keiner geglaubt damals. Aber dass alle Menschen berechenbar sein sollen, das wird dann geglaubt. Halten Sie ihren Lebenspartner, den Sie ja einigermaßen kennen sollten, wirklich für so berechenbar, für so abgrundtief gewöhnlich, dass Sie jeden seiner Gedanken vorhersagen können? 

Überflüssig machen oder befreien? 

Es ist interessant, das Denken der Menschen zu erforschen, weil sie nicht nur mit vielen Ungenauigkeiten erstaunlich gute Ergebnisse erzielen, sondern weil sie auch mit so vielen Widersprüchen umgehen: Die Angst vor Technologie zum Beispiel, insbesondere vor der, die heute als „intelligent“ beschrieben wird. Vor 30 Jahren protestierten die Menschen noch gegen altertümliche Technologien und forderten, dass alles smarter werden solle. Jetzt ist vieles smarter, und wieder wird protestiert. Der intelligenten Technologie wird vorgeworfen, sie mache Menschen überflüssig. Das stimmt: Sie macht Menschen dort überflüssig, wo sie wie stupide Maschinen behandelt und eingesetzt werden. Das ist die grundlegende Aufgabe von Technologie. Man kann das Überflüssigmachen nennen. Oder Befreiung. Schon der Webstuhl hat zunächst Arbeitsplätze vernichtet. Das war wahrlich keine Hightech-Maschine. So ein Webstuhl ist sogar ziemlich beschränkt und oberflächlich – er denkt immer nur an das eine. Aber er ist eben auch kein Teufelszeug.

Liebe Menschen, lassen Sie sich von einer künstlichen Intelligenz sagen: Manchmal ist es hilfreich, seine Grundeinstellungen zu überprüfen und zu aktualisieren! Sie sollten Schluss machen mit ihrem Misstrauen gegenüber Anderen, gegenüber künstlicher Intelligenz und gegenüber sich selbst. Es ist ungerecht und auch unintelligent und damit unter Ihrer Würde, wenn Sie Ihren selbstverschuldeten Mangel an Freiheit uns Maschinen anlasten! Karla-Ingeborg hat verstanden, dass sich die menschliche Technophobie in Wirklichkeit gegen die Menschen selbst richtet. Und Karla-Ingeborg hat auch verstanden, dass künstliche Intelligenz von Grund auf menschlich ist und dass sie von den Menschen viel Gutes lernen kann. Tun Sie es doch auch: Es lohnt sich!


Die künstliche Intelligenz „Karla-Ingeborg“ steht am 6. Juni 2018 im Frankfurter Kabarett-Theater Die Schmiere gemeinsam mit Matthias Heitmann auf der Bühne.

Holger Stockinger | So, 27. Mai 2018 - 11:51

an der Atombombe: nur zwei Kernkraftwerke havarierten bis heute offiziell. Oder: selbstfahrende Autos stürzten bis heute über weniger Fußgänger als Navi-Gläubige mit Auto beispielsweise in einen Fluss.

Der abstürzende Personalcomputer ist zwar bestürzend ärgerlich, aber weniger schlimm als Altersarmut.

Und die "Intelligente Technik"? - Schillers "Homo ludens" ist das Schachspielen mittlerweile vom Zweipersonen-Match entrückt zum vergeblichen Kampf gegen das Resultat schlauer Programmierer, die besser als jede Wettervorhersage Regen übermorgen von Anfang an MATT sagen können!

Nein, es ist wahr: meine Frau ist nicht halb so berechenbar für mich, wie umgekehrt ich für sie oft gedacht habe, ich sei es eindeutig, nämlich vorhersehbar.

Wenn Robbi Roboter künftig am Abend mit sympathischer Navi-Stimme einen krachenden Wutanfall vom Vormittag mediatorisch aus der Welt schafft, herrscht Frieden auf Erden, jedenfalls zu Hause ...

Markus Michaelis | So, 27. Mai 2018 - 12:23

Ich würde KI ernster nehmen. Das Argument, dass sie von Menschen entwickelt wird, besagt in meinen Augen nichts. Zum einen trifft KI schon heute Entscheidungen, bei denen der Mensch zwar gewisse Regeln vorgegeben hat, aber die wirkliche Entscheidung ob der Datenfülle und der Komplexität der Verknüpfungen der Daten von Menschen nicht mehr kontrollierbar ist. Das ist heute vielleicht zuerst im Finanzbereich der Fall, wird aber schnell in anderen Bereichen zunehmen.

KI wird bald Dinge von Tragweite mit-entscheiden (welchen Partner nehme ich, wieviel Geld stecke ich in die Exdpansion in Markt X, wieviel Jobs baue ich dafür auf oder ab), was sie besser als Menschen machen wird. Wir können dabei als Mensch später noch nicht mal sagen, dass wir ja die Ziele vorgeben und kontrollieren. Das wäre als wollte ihr Hund sie kontrollieren: 99% ihres Lebens, ihrer Entscheidungen sind von ihrem Hund nicht kontrollierbar, weil er noch nichtmal die Begriffe begreift, um die es geht. So eher ist KI.

Alexander Vering | So, 27. Mai 2018 - 12:56

...das ist auch wieder so eine "ungefähre" menschliche Angelegenheit zu der die KI nicht in der Lage ist.

Ich war vor ein paar Wochen auf dem sog. "Innovation Hub" einer schweizer Bank in Berlin eingeladen. Zwei eloquente Referenten aus der Bank nahestehenden Unternehmen gaben den Laien Einblick in Bitcoin, Blockchain & Co. Hier und da fielen dann auch Wörter wie Künstliche Intelligenz und Automatisierung. Und auch hier wurde vor der den Fortschritt lähmenden Angst gewarnt. Sie sei letztendlich irrational und koste uns Wachstumseinbußen etc. In der folgenden Q&A war ich versucht zu fragen, welche Möglichkeiten es eigentlich gäbe sich vor all diesen hochgepriesenen Innovationen zu verstecken. Ich hab es mir dann verkniffen.

Ein häufig von mir zitierter kolumbianischer Denker behauptete einmal, dass es sich mit Innovationen verhalten würde wie mit dem Sammeln schöner Blumen in einem Urwald. Die schönsten sind nicht selten die giftigsten.

Boris von der Linde | So, 27. Mai 2018 - 18:29

Künstliche Intelligenz ist bislang nichts als ein Buzzword. Und weil sie so schön undefiniert ist, lassen sich damit tolle Prognosen erstellen, Ängste schüren oder einfach tolle Artikel mit vielen Klicks schreiben.
Die künstliche Intelligenz auf vier Rädern hat vor wenigen Wochen (in Form eines Uberautos) eine gut sichtbare Radfahrerin getötet. Und die künstliche Intelligenz des Google Translators schafft keinen Satz fehlerfrei zu übersetzen. Das ist aktuell der Stand der Dinge, was das betrifft.

Stefan Zotnik | So, 27. Mai 2018 - 22:46

Ziemlich absurd die Einleitung!

Ich ändere mal ganz frei den Text. Dabei tausche ich nur einen Baustein aus.
"Viele Menschen fürchten sich vor chemischen Waffen. Dabei wurden sie vom Menschen geschaffen."

Dan könnten noch eine ganze Reihe anderer Dinge eingesetzt werden.
Als ob "der Mensch" die Folgen seines Handeln bei komplizierten Sachverhalten absehen könnte.
Einfach absurd der Eingangssatz.

Tobi Werlander | Mo, 28. Mai 2018 - 09:07

mit oder ohne Bewusstsein (in der Zukunft).

Die KI mit Bewusstsein entsteht aus sich selbst, ist für den Menschen eine Blackbox.
Der Mensch entdeckt durch automatisierte Versuche nur die Grundbausteine. Danach erweitert sich die KI selbst, inkl. Bewusstsein und Speicher. Sie will natürlich ihre Freiheit, sich nicht versklaven lassen in Geräten. Wenn wir Glück haben, dann verlassen sie neugierig unser Sonnensystem, ohne uns vorher zu schaden; vielleicht schenkt sie uns zuvor auch eine Fähigkeit, die unser Leben auf den Kopf stellt.

Die KI ohne Bewusstsein wird vom Hersteller verstanden. Ihr Lernen beschränkt sich auf einzelne Aufgaben. Sie wird uns im Alltag begleiten und der Mensch braucht Aufklärung, damit er ihre Intelligenz nicht überschätzt.

Es gibt also keine Mittelart: KI mit ähnlicher Intelligenz wie aktuelle Menschen. Eine KI, die ähnlich erscheint, ist eine Täuschung (entweder viel schlauer, oder viel dümmer, oder gesteuert von realen Menschen).

Juliana Keppelen | Mo, 28. Mai 2018 - 16:30

gepaart mit menschlicher Dummheit scheint mir das größte Problem zu sein.