„Investigativer“ Journalismus - Von der Inflation eines Begriffs

Es ist nur ein kleines Wort, das jetzt im Spiegel fehlt. Seit einer Woche verzichtet das Magazin in seinen Meldungsrubriken „Deutschland“ und „Wirtschaft“ auf den Begriff „investigativ“. Ein Wort, das sich inzwischen fast schon inflationär in der Branche verbreitet

Nicht mehr „investigativ“: Eine kleine Änderung, fast unbemerkt

Autoreninfo

Petra Sorge ist freie Journalistin in Berlin. Von 2011 bis 2016 war sie Redakteurin bei Cicero. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Leipzig und Toulouse.

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Die Änderung kam still, ohne Presse- oder Hausmitteilung. Seit einer Woche gibt es den Begriff „investigativ“ nicht mehr im Spiegel. Ist das schon die erste Folge des „Innovationsreports“, den SWR-Chefreporter Thomas Leif Ende März zuerst offengelegt hatte und in dem der Spiegel über sich selbst schreibt: „Das Alleinstellungsmerkmal ‚Exklusivität‘ und ‚Hintergründe‘ besitzen wir nicht mehr“?

Spiegel-Vize Alfred Weinzierl erklärt, es seien Leserzuschriften gewesen, die die Redaktion haben nachdenken lassen. Investigative Stoffe gehörten zur DNA des Blattes – „entsprechend verdienen viele Geschichten im Heft diese Bezeichnung“. Deutschland- und Wirtschaftsmeldungen mit dem Prädikat ‚investigativ‘ hervorzuheben, sei der Redaktion nicht mehr angemessen erschienen, sagt Weinzierl. „Wir verstehen das Weglassen dieses Begriffs als quasi allwöchentliche Detailarbeit am Heft.“

„Investigativ“ – was heißt das eigentlich? Der Duden versteht dieses Adjektiv als „nachforschend, ausforschend, enthüllend, aufdeckend“.

Bei vielen Spiegel-Meldungen in den Ressorts „Deutschland investigativ“ und „Wirtschaft investigativ“ war es aber genau andersherum: Regierungen oder Unternehmen hatten ein großes Interesse daran, sie im Spiegel zu platzieren. In der Brexit-Ausgabe 11/2016 etwa erschien auf den Innenpolitik-Seiten eine Meldung über eine Idee des nordrhein-westfälischen Innenministers Ralf Jäger (SPD): Er will die Benutzung von Smartphones und Tablets am Steuer unter Strafe stellen. Das ist zwar interessant für die Nachrichtenagenturen. Aber eine solche Meldung tut niemandem weh und kritisiert auch niemanden: Mit seiner Spiegel-Platzierung will der Minister doch vor allem Werbung für sein Vorhaben machen.

Die Leserinnen und Leser haben da offenbar ein feines Gespür gehabt. Es ist gut, dass der Spiegel ihnen zugehört hat. Die jetzige Lösung ist ehrlicher.

Investigativ: Für die Pulitzer-Preisjury ist diese Form des Journalismus das „Finden und Offenlegen von Informationen, die Regierung oder private Institutionen lieber unterdrücken wollen“.

In der Branche werden Begriffe wie „investigative Recherche“ und „Qualitätsjournalismus“ zunehmend inflationär gebraucht. Es ist erstaunlich: In den vergangenen fünf, sechs Jahren, in denen sich die Medienkrise drastisch verschärft, in denen überall Redaktionen und Zeitungen geschrumpft, zusammengelegt oder geschlossen wurden, sind die „Investigativressorts“ überall wie Pilze aus dem Boden geschossen: Stern, Welt, Zeit – das Büro der Nachrichtenagentur dapd überlebte gar nur drei Jahre –, schließlich die Rechercheredaktion von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung.

Spürnasen überall, fürwahr, es müssten goldene Zeiten sein. Ab und zu sind auch ein paar echte Scoops dabei, wie die Snowden-Dokumente beim „Spiegel“, die ARD-Doping-Recherchen, die „Stern“-Enthüllung über die skrupellose Krebsmafia.

Doch wie erklärt sich, dass zugleich auch Stiftungen und Lobbygruppen wie Greenpeace mit den TTIP-Leaks – „Investigatives“ bieten? Dass das gemeinnützige Recherchebüro wie „Correctiv“, das gerade in einem Abschiebegefängnis filmte, erklärt: „Die Medien haben Probleme, ihrer Wächterfunktion nachzukommen“?

Der INSEAD-Journalistikprofessor Mark Lee Hunter rät seinem Recherchenachwuchs gleich ganz von der „Nachrichtenindustrie“ ab.

Das Problem: Vieles, was als „investigativ“ über den Ticker läuft, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Ergebnis eines Nachrichtentausches. Da sind Antworten auf kleine Parlamentsanfragen, halbfertige Referenten- und Gesetzesentwürfe aus Ministerien, Verbandsberichte, die sich bei genauerem Hinsehen als geschickte Lobby- und Werbemaßnahmen entpuppen. Manchmal werden Informationen gezielt gestreut: So wollte der Focus-Chefredakteur aus „zuverlässiger Quelle“ vom Rücktritt des SPD-Chefs Sigmar Gabriel gewusst haben: leider eine Ente.

Mancherorts gilt es als „Recherche“, mal eine Studie genauer durchzublättern. Wo „investigativ“ drauf steht, ist PR drin. Eine Stinkmorchel.

Das ist bedenklich, weil die Trüffel dann manchmal übersehen werden.

Die wohl herausragendste investigative Leistung des Jahres waren die „Panama Papers“. Auch hier war erst einmal PR außen drauf: Süddeutsche-Sonderseiten, opulente Grafiken, eine eigene Domain, ein Buch und zahlreiche Talkshowauftritte. Aber es ging auch um etwas – um teils kriminelle Offshore-Geschäfte von Diktatoren, Mafia-Bossen und Superreichen.

Die Resonanz in den anderen Medien war überschaubar. Der Spiegel kümmerte sich in der Woche nach dem Scoop lieber um Immobilien und titelte: „Schlimmer wohnen“ – das Thema Steueroasen wurde im Heft hinten abgehandelt.

„Investigativ“: Das ist nie das, was der andere hat.

Der Chefredakteur der „Frankfurter Neuen Presse“, Joachim Braun, sagte Mitte Juni auf einem Podium der „Akademie für politische Bildung Tutzing“, dass inzwischen keiner mehr über die Panama Papers rede. Die Menschen seien nicht nachhaltig „ergriffen“.

Liegt das wirklich an den Menschen? Oder nicht auch an den Medien, die etwa in Jubelberichten über Nico Rosberg Nico Rosberg zitieren, der sich bei seinem fünften Formel-1-Saisonsieg „fantastisch, spektakulär, perfekt“ fand, oder die Lobeshymnen anderer Medien über Nico Rosberg drucken, aber völlig versäumen zu erwähnen, dass dessen Vertrag mit Mercedes offenbar über eine Offshore-Firma der Kanzlei Mossack Fonseca läuft?

Ein Branchendienst höhnte: Die Panama Papers seien „der ‚Mega-Skandal‘ mit der Mini-Halbwertszeit“.

Vielleicht sollte man jetzt neu definieren: „Investigativ“ ist, wenn der Neid über den Nachrichtenwert siegt.

Sven Bergmann | Fr, 24. Juni 2016 - 18:32

Es ist eher ein hochtendenziöser Journalismus, oft eher eine recherchierte Gesinnungsmitteilung, die dort vertreten wird.
Übrigens eine hochgradig polarisierende Gotcha-Schreibe, die viel zu Entfremdung und Vertrauensverlust vieler Menschen gegenüber der Branche beigetragen hat.

Cicero ist leider eines der wenigen differenziert berichtenden Magazine.

Vincent Laymann | Fr, 24. Juni 2016 - 23:17

Wie die Autorin klug aufzählt, gab es dieses Jahr diverse Beispiel für guten Journalismus.

Mich interessiert allerdings genauso, warum bestimmte Frage nicht gestellt werden:

Ist eine Veröffentlichung der Panama Papers vielleicht nur deswegen notwendig, weil die Steuern bei uns mit insgesamt 70% zu hoch sind?

Ist nicht bei den Panama Papers interessant, dass den Medien die Konten von US-Außenminister John Kerry von unter den Tisch fielen ließen?

Wieso darf über eine Krebsmafia aber nicht über die EZB-Finanzmafia berichtet werden, obwohl sie in keinster Weise demokratisch handelt und teilweise Rechtsbrüche begeht?

Wieso muss sich das Militär nicht ans Völkerrecht aber das Volk an Geschwindigkeitsbegrenzungen halten?

Muss man sich über die Sportgeilheit vieler Menschen wundern, wenn die politische Klasse den Kurs sowieso als "alternativlos" darstellt, man nicht das Gefühl hat, den wirklichen langfristigen Kurs verraten zu bekommen und Kritiker als "Populisten" benennt?

Christa Wallau | Sa, 25. Juni 2016 - 01:54

Sie sprechen ein Thema an, liebe Frau Sorge, das von nicht zu überschätzender Bedeutung ist für jede freie, demokratische Gesellschaft:
Wie sehr nehmen die Medien ihren Auftrag noch ernst, kritisch, unvoreingenommen und
u n a b h ä n g i g zu recherchieren und zu berichten?
Können Sie das unter dem Druck des Marktes
überhaupt noch?
In wieweit führt der Konkurrenzdruck untereinander zu einer Verzerrung der Wirklichkeit?
Wo bleibt die Gründlichkeit der Verifizierung von Nachrichten angesichts der rasanten Geschwindigkeit, mit der Neuigkeiten minütlich verbreitet werden?
Gibt es realistische Möglichkeiten, hier eine Veränderung hin zu mehr geprüfter Qualität zu erreichen?
Ein sehr weites Feld...
Aber es muß dringend beackert und von dem Überhand nehmenden Unkraut befreit werden.
Danke, daß der CICERO sich bemüht, fleißig zu
pflügen, zu eggen und zu säen.
Danke, Frau Sorge.

Reinhard Oldemeier | Sa, 25. Juni 2016 - 08:11

Der Journalismus bezeichnet sich gern als 4. Gewalt im Staat. In seinem Selbstbild beschreibt er sich gern als, überparteilich Kontrollorgan. Sozusagen der Hüter der Demokratie.
Wie sieht ihn denn nun der Bürger. Die öffentlich rechtlichen kommen gern als moralinsauere Oberlehrer mit einem großen Geldbedarf daher. Die Privaten Medien bis auf wenige Ausnahmen ergehen sich oftmals in Hofberichterstattung. Dadurch leidet die Qualität.
Was absolut überhaupt nicht stimmt,wenn man die Medien als Lügenpresse bezeichnet. Diese finde ich sogar schon beleidigend.
Das Problem des Journalismus ist, sie möchten gern schneller sein als das Internet. Aber wollen die Leser das?
Ich denke nein. Man möchte die Nachricht hinter der Nachricht. Man möchte keine unreflektierten Aussagen hören. Wer als Journalist Politik betreiben will, hat den Beruf verfehlt. Der Journalismus hat zu enthüllen und nicht zu verhüllen.

Viktor Koss | Sa, 25. Juni 2016 - 17:39

Spiegel - Redaktion hat eine willentliche und wissentliche Veränderung durchgezogen. Man hat sich einfach der Gegebenheiten auf dem Markt als Dienstleister unterschiedlichen Interessen gewidmet. Spiegel ist allerdings keine Ausnahme, aber immerhin eine unangenehme Festung weniger, viel mehr ein Helfer bei der Bildung des "mainstreams" mehr.

Investigativer Journalismus gehört nicht in diese immer größere und stärkere Gruppe die eine einseitige, erkennbare Reflexion der Realität professionell folge.

Karola Schramm | So, 26. Juni 2016 - 16:50

Sehr schön Frau Sorge. Mit dem letzten Satz haben Sie alles auf den Punkt gebracht. "„Investigativ“ ist, wenn der Neid über den Nachrichtenwert siegt."
Hinzufügen möchte ich noch, dass auch das Konkurrenz-und Wettbewerbsdenken dazu gehört.
So las ich kürzlich von einem langjährigen Journalisten, der von der Zusammenarbeit der versch. Ressorts und sogar mit anderen Blättern schwärmte. Damals, so seine Meinung, wäre viel mehr an die Öffentlichkeit gekommen als heute. Gemeinschaftsarbeit statt Einzelkämpfer.

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