Bücher des Monats - "Ich denke in langsamen Blitzen"

Wie bei der Nicht-Erzählerin, Wort-Dompteuse und Skriptomanin Friederike Mayröcker der platonische Coitus zum Dauerzustand wird

Jeder kennt Friederike Mayröcker, doch wer kennt ihre Bücher? Die Mayröcker wurde (außer vom in die Jahre gekommenen Thomas Bernhard) die längste Zeit geliebt und gelobt, doch wenig gelesen, ihre Werke hat man gepriesen und bepreist, doch kaum ausprobiert. Vielleicht ändert sich das nun, da ihre Gedichte aus 64 Jahren gesam­melt vorliegen.

Als sie 2001 den Büchner-Preis bekam, wurden im deutschen Feuilleton Stimmen laut, die Unverständnis kundtaten: Diese Textwucherungen, Zitate, Widmungen, diese Privatsprache – wohin sollte das führen? Die unentwegte Wegbereiterin der wirklich modernen Literatur in Österreich und anderswo hat tatsächlich kühne Pfade beschritten. Aber der Leser, der ihr in schwindelnde Höhen folgt, wird für seinen Schweiß belohnt –  solange er nicht versucht, die «Geschichte» zu fixieren.

Es gibt nämlich keine. Friederike May­röcker verweigert sich früh der Story und schreibt an ihrer Statt «Larifari. Ein konfuses Buch» (1956). Aber Vorsicht: «Was ich auch immer sage, es ist nicht endgültig gesagt, und ihr sollt deshalb auch nicht vorwurfsvoll feststellen: hier und dort hast du dich über dieselbe Sache anders ausgesprochen.» Wirklich konfus wird es erst zehn Jahre später, als Mayröcker in den Sog der «Wiener Gruppe» gerät und so richtig zu experimentieren beginnt, was zweifellos zu lustigen Ergebnissen und zu einer Hochkonjunktur des «&» führt. Dass dies der Dichterin, wie sie in einem Interview sagte, «einfach keinen Spaß mehr gemacht» hat, kann man ihr freilich nachfühlen. Die völlig enthemmte Sprachmaschinerie läuft sich irgendwann tot.

Mayröcker versucht nun doch das Er­zählen – «eine pose nämlich des erzählens nicht wirklich erzählen». Diese Technik der ständig sich selbst sabotierenden Erzäh­lung perfektioniert sie spätestens in «mein Herz mein Zimmer mein Name», einem punktlosen Rede- und Gedankenfluss, in dem die Ich-Erzählerin sich immer wieder selbst ins Wort fällt, «das blanke das nackte das krude erzählen» abfängt, abwendet, ein Schritt vor, zwei zurück, und doch viel verrät, «warum auch nicht narrativ» – der Text kommentiert den Text und nimmt dem Kommentator die Arbeit ab. Der Leser jeden­falls «soll sich endlich einmal ergehen können in diesem Buch», sich ergehen, aber eben nicht schnurstracks losmarschieren, gelegentlich verwirrt ihn eine Lichtung, «Mehr­fachbelichtung» – «und ich denke in langsamen Blitzen», heißt es in einem Gedicht.


Einsatz des «Ohrenbeichtvaters»

Alle Gedichte – es sind rund tausend – liegen nun in einem Kompendium vor. Hier kann man, etwa in den Versen des Bandes «Winterglück», kleinweise besonders schön verfolgen, was Friederike Mayröcker mit der Sprache macht. Sie lässt sie in sich selbst zu Wort kommen, die Worte, nein, die Wörter schlagen aneinander, bringen einander zum Klingen, befriedigen sich selbst, befruchten einander und gebären neue – dahinter steckt nichts, alles darin: «wie Orchideen (Iden/Ideen) um meine Ohren / wachsen wehen, züngelnd / in Parma, unter perlmuttfarbener / Pergola deines Lids, Licht- / einfall, Binario, Atem doppel- / zügig verwirrt Kopfregen blendend mein / Balsambaum.» Gut: zwei Menschen, Züge und Atemzüge, es regnet, so viel ist klar; und eine prosaische Stimme, die wir Ernst Jandl zuschreiben möchten, mischt sich ein: «ACH, ruft mein Ohrenbeichtvater dazwischen, KÖNNTEST DU DIR DOCH DIESE DEINE VERFLUCHTEN ALLITERATIONEN VERKNEIFEN!»

Selbstvergessenheit, Sich-Anheimgeben verheißen Mayröcker-Texte nicht. Man sollte sie sich, im vollen Wortsinn, zu Gemüte führen, auch kulinarisch: Sie zergehen förmlich auf der Zunge, «gebratenes Wort», «Fleisch des Gedichts», Kunst-Genuss eben. Die Bilder wollen bezwungen sein, die Wörter dressiert, die «nächtlichen Wortfunde» archiviert – die Wort-Dompteuse schreibt um ihr Leben («überhandnehmen­der Text oder Tod»).

Entfesselte Asketin am Werk

Wer schreibt mehr? Jahr für Jahr erscheint nicht bloß ein neuer Titel, meist sind es zwei oder drei, einmal, 1989, waren es gar sieben. Und Mayröcker ist eine begnadete Titel­fin­de­rin: «je ein umwölkter gipfel», «Das Herzzerreißende der Dinge», «brütt oder Die seuf­zenden Gärten», «Notizen auf einem Kamel», «Mein Arbeitstirol». Normal ist das nicht, dieser Eros des Schreibens, «Furor», diese wahre Inbrunst, «das verzehrende Feuer». Schreiben als Leben, als Rettung, als Lust. Eine «sprachliche Erektion» jagt die andere, der «platonische Coitus» wird zum Dauerzustand. Wo die Wörter kopulieren, nimmt sich die Dompteuse ganz zurück und liefert sich ihnen zugleich aus, übt eine «Askese der Maßlosigkeit».

Tatsächlich ist das scheinbar Entfesselte ein Produkt strengster Selbstbeschrän­kung, genauester Feilarbeit. Mayröcker nähert sich der gültigen Form in mehreren Anläufen, bis aus der Masse der Notizen destilliert ist, was so und nicht anders zu sagen war. Die Arbeit an der Reinschrift überträgt sich, nach dem Bericht der Dichterin, auf die Körperhaltung, ganz Disziplin, ganz Konzentration, nichts Überflüssiges mehr, da sei sie «wie in einer Montur drinnen, wie in einem eisernen Helm». Was an Rohstoffen der Existenz auf diese Weise verbucht, was in der Schrift verkörpert ist, darf vergessen werden: Literatur wird zur «Reinschrift des Lebens», wie der Kritiker Klaus Kastberger anmerkt.

Die Spuren dieses Prozesses, Sammelgut und Wortabfall, wirken freilich ganz konkret zurück auf das Leben der Schreiben­den, der die steigende Papier- und Bücherflut in ihrer Wohnung, mehrfach fotogra­fisch dokumentiert, buchstäblich kaum noch Platz zum Sitzen, Essen und Schlafen einräumt. Nur schreibend lässt sich das Unbegrenzte realisieren. Da die «Lebens- und Schreibgelassenheit» ohnehin unerreichbar scheint, ergibt sich die Asketin der Aus­schwei­fung, der Abschweifung («ist Herbst­euphorie oder was»), sie versteht selber nicht «meines Lebens wildesten Wahnsinn», nicht «die­se entfesselten Hirnrezitative», jedenfalls: «Entschlüge ich mich der Kunst ich müßte sterben.»


Romantischer Rohstoff, raffiniert

Zu verstehen gibt es da nichts: Wer zweifelt daran, dass Friederike Mayröcker eine Zauberin ist? Ihre Zauberkunst besteht auch darin, dem Leser zu suggerieren, das Werk entziehe sich dem üblichen Instrumentarium der Textkritik, der Literaturwissenschaft (was nicht stimmt). Es entfalte seine sinnliche Wir­kung jenseits aller hermeneutischen Anstrengung (was stimmt). Mayröckers Blick – «mächtige Lebens- und Welt­überschweng­lichkeit» – entzündet sich an den Dingen und entlockt ihnen Geistes-Blitze («Der Blitz­andrang ist groß, die Blitzrichtung ungenau»).

Das bedeutet eine «ungeheure Beschleunigung der Zeit mitten in ihrem Stillstand», also Zauberei. Denn: «die Hölle, das ist die Zeit». So werden im Alterswerk («die Psyche wird in das Alter hineingerissen»), in der Selbstabrechnung und Lebensbeichte, der «Ohrenbeichtvater», die «glückliche Dreierbeziehung», die todkranke Mutter, der Brief-Freund und eben «mein Herz mein Zimmer mein Name» in ein bewegtes poetisches Still-Leben verwandelt, in einen orientalischen Prosateppich, «perplex (verflochten, verworren)», mit rhythmisch wie­derkehrenden Mustern, «alles zigeunerhaft, dennoch zauberhaft abgezirkelt», Literatur­dschungel, Dschungelliteratur.

In der Tat wuchert und sprießt «die spannende Folter Natur» immer üppiger in Mayröckers Büchern, eben weil wir jene, dank der «Narrwissenschaft», schon «lieb- / verloren» haben: «alles die kleinen / schönen unauffälligen Dinge, Tränen am Morgen, Lachen sogar / des Kopfes, der Handschlag, Balg eines / Vogels im Rinnsal, was habt ihr an- / getan diesem schönen Planeten, … was haben wir / getan dieser Welt, wie haben wir sie / in Stücke gerissen, grausam verwüs­tet, verhöhnt den ewigen / Dachs­­bau zerstört.» Vorzustellen hat man sich das in dem beinahe tonlosen Ton, in dem die Dichterin ihre Texte liest, sprödeste Intensität.

Animiert von Salvatore Dalí, Henri Rousseau und Frida Kahlo mutieren da Gärten in betörende naiv-surreale Urwald-Szenerien. Eine Magierin muss das Verzauberte indes auch zurückverwandeln, muss entzaubern und notfalls auch romantischen Rohstoff industriell raffinieren können: «Wälder bei Wien, wehende Wälder. Buchseiten im Wind, grosze hagere engbedruckte hohe Buchseiten, wehend im Wind, am Anfang war der Wald, deutsch Papier.»


Endloses Requiem für Ernst Jandl

Auf dem Papier einen Menschen zum Leben zu erwecken – daran scheitert selbst die Magierin. Seit dem Tod ihres Gefährten Ernst Jandl im Jahr 2000, nach 46 Jahren des (räumlich getrennten) Beisammenseins, zeigt sich Mayröckers Schreiben zunehmend auf die Beschwörung des Abwesenden fi­xiert. «leise leise um ihn nicht zu wecken so ist meine Handschrift, hatte an seinem Grab das Gefühl ich müsse ihn ausgraben». Das «Requiem für Ernst Jandl» nimmt kein Ende.

Und die Überlebende, vom Freund zeit seines Lebens für das Schöne und das Unverständliche ihres Werkes bewundert wie kritisiert, nähert sich im unverstellten Schmerz Jandls Einfachheit. Ein erster Schritt drei Tage vor seinem Tod, in einer Paraphrase auf ein Gedicht von ihm: «in der Küche stehen wir beide / rühren in dem leeren Topf / schauen aus dem Fenster beide / haben 1 Gedicht im Kopf.» So wortkarg die Verschwenderische, so schlicht, das rührt und irritiert. Immer geht es bei Friederike Mayröcker um Universalien der Existenz, aber nicht immer so offenkundig: «WÜRDE ALLES TUN FÜR DICH WENN / du nur lebtest! / … Weinen / würden wir trotzdem oft, weil / der Abschied noch vor uns läge –.»

 

Daniela Strigl ist Literaturkritikerin und Jurorin beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und lebt in Wien. Zuletzt erschienen ihre Biografie Marlen Haushofers und der Sammelband «Frauen verstehen keinen Spaß».

 

Friederike Mayröcker
Gesammelte Gedichte. 1939–2003
Hg. von Marcel Beyer.
Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2004. 855 S., 27,80 €

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