Das Journal - Freie Liebe und Sozialtechnologie

In seiner nachgelassenen Schrift «Liebe. Eine Übung» kommt der Soziologe Niklas Luhmann den 68ern erstaunlich nahe

Vierzigster Jahrestag! In der flächendecken­den Erinnerung an die 68er tauchte der Name Niklas Luhmann nicht auf – als hätte nicht auch er in jener Epoche gelebt und gewirkt. In der zum Synonym einer Protest­bewegung gewordenen Jahreszahl findet ein Systemtheoretiker keinen Platz. Einige Tausend SDS-Mitglieder machen noch keine Generation und eine halbnackte Uschi Ober­­­maier noch keine sexuelle Revolution. Dennoch haben die 68er den medienöffentli­chen Blick auf eine ganze Epoche erfolgreich besetzt. Während an den Unis sogar – oder gerade – sozialdemokratische Professoren nicht sicher vor Go-Ins und Teach-Ins sein konnten, während es den Lehrern der linken «Frankfurter Schule» angesichts der zunehmenden Militanz der Proteste mul­mig zumute wurde, erhielt ausgerechnet Nik­las Luhmann die Einladung, den Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie zu vertreten, den Lehrstuhl Theodor W. Adornos, des Kopfes der Frankfurter Schule. Luhmann hatte sich gerade bei dem erzkonservativen Soziologen Helmut Schels­ky habilitiert und den Ruf an die frischgegründete Universität Bielefeld bereits in der Tasche, als er sich für das Wintersemester 68/69 in das unruhige Frankfurt der Hörsaal-Besetzungen und der Putztruppen begab. Was würde er lehren? Gemeinsam mit Jürgen Habermas, dem aufstrebenden jungen Professor, veranstaltete er ein Seminar über soziologische Theorie.

Daraus ging 1971 die legendäre gemeinsame Publikation mit dem tendenziösen Titel «Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie?» hervor. Deren Kontroversen prägten beide Autoren nachhaltig und zerrissen den von ihren Vorgängern Adorno und Max Horkheimer gepflegten Zusam­menhang von Philosophie und Soziologie: Luhmann wird eine funktionalistische Soziologie ohne Philosophie auf den Weg bringen, Habermas eine kritische Philosophie ohne Soziologie. Seine Gesellschaftstheorie sei eine «affirmative» Sozialtechnologie, hat man dem am 6. November vor zehn Jahren verstorbenen Systemtheoretiker Niklas Luhmann denn auch immer wieder vorgeworfen. Habermas und die Frankfurter Schule seien geblendet von philosophischen Hoffnungen und Ängsten, schallte es dagegen aus Bielefeld zurück.


Die Theorie vereist ihr Thema

Während die Diskussionsvorlagen jenes Frank­furter Wintersemesters als so genann­te «Habermas-Luhmann-Kontroverse» Fachgeschichte geschrieben haben, hielt eine andere Schrift aus derselben Zeit einen Dornröschenschlaf von vierzig Jahren. Jetzt hat André Kieserling sie daraus endlich befreit. Sei es mit Ironie oder Empathie – Luhmann hat für ein Seminar das Thema «Liebe» gewählt. In seinem kurzen und konzisen Text, den er im März 1969 an der Dortmunder So­zialforschungsstelle der Universität Müns­­ter abschließt, ist tatsächlich von «freier» Liebe die Rede, von Sex als Basis der Liebe, von Selbstverwirklichung, von wechselnden Partnerschaften, von Masturbation und Prostitution. Auf den «Sommer der Liebe» mit all den sattsam bekannten Statements zur wilden Ehe und Bildern von verbrannten BHs folgt im Winter Luhmanns «Liebe. Eine Übung». Es wird eine Abkühlung.

Die Theorie vereist ihr Thema. Von freier Liebe spricht Luhmann nicht wie einer, den es angesichts befreiungsbereiter Körper bei seiner Ehefrau nicht mehr hält, sondern er stellt Vergleiche an zu freier Kunst, freier Wissenschaft, freier politischer Willensbildung oder freier Religionswahl. Freiheit meint hier: frei von Dirigismen von außen und frei zur Ausbildung eigener Regeln. Die Eltern mögen ihre Töchter zur Heirat zwingen können, aber eben nicht zur Liebe. Ähnlich vermag eine Regierung Lebensmittel- oder Energiepreise festzusetzen, aber nicht per Gesetz Knappheit in Fülle zu verwandeln.

So wie das Gegenteil von Planwirtschaft nicht die Anarchie des Marktes ist, besteht für Luhmann die Alternative zur Zwangs­heirat nicht in einer Orgie im Dark-room. Partner- wie Preisbindung folgen selbstgesetzten Regeln – und nicht politischen Vorschriften oder moralischen Ansprüchen. Darin besteht ihre Autonomie. Die Abgrenzung großer sozialer Leistungsbezirke voneinander, indem diese jeweils eigentümliche Kommunikationsregeln ausbilden, hat Luhmann auf den Namen «funktionale Ausdifferenzierung» getauft: eine der erfolgreichsten Selbstbeschreibungsformeln der Gesellschaft.

«Ausdifferenzierung» besagt im Kern: Wer liebt, liebt – und nichts anderes. Liebe lässt sich nicht politisch erzwingen, nicht richterlich zusprechen, weder kaufen noch beweisen. Die moderne Gesellschaft hat einen eigenen Code hervorgebracht, der die Annäherung zweier einander zuvor unbekannter Personen ermutigt, ihr Kennenlernen fördert, die Ausbildung und Darstellung intimer Zweisamkeit ermöglicht und auf Dauer stellt. Dies lief im 18. Jahrhundert auf Ehe hinaus, doch sollte seitdem die Bindung nicht von ständischen oder finanziellen Kriterien motiviert sein; gefordert wurde die Heirat aus Liebe. Setzten sich noch im 17. Jahrhundert die Notare der Familien zusammen, um einen Ehevertrag auszuhandeln, geht es in der modernen Liebe um Individualität. Vermögen lässt sich vergleichen – der besondere Andere ist dagegen unvergleichlich.


Nirgends wird die Liebe gelehrt

Liebe bedeute, «den Unterschied zwischen einer Frau und anderen Frauen zu übertreiben», so zitiert Luhmann George Bernard Shaw. Eine komplizierte Semantik regt die Liebenden zum Aufbau eines Sonderhorizontes an. Hier bekommen alle noch so kleinen Dinge deshalb Bedeutung, weil sie dem Anderen wichtig oder eigentümlich sind. Der Liebescode ermöglicht es, dem anderen dadurch etwas zu geben, dass man so ist, wie man ist. Dass Eigentümlichkeiten dem Anderen lästig werden können, verbirgt die Gesellschaft unter dem Vorwand der Diskretion hinter den «Gardinen der Privatheit».

Genau in der Zeit, die das Politische des Privaten entdeckt, überzeugt die Ehe nicht mehr als jenes Institut, das der Liebe Dauer verleiht. Und Luhmann erwägt mit der ihm eigenen Kühle die Möglichkeit, ob die Intimkommunikation, die in der Form episodischer Verabredungen zum unverbindlichen Sex betrieben wird, als Funktionsäquivalent zu Partys, Fernsehen oder Sport gesehen werden müsse.

Das 18. Jahrhundert hatte Romane, das 19. Jahrhundert Bordelle und das 20. Jahrhundert außerdem noch Latrinen-Kritzeleien. Luhmann stellt mit Blick auf die übrigen Sozialsysteme fest, dass Liebe nirgends «institutionell» gelehrt wird; dass man allenfalls aus vergangenen «Liebesaffären» für die nächste lernen könnte, was allerdings auf «moralische Mißbilligung» stoße: «Es fehlt nach alldem ausreichende Vorsorge für die Ausbildung verfeinerter körperlicher und sozialer Sensibilität, für alles, was nicht in der Naturausstattung gegeben ist, sondern gelernt werden muß.»

Und bei aller Abkühlung wird es dann doch heiß: wenn Luhmann ein «voreheliches Testen sexueller Kompatibilität» begrüßt. Näher ist er den 68ern wohl nie gekommen.

 

Niklas Luhmann
Liebe. Eine Übung
Hg. von André Kieserling.
Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2008. 70 S., 8 €

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