Ein Tier im Gepäck - Echsenalarm

Flugausfälle, Bahnchaos, Feuer, heftige Gewitter – dieser Sommer hat es in sich. Manchmal kommt es aber noch schlimmer. Marathonfahrten und Unwetter sind nichts gegen versteckte Echsen in der Zimmerecke. Von Sabine Bergk

Zwei ausgestopfte artgeschützte Teju-Echsen werden am 07.04.2014 auf der Jahres-Pressekonferenz des Zolls in Frankfurt am Main gezeigt.
Hat sich eine Echse ins Gepäck geschlichen? / picture alliance

Autoreninfo

Sabine Bergk ist Schriftstellerin. Sie studierte Lettres Modernes in Orléans, Theater- und Wirtschaftswissenschaften in Berlin sowie am Lee Strasberg Institute in New York. Ihr Prosadebüt „Gilsbrod“ erschien 2012 im Dittrich Verlag, 2014 „Ichi oder der Traum vom Roman“.

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Mitten in der Nacht weckt mich ein Rascheln. In den Manuskriptkisten hat sich ein Tier eingenistet. Erst denke ich, es könnte ein Marder oder eine Maus sein. Es raschelt kurz, dann ist wieder Stille. Ich liege wach und denke, dass ich mich geirrt habe. Neben mir schläft das Baby, draußen klappert das Rad des Zeitungsboten. Habe ich den Zeitungsjungen mit einer Maus verwechselt? Kam das Geräusch doch von der Straße? Im Haus der Großmutter allein zu sein, ist wie eine Zeitreise. Vieles ist geblieben, gleichzeitig hat sich das Haus aus der Kindheit in einen lebendigen Dschungel aus Büchern und Reiseandenken verwandelt. Selbst die Mauern sind bis oben hin mit wildem Wein zugewachsen. Vielleicht ist über den Wein ein kleines Tier ins Zimmer geklettert, um sich vor dem herannahenden Sturm zu schützen? Ich versuche, zu schlafen. Wieder raschelt es in der Ecke. Kurz und schnell, wie bei einem Tier, das sich putzt. Nun bin ich hellwach, schnappe mir das schlafende Kind und ziehe sicherheitshalber ins Erdgeschoss um.

Der Hund ist gelangweilt

Am nächsten Morgen nehme ich einen Stock und forsche in den Kisten. Der Hund ist dabei, er soll den Marder finden. Seltsamerweise ist der Hund überhaupt nicht an den Kisten interessiert. Bei Mardern oder Mäusen müsste er doch vor Freude wild werden, schnuppern, jaulen. Nichts dergleichen passiert. Er sieht mich nur gelangweilt an und möchte in den Garten. Ich gehe die Kisten alleine an, in einer Hand den Stock, das Kind eng an mich gedrückt. Erste Kiste, nichts. Zweite Kiste, wieder nichts. Ich kippe die dritte Kiste zur Seite. Ein schwarzer Reptilienschwanz flutscht blitzschnell durch die Grifföffnung. Es ist eine Zeit her, dass ich einen spitzen Schrei ausgestoßen habe. In diesem Fall ging es nicht anders. Dieses flinke Ding, das sich in der Kiste verkrochen hat, war also kein Marder und keine Maus, es war überhaupt kein Nagetier, sondern ein Reptil. Vielleicht ein kleiner Salamander, eine Eidechse oder etwa gar eine Schlange?

Eines ist sicher: Das Reptil muss aus dem Zimmer. Kammerjäger, finde ich heraus, jagen Insekten und Marder. Wer aber fängt Reptilien? Ich beuge mich mit einer Plastiktüte über die Kiste und stülpe sie über die Öffnung, in die das schwarze Glibberding geflüchtet ist. Die Tüte reicht nicht aus. An der Seite ist die Kiste auch noch aufgeplatzt, dass überall Öffnungen und Fluchtmöglichkeiten bestehen. Alle Umzugskisten, die ich von Berlin ins Haus der Großmutter verschickt habe, um in der Wohnung Platz zu schaffen, waren aufgeplatzt. Der Karton war zu weich. Wohin das Tier geflohen ist, konnte ich nicht sehen. Es ging zu schnell.

In meinem Kopf wird die Echse immer größer

Ich nehme Abstand, lasse alles so stehen und rufe die Feuerwehr an, schildere den Vorgang. Wenig später kommen zwei Polizistinnen vorbei. Sie öffnen die Kisten, durchforsten die Ecke, klopfen mit dem Stock, leuchten unters Bett. Nichts. Das Tier ist nicht zu finden.

Stunden vergehen. Ich verbarrikadiere mich im Erdgeschoss und versuche mich an meiner geplanten Cicero-Kolumne über den Klimawandel. Gleichzeitig wächst über meinem Kopf eine Echse riesigen Ausmaßes heran. Inzwischen ist es ein Dinosaurier geworden. Am Abend, bevor das Rascheln zu hören war, hatte ich zufälliger Weise ein Kinderbuch mit Dinosauriern vorgelesen. Mr. Brown besiegt bei einem Dinosaurierrennen in Ascot die Queen. Einen Tag später schlage ich mich mit der Frage herum, was da für ein Reptil in der Zimmerecke kriecht, ob es eine große Echse oder gar eine Viper ist. Vielleicht war sie schon die ganze Zeit in der Kiste oder ist während des Transports zugestiegen?

Die Kisten stehen in den Lagerhallen ja alle zusammen. Ideal für asiatische Kriechtiere, die per Frachtschiff nach Europa kommen. Ein befreundeter Logistikunternehmer erzählte mir, dass in den Kisten oft kleine Eidechsen mitreisen. Er beauftragt dann eine Zoohandlung mit dem Fang. Als Dank kann die Zoohandlung sie gleich behalten und verkaufen. Einmal, erzählte mir der Logistikunternehmer, hätten sich Echsen im Reifen eines Oldtimers versteckt. Echsen reisen wohl gerne. Das kann ich ihnen nicht verdenken. Die Vorstellung, dass sich bloß eine kleine reisende Eidechse in meine Berliner Bücherkiste hineingeschlichen hat, wäre auch auszuhalten, bliebe nicht die Angst, dass es sich um eine Viper handelt.

Regt sich dort etwas Schwarzes?

Vorsichtshalber werde ich die nächsten Nächte wieder auf dem Wohnzimmerfußboden verbringen. Abends muss ich noch einmal durch den Flur, in dem die von den Polizistinnen durchforsteten Kisten stehen. Der Flur sieht wie ein Schlachtfeld aus, Bücher, Schachteln, herausragendes Verpackungsmaterial. Ich drücke mich an der Wand entlang, spähe auf die Yukkapalme. Regt sich dort etwas Schwarzes? Ich prüfe die Gardinenstange. Kein Tier in Sicht. Schnell husche ich durch den Flur. Die Kolumne über den Klimawandel gelingt nicht wirklich. Ich wollte den Klimaskeptikern etwas entgegensetzen und kämpfe stattdessen mit einer Echse.

Zum Zähneputzen muss ich noch einmal durch den Flur und vergesse den Haustürschlüssel oben im Bad. Die Türen sind abgeschlossen. Alle Fluchtwege müssen jedoch offen stehen, falls das Reptil die Treppe herunter kommt. Ich muss noch einmal zurück, den Schlüssel holen, an der Palme vorbei, das Kind dicht ans Herz gedrückt. Es wird dunkel. Schnell jage ich durch den Flur ins Bad, greife den Schlüssel, renne zurück und mache die Tür hinter mir zu. 

Echsen im Kinderzimmer

Da habe ich ganz Europa mit Kind und Hund durchquert, die Hitze in Calais und Köln erlebt, die zähen Wartezeiten durchgestanden – mit Echsen im Kindheitszimmer aber, habe ich nicht gerechnet. In London, las ich kürzlich, haben sich einige Reptilien aus den heißen Wohnungen befreit. Eine Würgeschlange fraß mitten am Tag auf offener Straße eine Taube. Es gibt keine Würgeschlangen in Norddeutschland, sage ich lautstark vor mich hin. Doch wer weiß schon, was in die Kiste während des Transports hineingekrochen ist? Auch bringt uns der Klimawandel irgendwann einmal andere Tierarten. Ich weiß, dass der Klimawandel für das Reptil in der Kiste nicht verantwortlich ist. Dennoch habe ich ein tropisches Gefühl, wenn ich an den ersten Stock denke.

Was ist nun dort oben, während ich hier unten die Kolumne neu tippe? Wie geht mein Sommer weiter? Eine Nachbarin sagte mir zu meiner Beunruhigung, es könnte kein kleiner Salamander sein, da Salamander nicht rascheln. Das stimmt. Salamander hört man nicht. Es muss also wirklich ein größeres Reptil sein. Ein reisendes Reptil, wenn man so will. Noch ist es zu ängstlich, um aus dem Versteck heraus zu kommen. Irgendwann aber, wird es hungrig sein.

Die Überraschungen der Sommerhitze

Eine Maulwurf-Falle soll ich mir kaufen und sie mit einem Stück Apfel präparieren, riet mir der zum Echsenspezialist gewordene Logistikunternehmer. Reptilien lieben die Dunkelheit. Bestellt ist sie schon. Hoffentlich ist in der Amazon-Kiste, die mir die Maulwurffalle bringt, nicht noch eine Echse. Man weiß ja nie, welche Überraschungen in der Sommerhitze einer Kiste auf einen warten. 

Es ist spät. Ich liege eine weitere Nacht auf dem Wohnzimmerfußboden, mit Hund und Kind, alle zusammen liegen wir eingerollt auf einer Decke. Die Matratze herunter zu tragen, habe ich mich nicht getraut. Ich muss an die Bettwanze denken, die ich kurz vorm Eurotunnel mit dem Schuh erschlug. Dieser Sommer ist wie ein kostenfreier Selbstverteidigungskurs.

Bernd Muhlack | So, 12. August 2018 - 13:24

Frau Bergk, Sie müssen tapfer sein! Ein Tipp: eine Freundin meiner Tochter betreibt in Leipzig ein Studio für "Feministisches Kickboxen", was immer das auch sein mag; im gesamten Komplex Betretungsverbot für Männer i.S.v. "Mann"; wer sich diesbzgl "unsicher" ist, darf an einem "Schnupperkurs" teilnehmen; (chrrr?) --- Ich wohne hier in einer Einliegerwohnung, habe des Öfteren relativ große Spinnen zu Gast => es gibt diese großen Gurkengläser: einfangen, ein Stück Pappe drunter & back to floora and fauna. -

Ein schöner Artikel und aus welchen Gründen auch immer fiel mir "Die Verwandlung" von Kafka ein (auch lesenswert; alles von Kafka ist lesenswert, nicht wahr?)

Wilhelm Maier | So, 12. August 2018 - 16:47

weil alle Warane tagaktiv sind.
Diese Gruselgeschichte erinnert mich an die schwarze Fantasie von Edgar Allan Poe.
Als Kind habe ich auch so manche schlaflose Nächte gehabt, wenn gerade noch vor dem Schlafengehen von ein paar unheimliche Geschichten oder Erzählungen inspiriert worden bin. Und meine! Fantasie hatte dann auch „freien lauf.“..
Katzen jagen Eidechsen und nicht die Hunde.
Eine Katze für ein paar Nächte bei Nachbarn ausleihen.
Der Hund kann bestimmt auch bei den Nachbarn für diese Zeit eventuell bleiben...
Und die Katze oder Kater muss nicht unbedingt Pluto heißen und auch nicht schwarz sein...(smiley lächeln).
Aber auch wenn dieser Sommer wie ein kostenfreier Selbstverteidigungskurs (The course!, das ganze Leben uns „kursiert“) ist, genießen Sie ihn und Schlafen mal wieder richtig aus.
Gute Nacht,
und natürlich auch Alles Gute.

Dimitri Gales | So, 12. August 2018 - 19:51

In Bayern kommt es zu Invasionen von Fledermäusen, die Kühlung in den Wohnungen suchen, sie kommen durchs offene Fenster und machen es sich in den Räumen bequem. Manchmal hilft nur der kostenlose Einsatz der Feuerwehr, zumal Fledermäuse die Neigung haben zu beissen, wenn man sie berührt.

Michaela Diederichs | So, 12. August 2018 - 22:14

Eigentlich lese ich Ihre Artikel gerne. Aber Hysterie und Wahnsinn törnen mich maximal ab. Glauben Sie im Ernst, dass Echsen Dinosaurier sind und Sie und Ihr Kind und den Hund fressen? Dir Erde ist eine Scheibe. Passen Sie bloß auf, dass Sie nicht runterfallen.

Haben sie das ernst genommen ? Hört sich fast so an, dann fallen sie bitte nicht von der Erd-Scheibe......

Michaela Diederichs | Mo, 13. August 2018 - 21:13

In reply to by Dieter Hegger

Realsatire meinen Sie wohl? Hier in maximaler Ausprägung und krass überzogen. Aber in abgeschwächter Form gibt es das Tag für Tag. Und das finde ich persönlich weder witzig noch erwähnenswert, solche Alltagsphänomene gehören für mich nicht "hoch" geschrieben.

Theo Feld | Mo, 13. August 2018 - 00:00

Was will man dem Leser damit sagen?

Thorsten Rosché | Mo, 13. August 2018 - 09:37

Im ständig aufgeregten Deutschland könnte man das fast ernst nehmen. Allerdings ist dieses Jahr schon fast alles durch, die Echsen im Haus fehlten aber noch. Möglich das es der Artikel von Frau Bergk in die Schlagzeilen der Auflagen stärksten deutschen Zeitungen und in die Tagesthemen schafft - wenn uns der Trump nicht wieder einen Strich durch die Rechnung macht weil seine Frau nicht Händchen gehalten hat oder er irgendwo auf der Welt den Hofknicks verweigert hat. Schöne Woche noch......

Karin Woelki | Mo, 13. August 2018 - 10:45

Dieser hysterisch aufgebauschte "Glibberartikel" paßt nicht zum Niveau des Cicero.

Wilhelm Maier | Mo, 13. August 2018 - 11:24

In reply to by Karin Woelki

Warum sollte man immer nur was Trauriges, oder mit ernster Miene was lesen, was politischen Vorgehen und Weltanschauung sowieso nicht ändert.
Nicht am Sonntag!.
Am Sonntag möchte ich auch etwas Amüsantes, Lustiges, Kurioses
oder auch was Lebendiges! lesen. Auch bei Cicero. Und ich Danke Frau Bergk und Cicero für auch für solche Artikel.
Genießen Sie jeden Sonntag!. Und nicht nur.
Schöne Zeit.

Dorothee Sehrt-Irrek | Mo, 13. August 2018 - 11:53

So können Sie uns doch nicht zurücklassen.
Toll geschrieben, ich zittere mit Ihnen, bis mir einfällt, dass ich wahrscheinlich in jedem Zimmer einen "wave attack" anschliessen würde. Gab es früher bei Eurotops.
Die Dinger erzeugen UNREGELMÄßIGE, kaum hörbare Töne, die aber größeren Tieren auf den Wecker gehen.
Die Fallen können Sie ja draußen aufstellen für den Fall, dass das Reptil doch nicht so ungefährlich wäre oder aber was wahrscheinlicher, dass es in unseren Breiten in der freien Wildbahn doch irgendwann gefährdet sein könnte.
Freundlichst

Wilhelm Katz | Mo, 13. August 2018 - 11:54

Mir gefällt das Foto zum Artikel, die grinsen so schön fies.

Jürgen Keil | Mo, 13. August 2018 - 15:56

Was bitte schön ist ein Klimaskeptiker? Einer der skeptisch ist, ob es ein Klima überhaupt gibt? Und was ist Klimawandel? Was ist ein Wandel? Was ist ein Klimawandelskeptiker? In dem Alle diese gezielt designten Begriffe nachplappern, werden sie nicht wahrer. Keiner ist skeptisch, ob es Klima gibt, nicht mal darüber das sich das Klima verändert. Ja es verändert sich, es wird mal kälter und mal wärmer, für kurze oder für längere Zeit. Nein, aber Wandel, das klingt so herrlich doktrinär, absolut. Es verändert sich und bleibt dann so, schlecht für alle Zeit. Skeptisch kann man allerdings sein, ob die aktuellen Klimaveränderungen wirklich nur anthropogen verursacht sind. Denn dafür gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis! Computersimulationen sind keine Beweise. Natürlich beeinflusst der Mensch seine Umwelt. Aber vielleicht gibt es noch andere Ursachen für Veränderungen des Klimas!?. Bleiben Sie bitte skeptisch!

Karla Vetter | Mo, 13. August 2018 - 19:38

Liebe Frau Bergk,ich kann das nachvollziehen.Einmal hatten wir vor gefühlt 50 Jahren einen Salamander im Bett, allerdings auf Elba.Auch bin ich der Meinung man sollte bei uns in Deutschland das Halten von Reptilien möglichst verbieten,nicht weil ich einschlägigen Tierfreunden die Freude verderben möchte,sondern weil ich nicht in der Nähe wohnen möchte wenn es ausbüxt.

Thoralf Krueger | Di, 14. August 2018 - 06:57

Liebe Frau Berk,

auch wenn ich jetzt in Gefahr gerate, mich als Klugscheißer zu outen, so möchte ich doch anmerken, dass Kriechtiere (Reptilien) keine „Glibberdinge“ sind, ihre Haut ist völlig trocken.
Bei den vermuteten Salamander schon.
Sie sind Lurche (Amphibien) die sich glibberig anfassen.
Bei der vergangenen Hitze, wären sie aber sehr schnell im Haus elendigste verendet, weil vertrocknet.
Beste Grüße

Michaela Diederichs | Mi, 15. August 2018 - 13:57

Zecken sind bedrohlich. Oft wird ein Biss gar nicht bemerkt. Neuroborreliose kann aber mit großer zeitlicher Verzögerung eintreten und wird sehr selten erkannt, da die Symptome diffus sind. Also achten Sie lieber auf die wirklichen, kleinen Gefahren, die das Leben bereit hält.
http://www.borreliose-lorenz.de/neuroborreliose.html