Donald Trump - Die Rückkehr der Superhelden

Schau mal einer an, der lässt den nordkoreanischen Diktator einfach sitzen. Der Erfolg von US-Präsident Donald Trump ist Ausdruck einer Sehnsucht nach dem „starken Mann“, die man auch hierzulande beobachten kann. Viele Linke reagieren panisch. Aber es gibt eine bessere Antwort

 Ein Ballon in Form des Superhelden "Spiderman" schwebt über der Thanksgiving Parade in New York City, New York, USA, am 22 November 2012. Superman, Spiderman oder auch Captain America sind in den USA sehr populär. Jetzt aber legt eine neue US-Studie nahe, dass Kindergartenkinder durch Superheldenfilme aggressiver werden könnten.
Was ist so super an Superhelden? Sie „erlösen die Bürger von den intellektuellen Herausforderungen der Demokratie“ / picture alliance

Autoreninfo

Nils Heisterhagen ist Sozialdemokrat und Autor des Buches „Die liberale Illusion. Warum wir einen linken Realismus brauchen“, welches letztes Jahr im Dietz-Verlag erschienen ist.

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Nils Heisterhagen

Sie kennen sicher Thor, Spiderman, Ant-Man, Ironman, Hulk, und Captain America? Diese ganze Marvel-Avengers-Truppe? Sie waren bestimmt neulich mal im Kino und haben sich durch das neue Superhelden-Kino geschaut. Wahrscheinlich waren das zwei ganz nette Stunden. Die Welt muss gerettet werden. Und sie wird gerettet. Dem Heroismus der Avengers sei Dank. 

Warum frage ich Sie das, werden Sie jetzt fragen. Was soll das?

Gesucht: politische Superhelden

Diese Superhelden-Fiktion hat nicht einfach nur den Disney-Konzern sehr reich gemacht, der diese Filme produziert hat. Dieses neue Superhelden-Kino sagt auch etwas über unsere Gesellschaft aus. Der Journalist Maximilian Probst schrieb bereits im vergangenen Jahr in der Zeit dazu, dass die „postheroische Gesellschaft“ zu Ende gehe und ein neuer Heroismus entstehe. Heroismus heißt aber auf Deutsch einfach Heldentum, und damit tun sich hierzulande viele nicht so leicht. Einige werden vielmehr nahezu hysterisch in ihrem Kampf für die offene Gesellschaft und der Antiautorität, die sie in der jetzigen Gesellschaft weitgehend verwirklicht sehen. Ihr antiautoritäres Verständnis kultureller Freiheit, quasi ihr Post-68-Selbstverständnis, dominiert sie so sehr, dass sie in moralische Panik verfallen, wenn Dinge anders sind als sie wollen.

Da kann es für sie auch nur ein Abfall vom Glauben sein, wenn der „starke Mann“ zurückkehrt. So etwa erstaunte sich gerade Georg Seeßlen in der taz über dieses „massenhafte, toxische, gierige Anwachsen der Sehnsucht nach dem starken Mann“. Er verwies auf eine Studie der Universität Bielefeld, die herausgefunden haben will, dass die Sehnsucht nach einem starken Mann wachse. 

Das ist ein ziemlich korrekter Befund. Diese postheroische Gesellschaft – und eine gelassene dazu –, die gibt es nicht mehr, wenn es sie denn je gegeben haben soll. Die Demoskopin Renate Köcher schrieb passend dazu auch vor einiger Zeit in der bekannten Allensbachs-Analyse in der FAZ, dass es eine Sehnsucht nach starker Führung gäbe. Dieser Befund ist relativ gesichert. In gewisser Weise überfordere die Komplexität der Demokratie viele Menschen, und die anstrengende Kompromissfindung schaffe so Sehnsucht nach klarer Kante und Führung. So näherte sich zumindest Renate Köcher dem Phänomen.

Der Soziologe Niklas Luhmann würde es so beschreiben: Es gibt eine neue Sehnsucht nach Komplexitätsreduktion, und Luhmann hatte schließlich einst das „Vertrauen“ als Mechanismus dieser Komplexitätsreduktion beschrieben. 

Eine neue Form von Cäsarismus

Übertragen auf heute bedeutet das: Vertrauen gegenüber dem „Anführer“ wird zur Komplexitätsreduktion. Man legt sein Schicksal in seine Hände. Und egal, ob er so clownsmäßig und dilettantisch agiert wie Donald Trump, Hauptsache er zeigt Stärke, Konsequenz und hat eine Idee, wie die „Gemeinschaft“ gestärkt werden könne – auch auf Kosten der Anderen. „America First“ und eine harte Hand, ob im Handelskrieg mit China oder indem er Nordkoreas Diktator Kim Jong Un einfach sitzen lässt  – Trump tut dies, um sich Vertrauen zu erwerben. Die Philosophie dahinter beschrieb vor einiger Zeit Thomas Assheuer für die ZeitEs sei das Recht des Stärkeren, eine rechtskonservative Kampfmoral, die in Freund-und-Feind-Schemata denkt, die den Trumpismus ausmache. Donald Trump will im Grunde eine neue Form von Cäsarismus. 

Wie auch immer dieser Cäsarismus zu bewerten ist: Dieser Cäsarismus Trumps ist aus meiner Sicht jedenfalls zugleich als eine Art „wilder Republikanismus“ zu deuten. Trump wird zum Sprachrohr des „Volkswillens“ imaginiert, um die Gemeinschaft zu stärken – eben auch auf Kosten der Anderen. „America First“ heißt dann folgerichtig „fight the others“. 

Damit das gelingen kann, so unterstelle ich, muss jede Kritik als unberechtigt und als Versuch der Attacke auf das Volk selbst gelesen werden. Darum sind viele von Trumps Anhängern so frenetisch. Sie müssen jede Reflexion beiseiteschieben. Nur so kann ihr Vertrauen bestehen bleiben. Zugleich ist dieses Vertrauen dann auch eine doppelte Komplexitätsreduktion. In dem sie Trump blind vertrauen, müssen sie sich selbst keine Gedanken mehr machen. So werden sie erlöst von der intellektuellen Herausforderung der Demokratie. 

Bist du auf meiner Seite oder nicht? 

Diese Komplexitätsreduktion macht aber etwas mit der Demokratie und mit dem Diskurs. 

Es geht in dieser Komplexitätsreduktion darum, den Diskurs auf vermeintlich einfache Formeln zu verkleinern: Bist du auf meiner Seite oder nicht? Like or Dislike. So entsteht eine politische Konstellation, in der Abwägung, empirische Orientierung und „Wahrheit“ kaum mehr etwas zählen, sondern es eher darum geht, seine Seite zu wählen. Bei großen Teilen der „Linken“ und der „Liberalen“ ist das übrigens nicht anders. Diese Entwicklung illustriert eine Umfrage unter amerikanischen Studenten nahezu perfekt. Nach einer Umfrage des Gallup Instituts und der Knight Foundation  sind Vielfalt und Inklusion 53 Prozent der amerikanischen Studenten wichtiger als Meinungsfreiheit. Die FAZ schreibt dazu: „Statt um den Austausch von Argumenten geht es um Gruppenzugehörigkeit und die bessere Moral.“ 

Die Umfrage zeigt par excellence, dass die neue „Identitätspolitik“ zunehmend über Gruppenzugehörigkeit funktioniert. Sie hat dazu geführt, dass sich immer mehr Menschen Gruppen zuordnen. Identitätspolitik meint zwar Politik auf sich – also vor allem die eigene Identität – zu beziehen. Aber wenn diese Identitätspolitik konkret politisch wird, dann wird eben auch gefragt: Wer ist noch wie ich? Und wer eben nicht? 

Eine politische Kultur des Miteinanders 

Dieser Partikularismus ist eine wesentliche Ursache der demokratischen Krisen, die wir in fast allen westlichen Staaten gerade erleben. Auf diese Art des Diskurses gilt es nun zu antworten. Die Antwort liegt in meinen Augen in einem republikanischen Universalismus.

Diesen Universalismus macht es aus, inklusiv zu sein. Universalismus ist gelebte Solidarität. Er ist mitnichten eine Chiffre für Diskriminierung und Ausgrenzung von Minderheiten, wie es – linke und liberale – Verteidiger der partikularistischen Identitätspolitik zum Teil behaupten. Wer universalistisch denkt, bevorzugt niemanden und benachteiligt niemanden. Das egalitäre Element des Universalismus ist unverrückbar. Universalismus hat immer etwas Kollektives, Versammelndes, Vereinendes. Universalismus ist keine Ausgrenzungsvokabel von „alten weißen Männern“. Universalismus ist keine Bemäntelung von faktischer Ungerechtigkeit und Benachteiligung. 

Dieser republikanische Universalismus bringt zurück, was heute mehr denn je fehlt: Eine politische Kultur des Miteinanders. Politik bedeutet nämlich auch, so sagt es uns das republikanische Ideal, im Sinne des Gemeinwohls zu streiten und zu handeln. Der Bürger dient einer größeren Sache. Diese größere Sache müssen wir wieder in den Blick bekommen. Die Hegemonie eines radikalen Individualismus, die wir nun seit den achtziger Jahren erleben, muss enden. Genau so wenig sollte man es zulassen, dass die Gesellschaft in Blöcke des „Wir“ und „Die“ zerfällt.

Jeder muss sich so auch selbst fragen, was er tun kann, damit unsere Demokratien von innen heraus wieder stärker werden. Auf einen politischen Superhelden zu warten, damit er einen retten möge, ist jedenfalls aus der Zeit gefallen. 

Gisela Fimiani | Fr, 1. März 2019 - 14:43

Amerika, dich hasst es sich besser.......
Der ewige Sündenbock (Trump macht es einem leicht) ist gefunden und taugt noch für die krudeste politische Theorie und Psychologie. Die unerträgliche Selbstüberhebung fällt dem unkritischem Geist inzwischen gar nicht mehr auf.

Unkritischer Geist ist doch wohl ein Widerspruch.
Man darf bei Disputen nicht vergessen, daß nur einem kleinen Teil der Menschheit
ein bewußtes, unabhängiges Denken möglich ist - von Gott oder der Natur
gegeben. Deshalb sind auch alle modernen Demokratie-Strukturen, theoretische
und praktische, eine Farce. Eine Farce, die nur den Elitären und den Machthungrigen zu Gute kommt, und diese nur auf diesem Wege die ´Breite
Masse´ nutzen und benutzen können.
Die Alten Athener waren ehrlich, die modernen Eliten lieben die Heuchelei.

...sollte sich wohl mehr um ein gutes Verhältnis zu den Verbündeten bemühen, statt einen Diktator zu umgarnen, den er noch dazu seinen Freund nennt.

Nun hat es mit der grossen Friedensgeste leider nicht geklappt, der Friedens-Nobelpreis, für den sich Trump selbst ins Gespräch gebracht hat, weil er ja - wieder nach eigener Aussage - rundherum fantastische Arbeit leistet, ist wohl wieder in weite Ferne gerückt.

Das wird dann wohl nichts mit dem Platz in den Geschichtsbüchern, von dem "der Narzisst" Trump geträumt hat, als Befrieder und Abrüster der koreanischen Halbinsel.

Ausser der üblichen Show nichts passiert..Ein Wunder nur, wie nachsichtig man Trumps Schmusekurs mit dem kommunistischen Diktator in den Kreisen beurteilt, in denen man eigentlich alles, was auch nur entfernt nach Sozialismus riecht, sofort als pures Taufelszeug niedergemacht wird.

gerhard hellriegel | Fr, 1. März 2019 - 15:12

Ja ja, so hätten wir das gern: schuld sind die Populisten, schuld ist die Bevölkerung, die sich verführen lässt, nur einen lassen wir außen vor.
Schon ein schwerer Fall von Betriebsblindheit. Und dann mal wieder eine post-Analyse, ich kann's nicht mehr hören. Und ach, es ist ja alles so komplex. Aber da bleibt die Frage: warum denn?
Und warum sind dann auch die "Lösungen" der Komplexitätsanbeter so einfach? Der Universalismus scheitert am Kapitalismus. Und eine bessere Alternative haben wir derzeit nicht im Angebot.

Heidemarie Heim | Fr, 1. März 2019 - 16:01

"Ja, so oder ähnlich sollte es sein", dachte ich bei der Lektüre. Doch fängt dieses universale Denken nicht erst beim Eintritt in die Politik oder in ähnlichen Macht-Konstellationen an. Denn größte Herausforderung beim Streben nach Universalismus ist es, ureigene Interessen und als "politischer Imperator", in Demokratien auf Zeit!, die Interessen des eigenen Staates und seiner Bürger weit auszudehnen. Und dies über die natürlichen Grenzen hinweg. Aber was tun, sollte das Gegenüber noch einen hegemonialen wie radikalen Individualismus pflegen oder Ziele verfolgen, die mir dem Universalisten u.U. zum Schaden gereichen? Oder meine Entscheidungen im Sinne universalen Handelns trotz herrschender Komplexitätsreduktion mehrheitlich keinen Beifall mehr finden aus Gründen einer Vertrauensreduktion;-)? Erfahrung und Erkenntnis zeigen, das ambivalente Wünsche zwischen individuellen staatsbürgerlichen Partikularinteressen und "abwählbaren" Cäsaren immer einer Gratwanderung gleichkommt. MfG

Markus Michaelis | Fr, 1. März 2019 - 16:02

Für mich geht es weniger um den starken Mann als darum, dass die im Moment noch staatstragenden Erzählungen um Schlagworte "offene Gesellschaft, Europa, Multilateralismus und vieles mehr" zu realitätsfern, zu sehr wollend statt analysierend etc. sind. Vieles von dem, was im Moment politisch gesagt wird, empfinde ich als Phrasen, die mehr einen gewünschten Zustand ausdrücken als sich mit der Komplexität einer bunten Welt beschäftigen zu wollen.

Ein gutes Beispiel ist etwa der im Artikel angesprochene "Universalismus" der Republikaner. Ich denke da ist etwas dran, was nicht heißt, dass damit gleich der "Sieger des Guten" feststeht. Auch Demokraten haben einen Universalismus. Sie beanspruchen gesellschaftliche Ideale für sich, die in einem absoluten Sinn höherwertig für alle Menschen sind. Gleichzeitig fahren sie im Namen dieser Ideale auch scharfe Ausgrenzungskampagnen. All das ist erstmal weder richtig noch falsch - es fehlt aber die Bereitschaft darüber nachzudenken und zu reden.

Hans Jürgen Wienroth | Fr, 1. März 2019 - 17:11

Es wird gerne auf den möchtegern-Superhelden geschaut, aber wird nicht Angela Merkel von unseren Medien dazu gemacht? Wer kann einen Wahlkampfslogan weiter reduzieren als Sie mit den Worten: „Sie kennen mich“? Ist Ihr Wahlsieg 2013 und 2017 nicht auch eine Folge der Heroisierung dieser Frau durch die Medien als „starke Führerin der freien Welt“?
„Dieser Partikularismus ist eine wesentliche Ursache der demokratischen Krisen, die wir in fast allen westlichen Staaten gerade erleben.“ Ist der Universalismus wirklich die bessere Form? Ist dieser nicht ein Traum von globaler Solidarität, eine Anonymität, in der Niemand verantwortlich ist für das große Ganze? Die Komplexität auf unserem Planeten ist jedoch nicht von kleinen Gruppen beherrschbar.
Der „Individualismus …. muss enden“. Ist das nicht auch das Ende der Freiheit (des Einzelnen), das Ende der Demokratie?

Stimmt, Ihr Kommentar gefällt mir besser als der Artikel. Mehr bräuchte es auch nicht.... nur gibt es leider zu viele „Machthelden und Machtheldinnen“,die meist
aber nur Stroh zwischen den Ohren haben....und sich letztlich für Ihr Tun nicht verantwortlich fühlen. Siehe Angela Merkel, Zitat: „ich wüsste nicht, was ich hätte anders machen können.“
Ich schon ... das hätte jede „ dusslige Hausfrau“ besser hinbekommen.
Nochmals danke für Ihren Kommentar.

Bernd Schiebener | Sa, 2. März 2019 - 09:43

Wer das Interview mit Österreichs Bundeskanzler Kurz über seinen Besuch bei Trump gesehen hat bekommt einen ganz anderen Eindruck vom US Präsidenten. Das Gespräch war freundschaftlich, sachlich aber in der Sache knallhart - wobei sein Eindruck war, Trump weiß genau was er will. Das hatte dem ZDF Phoenix Moderator gar nicht ins Konzept gepaßt.
Wobei aus meiner Sicht BK Kurz der einzige Politiker in der EU ist den ich noch ernst nehme.

Dieter Zorn | So, 3. März 2019 - 11:18

Nichts wird gut indem man einfach Demokratie und Republikaner sagt. Die Menschen verzweifeln an einer konkreten Form der Demokratie, die Parteienherrschaft heisst und im Hinterzimmer nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner sucht. Wer also die Demokratie stärken will, muss sie reformieren. Er muss die Parteien schwächen und die Abgeordneten stärken. Wer zu besseren Entscheidungen im Konkreten kommen will, muss die direkte Demokratie stärken und unabhängigen Experten mehr Gewicht geben. Wer das tut, gibt dem Individualismus mehr Gewicht. Universalismus und Konformismus ist das Heilswort aller Linken, die glauben, dass alles besser wird, wenn der Linke Staat es macht. Das ist jedoch ein katastrophaler Irrtum, egal wie man ihn bemäntelt.
Und da es nicht funktioniert, wenn der Staat der grosse Entmündiger und Planer ist, wenden sich die Massen wieder dem Führerkonzept zu. Die Linke beflügelt also das, was sie bekämpfen will. Auch weil andere Ausgänge aus dem Dilema versperrt werden.

Wolfgang Tröbner | Mo, 4. März 2019 - 10:09

Eine politische Kultur des Miteinanders, im Sinne des Gemeinwohls zu streiten und zu handeln, ja das wäre in der Tat wunderbar. Aber, nachdem uns die starken links-grün-roten Frauen mit Riesenschritten direkt zurück ins Mittelalter steuern, wird es für eine politische Kultur des Miteinander sehr schwer werden. Ich zum Beispiel würde gern "einer größeren Sache" dienen, wenn ich davon überzeugt wäre. Warum sollte ich aber einer Politik und deren Zielen dienen, die in mir (ich gehöre zu den bösen alten weißen Männern) nur noch ein zur Ausplünderung frei gegebenes Subjekt sehen, dessen Interessen aber ansonsten von keinerlei Interesse sind? Da halte ich es lieber mit dem letzten sächsischen König, der bei seiner Abdankung gesagt haben soll: "Macht doch Euren Schei... alleene"