Kirill Petrenko dirigiert Beethovens Neunte Sinfonie vor dem Brandenburger Tor / Gordon Welters

Dirigentenbesetzungen - Götterdämmerung der Haudegen

An den Pulten der Orchester etabliert sich ein neuer Ton: weniger autoritär, weniger Establishment – mehr Begeisterung. Der Mythos Maestro ist im Wandel, und der Rausschmiss von Valery Gergiev in München war mehr als nur ein politisches Zeichen.

Autoreninfo

Axel Brüggemann ist Musikjournalist und lebt in Bremen. Zuletzt erschien der von ihm herausgegebene Band „Wie Krach zur Musik wird“ (Beltz&Gelberg-Verlag)

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Als Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter Anfang März erklärte, München trenne sich von Chefdirigent Valery Gergiev und „es wird damit ab sofort keine weiteren Konzerte der Münchner Philharmoniker unter seiner Leitung geben“, war dieses nur ein weiterer Schritt der Götterdämmerung alter Maestri an den internationalen Pulten dieser Welt. Russlands Krieg gegen die Ukraine hat den rasanten Wandel der Uraltklassik weitaus schneller beschleunigt als Corona. 

Während der Pandemie ist die Klassik am „Systemrelevanz“-Check gescheitert, und die Szene hat ihre eigene Bedeutungslosigkeit beweint. Nun stellen Musikerinnen und Musiker fest, dass ihre Kunst plötzlich mit Pauken und Trompeten wieder zum Schlachtfeld der Weltpolitik geworden ist. Und die Klassik gerät unter Handlungsdruck. Das wird besonders deutlich an den Fällen von Anna Netrebko und Valery Gergiev. Sie zeigen, dass Russlands Arm der weichen Propaganda schon lange tief in das westeuropäische Kultursystem eingreift. 

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Klaus Funke | So, 17. April 2022 - 19:01

... es war schlimmste Kulturbarbarei, nur noch vergleichbar mit den Entscheidungen von Goebbels und der Reichskulturkammer. Was zum Teufel hat die künstlerische Qualität eines Dirigats mit der politischen Ausrichtung des Dirigenten zu tun? Herbert von Karajan war NSdAP-Mitglied, Furtwängler war der oberste Dirigent des Führers. Wurden diese Herren irgendwann öffentlich geächtet? Die Netrebko hat man faktisch gezwungen, sich gegen ihre Heimat und für die Interpretation des Westens zu entscheiden. Die beste Sopranistin der Welt wurde menschlich zerstört. Sie wird sich davon nie erholen. Künstler sind sensibel. So wie man vor Jahren Uwe Steimle beim MDR "entfernt" hat, obwohl der dem Sender Supereinschaltquoten beschert hat und Publikumsliebling war. Wo ist der Unterschied zum Verhalten und den Sanktionen der Reichskulturkammer? Dem OB vom München sollte man lebenslang Konzertverbot erteilen und anderen diesbezüglichen Kulturbanausen ebenso. Früher sonnten sie sich im Ruhm der Stars.

Peter L. | So, 17. April 2022 - 21:10

Herr Brüggemann betreibt hier und anderswo politische Hetze gegen Künstlerkollegen, die sich Macht und Zeitgeist nicht beugen wollen.
All seine Einlassungen bekunden, daß er von Kunst und Künstlern nichts versteht. Er betreibt menschenunwürdige Propaganda im Sinne der transatlantischen Mächtigen, die von Stil und Inhalt her den Haßtiraden des "Stürmer" ähnelt.
Möge der Haß, den er verbreitet, bei den geschätzten Lesern des Cicero keine Wurzeln schlagen!
Ich wünsche allen österlichen Frieden und Freude an der Musik!

Achim Koester | So, 17. April 2022 - 22:00

breiten sich metastasierend auf dem deutschen Kulturbetrieb aus. Wer nicht dem politischen Mainstream bedingungslos folgt, hat mit Restriktionen oder Entlassung zu rechnen, dabei spielt die künstlerische Qualität keine Rolle mehr. Ich kann mich erinnern, als vor Jahren James Levine als Chefdirigent in München zur Debatte stand, fragte die grüne Fraktion ernsthaft nach, ob er denn in der Lage wäre, so ein Orchester zu leiten. Dabei ging es aber nicht um den Missbrauchsvorwurf.
Herrn Funkes Vergleich mit der Reichskulturkammer ist so falsch sicher nicht.

Bernhard Homa | So, 17. April 2022 - 23:05

einer Gesinnungsschnüffelei im Stile des Stegemannschen Grusel-Artikels von gestern (Begriffs-Stuss wie "Klassikpropaganda" inklusive). Demnächst dann im Cicero: die neuesten Inquisitionsverfahren des Büros für kulturpolitische Reinheit Brüggemann & Stegemann zu iranischen, israelischen, saudischen, türkischen, chinesischen, amerikanischen usw. usw. Künstlern und deren "Haltung" zu den Kriegs- und sonstigen Verbrechen ihrer jeweiligen Staatsführer – Motto: Elvis lebt vielleicht nicht mehr, aber McCarthy wecken wir wieder auf.
Zu Netrebko: 30 Sekunden Wikipedia-Recherche reichen, um die Darstellung hier als gelinde gesagt selektiv zu entlarven.
Zum Hauptthema: dass sich eine neue Dirigenten-Generation mit neuem Arbeitsstil durchsetzt mag schon sein – aber solche Führungspositionen erfordern vor und nach der Berufung sowohl Durchsetzungsvermögen als auch Netzwerkerqualitäten: ganz ohne "Macho" und "Seilschaften" gehts wohl auch da nicht

Ernst-Günther Konrad | Mo, 18. April 2022 - 09:15

Erst holt man sie. Brüstet sich damit, die Größten und Besten zu haben, war gerne bereit ihre teils egomanischen Anwandlungen und Starallüren zu verklären, war immer bereit ihre Konzerte zu besuchen und sich öffentlichkeitswirksam ablichten zu lassen. Und jetzt? Weil sich die einen nicht beugen und sich weigern politische Statements abzugeben oder weil sie Putin kennen werden sie verfolgt. An was erinnert mich das nur.
Das Russen in unserem Land der Buntheit wegen ihrer Herkunft verfolgt werden zeigt die Verlogenheit der gesamten Minderheitenpolitik.
Das Russen hier sich nicht äußern, weil sie sonst ihre Heimat verlieren, gar Angehörige, Freunde und Verwandte in Gefahr bringen würden scheint niemand zu interessieren. Heute sind es die Musiker und Morgen? Wann werden russ. Dichter und Schriftsteller verboten? Man will den Widerstand in Russland unterstützen, Putin sogar stürzen und der gemeine Russe kann lesen und sehen, wie man mit ihren Landsleuten in Deutschland umgeht. Widerlich.

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