Die Schichtungen der Gefühle

Marica Bodrožic gilt als eine der interessantesten Schriftstellerinnen des Landes. Dabei ist das Deutsche noch nicht einmal ihre Muttersprache. Über eine 37-jährige Deutsch-Kroatin, ihre Suche nach Zugehörigkeit und ihre bildhafte, fast orientalisch anmutende Erzählkunst.

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Aus dieser kleinen, zierlichen Person tönt eine unglaubliche Stimme. Eine Stimme, die den gesamten Balkan in sich zu tragen scheint. Eher tief, mit einer Rauheit, die jeden Moment aufbranden und in einem Lachen explodieren kann. Kaum vorstellbar, dass genau diese Stimme über einen langen Zeitraum nicht zu hören war. Als Marica Bodroži mit neun Jahren aus einem kleinen Dorf in den Bergen von Dalmatien, dem heutigen Kroatien, nach Hessen übersiedelte, verschlug es ihr die Sprache. Sie verstummte. 1973 in Svib geboren und bei ihrem Großvater auf dem Land aufgewachsen, waren ihr sowohl die neue Umgebung und das Deutsche als auch die Familie selbst fremd. Ihre Eltern nämlich hatten nicht nur sie, sondern auch ihre jüngeren Geschwister bei verschiedenen Verwandten untergebracht. So machten es die Gastarbeiter in den siebziger Jahren.

„Als ich in die Schule kam und das Alphabet lernte, habe ich meinen Eltern einen Brief geschrieben. Es war die Aufforderung, mich doch bitte zu sich zu nehmen, da ich schließlich ihr Kind war. Das ist der erste Schreibakt, an den ich mich erinnere“, erzählt Marica Bodroži, die heute in Berlin lebt. Schreiben, die Übersetzung von diffusen Gefühlszuständen in Sprache, scheint ihr seither das einzige angemessene Mittel, der unverständlichen Welt irgendwie habhaft zu werden – und vielleicht erklärt sich auch daraus ihre Neigung zu einem bildhaften, metaphernreichen Erzählen, das in der deutschen Gegenwartsliteratur fast orientalisch anmutet.

Die Eroberung einer zweiten Sprache bedeutete aber auch Freiheit: Auf einmal galten ganz andere Gesetzmäßigkeiten, konnten neue Bedeutungsfelder erobert werden. Dem Schreiben ging das Lesen voraus. „Die Bücher von Ingeborg Bachmann, Danilo Kiš, Marina Zwetajewa oder Joseph Brodsky haben mich elektrisiert. Es war also erlaubt, in die einzelnen Schichtungen der Gefühle vorzudringen und sie zu schildern. Mir kam das wie eine Rettung vor.“ Die lesewütige Schülerin begann, in ihrem Tagebuch alles festzuhalten, was sie beschäftigte.

Als der Jugoslawienkrieg ausbrach, entstanden die ersten Gedichte. „Sie waren ein vollkommen dilettantischer Versuch, mit den vielen Widersprüchen fertig zu werden“, sagt Bodroži. „Ich habe den Zerfall des Landes am Beispiel meiner eigenen Familie erlebt. Meine Schwester hatte einen serbischen Freund. Deswegen wurde sie von der kroatischen Gemeinde geschnitten und als ‚Serbenhure‘ beschimpft.“ Mit bewundernswerter Zähigkeit setzte sie sich schon mit 18 gegen ihr Umfeld und gegen ihre Eltern durch. Sie zog aus der hessischen Provinz nach Frankfurt und holte ihr Abitur nach. Danach studierte sie Kulturanthropologie, Slawistik und Psychoanalyse, arbeitete für den Rundfunk und schrieb Geschichten über ihre gesamtjugoslawische Kindheit, für die sie bald ein Stipendium erhielt. 2002 erschien ihr erster Erzählungsband „Tito ist tot“.

Die Frage, wer man ist und ob man überhaupt irgendwo hingehört, treibt alle Figuren in Bodrožis Büchern um. Auch Nadeshda, die Heldin ihres gerade bei Luchterhand erschienenen Romans „Das Gedächtnis der Libellen“, findet erst über einen Aufenthalt in der Fremde und den Umweg einer unglücklichen Liebesgeschichte zu sich selbst.

Im Arbeitszimmer der Schriftstellerin hängt ein Gemälde von einer Madonna mit Kind, das sie vor ein paar Jahren zufällig bei einem Trödler aufspürte und unbedingt besitzen wollte. Die Geborgenheit, die das Bild ausstrahlt, wirkt wie ein Fluchtpunkt ihres Schreibens. Genau wie Nadeshda kehrte sie Deutschland mit Mitte 20 den Rücken. „Damals stellte sich mir die Frage, wo ich leben wollte und in welcher Sprache ich schreiben sollte. Meine Eltern gingen nach Kroatien zurück, aber diesem neu entstandenen Land fühlte ich mich gar nicht verbunden. Ich entschied mich für Paris.“ Die französische Metropole hatte schließlich seit jeher mitteleuropäischen Schriftstellern Zuflucht geboten. „Es ging für mich um die Suche nach einem Ort, der mir entsprach. Paris besitzt einen überwältigenden äußeren Charme, aber je tiefer man vordringt, desto kühler wird es, auch in menschlicher Hinsicht.“ Von der französischen Alltagswelt ernüchtert, entdeckte Marica Bodroži, wie deutsch sie war, und entschied sich drei Jahre später zum Umzug nach Berlin. Erst neuerdings spürt sie Widerstände. „In der Diskussion um Sarrazin habe ich mich zum allerersten Mal als Ausländerin gefühlt“, sagt sie. „Vermutlich wird es 200 Jahre dauern, bis sich niemand mehr über meinen Namen mit den komischen Häkchen wundert.“ Dabei sind Autoren mit Verankerungen in anderen kulturellen Räumen längst eine Bereicherung für die deutsche Literatur. Wer sonst hat so ein erfinderisches Verhältnis zur Sprache?

Auch wenn Bodroži ihre schriftstellerischen Projekte, ihre Figuren und ihre Suche nach neuen Ausdrucksformen erklärt, schimmert diese ekstatische Beziehung zum Deutschen hindurch. Man hat das Gefühl, dass sie nur mit Mühe am Tisch sitzen bleibt und eigentlich am liebsten losrennen würde, um weiterzuschreiben. Sie hat Pläne für mindestens vier bis sechs neue Bücher, absolviert in ganz Deutschland Lesungen, reist immer wieder ins Ausland, auch nach Kroatien, wo ihre Romane in Übersetzungen erscheinen, leitet Seminare und Schreibwerkstätten. Man weiß sofort, was Jugendliche an ihr fasziniert. Sie hat das Leben am Schopf gepackt. Als wir uns verabschieden, flitzt sie davon. Nach Hause, um ihre Stimme zu Papier zu bringen.

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