/kultur/buehnen-konzert-christianthielemann-lockdown-wienerphilharmoniker-oper-bruckner
Am 30. Dezember 2018 mit den Wiener Philharmonikern. Foto: picture alliance/dpa | Hans Punz

Wiedereröffnung von Bühnen - Das Intensivste ist die Stille

In der Cicero-Reihe über die Bühnenwelt im Lockdown spricht heute der Dirigent Christian Thielemann über seine Empfindungen und Erfahrungen während des vergangenen Jahres, über seine Liebe zum Publikum und über den kommenden Tanz auf dem Vulkan.

Autoreninfo

Christian Thielemann ist seit 2012 Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden und seit 2013 künstlerischer Leiter der Osterfestspiele Salzburg.

 

So erreichen Sie Christian Thielemann:

dpa

Dieses ewige Hin und Her der Corona-Planerei macht einen fix und fertig. Ich probe gerade in München für mein Debut mit dem Bayerischen Rundfunkorchester, das ganz anders geplant war, nämlich mit einer großen Bruckner-Sinfonie, der Fünften. Die können wir nun nicht aufführen, weil der Platz im Saal das für die nötigen Abstände nicht hergibt. Stattdessen spielen wir nun ein gemischtes Programm für kleinere Ensembles, erst Blechbläser, dann fünfzehn, sechzehn Holzbläser, dann eine Schumann-Sinfonie. Und im Streaming muss es dann alles in einem Schwung durchgespielt werden. Die Pausen in den Konzerten hatten schon auch einen Sinn: Dass sich der Dirigent vor der Sinfonie noch einmal etwas erholt, und die Musiker auch. Und der geneigte Zuschauer soll nun auch in einem Schwung am Computer durchhalten.

Ich hatte neben all den vielen Absagen in dieser Zeit das Glück, dass ich seit der Jahreswende mit den Wiener Philharmonikern im leeren Musikvereinssaal in Wien wie geplant mit der Aufnahme aller Bruckner-Sinfonien beginnen konnte, zum Teil gestreamt. Anders als in München, ging das in Wien mit Bruckner. Getestet waren wir immer, und sie haben uns in der normalen Aufstellung spielen lassen. Ich habe mich bei der Gelegenheit sehr intensiv mit den verschiedenen Fassungen dieser Sinfonien befassen können, so intensiv wie noch nie. Man kann dann für die Arbeit mit dem Orchester Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen – welche Stelle in welcher Version mir jeweils besser gefällt.

Das Publikum im Nacken

Über das Streaming als einzige Möglichkeit in dieser Zeit bin ich dankbar; dass überhaupt irgendetwas geht. Aber es bleibt seltsam, dass kein Publikum da ist. Das Publikum gehört einfach dazu, auch die Huster und das Rascheln! Ich spüre immer das Publikum im Nacken.

Im Streaming muss man trotzdem versuchen, diese Atmosphäre irgendwie herzustellen. Man muss versuchen, die Konzentration so hinzubekommen, als wenn Publikum da wäre. Das Licht geht runter, die Musiker sind alle gewandet wie immer, ich habe auch einen Anzug an, gehe raus, verbeuge mich vor dem imaginären Publikum für die Kamera, drehe mich um – und das Orchester weiß, jetzt spielen wir diese Bruckner-Sinfonie zusammen. Und die Kameras und die Aufnahmeleute sind unser Publikum.

Aber es ist nicht vergleichbar. Wenn Publikum da ist, fühlt man sich immer auf die Finger geguckt. Die Reaktion dieses Ungeheuers mit dem Namen „Publikum“ kann ja sehr heftig sein, positiv wie negativ, bei einer Oper wird auch gebuht – es passiert alles. Man ist mit Publikum auf freier Wildbahn. Wenn das Publikum fehlt, fehlt die Spannung im Raum.

Der Aufschrei nach der Stille

Das Publikum beschert einem magische Momente im Saal. Nach dem Schluss eines Stückes, wenn dann noch eine ganze Zeit Stille im Raum ist, und dann ein Aufschrei losbricht – das ist etwas ganz Ungeheuerliches. Überhaupt ist das Intensivste die Stille, die entstehen kann. Die explosivsten Stellen sind die, wo gar nicht gespielt wird, in einer Generalpause oder zu Beginn eines Satzes. Da habe ich als Dirigent das Gefühl, da bohrt sich etwas in meinen Rücken – die Blicke der Leute vielleicht, ich spüre etwas wie einen Druck auf dem Rücken. In Bayreuth im Orchestergraben sehe ich das Publikum gar nicht, und sogar da spüre ich es, und es überträgt sich auch aufs Orchester. Das sind ganz eigenartige, besondere Momente.

Es gibt da übrigens Unterschiede in der Intensität der Atmosphären, je nach Programm. Die meisten Sinfonien, die laut zu Ende gehen, haben sofort einen Aufschrei des Publikums zur Folge. Bei Bruckner-Sinfonien, die alle triumphale Enden haben, ist das anders. Die Stimmung zuvor ist eben schon so andersartig bei Bruckner als bei anderen Komponisten – so anders, dass dann sehr oft nach diesem letzten Fortissimo eine irrsinnige Stille im Publikum ist. Offenbar bewegt eine Bruckner-Sinfonie die Leute anders. Ähnlich nach der Götterdämmerung, oder nach dem Tristan. Beim Lohengrin dagegen wird sofort geklatscht, beim Tannhäuser auch, auch beim Rheingold. Bei der Walküre nicht, wenn sie am Ende in den Schlaf versenkt wird: „Leb wohl, Du kühnes herrliches Kind!“ – da sind alle ergriffen, und das spürt man natürlich als Interpret.

Man kann nichts simulieren

Wir Künstler sind so dankbar, wenn wir wieder auftreten dürfen. Ich vermisse das Lampenfieber, das ich eigentlich sonst scheußlich finde. Diese Nachmittage vorher im Hotelzimmer oder zu Hause können manchmal sehr lang sein und auch unangenehm. Den Wert von all dem weiß man schon sehr zu schätzen in dieser jetzigen Lage.

Ich habe manchmal die Befürchtung, dass es einige Leute geben wird, die wir nicht mehr sehen werden hinterher, weil sie die Spannkraft in dieser Zeit verloren haben. Sänger in den Endjahren ihrer Karriere für große Partien: Wenn die nicht wie ein Sportler die Muskeln trainiert haben, dann ist die große Frage, ob – sozusagen – die Maschine wieder anzuwerfen ist. Und das lässt sich alles auch nicht im Wohnzimmer simulieren. Der Moment vor dem Publikum, und das volle Spiel, die Maske, das Kostüm – das alles ist für die Sänger eine Zusatzanstrengung: Wenn sie das eine ganze Weile nicht gehabt haben, wird es schwer.

Aber es trifft eigentlich alle. Auch für einen Dirigenten ist das schwer. Eine Wagner-Oper kann ich nicht simulieren, ich kann überhaupt das Dirigieren nicht simulieren zu Hause.
Ich habe gehört von einigen, die nicht wissen, ob sie weiter singen, wenn es wieder los geht. Und mancher junge Instrumentalist sagt sich – auch solche Zweifel habe ich gehört –, die Orchester spielen ja gar nicht, warum soll er oder sie jetzt viel üben, um ein Probespiel zu machen – hoffentlich kommt das überhaupt jemals wieder, dass ein Orchester auf der Bühne spielen kann.

Tanz auf dem Vulkan?

Deshalb finde ich in der jetzigen Lage: Wenn auch mit Tests, Maske, Abstand – Hauptsache, es geht bald wieder los. Hauptsache, wir spielen für Publikum – und wenn nur für zehn, für fünfzig, für hundert Menschen. Hauptsache, wir machen eine Freude. Wir sind ja dafür da, dass wir diese seelische, geistige Nahrung bieten.

Eigentlich bin ich positiv gestimmt, dass, wenn wir alle geimpft sind und es wieder los geht, wir vielleicht dankbarer über all das sind als vorher. Ich kann mir vorstellen, dass es dann so etwas wie die zweiten Zwanziger Jahre geben wird – nach Corona ist dann ein bisschen wie nach dem Krieg. Dann haben wir vielleicht den Tanz auf dem Vulkan, nur ohne das, was dann kam.

Die volle Packung

Da werden die Karten dann auch neu gemischt. Ob wir den Konzertsaal neu denken müssen? Ob die Theater wieder alle so spielen, wie sie mal gespielt haben? Die engen Logen, die dichten Sitze in Bayreuth, oder der Orchestergraben dort, wo alle wie die Heringe sitzen? Aber der Bayreuther Klang ist nur vorstellbar durch dieses eng sitzende Orchester und den riesenhaften Chor, der Mann an Mann und Frau an Frau steht.

Wir wollen ja auch die volle Packung an Wucht und Klang, wir wollen nicht immer nur Magermilch. Diejenigen, die die Vollfettstufe haben wollen, die müssen sie auch haben können. Und wenn das aus Gesundheitsgründen dauerhaft nicht erlaubt ist, wird es schwierig.

Aber wie gesagt, ich bin eigentlich positiv gestimmt.


Aufgezeichnet von Jens Nordalm

Dorothee Sehrt-Irrek | So, 18. April 2021 - 09:12

Gewaltiges ... Wagner.
Aber der Artikel ist wundervoll.
Las gestern an einer Litfasssäule "Ein Leben ohne Publikum ist möglich aber sinnlos".
Was habe ich mich gefreut.
Es tut mir leid um diesen gewaltigen Bruch um Corona herum, der uns schon auch alle trifft, auch uns Rezipienten.
Ich zehre in dieser Zeit von meinen gesammelten Konzerterfahrungen.
Das Streamen kann da nur ein Ersatz sein, aber immerhin.
Musiker bespielen ja auch CDs und DVDs ohne Publikum und wir geniessen diese dann fast perfekt eingespielte Musik privat.
Fast perfekt, denn die unmittelbare Kommunikation/Begegnung im Konzertsaal hat schon etwas Rauschhaftes, mit dem ich dann doch etwas anfangen kann.
Ich liebe aber vor Allem musikalische Aufführungen als Meditationen, während denen einige Musiker/Sänger immer mal einfach nur still dasitzen und doch Teil der großen Aufführung bleiben, auch Arbeitseinblicke.
Ein Leben ohne Musik ist möglich, aber sinnlos :) Geht zurück auf Nietzsche und Loriot.
Bin sehr zuversichtlich

wie Recht Sie haben.Aber es sind nicht nur die Konzerte. Als ehemaliger, langjährigr Ballettzögling, weiß ich wie wichtig und motivierend das Trainieren auf einen Auftritt hin ist.Dazu die nicht immer gute finanzielle Absicherung.Was ist mit dem Nachwuchs?Ergreift man noch unter diesen Umständen einen künstlerischsen Beruf?

Zuerst einmal Herr Thielemann, aber auch Frau D. Sehrt-Irrek, ihr Artkel wie der Kommentar aus dem Herzen geschrieben.
Musik (egal ob ACDC, Queen, Pink Floyd, Wagner oder Puccini) ist für mich ein Stück "leben", aber auch Luft, die man zum Leben benötigt.
Während für mich das monentane Fernsehen zu über 90% vertane Lebenszeit (weil für mich persönlich keine Info & keine Unterhaltung ist) ist, ist die Musik aber auch wie viele Kultur wie eine Wanderung durch die Natur in den unterschiedlichsten Gegenheiten. Und um so länger Carona & vor allem ihre unglückseligen Maßnahmen anhält, um so "hippliger" & innerlich aggressiver werde ich. Auch wenn ich versuche, dies eben über Musik & Gebet auszugleichen. Es fällt mir aber immer schwerer & die einstige Zuversichlichkeit (nach jedem Tief kommt auch wieder ein Hoch)sinkt, ein "normale Lebensgestaltung" wieder zu planen. Man sollte aber eben die Hoffnung nicht aufgeben, auch wenn Momentan die Finsternis herrscht. LG

Klaus Funke | So, 18. April 2021 - 10:00

Steht zu viel auf dem Spiel? Gibt es Karriereängste? Warum bleibt Christian Thielemann so moderat und versöhnlerisch? Ich kenne ihn anders. Da scheint seine Musiker-Kollegin Frau Mutter, die Violinistin, von anderem Kaliber. Die legt ihre zarten Daumen an die richtige Stelle. Wird laut und angriffslustig. Tatsache ist, unsere Politiker, die meisten haben mit ernster Musik und Hochkultur nichts am Hut, lichten sich lieber mit Udo Lindenberg & Friends ab, haben einem Kulturland wie Deutschland ohne Not schwersten Schaden zugefügt. Vom Zusperren von Theatern, Opernhäusern und Konzertsälen bis zum Verbrennen von Büchern ist es nur ein kleiner Schritt. Zu bedauern ist, wer ohne Kunst und Kultur leben kann. Der ist ein armer Tropf. Nein die HiFi-Anlage daheim ersetzt den Konzertsaal nicht so wie das Home-Scooling kein Ersatz für die Schule ist. Früher haben wir dazu Kulturbolschewismus gesagt. Die Tragik. Diese Banausen hören den Klagen nicht mal zu. Die scrabbeln in ihren Villen.

Tatsache ist, unsere Politiker, die meisten haben mit ernster Musik und Hochkultur nichts am Hut, ...., haben einem Kulturland wie Deutschland ohne Not schwersten Schaden zugefügt. Vom Zusperren von Theatern, Opernhäusern und Konzertsälen bis zum Verbrennen von Büchern ist es nur ein kleiner Schritt...
Vor einem Jahr wurde ich selbst von einigen Künstlern noch belächelt. Fast könnte man sagen,eigentlich selber Schuld. Der Angriff auf das GG wird es uns zeigen. Hoffen wir das Beste.Ob das Publikum dann gleich wieder da sein wird,mit all den Vorgaben die der Staat den Bürgern auferlegt,ist stark zu bezweifeln.Schon allein Künstler und soziale Distanz.Schon da hätte es klingeln müssen.
Aber wer sich nicht wehrt und alles stillschweigend annimmt..... Wer möchte schon ein Andersdenkender("Nazi")sein?Ja so ist das wenn man sich in (Staats)-Abhängigkeiten begibt.Das große Erwachen steht uns noch bevor. Künstler sind eben auch nur kleine Opportunisten. Aber es wird schon nicht so schlimm.

Urban Will | So, 18. April 2021 - 10:14

Wo bleibt der Aufschrei jetzt? Wo bleibt der Aufschrei nach Normalität? Warum kann man negativ getestete Musiker nicht in ihrer gewohnten Formation spielen lassen? Vor einem ebenfalls negativ getesteten, oder geimpften, genesenen, oder was auch immer Publikum?
Das in gleicher Anzahl nach dem Konzert „legal“ in einen Supermarkt rennen und sich da auf die Füße treten dürfte? Und das ohne Tests, Impfung, etc.

Es gibt nur eine Antwort: weil irgendwelche bornierten Politiker sich das so ausgedacht haben.
Weil der das Land beherrschende, alles lahm legende Stumpfsinn die Macht ergriffen hat und sie nun noch ausdehnt.

Er klingt traurig und resigniert, der Herr Thielemann, sein Schlusssätzchen so daher gesagt, aber offensichtlich hat ihn das Dauerfeuer aus Panikmache und Hohlgeschwätz so mürbe gemacht, dass ihm die Energie fehlt zur Wut.
Aber genau der bedarf es nun, aus allen Rohren gefeuert auf diese nun bald allmächtige Zentralregierung in ihrem Berliner Irrenhaus.

Christa Wallau | So, 18. April 2021 - 10:29

So fühlt sich Herr Thielemann. Gewiß ist das auch berechtigt in seiner priviligierten Lage.
Doch die vielen, kaum bekannten, wenig etablierten Musiker, Schauspieler, Künstler aller Art? Sind die auch "eigentlich positiv gestimmt", da ihnen alle, ohnehin fragilen, Sicherheiten wegbrechen?
Niemand vermag wohl je zu sagen, ja, nicht einmal zu ahnen (!), wie viele Leben gerade nicht an Corona, sondern an den Maßnahmen zu Grunde gehen, die (angeblich alternativlos) zur Bekämpfung des Virus in Deutschland ergriffen werden.
Die vielen Mitmenschen - angeblich nicht systemrelevant - , die jetzt - einer nach dem anderen - lautlos verschwinden, sind in Wirklichkeit diejenigen, welche unser Leben wertvoll, schön u. erhaben gemacht haben:
die Träger der Kultur.
Es ist nicht die brummende Börse in Frankfurt, die den Seelen der Menschen die notwendige Nahrung gibt, sondern es sind u. bleiben MENSCHEN, denen Gott die Fähigkeit verlieh, Schönes zu schaffen bzw. zu reproduzieren: die Künstler.

Maria Fischer | So, 18. April 2021 - 10:48

Herr Thielemann,
ich freue mich unendlich wieder im Konzertsaal zu sitzen, wenn Sie dirigieren.
Und ja, im Konzertsaal sitze ich Ihnen oft "im Nacken".
Ihre Anspannung, die Konzentration, die Gestik, das Anziehen und das Loslassen des Orchesters sind bezaubernde Momente.
Danke.