Bibliotheksporträt - Spagat zwischen Boulevard und Hochkultur

Hubert Burda lebt zwischen Massen- und Hochkultur, zwischen Illustrierten, Literaturpreisen und klassischer Malerei. Der promovierte Kunsthistoriker hat seine Bibliothek auf drei Orte verteilt. In München räsonniert er über Warhols Lifestyle, die studentische Linke und sein eigenes Doppelleben.

Hubert Burda glaubt, dass die Antike das Neue schafft
Jan Roeder

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Holger Fuß ist freier Journalist und hat monatelang im Maschinenraum der SPD recherchiert.

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Zuweilen gerät etwas Samtiges in seine Stimme. Etwa wenn Hubert Burda im Bildband „Im Garten der Dichter“ von Isolde Ohlbaum blättert, einer Dokumentation der Verleihungen des von ihm 1975 gestifteten Petrarca-Literaturpreises. Ein bisschen elegisch schweift sein Blick über die Seiten. „Das sind fast 40 Jahre meines Lebens. Hier sehen Sie Peter Handke, Nicolas Born, Michael Krüger. Das waren die einzigen zwei Tage im ganzen Jahr, an denen ich das Gefühl hatte, dass sie toll waren.“

Oder wenn Hubert Burda über Pop-Art räsoniert. Immerhin wurde der heute 73-Jährige in Kunstgeschichte promoviert – über „Die Ruine in den Bildern Hubert Roberts“. Auf die Frage, ob er sich für die Pop-Art begeistere, weil die Pop-Art wie die alten Meister eine Verzauberung des Gewöhnlichen betreibe, gerät Burda ins Schwelgen: „Caravaggio ist schon die Mystifizierung des Alltags, Rembrandt ist so alltäglich, Jan Steen, die ganzen Holländer eigentlich. In diesem Geist bin ich groß geworden. Es ist eben immer dieser Spagat: Sie müssen das Leben aushalten zwischen der Metaphysik und der alltäglichen Trivialität.“

Wer wüsste so etwas besser als Hubert Burda? Zeitlebens hat dieser Mann ein Doppelleben geführt – zwischen „high and low“, wie er gern sagt, zwischen Hoch- und Massenkultur. Als Zeitschriftenverleger setzt er mit Blättern wie Bunte, Focus und Freizeit Revue jährlich mehr als zwei Milliarden Euro um. Als Kunsthistoriker empfindet er sich im 18. Jahrhundert geistig beheimatet, fühlt sich den Renaissance-Bankern der Medici verwandt, die als Mäzene das intellektuelle Klima ihrer Zeit geprägt haben, und ist überzeugt, dass „die Begegnung mit der Antike eine Revolution im Denken“ hervorrufen kann.

Seine Bücher hat Hubert Burda über mehrere Domizile verteilt: am Tegernsee, in St. Moritz und in München. Zu einem Mittagessen hat er in seine gelb getünchte Gründerzeitvilla im feinen Münchner Stadtteil Bogenhausen geladen. Wie es sich für einen viel beschäftigten Wirtschaftskapitän gehört, verspätet er sich um einige Minuten. In der dunkel getäfelten Bibliothek im Erdgeschoss scheint die Zeit ohnehin stehen geblieben. Antike Stein- und Gipsköpfe blicken stumm aus den Regalen zwischen den Bücherrücken hervor. Neben dem Fenster thronen die ledergebundenen Original-Folianten der kompletten 35-bändigen „Encyclopédie“ von Diderot und d’Alembert, eine Art Solarplexus der Aufklärung.

Hubert Burda stürmt herein. Im Gefolge Chauffeur Fröschl, der mit einer Digitalkamera behend Erinnerungsfotos knipst, und Berater Stephan Sattler, ein silbrig ergrauter Vertrauter seit 30 Jahren, bildungsgesättigter Sekundant während des Gesprächs. Ein schwarz gekleidetes Hausmädchen deckt einen runden Tisch zum Lunch. Burda wuchtet einen „Encyclopédie“-Folianten aus dem Regal und faltet die Illustrationen des italienischen Kupferstechers Piranesi auf: „Hier die Stadtpläne von Rom. So was hat mich immer interessiert. Das hat mich zu den Infografiken im Focus inspiriert.“

Auch das gehört zum Doppelleben Hubert Burdas: Was auf den ersten Blick trivial anmutet, wird auf kurzem Dienstweg mit der Hochkultur verknüpft. Wirken die Infografiken in Focus nicht wie ein Lasso, damit auch die Lesefaulen sich an ein Nachrichtenmagazin herantrauen? Aber nein: Schon Diderot machte seine „Encyclopédie“ mit diesem Stilmittel zum „meistverkauften Buch des 18. Jahrhunderts“. Wurde die Bunte in den neunziger Jahren nicht zum People-Magazin umgeklempnert, weil die Burda-Illustrierte es nie zu einer Wundertüte schaffte wie der Stern? Nicht doch: Vorbild für die People-Bunte war kein Geringerer als Pop-Art-Ikone Andy Warhol mit seinem Interview-Magazin. „Warhols Lifestyle hat mich fasziniert“, sagt Burda. „Er ist der Erfinder der Celebrity-Culture. Ich begriff: Don’t care about Spiegel, don’t care about Stern – make a people magazine!“

Auch seinen mittlerweile etablierten Lyrikpreis machte Burda zum großen Bildungskino. Er geht zu einer Regalwand und weist mit ausladender Geste: „Dies alles ist Petrarca.“ Oben die Werke des italienischen Renaissance-Dichters, darunter die Preisträger. Zu den Erstprämierten gehörten Rolf Dieter Brinkmann und Sarah Kirsch. Im dritten Jahr wies Herbert Achternbusch den Preis zurück. Petrarca als Patron eines Literaturpreises war Mitte der Siebziger eine konservative Provokation: „Es war ein Gegenprogramm, eine Alternative zum damaligen Mehrheitskonsens in der Literatur. Die deutsche Literatur war ja sehr stark politisch engagiert.“

Doch hier hatte Burda ebenfalls weit mehr im Sinn. Alljährlich hielt er mit einer Schar Kulturschaffender, darunter Freunde wie Peter Handke, Bazon Brock und Michael Krüger, zweitägige Prozessionen zu Wallfahrtsstätten der Renaissance ab wie Siena, Verona und Florenz. Vorbild war die Grand Tour, jene rituelle Bildungsreise junger englischer Adliger und Bürgersöhne nach Italien und Griechenland auf den Spuren der Antike. „Das war in Europa das große Bildungsereignis“, erklärt Burda. „Die Idee war, dass erst die Auseinandersetzung mit der Antike das Neue schafft.“

Neulich hat er im Frankfurter Liebighaus die Ausstellung „Zurück zur Klassik – Ein neuer Blick auf das alte Griechenland“ besichtigt. Seither liest er in den Essays des dickleibigen Ausstellungskatalogs. Die griechische Kunst wollte „das Leben in seinem gesamten Umfang abbilden“, zitiert Burda aus dem Vorwort, und „den Antagonismus der Kräfte vollständig“ darstellen. Die Polarität des Lebens – allenthalben stößt Burda auf seinen biografischen Spagat zwischen high and low, sogar in der Antike.

Der Lunch ist serviert. Berater Sattler sitzt mit am Tisch und verteilt die Vorspeise auf die Teller: gebeizten Lachs und Salat. Als Hauptgang folgen Steaks auf Blattspinat. Nebenan im Regal stehen die Bücher von Peter Sloterdijk. Aus den dicken Bänden seiner „Sphären“-Trilogie ragen Dutzende von Notizzetteln. Mit Sloterdijk ist Burda befreundet, der Verleger überlässt ihm tageweise sein Ferienhaus im Schwarzwald. „Eine kolossale Sprachbegabung“ nennt Burda den Vielschreiber. „Er kann die ganze Philosophiegeschichte in Heldenerzählungen packen.“ Sattler erklärt nicht ohne Stolz: „Ich habe dich ja Mitte der Neunziger mit Sloterdijk zusammengebracht. Seitdem ist er eine Art Hausphilosoph für dich.“

Ein anderer Denker aus Burdas Schwarzwälder Heimat steht vollzählig in zwei Regalreihen: die Gesamtausgabe von Martin Heidegger. „Den kannte ich auch, den Heidegger“, erzählt Burda. „Ich hab mich relativ blöd aufgeführt bei ihm. Ich könnte mich noch immer in den Arsch beißen. Das war die ganz linke Zeit als Student, 1963. Bei der Einweihung einer Schule sagte ich zu ihm: Wie werden Sie damit fertig, dass die jetzige Generation nichts mehr von Ihnen wissen will? Heidegger reagierte sehr nett und freundlich. Aber ich wusste natürlich, dass ich unten durch gefallen bin. Man merkte, wie er dachte: Das ist so einer dieser modernen, linken Vögel.“

Hubert Burda war mal ein Linker? „In den sechziger Jahren waren das doch viele“, sagt er. „Aber dann kam die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 durch die Truppen des Warschauer Paktes. Da war klar, dass der Kommunismus keine Zukunft hat.“ Und heute? Ein Konservativer? Mit dem Begriff kann Burda nichts anfangen. „Ich bin für 8000 Leute verantwortlich, die für uns arbeiten.“ Sogar das Mitarbeiter-Modell des Spiegel-Verlags („einer der bislang bestgeführten Verlage“) findet er „hochinteressant, aber riskant“. Kein mögliches Vorbild für den Burda-Verlag? „Nein, nein. Das weltweit erfolgreichste Wirtschaftsmodell ist das mittelständische baden-württembergische Familienunternehmen.“ Dynastisches Denken spiele eine Rolle. „Die Kinder werden sehr früh dazu erzogen, Verantwortung zu übernehmen. Ich habe dieses Unternehmen ja geerbt. Wenn Sie etwas erben, dürfen Sie nie das Gefühl haben, es sei Ihr Besitz. Sie müssen das weitergeben.“

Überbleibsel aus den umstürzlerischen Sechzigern haben sich in Burdas Rhetorik erhalten. An einem Regal hängt ein kleines Gemälde der Wasserfälle von Tivoli. „Wasserfälle haben immer eine Bedeutung für mich.“ Als Symbol des Kreativen, des Lebendigen? „Auch des Stürzens und Risikeneingehens. Im Stürzen verändert sich alles. Kreativsein heißt unternehmerisch tätig sein. Sie müssen in Sprüngen denken.“ Als Unternehmer „müssen Sie in diesen Umbrüchen drin sein und ein Gefühl entwickeln, dass Zeitenwende ist. Jetzt ist Zeitenwende.“ Der Epochenwechsel vom Schriftzeitalter Gutenbergs zum Bildzeitalter der elektronischen Medien. „Iconic Turn“ nennt das Burda. Ein eigenes Buch hat er darüber geschrieben: „In Medias res“. Darin führt er mit Gegenwartsdiagnostikern wie dem verstorbenen Friedrich Kittler,
Sloterdijk oder Bazon Brock Gespräche darüber, wie die neue Herrschaft der Bilder die menschliche Wahrnehmung verändert.

In solchen Projekten erblüht der Kunsthistoriker in Burda. Entstanden ist dieses Buch in den frühen Morgenstunden. Burda geht spätestens um 22 Uhr schlafen und wacht um 4 Uhr auf. Noch im Bett diktiert er seine Traumsequenzen ins digitale Aufnahmegerät – bis ihn Ehefrau Maria Furtwängler aus dem Schlafzimmer scheucht. Bis halb acht Uhr währt seine „Zeit der Freiheit“, wie Sattler einwirft. Da gehört Burda ganz sich selbst. Verschlingt Bücher, schreibt und diktiert. Am liebsten Aphorismen wie: „Schon die Teppiche der Nomaden waren so etwas wie mobile Bilder.“ Oder: „Entlastend oder belastend: Sex im Internet. “Oder: „Das Schöne, die große Idee des Klassizismus, ist aus der zeitgenössischen Kunst fast verschwunden. Wohin? In die Werbefotografie, den Tourismus, den Sport und vor allem ins Design.“

Burda schaut auf die Uhr. Die nächsten Termine drängen. Ein letzter Blick in die Bücherregale. Neben Geschichtsliteratur und kunsthistorischen Werken von Ernst Gombrich, Karl Kerényi und Aby Warburg steht die Münchner Goethe-Ausgabe. Sein Freund Handke, der „jeden Tag eine Seite Goethe liest“, hat ihm den Dichter nahegebracht. „An Goethe interessiert mich vor allem, wie er sich selber als Künstler inszeniert hat“, sagt Burda. Und eilt davon.

Von Goethe kann sich Burda obendrein abgeguckt haben, wie der seinen Spagat zwischen Weimarer Staatsdienst und Poesie kultiviert hat. Auch Goethe wusste um die Kluft zwischen high and low. Womöglich besteht das Doppelleben des Hubert Burda weniger in einer Zerrissenheit zwischen unüberwindbar scheinenden Gegensätzen als vielmehr in einer Schwebeübung zwischen Möglichkeit und Notwendigkeit. In unserer Zeit, die Widersprüche lieber übertüncht, müssen wir uns Hubert Burda als Avantgarde vorstellen.

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