„Wir haben den kranken Mensch genau dort gesehen, wo er nie vorkam“

Für den Schriftsteller Ralf Bönt war der Fernsehauftritt der Sportmoderatorin Monica Lierhaus bei der Verleihung der Goldenen Kamera mutig. Ohne die großen Kranken der Kunst wäre dieser nie möglich gewesen. Kritikern wirft er ein „eruptives Ressentiment gegen das Fernsehen“ vor.

Monica Lierhaus mutiger Auftritt bei der Verleihung der Goldenen Kamera.
() Monica Lierhaus mutiger Auftritt bei der Verleihung der Goldenen Kamera.
Was wäre die Kunst ohne die großen Kranken von Moliere über Fritz Zorn bis Christoph Schlingensief, deren Aufbegehren sich in das kollektive Gedächtnis eingeätzt hat und stets als künstlerische Selbstermächtigung gefeiert wurde. Zur Zeit spielt diese unfreiwillige Rolle Wolfgang Herrndorf, dessen Blog „Arbeit und Struktur“ an Rücksichtslosigkeit nichts zu wünschen übrig lässt und schon jetzt vollkommen zu Recht als literarisches Ereignis sondergleichen gilt. Zum Glück scheint es dem Autor derzeit vergleichsweise gut zu gehen, man darf auf seinen Wüstenroman hoffen, der noch nicht fertig gestellt ist. Alles wartet darauf. Dabei bleibt die Geste des Ätzers und Weltverachters offenbar den Männern vorbehalten. Vielleicht liegt das ja an der noch immer herrschenden Negierung des kranken Mannes, an der mangelnden Akzeptanz seines Körpers jenseits der Arbeitsmaschine. Das berührendste Dokument zum Thema hat in jüngster Zeit jedenfalls eine Frau geliefert: Silvia Bovenschen gelang in „Älter Werden“ das Kunststück mit Charme, Humor und dennoch ohne Schonung zum Thema zu schreiben. Auch ihr Buch ein großer Erfolg, der leicht durch Fernsehauftritte hätte ausgebaut werden können. Das ist aber nicht jedermanns Sache. Im letzten Jahrhundert gab es noch viele Menschen mit Multipler Sklerose, die aus Scham nicht mehr aus dem Haus gegangen sind. Seien wir froh, dass wir es hinter uns gelassen haben. Nicht nur brechen Geschlechterrollen langsam etwas auf, auch der Kranke ist heute zunehmend integriert. So durfte Franz Müntefering seinen Abgang mit der Pflege seiner Frau begründen oder Frank-Walter Steinmeier der seinen ein Organ spenden und damit öffentlich punkten. Der Abend, den Steinmeier mit Anne Will darüber geplaudert hat, gehörte zu den besten Fernsehstunden der letzten Jahre. Zum Beispiel sagte er sehr lässig, es sei für einen Politiker ja nicht erstrebenswert, gerade dann an Popularität zu gewinnen, wenn er keine Politik mache. Einmal war alles Getue von uns abgefallen. Reden über Mangel schien einfacher geworden. Der Auftritt von Monica Lierhaus bei der Goldenen Kamera aber würfelt jetzt alles durcheinander. Ich muss dem Kollegen Alexander Gorkow scharf widersprechen, der dem ZDF vorwirft, die Würde dieser angesehenen Frau für einen geilen Moment verkauft zu haben. Gorkows Artikel in der Süddeutschen Zeitung liest sich über seine größte Strecke was er ist: eruptives Ressentiment gegen das Fernsehen. Es geht um die in der Tat skandalösen Gebühren und die dennoch skandalöserweise fehlende Literatursendung. Um die Konkurrenz zu den Privaten mit ihren Schlammformaten, um Rudi Carell und den alten, ewig geifernden, spuckenden Marcel Reich-Ranicki, der uns immer schon erklärt hat, warum die deutschsprachigen Nobelpreisträger der Literatur uns nichts zu sagen haben. Um Monica Lierhaus geht es Gorkow nicht, und das muss man ihm zum Vorwurf machen. Er beansprucht den Stand des Tabubrechers für sich, denn Lierhaus sei so inszeniert worden, dass man sich nicht gegen sie wenden könne. Dabei macht Gorkow nur selbst, was er dem ZDF vorwirft. Herablassend spricht er dem Auftritt und damit der Frau die Würde ab. Aber darf man fragen, wodurch die Würde verletzt wurde? Neben dem immer schwelenden Konflikt, den der Gesunde beim Anblick des Kranken mit sich und der Welt hat, scheint mir ein Funken Neid dem Fernsehen gegenüber den Artikel zu zünden, den das Feuilleton gern in geschliffene Sätze packt. Erlebt haben wir einen Moment, der größer und wichtiger war, als unbedeckte Frauenbrüste im Tatort. Wir haben den kranken Mensch genau dort gesehen, wo er nie vorkam. Mich hat Monica Lierhaus, die schon als Moderatorin nicht durch Ego, sondern durch Qualität auffiel megamäßig beeindruckt, als sie, sichtlich im vollen Bewusstsein über ihren Zustand, sagte: „Da bin ich.“ Symbolisch eindeutig kam sie um den Ehrenpreis entgegen zu nehmen, und die Wirkung war aus den anwesenden Gesichtern zu lesen: Entsetzen konnte nicht kaschiert werden, einer schüttelte gar den Kopf. Alexander Gorkow fügt sich mit seinem Unverständnis bündig in diese Fernsehwelt ein, während auch der inszenierte Heiratsantrag dramaturgisch nur konsequent war für eine, die nicht auf Mitleid aus ist. Lieber brach Monica Lierhaus, wo sie schon so schön bei der Arbeit war, gleich noch ein paar Tabus. Man muss den Antrag schließlich nicht nur an der Zahl der Männer messen, die ihre kranken Frauen auch heute noch im Stich lassen, um mit einer jüngeren nach Mallorca zu fahren. Aber die Edelfedern, die auch nicht verstehen, wieso es ein Fortschritt ist, wenn Alice Schwarzer in der Bildzeitung schreibt und jetzt auch in den Pausenräumen der Autoschlosser gelesen wird, möchten diese Schritte gerne selbst gehen und drehen sich bei Hoheitsverlust auf links. Dabei wäre Lierhaus’ Schritt ohne die großen Kranken der Kunst nie möglich gewesen. Nein, ich muss etwas falsch verstanden haben, denn ich frage mich, welche Sorte Gedankengut es ist, einen kranken Menschen eines Millionenpublikums für unwürdig zu halten. Schämen sollte sich jedenfalls, wer so was denkt und gar sagt. Zum Glück stemmt Monica Lierhaus nicht nur ihre neue, nur graduell reversible Lebenssituation, sie wird auch diese unwürdige, kleine Neiddebatte über ihren Mut wegstecken.

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