Trolle, Empörungsjunkies und kluge Köpfe - Die fünfte Gewalt des digitalen Zeitalters

Sie stürzen Politiker, sie initiieren Kampagnen, sie betreiben Selbstjustiz und jagen Verbrecher. Sie kritisieren klassische Medien, veranstalten grausame Mobbingspektakel – und erschaffen kluge Gegenöffentlichkeiten. Die vernetzten Vielen sind zur neuen Macht geworden

Kommentaristen sind Wachtmeister am heimischen PC
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Autoreninfo

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft in Tübingen und forscht über die Empörungsdemokratie im digitalen Zeitalter

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I. Die vielen Gesichter der fünften Gewalt
 

Es war eine pfiffige und doch prophetische Idee, eine visionäre Spielerei. Als das Magazin Time im Jahr 2006 einer alten Tradition folgend den Menschen des Jahres auf dem Cover präsentierte, sah man kein Konterfei einer realen Person, sondern das Foto eines Computerbildschirms mit einer reflektierenden, das eigene Gesicht spiegelnden Fläche. Die Botschaft: Schau her, da bist du selbst, fähig zu publizieren und zu protestieren, eigene Themen zu setzen und die öffentliche Agenda zu bestimmen. „Es geht darum“, so begründete das Magazin die Wahl des digital vernetzten Individuums zur Person des Jahres, „dass die Vielen den Wenigen die Macht entreißen.“

Heute, ein paar Medienrevolutionen später, wird deutlich, dass tatsächlich eine neue Macht- und Einflusssphäre entstanden ist, eine fünfte Gewalt, die sich neben die Exekutive, die Judikative, die Legislative und die vierte Gewalt des traditionellen Journalismus schiebt. Diese fünfte Gewalt, die eigene Ideen in die Empörungskreisläufe einschleust, hat viele Gesichter, unendlich viele. Sie ist hässlich und grausam, klug und moralisch, mal am Gemeinwesen und einer funktionierenden Demokratie interessiert, dann wieder zerstörerisch. Mal zeigt sie die Fratze des Mobs, der entfesselten, anonymen Masse, die auf enthemmte Weise aus dem Dunkel heraus zuschlägt. Mal kommt sie in Gestalt der Trolle daher, der Empörungsjunkies und Affektaficionados, die einfach nur wüten, spotten, hassen und sich an der Reaktion auf ihre Aggression aufgeilen. Dann wieder begegnet man der fünften Gewalt unter den Sympathisanten der kleinen, energisch formulierenden Martha, die gerade mal neun Jahre alt war, als sie sich entschloss, fortan über ihr schrecklich verkochtes Schulessen zu schreiben und die Ekelfotos pappiger Mahlzeiten und trauriger Kroketten zu posten. Hunderttausende interessierten sich in der Hochphase für das schottische Mädchen und das Ernährungsschicksal von Schulkindern.

Schon diese spärlichen Schlaglichter zeigen: Die fünfte Gewalt ist radikal pluralistisch. Sie orientiert sich nicht an einer einzigen Ideologie. Sie hat kein großes, gemeinsames Thema, wohl aber gemeinsam genutzte Plattformen und ­Instrumente: soziale Netzwerke und Blogs, Wikis und Websites, Smartphones und leistungsstarke Computer, das gesamte Spektrum digitaler Medien.

Es ergibt keinen Sinn, die vernetzten Vielen nur als Mob zu präsentieren, auch wenn sie das grausame Mobbingspektakel und die vernichtende Attacke beherrschen. Und es ist ebenso wenig plausibel – dies wäre das andere Extrem – pauschal von einer digitalen Graswurzelbewegung zu schwärmen, die endlich mit ihren Notebooks die Welt zum Guten wendet. Jeder Versuch, die fünfte Gewalt als einheitliches Kollektiv zu fassen, sie prinzipiell zu verdammen oder aber grundsätzlich zu glorifizieren, führt in die Irre. Ihre große Gemeinsamkeit ist allein der Modus vernetzter Organisation. Ideologisch und weltanschaulich schillert sie in allen Varianten und Variationen.

II. Die Selbstorganisation der fünften Gewalt
 

Die fünfte Gewalt ist nicht fremdorganisiert, sondern selbstorganisiert. Sie zeigt sich – im Unterschied zu einem hierarchisch geprägten Kollektiv – als ein Konnektiv, als eine Organisation ohne Organisation. Kollektive agieren auf der Grundlage klarer Absprachen, gemeinsamer Grundsätze und starker Bindungen, orientiert an deutlich erkennbaren Machtzentren. Das konnektive Handeln der neuen Zeit, so die Politikwissenschaftler W. Lance Bennett und Alexandra Segerberg, ist demgegenüber weniger fremdbestimmt, stärker am persönlichen Selbstausdruck ausgerichtet, geprägt von digitalen Medien. Die Mobilisierung kann spontan und ohne klar identifizierbare Anführer erfolgen, ausgelöst durch plötzlich durchdringende Anstöße, wie das Beispiel der #Aufschrei-Debatte zeigt.

Wie hat alles angefangen? Im Januar 2013 erschien im Spiegel ein Bericht über den Sexismus in der Piratenpartei, der Stern veröffentlichte eine Attacke auf Rainer Brüderle („Herrenwitz-Affäre“), aber das war nicht entscheidend. Entscheidend war, dass die Netzaktivistin Anne Wizorek in der Nacht des 24. Januar 2013 einen Tweet ihrer Onlinebekanntschaft Nicole von Horst las, der sie erschütterte: „Der Arzt, der meinen Po tätschelte, nachdem ich wegen eines Selbstmordversuchs im Krankenhaus lag.“ Es war dieser aufs Äußerste verknappte Bericht von einem Übergriff, der sie auf die Idee brachte, solche Erfahrungen sexistischer Brutalität unter dem Hashtag Aufschrei zu sammeln. Und plötzlich wurden jede Menge dummer Sprüche sichtbar, aber auch Gewalt, Schläge und Attacken. Als sich immer mehr Frauen mit ihren Erlebnissen zu Wort meldeten, schrieb Anne Wizorek überwältigt: „Ich heule gerade, aber hört nicht auf.“ Tausende von Tweets kamen innerhalb kürzester Zeit zusammen – schockierende Mininarrative, erzählt in einer Länge von maximal 140 Zeichen. Es waren die vernetzten Vielen, die plötzlich im Akt des Teilens von Geschichten Gemeinschaft erlebten.

Die neue Macht solcher Konnektive bedeutet jedoch nicht, dass Kollektive – NGOs, professionelle Kampagneros, institutionell stabile Interessengruppen – überflüssig werden und überall nur noch die instabile Formation des Schwarms regiert. Vielmehr können klassische Kollektive und natürlich auch mächtige Einzelne und smarte PR-Strategen die Bildung von Konnektiven mehr oder minder zielgerichtet inspirieren. Sie liefern den Vielen, die sich plötzlich zuschalten, vorfabrizierte Materialien, ausformulierte Protestschreiben, aufrüttelnde Bilder, einfache, massenwirksame Botschaften und animieren sie zum Twittern und Klicken.

So nutzte die Umweltorganisation Greenpeace, ein klassisches Kollektiv, 2010 zum ersten Mal soziale Netzwerke offensiv als Kampagnenmedien und trieb den Konzern Nestlé mit vorbereiteten Onlinepetitionen und Schockvideos vor sich her. Das Ziel: Nestlé sollte dazu gebracht werden, kein Palmöl mehr bei Anbietern zu kaufen, die in illegale Urwaldrodungen in Indonesien verwickelt waren. Die Strategie der umfassenden Mobilisierung war erfolgreich. Empörte Kunden twitterten einen endlosen Strom von Protestbotschaften und verlinkten die Schockvideos, die vom Tod von Orang-Utans in einem zerstörten Urwald handelten. Der Weltkonzern knickte schließlich ein.

Was aber, so lässt sich fragen, macht das Konnektiv attraktiv? Warum sind die Vielen so gerne dabei? Die Antwort lautet: Konnektive erlauben die bindungsfreie Geselligkeit und die Kombination von Gruppengefühl und Selbstausdruck, manchmal auch von Gratisengagement und Egopflege. In jedem Fall ist jedoch selbst im plötzlichen Twitter-Gewitter und im Shitstorm der Einzelne präsent und geht nicht gänzlich unter, gibt er doch den Botschaften stets seinen besonderen Akzent und besitzt im Akt des gemeinsamen Protests gleichzeitig die Chance massiver Wirkung. Kurzum: Konnektive schillern in sozialer Hinsicht. Sie zeigen sich – paradox genug – als gebündelte, gerichtete Individualität, als Individualmasse.

III. Wirkungen der fünften Gewalt
 

All die plötzlich aufschäumenden Aufmerksamkeits- und Empörungsexzesse der vernetzten Vielen haben Wirkungen, Effekte in der wirklichen Welt. 100 Millionen Menschen sahen – ein massives Plebiszit der Klickzahlen – innerhalb kürzester Zeit das Video, das den ugandischen Rebellenführer Joseph Kony von der Lord’s Resistance Army vor den Augen eines Weltpublikums zur Fahndung ausschrieb, ihn als Schlächter und Menschenschinder attackierte. Die USA lobten unter dem Eindruck der Kampagne fünf Millionen Dollar Kopfgeld aus und schickten Spezialflugzeuge und zusätzliche Soldaten nach Uganda, um den Mann endlich zu fassen.

Immer wieder werden auch Kriegsverbrechen bekannt, die selbst eine Supermacht in Bedrängnis bringen. Der 2010 im Irak stationierte US-Soldat Bradley – inzwischen Chelsea – Manning hat dies vorgemacht. Von ihm durchgestochene Videoaufnahmen zeigen, wie amerikanische Soldaten irakische Zivilisten und Reuters-Mitarbeiter erschießen – auch dies Bilder mit Weltwirkung, die einen global vernehmbaren Empörungsschrei auslösten.

Und mitunter trägt die fünfte Gewalt ziemlich direkt zum Sturz von Politikern bei. Karl-Theodor zu Guttenberg, einst Shootingstar der CSU, ist genau dies passiert; wütende Doktoranden nahmen auf einem eigens eingerichteten Wiki (GuttenPlag) seine zusammengestoppelte, aus unterschiedlichsten Quellen komponierte Doktorarbeit auseinander, in Hochgeschwindigkeit, vor aller Augen.

Manchmal jedoch attackiert ein entfesselter Mob gänzlich Unschuldige. Als Ende März 2012 die elfjährige Lena aus Emden ermordet aufgefunden wurde, formierte sich, online wie offline, eine hässliche Truppe zur Selbstjustiz („An die Wand stellen, erschießen“). Die selbst ernannten Rächer tauchten selbst vor der Polizeistation auf, um die Auslieferung eines Berufsschülers zu fordern, von dem später bekannt wurde, dass er gänzlich zu Unrecht in Verdacht geraten war. Was daraus folgt? Die fünfte Gewalt ist nicht gut oder böse. Sie schillert auch in moralischer Hinsicht.

IV. Aktionsformen und Rollenmuster der fünften Gewalt
 

Allerdings: Seit dem Magazintitel von Time aus dem Jahr 2006 – dieser im Rückblick etwas romantisch wirkenden Feier des Web-2.0-Individualismus – haben sich Aktionsformen und Rollenmuster herausgebildet. Die neue Macht ist längst zu einer „Publikative“ eigenen Rechts geworden, Stofflieferant einer inhaltlich und medial entgrenzten, barrierefrei zugänglichen Öffentlichkeit. Sie erzeugt Images, dokumentiert peinliche Momente, verlinkt und verbreitet kompromittierende Äußerungen, Fotos und Videos von Mächtigen und Prominenten, die auf Dauer im Online-Universum kursieren. Sie setzt eigene Themen, tatkräftig unterstützt von klassischen Leitmedien, die aufgreifen, was die Vielen eben gerade debattieren. Eine Trendwelle auf Twitter, ein Shitstorm, ein paar heiß laufende Gerüchte in den sozialen Netzwerken – schlichte Netzpublizität ist zum Nachrichtenfaktor geworden. Sie erlaubt es Journalisten, auch banale Spektakel massenmedial aufzuwerten. Das Motto: „Seht her, was sich da tut!“

Überdies: Die fünfte Gewalt der digitalen Gegenwart tritt, dies wird gerade im Zuge der momentanen Kriegs- und Krisenberichterstattung offenbar, als medienkritische Instanz und Meinungskorrektiv in Erscheinung. Ob es die Russlandberichte sind, die Dämonisierung Putins, die vermeintlich gezielte Parteinahme von ARD und ZDF – das einst zur Passivität verdammte Medienpublikum fühlt sich längst mitverantwortlich für das Programm. Netzinitiativen wie die ständige Publikumskonferenz der öffentlich-rechtlichen Medien weisen auf Fehler hin. Es sind umsichtige Rechercheure, aber auch wütende Ankläger, die hier auftreten und Beschwerden in Serie abfeuern, durchaus mit Folgen. Erst kürzlich sah sich der ARD-Moderator Thomas Roth zu einer öffentlichen Entschuldigung genötigt – Zuschauer hatten Fehler in der Ukraine-Berichterstattung entdeckt.

Manchmal richtet sich die Wut der Vielen auch gegen einen Einzelnen. So attackierten aufgebrachte Zuschauer Anfang 2014 den Talkmaster Markus Lanz, der nach einem gründlich misslungenen Interview mit der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht zur Symbolfigur des gedankenarmen Spektakelfernsehens wurde – Hundertausende forderten in einer eigenen Onlinepetition seine Entlassung.

Und schließlich: Die fünfte Gewalt gelangt in der Rolle des Fahnders zu Einfluss und Macht. Sie trägt nach dem Prinzip des Crowdsourcing detektivisch Bruchstücke eines Informationspuzzles zusammen, formiert sich blitzschnell um ein Erkenntnis- und Enthüllungsziel, das eben gerade interessiert. Gilt es, pädophile Männer zu identifizieren, die RTL II in der Sendung „Tatort Internet“ vor die Kamera gelockt hat, um sie in äußerst nachlässig anonymisierter Form zu präsentieren? Ist ein neuer Plagiatsfall aufgetaucht, der einen strikt auf Entlarvungskurs getrimmten Schwarm für die rasche Aufdeckungsarbeit braucht? Muss nach einem Attentat womöglich ein Terrorist dingfest gemacht werden? Auch in solchen Fällen sind die neuen Mächtigen des digitalen Zeitalters rasch zur Stelle – manchmal mit guten Ergebnissen und deutlich schneller als Polizisten, offizielle Ermittler oder Journalisten, mitunter jedoch auch mit katastrophalen Folgen für gänzlich Unschuldige und Unbeteiligte.

So war es kurz nach dem Boston-Attentat am 15. April 2013. An diesem Tag explodierten, inmitten einer Zuschauermenge, in zwei Rucksäcken versteckte Sprengsätze in der Zielgeraden einer Marathonstrecke. Getötet wurden drei Menschen, Hunderte verletzt. Was folgte, war das Spektakel einer fiebrigen Menschenjagd auf Twitter, Reddit, Facebook und 4chan. Selbst CNN und die Nachrichtenagentur AP verbreiteten Falschmeldungen, angesteckt vom allgemeinen Tempowahn und dem Wettlauf um die Attentätertrophäe. Die New York Post veröffentlichte das Foto eines zu Unrecht Verdächtigten auf der Titelseite. Die Bilanz des Informationsdesasters: millionenfach verbreitete Gerüchte über vermeintlich Verdächtige, fatale Fehlinterpretationen grobkörniger FBI-Fahndungsfotos und angeblicher Polizeifunkmeldungen, Hassausbrüche gegenüber der Familie eines fälschlich beschuldigten Studenten, die ihren unter Depressionen leidenden, später tot aufgefundenen Sohn vermisst gemeldet hatte und nun im Moment einer verzweifelten, jedoch immer noch hoffenden Suche am Pranger stand.

Das Dauerbombardement mit fehlerhaften, unverdauten Neuigkeiten sei endgültig sinnlos geworden, so schrieb der Journalist Farhad Manjoo auf Slate.com in einer kritischen Auseinandersetzung mit den etablierten Medien und der furios in die falsche Richtung marschierten Armee der Hobbydetektive. Seine Empfehlung für die Zukunft: den Fernseher ausschalten, Twitter und soziale Netzwerke ignorieren, sich dem Nachrichtenstrom verweigern – das sei das Beste, was man tun könne, um in solchen Zeiten einen kühlen Kopf zu bewahren.

V.  Die Macht der fünften Gewalt
 

In der Regel wird auf eine ziemlich einfache Weise über Macht nachgedacht, linear-kausal. Es gibt, so lautet die Annahme, eine Ursache, die eine Wirkung erzeugt. Und je stärker die Ursache, desto massiver die Wirkung. Vielleicht ist das der Grund, warum es bislang keine wirkliche Debatte über den Einfluss der fünften Gewalt auf Politik, Justiz und Öffentlichkeit gegeben hat – Netzwerk­effekte passen einfach nicht zu dem gängigen Kausalitätsmodell der Machtanalyse. Sie verletzen die Sehnsucht nach klar identifizierbaren Schuldigen, sie konterkarieren die Vorstellung von einer nachvollziehbaren Schrittfolge und einer erkennbaren Proportionalität der Kräfte. Aber genau in dieser anderen, schwer fasslichen Form zeigt sich die Macht der fünften Gewalt. Man entdeckt sie in verschlungenen, zirkulär miteinander verflochtenen Wirkungsketten und im energetischen Zusammenspiel unterschiedlichster Kräfte, die selbst geringfügige Anlässe plötzlich zu Großereignissen explodieren lassen. Sie ist diffus, asymmetrisch, epidemisch.

Ein Beispiel? Pfingsten 2010 ärgerte sich der Tübinger Student Jonas Schaible über ein paar Sätze eines Radiointerviews des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler, die von der Sicherung freier Handelswege zur nationalen Wohlstandssicherung handelten. In seinem Blog bezeichnete er diese Sätze als einen Skandal, als grundgesetzwidrige Rechtfertigung eines Wirtschaftskriegs, formuliert vom Staatsoberhaupt höchstselbst. Und weil er gerade Zeit hatte, beließ er es nicht beim Bloggen, sondern diskutierte mit anderen über diese Äußerungen, startete Anfragen. Er schrieb an viele große Zeitungen und an alle wichtigen Nachrichtenagenturen per Mail und lieferte das Interview mit Horst Köhler gleich als Beweismittel mit. Er fasste über Twitter nach und drängte auf Antwort. Plötzlich war das Thema da und wurde in allen Medien des Landes diskutiert. Horst Köhler stand als Kriegstreiber am Pranger. „Kanonenbootpolitik“ lautete der Vorwurf der Opposition in Richtung des Bundespräsidialamts. Was geschah dann? Köhler, von umsichtigen Beratern verlassen, verteidigte sich ein paar Tage lang schockiert und verletzt, trat im Schloss Bellevue vor die Presse und erklärte seinen Rücktritt.

War das die Schuld von Jonas Schaible? Hatte hier ein moderner Königsmörder sein Notebook als Waffe für den Todesstoß benutzt? Dies zu behaupten, wäre eine irreführende Personalisierung von Netzwerkeffekten. Für die tatsächliche Wirkung, für die Entstehung von Einfluss und Macht braucht es die Verknüpfung von Mikro- und Makroöffentlichkeit, die Aufmerksamkeit der klassischen Medien und den eruptiven Medienmix im Reizklima des Öffentlichen. Das heißt: Die Macht der fünften Gewalt schillert, ist sie doch einerseits systemisch und andererseits im Individuum verankert. Man kann sie nicht auf den Einzelnen zurückbuchstabieren, aber es braucht ihn, diesen Einzelnen, der plötzlich und womöglich ungeplant Mitstreiter und ein Publikum findet.

VI.  Die Bestechlichkeit der fünften Gewalt
 

Die fünfte Gewalt mag als Ausdruck eines autonomen Publikumswillens erscheinen, als direkte Verkörperung von Volkes Stimme, aber das stimmt längst nicht immer. Die neue Macht ist selbst manipulierbar und korrumpierbar, sie wirkt unabhängig, aber das muss sie nicht sein. Ryan Holiday, PR-Berater aus den USA, beschreibt dies im Detail in seinem Buch „Trust me, I’m lying“, es sind Bekenntnisse eines Manipulators. Blogs und Websites wie Gawker oder die Huffington Post sind für ihn lediglich „Brückenköpfe zur Erzeugung von Nachrichten“. Man nehme ein paar interne Sitzungsprotokolle, kennzeichne sie als geheim, schicke sie an Blogger, die diese dann als exklusive News veröffentlichen, schreibe unter Pseudonym Kommentare, erzeuge künstlich Traffic und mache die klassischen Medien auf die gewünschten Themen aufmerksam. „Aufwärts verkaufen“ nennt Holiday diese Strategie: Fake-Personen können so Fake-Nachrichten zur Netzveröffentlichung bringen, um schließlich „echte“ Artikel in den etablierten Medien auszulösen.

Andere Möglichkeiten der Manipulation lassen sich nennen – wenn auch eher im Sinne einer Indiziensammlung, weil die Tricks und Täuschereien selten öffentlich werden. Und doch: Im Juli dieses Jahres publizierte Glenn Greenwald von Edward Snowden stammende Dokumente. Sie zeigen, wie der britische Geheimdienst GCHQ soziale Netzwerke und Blogs für Rufmordkampagnen einzusetzen vermag, wie sich Klickzahlen und Online-Umfragen gezielt manipulieren lassen. Unklar bleibt in Greenwalds Enthüllung freilich, was von den strategischen Gedankenspielen der GCHQ bereits ausprobiert wurde. Längst bekannt ist jedoch, dass man PR-Söldner in die sozialen Netzwerke schicken, Fans und Follower kaufen und gefakte Accounts anlegen kann, um den Schlachtruf zu verkünden: Wir sind viele. Schaut her, die Masse protestiert!

Damit stellt sich grundsätzlich die Frage, wer eigentlich spricht, wenn scheinbar die Masse online die Stimme erhebt. Denn es lässt sich gar nicht unmittelbar erkennen, ob die Aufgebrachten repräsentativ sind und ob die ­vermeintlich authentisch-unmittelbare Publikumsempörung nicht gerade von interessierter Seite simuliert wird. Das entsprechende Instrument aus dem Baukasten moderner Propaganda heißt ­Astroturfing. Astroturf ist ein in den USA verwendeter Kunstrasen. Astroturfing besagt, dass man entsprechend instruierte Graswurzelbewegungen und Netzkommentatoren gezielt zur Manipulation der digitalen Öffentlichkeit einsetzt. Unternehmen und Lobbyorganisationen tun dies, aber auch Parteien und Regierungen. Sie zahlen für Postings, sie fingieren Bewertungen, sie erzeugen bezahlten Meinungsdruck.

Ein inzwischen gut dokumentiertes Beispiel sind Putins Trolle, regierungsnahe Blogger und Kommentatoren, die in sozialen Netzwerken und den Foren westlicher Medien gezielt für die russische Sichtweise im Ukrainekonflikt werben und bei Bedarf Andersdenkende niederbrüllen. Aufmerksamkeits- und Meinungsströme auf verdeckte Weise zu lenken, die massenmediale Öffentlichkeit über den Umweg der digitalen Gegenöffentlichkeit zu beeinflussen – das ist das Ziel, das hier offenbar wird.

VII. Die Kontrolle der fünften Gewalt
 

Was folgt aus all dem? Als Time 2006 das vernetzte Individuum zum Menschen des Jahres hochjubelte, da war dies ein kluger Gag in anderen Zeiten. Heute verwandelt sich die einst von publizistischen Großmächten regierte Mediendemokratie allmählich in die Empörungsdemokratie des digitalen Zeitalters. Macht verstreut sich, sie verliert ihr institutionelles Zentrum. Es ist die Stunde der Vielen, die großartige Enthüllungen liefern und kleingeistige Attacken. Aber kann Machtkontrolle ohne institutionelle Adresse funktionieren? Und wer entscheidet überhaupt, was als sinnvoll durchgehen kann und was als gemeines Spektakel gelten muss? Wer zivilisiert die fünfte Gewalt, ohne dabei schrecklich verspannt aufzutreten und im Extremfall ins Diktatorische abzugleiten? Braucht es den Zwang? Oder reicht die Debatte? Es sind große, schillernde, das eigene Menschenbild berührende Fragen. Es gibt kein Fazit.

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