Linke Politik - Herz, Schwäche, Links

Die SPD zerlegt sich auf dem Weg in die Große Koalition. Jetzt träumen linke Politiker wieder ihren Traum der Einheit von Sozial­demokraten, Linken und Grünen. Doch wie realistisch ist die rot-rot-grüne Wende? Bestands­aufnahme einer Utopie

Grünen Mitglied mit Anti-Atomkraft-Button (links) und SPD-Fahnenschwenker (rechts)
Ist die Idee eines linken Bündnisses realistisch oder nur halb durchdacht? / Nikita Teryoshin

Autoreninfo

Christoph Wöhrle ist freier Journalist und lebt in Hamburg.

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Erst als er die Hände faltet, ist er wirklich im Lokal angekommen. Fast wie ein Betender, die Finger ineinander verschlungen, sitzt der SPD-Bundestags­abgeordnete Axel Schäfer an einem Teakholztisch mit Marmorplatte im Berliner Café Einstein. Gleich die erste Frage gefällt ihm: Was es denn 2018 bedeute, ein Linker zu sein? Die Antwort allerdings hat etwas von Runterbeten, führt der 65-jährige Schäfer doch einen Dreiklang an, der daherkommt wie das Bekenntnis eines linken Wanderpredigers: „Unverändert: Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität.“

Vielleicht ist das „Unverändert“, das Klammern an die alten Werte, der Grund für die fehlende Machtperspektive. Deutschland hat keine linke Mehrheit mehr, weder im Parlament noch im Volk. Die drei linken Parteien sind intern und wechselseitig zerstritten. Das Personal ist führungsschwach, es fehlt an Visionen und echten Identifikationsfiguren. Rot-Rot-Grün, von den Anhängern als R2G abgekürzt, ist von der Macht so weit weg wie die Arktis vom Äquator. Der linke Aufschlag ist zur Utopie geworden.

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Joachim Wittenbecher | Di, 27. Februar 2018 - 19:54

Herrn Wöhrle muss insoweit widersprochen werden, als die Grünen nicht mehr unbedingt als linke Partei anzusehen sind. Man hat den Eindruck, dass bei Umsetzung der Energie-, Verkehrs-, Landwirtschafts- und Klimapolitik (Hausbau!) Standards etabliert werden sollen, die Deutschland zu einer Art riesigem Reformhaus machen würden-exklusiv und teuer. Es soll hier nicht einer Bestandsgarantie für Dreckschleudern aller Art und ineffiziente Heizanlagen das Wort geredet werden. Aber Massenwohlstand im Interesse von Arbeitnehmern geht nur mit günstigen Preisen bei Wohnen, Nahrung und Verkehr. Und mit weniger Migration. Die SPD sollte sich daher schleunigst von einer langen Periode der Favorisierung grüner Wellness-Themen verabschieden; die Grünen haben umgekehrt keine Skrupel sich mit CDU und FDP zu liieren, während die SPD in die Opposition gehen muss. Langfristig sollte die SPD mit jenem Teil der Linken fusionieren, der z.B. in Ostdeutschland Volkspartei und eigentlich sozialdemokratisch ist.

Christa Wallau | Di, 27. Februar 2018 - 20:28

Der Glaube an eine gute, gerechte Welt durch politische Maßnahmen stirbt deshalb nicht, weil in vielen Köpfen ein unrealistisches Menschenbild existiert. Die Linken gehen davon aus, daß der Mensch grundsätzlich gut/altruistisch ist und
bleibt, wenn er nur immer in einer ihm
wohlwollenden, gesunden Umgebung lebt. Dies ist leider ein Irrglaube.
Die Erfahrungen der Menschheitsgeschichte belegen eindeutig, daß es neben der reaktiven Bosheit eine genetische Komponente gibt, die auch mit besten Bedingungen nicht zu eliminieren ist.
Ebenso wenig, wie der Markt alles prima regeln kann, ist es dem Staat möglich,Wunder zu vollbringen. Freier MARKT (Gewinnstreben/ Egoismus) und STAAT als Ordnungsmacht (Bedürfnis nach Sicherheit, Gleichheit vor dem Gesetz, finanzielle Grundsicherung) müssen sich idealerweise ergänzen.
Es wird auf Erden dennoch n i e gelingen, Gleichheit u. Gerechtigkeit für alle herzustellen.
Mensch u. Welt bleiben unvollkommen - auf immer
(= konservative Grundüberzeugung).

Gunvald Steinbach | Mi, 28. Februar 2018 - 09:16

Eine rot-rot-grüne Wende ist allerspätestens 2015 erfolgt. Sie hat z.B. zu den Ereignissen um die Essener Tafel geführt. Rot-rot-grün ist abgehoben, ideologisch, aggressiv, realitätsfern und darum brandgefährlich! Ach, übrigens, neulich, in einem Mischfeld meines Aquarellfarbenkastens: Kadmiumrot + Saftgrün... einfach mal selber ausprobieren. Mein Gott, zu denken, ich wäre dem roten Laden beinahe selber mal beigetreten...

Yvonne Walden | Mi, 28. Februar 2018 - 12:44

Die Linke in Deutschland habe keine Machtperspektive mehr, behauptet Autor Christoph Wöhrle.
Das hätten die "Rechten" sicherlich gerne so.
Das rechte Spektrum, also die verbissenen Verteidiger des kapitalistischen Systems (die Masse arbeitet, die Minderheit kassiert die Profite) fürchtet nichts mehr als einen spürbaren Machtverlust mit der Folge, daß das, was sich Demokratischer Sozialismus nennt, Wirklichkeit wird.
Nach wie vor weiß die große Mehrheit der en und Wähler nicht, was "links" und "rechts" überhaupt beeinhaltet.
Dieses Verwirrspiel soll möglichst fortgesetzt werden, denn wenn das Wahlvolk Früchte vom Baum der Erkenntnis (beispielhaft nach der Schöpfungsgeschichte) gegessen hätte, könnte alles anders werden.
Nun sind SPD und inzwischen auch GRÜNE von der Herrschenden Klasse unterwandert mit der Folge, daß sich schon innerhalb dieser Parteien Sperrmajoritäten gegen einen Systemwechsel bilden bzw. gebildet haben.
Aber die Zeiten ändern sich und damit auch der Erkenntnisgewinn.

Einfach mal vormachen. Warum schaffen die "Linken" keinen "linken" Superkonzern
in dem sie ihre Ideale verwirklichen können ? Tolle Löhne ? Tolle Sozialleistungen ? Unbefristete Verträge ? Tolle ökologische Produkte ? Zu Preisen die sich jeder leisten kann ? Natürlich zahlt dieser Konzern auch reichlich Steuern, beschäftigt Benachteiligte wie z.B. Behinderte, Alte, Kranke, Analphabeten etc. ist ja klar. Natürlich expandiert dieser Konzern auch und wird immer größer...mit immer mehr glücklichen Arbeitnehmern in demokratischen Strukturen. Also los. Fangt an.
Bis dahin globalisieren die "Linken" erstmal den deutschen Arbeitsmarkt zum Wohle von ? Ja zu wessen Wohl denn ?

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