Angela Merkels roter Vater

Was macht Angela Merkels Stärken aus? Dieser Frage widmet Gerd Langguth in seiner neu aufgelegten Merkel-Biografie zwölf Thesen.

Horst Kasner
() Horst Kasner
Angela Merkel hat sich weit von ihrem eigenen Elternhaus entfernt, jedenfalls von ihrem Vater. Natürlich hat sie ihre familiäre Herkunft am stärksten geprägt. Dies ist bei allen Menschen so – auch wenn der Familienhintergrund häufig unterschätzt wird –, doch in Angela Merkels Fall in besonderer Weise. Bei der Aufforderung, sich selbst zu beschreiben, kommt sie spontan stets auf ihre Mutter, von der sie in liebevoller Weise spricht: „Ich sehe mich selbst als fröhlichen Menschen, erzähle gerne Witze, bin von Haus aus ein Optimist. Das habe ich auch von meiner Mutter, die eine sehr spontane, gastfreundliche, unverzagte und offene Frau ist.“ Auch von ihrer Schwester spricht Angela Merkel mit viel Gefühl. Bei ihrem Vater ist das anders. Er ist für sie sehr wichtig, aber sie spricht nicht über ihn. Das Leben in einem Pfarrhaus in der kirchenfeindlichen DDR prägte auch die Kasner-Kinder in besonderer Weise. Der Pfarrer war so etwas wie ein Vorbild, moralische Autorität, aber auch staatlich beargwöhnter Abweichler. Angela Merkels Vater Horst Kasner repräsentierte die in der DDR nicht mehr gewollte „Bürgerlichkeit“. Zugleich versuchte er einen Spagat: Er wollte als Mann der Kirche erscheinen, deren Dienst er alles unterordnete – auch seine Familie. Wie häufig wird ihm seine Tochter, wenn vielleicht auch nur unterschwellig, vorgeworfen haben: Wäre er 1954 nicht freiwillig in die DDR zurückgekehrt, wäre ihr ein Leben in einer Diktatur erspart geblieben! Durch die Leitung des Pastoralkollegs war Kasner in der Berlin-Brandenburgischen Kirche in einer Schlüsselposition, die er genoss. Als intellektueller Pfarrer ließ er gerne seine geistige Überlegenheit spüren. Viele stieß er dadurch vor den Kopf. Kasner dürfte aber auch darunter gelitten haben, dass er weder die akademischen Würden der Promotion erhalten noch Chancen für ein hohes kirchliches Amt gehabt hatte. Sosehr er alles, was er beruflich wurde, der Kirche zu verdanken hatte, so sehr wurde seitens der DDR-Obrigkeit versucht, ihn als Mann des Staates in der Kirche zu instrumentalisieren. Dafür sprechen viele Belege, nicht nur die Tatsache, dass Horst Kasner dem Führungskreis des offensichtlich auch von der Stasi stark beeinflussten „Weißenseer Arbeitskreises“ angehörte, der theologisch und kirchenpolitisch „linke“ Positionen vertrat: Als führender Mann dieser „Bruderschaft“ wirkte er innerkirchlich stark auf die Spaltung der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Berlin-Brandenburgischen Kirche hin. Obschon das von ihm geleitete Pastoralkolleg finanzielle Unterstützung durch die westdeutschen Landeskirchen erhielt, war Horst Kasner ganz und gar auf die DDR-Staatlichkeit fixiert. Angela Merkel deutet gelegentlich in ihren Interviews „linke“ politische Positionen ihres Vaters an, doch ist das volle Ausmaß seiner Rolle bislang unbekannt geblieben. Er wollte beides sein: Mann der Kirche und loyaler Bürger der DDR – und er verstrickte sich dabei in eine politische Haltung, die bis in die Gegenwart in diametralem Gegensatz zum Handeln und Tun der heutigen CDU-Vorsitzenden steht. So hat er auf Synoden mit Vehemenz Positionen vertreten, die im machtpolitischen Interesse der SED waren. Diese Verstrickungen sind der tiefere Grund, warum Angela Merkel so wenig über ihren Vater spricht – und warum er inzwischen Interviews ablehnt. Wie weit Vater Kasner schon zu Beginn seines kirchlichen Wirkens seine „linken“ politischen Positionen hatte, sei dahingestellt. Dass aber der 13. August 1961 ein für die Familie Kasner mit ihrer weit verzweigten westdeutschen Verwandtschaft wichtiges Datum war und auch für die politische Haltung des Familienvaters besonders einschneidend, scheint klar. Es sieht so aus, als habe ihm der Mauerbau endgültig klargemacht, dass seine politische Loyalität künftig dem Staat DDR zu gelten hatte. Die Option einer bis dahin möglichen Rückkehr nach Westdeutschland war ihm und seiner Familie genommen. Inwieweit nicht auch ein Erpressungsversuch der Staatssicherheit gegenüber Merkels Vater eine Rolle gespielt hat, soll hier nicht weiter erörtert werden. Jedenfalls wirkte der Mauerbau paradoxerweise insoweit „befreiend“, als damit die theoretische Möglichkeit einer Ausreise verbaut war. Manche Entscheidungen des als „roter Kasner“ bekannten Templiner Theologen ließen einige Kirchenleute die Nase rümpfen. Er trieb seine nach außen sichtbar werdenden Kompromisse mit dem Staat allerdings nicht so weit, dass er für die Kirche untragbar geworden wäre und damit seine Funktion als Leiter des Pastoralkollegs ernsthaft gefährdet hätte. Auch hatte er zur Kirchenleitung guten Kontakt. Zwar erhielt seine Tochter Angela nicht die Jugendweihe, wohl aber ihr drei Jahre jüngerer Bruder Marcus. Dies rief in der Kirche helle Empörung hervor. Daraufhin wurde die Tochter Irene von der Jugendweihe ausgenommen. Allein die Tatsache, dass die Kasner-Kinder bei den Jungen Pionieren und der FDJ mitmachen konnten, war gegenüber vielen anderen Kirchenleuten nicht einfach zu vertreten. Allerdings hatten viele Kinder widerspenstiger Pfarrer erhebliche Schwierigkeiten hinsichtlich des Besuchs der Erweiterten Oberschule oder gar des Studiums. Vater Kasner mag sich zusätzlich gesagt haben, seine Haltung gegenüber dem SED-System ermögliche seinen Kindern gleiche Chancen gegen-über den in der DDR bevorzugten Arbeiterkindern. Begünstigt wurde Kasners Spagat dadurch, dass er viele Privilegien genoss, die letztlich auch seiner Tochter Angela zugutekamen. Deshalb war ihr Studium nicht ernsthaft gefährdet. Er konnte viele Westreisen unternehmen, übrigens auch seine Frau, die bis nach Amerika fuhr. Horst Kasner warb bei seinen Reisen in den Westen für die Deutschlandpolitik der DDR. Personen, die seitens der DDR-Obrigkeit mit Kasner zu tun hatten, hatten die klare Order, nach Möglichkeit allen Wünschen Kasners zu entsprechen. Dies zeigte sich auch daran, dass an Kasner gerichtete Buchsendungen aus dem Westen nicht konfisziert werden sollten. Wenn das doch einmal geschah, wurde es in der Regel wieder rückgängig gemacht. Kasner gelang es, westdeutsche Vortragende nach Templin zu bekommen. Dies verschuf ihm innerkirchlich den Ruf, im Pastoralkolleg werde auf hohem Niveau und auf der Höhe der theologischen Zeit in liberaler Atmosphäre diskutiert. Zugleich war das Pastoralkolleg ein Ort, dem das besondere Interesse der Staatssicherheit galt. Angela Merkel muss irgendwann, vielleicht in ihrer Zeit bei der Akademie der Wissenschaften, die Doppelgesichtigkeit im Leben ihres Vaters erkannt haben. Sie hielt schon während ihres Studiums eher mit kommunismuskritischen Personen Kontakt. Nichts spricht für die gelegentlich geäußerte Vermutung, gute Kontakte ihres Vaters zu dem kirchlich engagierten Lothar de Maizière hätten ihr erst die Möglichkeit geschaffen, Stellvertretende Regierungssprecherin in der letzten DDR-Regierung zu werden. Sie hat sich – möglicherweise auch unter dem Einfluss ihres als DDR-kritisch bekannten heutigen Ehemannes Joachim Sauer, den sie schon sehr früh in der Akademie der Wissenschaften kennengelernt hatte – zu einer grundsätzlich anderen politischen Haltung als der ihres Vaters durchgerungen. Als Widerstandskämpferin hat sie sich selbst nie beschrieben. Natürlich war der Weg ihrer politischen Entwicklung durch einen Prozess der Veränderungen ihrer Überzeugungen beeinflusst – und durch den Wunsch nach weiterer Karriere in Gesamtdeutschland. Dass sie diesen Weg mit der inneren Billigung ihres Vaters gegangen ist, davon ist kaum auszugehen. Er hält bis heute an seinem kritischen Blick auf die bundesdeutsche Politik fest – und vermeidet es, auf Fotos mit seiner Tochter im Zusammenhang mit ihrer politischen Rolle abgelichtet zu werden. In Stellungnahmen der Gegenwart zeigt er sich als kapitalismuskritisch und skeptisch gegenüber den Grundfesten des wiedervereinigten Deutschland. Er will als glaubwürdig erscheinen und hält deshalb an seinen während der DDR-Zeit erworbenen theologischen wie politischen Positionen so weit als möglich fest. Nicht einmal an der von der CDU ausgerichteten Geburtstagsfeier für seine Tochter nahm er teil – im Gegensatz zu seiner einst in der SPD aktiven Frau, die ihrer Tochter auch auf einer CDU-Wahlkundgebung in Templin zuhörte. Ein Grund mag darin liegen, dass Kasner gar nicht erst ins Visier der Öffentlichkeit gelangen möchte. Allerdings war das Ehepaar Kasner auf der Bundestagstribüne, als Angela Merkel am 22. November 2005 zur Kanzlerin gewählt wurde. Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus der überarbeiteten Neuauflage des Buches „Angela Merkel“ von Gerd Langguth, gerade erschienen bei dtv Gerd Langgut, Merkel-Biograf, unterrichtet Politische Wissenschaft an der Universität Bonn, war Bundestagsabgeordneter und Mitglied des CDU-Bundesvorstandes (Foto: Picture Alliance)

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