Andrea Nahles und Theresa May - Zwei Prügel-Damen

Nach wie vor stehen Frauen in Europa nur selten an der Spitze namhafter Parteien. Nun haben sich die beiden prominentesten unter ihnen noch in derselben Woche von der politischen Bühne verabschiedet – wenn auch nicht freiwillig. Mussten sie gehen, weil sie Frauen sind?

03.06.2019, Berlin: Andrea Nahles, bisherige Vorsitzende der SPD, verlässt nach Ihrem Rücktritt vom Parteivorsitz in der außerordentlichen Klausurtagung des SPD-Vorstands die SPD-Parteizentrale, das Willy-Brandt-Haus.
Opfer ihrer eigenen Ausfälle: Andrea Nahles / picture alliance

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Stephan-Götz Richter ist Herausgeber und Chefredakteur des Online-Magazins „The Globalist“, zusätzlich schreibt er auf seiner deutschen Webseite. Er hat lange Jahre in Washington, D.C. verbracht und lebt und arbeitet seit 2016 in Berlin.

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Stephan-Götz Richter

Nach wie vor stehen Frauen in Europa nur selten an der Spitze namhafter Parteien. Jetzt haben die beiden prominentesten unter ihnen dem unablässigem Druck ihrer parteiinternen Widersacher endlich nachgegeben. Theresa May und Andrea Nahles verabschieden sich in derselben Kalenderwoche von der politischen Bühne.

Was die beiden Frauen bei allen ideologischen Unterschieden eint, ist, dass für beide ihre jeweilige Partei bisher ihr zentraler Lebensinhalt war. Ihre höchste Ambition war es schon seit ihrer Jugend, zumindest an die Spitze ihrer eigenen Partei zu gelangen. Insofern ist die hauptsächlich von männlichen Widersachern gnadenlos betriebene Entfernung aus ihren Ämtern für die beiden persönlich äußerst schmerzlich. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass beide tendenziell in ein tiefes Loch fallen werden.

Tough wie ein Mann 

Nun kann niemand behaupten, dass Theresa May, die scheidende britische Premierministerin und Vorsitzende der Konservativen Partei, sowie Andrea Nahles, die bisherige SPD-Partei- und Fraktionsvorsitzende, fehlerlos agiert haben. May war viel zu lange viel zu unflexibel, als es um den Brexit ging. Und Nahles hat bis heute immer wieder Schwierig­keiten, sich auf der großen Bühne angemessen zu verhalten und nicht allzu dreist zu wirken.

Auch wenn das immer wieder insinuiert wurde, hatte das politische Scheitern der beiden nichts damit zu tun, dass sie Frauen sind. Wenn etwa Theresa May bei der Ankündigung ihres Abgangs am Ende für einen Moment die Contenance verlor, war das eine vollkommen verständliche menschliche Reaktion – aber keine Folge der Tatsache, dass sie nicht so „tough“ („wie ein Mann“) war. Ganz im Gegenteil: Sie agierte oftmals genauso verschroben wie das Klischee eines britischen Gentleman. Und die Ausfälle der Andrea Nahles beruhten in aller Regel auf einer falsch dosierten Jovialität. Sie waren keine Folge von Weiblichkeit. Die immer weniger versteckt erfolgten Hinweise in die andere Richtung belegen nur, wie sehr die Politik selbst heute noch ein Männerclub ist.

Todesursache: Mission accomplished 

Da ist es nur fair, dass die wirklich Leidtragenden nicht die beiden Frauen sein werden, sondern ihre jeweiligen Parteien, also die Tories und die SPD. Denn die große Hoffnung, dass die beiden Parteien nun wieder aufblühen werden, dürfte sich als Trugschluss erweisen. Denn bei beiden geht es nicht um eine Person, sondern um essentielle Fragen der eigenen Identität.

Die SPD arbeitet sich schon lange daran ab, dass sie glaubt, Personaldebatten führen zu müssen, wenn es in Wirklichkeit um eine fundamentale sachpolitische Kurs­entscheidung geht. Woran die SPD im Kern leidet – und daran wird kein Drehen des Personalkarussells etwas ändern – ist ein einfaches historisches Prinzip. Dieses ist zeitgeschichtlich im Wesentlichen durch die Fehlanwendung seitens George W. Bush Junior kurz nach der Irak-Invasion bekannt: „Mission Accomplished.“ Für die SPD jedoch trifft es ohne Frage zu. Sie hat sich gewissermaßen zu Tode gesiegt. Wie die Kanzlerschaft Angela Merkels belegt, ist die Bundesrepublik von heute sachpolitisch weitgehend sozialdemokratisch geprägt. Die Harvard-Laudatio auf Angela Merkel fasste es prägnant zusammen: Wir danken der deutschen Bundeskanzlerin für herausragende gesellschafts­politische Leistungen wie den Mindestlohn oder die Ehe für alle. 

Von den Grünen lernen 

Was in aufklärerischer Hinsicht an Dynamik in der deutschen Gesellschaftspolitik verbleibt, das haben die Grünen vom Markeninhalt her glaubwürdig für sich gepachtet. Sie sind viel zu geschickt, um sich diese „Butter“, die weit über das Umweltthema hinausreicht, wieder vom Brot nehmen zu lassen. Insofern wird der – wie auch immer reformierten – SPD auch kein „deus ex machina“ wieder auf die Sprünge helfen können – auch keine „dea“ .

Angela Nahles war – trotz ihrer Fehler – das, was man auf englisch einen „convenient whipping boy“ bezeichnet. Jemand, an dem man sich abarbeiten kann, ohne sich eingestehen zu müssen, dass das Kernproblem in der Sache und eben gerade nicht in der Auswahl irgend­einer anderen Person besteht. Die andere Prügel-Dame, Theresa May, hat auch ihre Fehler. So ist sie eine vollkommen übertriebene Anbeterin der nationalen Souveränität und hat sich mit ihrem mantrahaften Festklammern an immer denselben Formeln („Brexit means Brexit“) dem internationalen Spott preisgegeben.

Schlachtfeld für Identitätsdebatte

Wer aber glaubt, wie so viele Männer unter den Tories und gerade auch Boris Johnson dies immer wieder zu verstehen gegeben haben, dass nur sie – aber eben nicht diese Frau – es beim Brexit schon richten können, der tut so, als ob ihm die Quadratur des Kreises gelingen würde.

Jenseits aller Verhandlungspunkte um Irland und dergleichen geht es um weit mehr als um den geordneten oder ungeordneten Austritt Großbritanniens aus der EU. Im Kern geht es um die vollkommen ungeklärte Frage der nationalen Identität. Für diese Auseinander­setzung ist das von den Tories immer wieder so hoch gehangene Thema der nationalen Souveränität letztlich nur das Schlachtfeld, auf dem die britische Identitätsdebatte ausgetragen wird.

Britische Überheblichkeit

Uns Deutsche befremdet es verständlicherweise, wenn ausgerechnet die Briten hier so unsortiert aufgestellt sind. Zwischen den sechziger und neunziger Jahren waren es immer wieder insbesondere die Briten, die sich über Debatten über unsere nationale Identität amüsiert, wenn nicht mokiert haben. Diese Überheblichkeit schlägt jetzt wie ein Bumerang auf das – angesichts der wiederaufflammenden schottischen und (nord-)irischen Frage nur vermeintlich – „Vereinigte“ Königreich zurück.

Niemand sollte sich irgendwelche Illusionen hingeben. Die Krise der beiden Parteien – der SPD und der Tories – ist struktureller, sachpolitischer Natur. Sie reicht weit über ihre aktuellen Anführerinnen hinaus. Bei der erhofften Aufholjagd ist noch eine abschließende Parallele besonders pikant. Bei den Wahlen zum Europäischen Parlament kamen die SPD auf 15,5 Prozent  – und die Tories auf 13,7 Prozent. 

Ernst-Günther Konrad | Do, 6. Juni 2019 - 13:09

ich stimme Ihnen zu, das es beiden Parteien an Inhalten fehlt und die persönlichen Animositäten einzelner untereinander eine schlechte Aussendarstellung erzeugte. Da gleichen sich SPD und Torries. Richtig ist auch, das beide nicht am Frausein scheiterten, sondern wegen der fehlenden politischen Inhalte. Vergleichen lassen sich beide aber nicht in der persönlichen Darstellung ihrer Politik. Frau May war immer berrscht und Granddame. Andrea Nahles trat einerseits auf wie eine Teletaby, dann wieder wie Pipi Langstrumpf und dann wieder wie ein unberrschtes Kleinkind. Charisma fehlt ihr ganz, Anstand und Benehmen ebenso. Wenn man schon politisch nichts drauf hat und keine neuen Ideen und keine klientelorientierten Politikinhalt besitzt , darf man nicht noch so ein peinliches Verhalten zutage legen. Ich wiederhole aber ausdrücklich, dass für den Zustand der SPD nicht allein sie verantwortlich ist. Da gab es jede Menge Mitversager. Mit dem derzeitigen Personal wird das eben nichts werden.

Christa Wallau | Do, 6. Juni 2019 - 14:06

weil sie als Frauen m e h r angegriffen wurden als Männer, sondern weil sie beide Fehler gemacht
haben, die auch jedem Mann angekreidet worden
wären.
Im übrigen sind sie beide recht "männlich" aufgetreten, d. h. sie haben niemanden geschont
(haben ausgekeilt) und ihre Position knallhart vertreten bzw. verteidigt.
Insofern kann ich dem Autor dieses Kommentars nur zustimmen: Die Krise der Tories und der SPD
geht auf strukturelle Probleme und sachpolitische
Fehlentscheidungen zurück.

Dorothee Sehrt-Irrek | Do, 6. Juni 2019 - 15:39

hat politische Klasse und politische Kultur.
Dann reicht es für eine Konservative auf den Thron, siehe Elisabeth die I., aber heutzutage ?
Nicht von ungefähr hatte "Auf den Marmorklippen" von Ernst Jünger seine "Liebhaber".
Ich würde es nicht so dramatisch für Frau May sehen.
Hat Schröder Andrea Nahles "gefällt", mit seinen "spitzen" Bemerkungen zu ihr?
Nun war Andrea selbst nicht zimperlich, aber die SPD kann den Rücktritt verschmerzen, weil Andrea Nahles für eine ganze Gruppe von auch SPD-Politiker*innen steht.
Sie ist noch relativ "jung".
Vielleicht beendet sie ihre Doktorarbeit?
Leitet irgendwann ein SPD-Institut.
Ich bin sicher, dass die nicht auf Abwehr gehen werden.
Die SPD hat Andrea Nahles geprägt und sie die SPD.
Das können nicht alle in ihren Parteien sagen?

was habe ich gelacht beim Beitrag der Heute Show.
Die haben das lieb gemeint!
Lieb oder verzweifelt, hilflos, sonst ist Lachen nicht angezeigt.
Aus in der Vergangenheit liegendem Anlass, sage ich noch einmal, ich kenne Andrea Nahles überhaupt nicht, habe sie nie persönlich erleben dürfen, bewerte sie über ihre Aussagen und als "Denkerin"/Frau in der SPD.
Was Du gemacht hast Andrea, war aus meiner Sicht falsch und Deine Erklärung per Partei, dass Du "100%" Rückendeckung brauchst, wenn Du nur mit 65% ins Amt gewählt wurdest, kann mich überhaupt nicht überzeugen.
Ich hoffe, Du kannst bei Deiner persönlichen Verabschiedung besser argumentieren als, "es war schwer, da war es mir nicht möglich".
Die Neuen sollten verinnerlichen, dass sie in schwerer SPD-Zeit nach vorne kommen.
Weltpolitik ist eigentlich leicht, denn sie liegt auf der Hand, muss nicht auf der Strasse gefunden werden, wie evtl. durch Merkel, muss aber auch auf der Strasse vertreten werden, wie evtl. nicht bei Merkel:)

Leon Reimann | Do, 6. Juni 2019 - 15:54

Zwischen May und Nahles liegen Welten, im politischen Stil und intellektuell. May verdient höchsten Respekt trotz des nicht erreichten Ziels. Bei Nahles bleibt im Wesentlichen Bätschi in Erinnerung.

Norbert Heyer | Do, 6. Juni 2019 - 17:52

Das Frau May und Frau Nahles fast zeitgleich das Handtuch warfen, hat nicht das Geringste mit ihrem Geschlecht zu tun. Frau May hat zu lange eine Lösung mit immer gleichen Formulierungen gesucht, Frau Nahles war eine hervorragende Arbeitsministerin, die Doppelaufgabe als Partei- und Fraktionsvorsitzende hat sie erkennbar überfordert. Es ist doch gerade bei unserer
Kanzlerin feststellbar, dass alle ihre politischen Entscheidung von den Medien fast völlig kritiklos kommentiert wurden. Ein Mann wäre schon lange nicht mehr in Amt und Würden mit einer solchen Anhäufung katastrophaler Fehlentscheidungen. Die Konservativen in England werden aber ihre Krise besser meistern als die SPD, obwohl auch sie bei der EU-Wahl sehr schlecht abgeschnittenes haben. Sie haben eine bessere Substanz und eine größere Bindung an politische Werte als die SPD, die eigentlich von Schröder-Zeiten bis jetzt zu Nahles immer mehr ihre Grundwerte verraten und aufgegeben haben, eine positive Wende ist nicht in Sicht.

Hallo Herr Heyer,
irgendwie geben ich Ihnen ja Recht, dass das Scheitern der beiden Damen nicht das Geringste mit ihrem Geschlecht zu tun hat.
Aber ich musste zu oft feststellen (im Beruf), dass wenn Frau eine Führungsposition inne hat, im Vergleich zum Mann, immer noch eine Schippe draufgelegt hat in Bezug auf: Alles allein und einsam entscheiden, arrogantes und selbstverliebtes Handeln, Unnahbar und Spröde, Teamgeist nicht erwünscht, von sich und ihr Handeln fest überzeugt, Fehlentscheidungen werden nicht eingeräumt bzw. korrigiert u.a.
Ich glaube, sie wollen damit zeigen, dass sie es auch können, was ein Mann kann.
Dem widerspreche ich eigentlich auch nicht (Männer sind oft Vollpfosten in Führungspositionen) nur sie Überhöhen ihre Position und sind dann oft noch schlimmer als Männer- Leider!
Viele Frauen empfinden dies genauso und arbeiten lieber unter einen Mann.
Wenn sie dies Abstellen könnten, wäre sie eigentlich die "besseren" Chef´s.
Vieleicht braucht es noch Zeit dazu?

dieter schimanek | Do, 6. Juni 2019 - 18:34

May hatte es relativ einfach, sie brauchte nur das Wahlergebnis umsetzten, raus aus der EU. Die Wähler paßten nicht in das Konzept, also wurde es nicht umgesetzt. Soviel zum Einfluß von Wahlen. Für Nahles war es deutlich schwerer. 15 Jahre verfehlte SPD Politik, vorbei am Wähler. Querschüsse aus allen Richtungen, dazu eine unfähige Mannschaft. Diese zerüttete Truppe rettet keine(r) mehr, deshalb auch der Run auf die Nachfolge. Bei beiden Frauen hat das nichts mit dem Geschlecht zu tun, auch wenn das wie zu erwarten Wasser auf die Mühlen der .........na ihr wisst schon ist.

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