GDL-Chef Claus Weselsky - „Wir sind dafür, die Bahn aufzutrennen“

Seit zwölf Jahren leitet Claus Weselsky die renitente Bahn-Gewerkschaft GDL. Auch jetzt werden seine Ziele nicht bescheidener – trotz Corona: Nicht für eine Rückverstaatlichung tritt er ein, sondern für eine Auftrennung des Konzerns.

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GDL-Chef Clauf Weselsky will, dass die Bahn reformiert wird / dpa

Autoreninfo

Rainer Balcerowiak ist Journalist und Autor und wohnt in Berlin. Im Februar 2017 erschien von ihm „Die Heuchelei von der Reform: Wie die Politik Meinungen macht, desinformiert und falsche Hoffnungen weckt (edition berolina). Er betreibt den Blog „Genuss ist Notwehr“.

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Claus Weselsky wuchs in Sachsen im Bezirk Dresden auf und erlernte dort den Beruf des Lokomotivführers, den er bis 1992 bei der Deutschen Reichsbahn ausübte. Anschließend war er hauptamtlich in verschiedenen Positionen für die 1990 als erste freie Gewerkschaft in der DDR gegründete Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) tätig. 2002 wechselte Weselsky in die Gewerkschaftszentrale der GDL nach Frankfurt am Main, zunächst in die Tarifabteilung und ab 2006 als stellvertretender Bundesvorsitzender. Im Mai 2008 wurde er zum Nachfolger von Manfred Schell als Bundesvorsitzender der GDL gewählt und seitdem mehrere Male in diesem Amt bestätigt. Seit 2007 ist Weselsky Mitglied der CDU. 

Herr Weselsky, Ihre GDL tanzt mal wieder aus der Reihe. Die konkurrierende, zum DGB gehörende Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) hat einen Sanierungstarifvertrag mit der Bahn abgeschlossen. Warum Sie nicht?
Claus Weselsky: Wenn es um eine echte Sanierung der Bahn ginge, wären wir auch bereit, unseren Beitrag zu leisten. Aber nur für etwas, was sanierungsfähig ist. Doch hier geht es um jahrzehntelanges Versagen des Managements. Unsere Lokführer und Zugbegleiter sehen nicht ein, dafür die Zeche zu zahlen. Wir suchen seit Jahren Lokomotivführer, Zugbegleiter, Fahrdienstleiter, Gleisbauer und Mitarbeiter für die Werkstätten, da fehlt es ja an allen Ecken und Enden. Was wir in dem Konzern aber zu viel haben, sind überbordende Verwaltungsapparate. Daher halten wir den jetzt vereinbarten pauschalen Kündigungsschutz für alle Mitarbeiter für das vollkommen falsche Signal. Auch über den Schuldenberg von mehr als 30 Milliarden Euro müsste man sprechen. 1994 wurde die Bahn im Zuge der Bahnreform komplett entschuldet. Seitdem wurden unglaubliche Summen im Ausland verzockt, mit Übernahmen, Beteiligungen und Unternehmensgründungen, die nichts, aber auch gar nichts mit der Eisenbahn zu tun haben. Solange Steuergelder auf diese Weise versenkt werden, ist die GDL nicht bereit, einen angeblichen Solidarbeitrag zu leisten. 

Warum glauben Sie, mehr rausholen zu können als die EVG?
Es geht in erster Linie nicht um die Frage, ob wir mehr rausholen können, sondern um annehmbare Rahmenbedingungen. Wir stemmen uns auch nicht prinzipiell gegen Sanierungstarifverträge und haben solche Verträge bei Konkurrenten der DB AG auch schon abgeschlossen. Aber wir wollen klarstellen, was da eigentlich saniert werden soll und wer genau in welcher Höhe beiträgt, etwa in der Führungsetage des Konzerns. Bislang ist da nur vom einmaligen Verzicht auf Boni die Rede. Wieso einmalig und wieso überhaupt Boni angesichts des öffentlichen Managementversagens? Auf der anderen Seite sollen die Kollegen, die jeden Tag den Kopf hinhalten, dauerhaft zur Kasse gebeten werden und mit Verschlechterungen bei den Arbeitszeitregelungen leben müssen. So funktioniert das mit uns nicht!
 

Laut dem seit 2015 geltenden Tarifeinheitsgesetz darf die mitgliederstärkste Gewerkschaft – also bei der Bahn die EVG – einen für alle Mitarbeiter bindenden Tarifvertrag abschließen. Fürchten Sie nicht, dass die Deutsche Bahn diese mächtige Keule auspackt? 
Wenn die Bahn AG das versucht, kann es ziemlich spannend werden. Bislang hatten wir bei der Bahn eine Vereinbarung über die Gültigkeit unserer eigenen Tarifverträge. Die läuft allerdings Ende 2020 aus. Aber die GDL hat es in solchen zugespitzten Situationen immer vermocht, sich effektiv und erfolgreich gegen Angriffe zu wehren, die sie in ihrer Existenz bedrohen. Wir und auch die anderen Berufs- und Spartengewerkschaften lassen uns jedenfalls nicht in eine künstliche Kooperation mit anderen Organisationen bei der Aushandlung von Tarifverträgen für unsere Mitglieder zwingen.
 

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helmut armbruster | Do, 19. November 2020 - 17:34

andere europäische Länder haben es längst. Dort ist Zugfahren oft die schnellste und beste Wahl.
Wir dagegen haben nichts dergleichen.
Dafür haben wir einen Claus Weselsky und andere zurück gebliebene Verhinderer und Besserwisser.
Das gab es auch in anderen Ländern, aber dort hat man sie ausmanövriert. z.B. in England. Dort mussten auf elektrischen Zügen bis Ende des 19. Jh. auf Druck der Eisenbahnergewerkschaft immer noch Heizer mitfahren, obwohl es längst keine Dampflokomotiven mehr gab.
Es war Maggie Thatcher, die dazwischen gefahren ist und mit diesem Unsinn Schluss gemacht hat.
Wie schade, dass wir keine Maggie Thatcher hatten und dass auch keine in Aussicht ist.

Auch das der Schröder - und seine Privatisierungsgenossen weiterer Parteien - sich nicht halten konnten.
Herr Armbruster, wohin wollen sie denn mit dem Hochgeschwindigkeitszug hinreisen?
Von Hamburg nach München und zurück? Doch nicht privat, kostet ein "Vermögen", will sagen, für diese Zielgruppe wäre ein solcher Zug gar nicht gedacht gewesen.
Also lösen sie sich besser vom volkswirtschaftlichen Gesamtnutzen und fragen sich besser, was so ein Zug für sie bringen würde. (Aber vielleicht sehe ich ihre Lage durch eine falsche, unzutreffende Brille, dann "Verzeihung, habe mich geirrt...").

... Herrn Weselsky keineswegs als Verhinderer, ganz im Gegenteil, er will die Bahn von geldverschlingenden Unternehmungen, die absolut nichts mit der Bahn zu tun haben, befreien! Und sich nur auf das Kernanliegen konzentrieren. Ich drücke ihm die Daumen! Lesen Sie den Artikel nochmal....