Richard David Precht - Die neue Lust an Verboten

Bei Grünen, neuen Linken und den Linksliberalen ist das Motto „Sex, Drugs und Rock’n’Roll“ endgültig Geschichte. Stattdessen dürsten sie nach immer mehr Reglementierungen. Der Philosoph Richard David Precht fordert nun offen das, wovor die Grünen aus Populismus zurückschrecken: mehr Verbote

Richard David Precht
Richard David Precht fordert mehr Mut zu Verboten / picture alliance

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ und „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer". Im September erscheint von ihm „Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität“ bei Claudius.

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Alexander Grau

„Die Weltgeschichte“, schrieb einst Hegel, „ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“. Wenn er sich da mal nicht getäuscht hat. Zumindest in Deutschland und insbesondere bei den Statthaltern von Modernität und Fortschritt kommt die Freiheit zunehmend aus der Mode. Ganz offen plädiert man für Verbote, ja für eine neue Verbotskultur. Unter dem Eindruck der Klimadebatte, von Feinstaub bis Greta, überbieten sich seit Monaten Organisation, Parteien und Vordenker in immer weitreichenderen Verbotsforderungen. Nach dem Motto: Am modernsten ist, wer noch mehr verbieten möchte: das Autofahren, das Fliegen, das Fleischessen, das Schnellfahren, das Rauchen, den Alkohol oder was auch immer.

Beinah komisch an dieser neuen Lust am Verbot ist, dass sie von einem politischen Lager ausgelebt wird, dass in der Tradition der Emanzipationsbewegungen der sechziger Jahre steht. Es sind Grüne, neue Linke und Linksliberale, die sich mit zunehmender Erregung in Verbotsorgien hineinfantasieren. Wo man einst im Namen von „Sex, Drugs und Rock’n’Roll“ mit allen Konventionen und Regeln brach und gegen die Autortäten aufstand, fiebert man geradezu dem Tag entgegen, an dem die Listen mit den neuen Verboten dem Volk verkündet werden.

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Matthias Baer | Sa, 13. Juli 2019 - 10:13

... scheinen aus den Schulklassen und der Allgemeinbildung verschwunden zu sein. Anders ist es nicht mehr zu erklären, wie blind die "Millenials" in eine Verbotsgesellschaft einerseits und die Auflösung vorhandener Gesetze andererseits (ungefilterte Einwanderung) drängen.
Dass dadurch gerade sinnvolle Maßnahmen wie bspw. notwendige Hilfe für wirklich Schutzbedürftige sowie sinnhafter Umweltschutz - bspw. auch in Form eines Umdenkens bzgl. Erdkraftwerken oder gar Kernkraft - verhindert werden, ist ebenso traurig wie dramatisch.

Brigitte Miller | Sa, 13. Juli 2019 - 10:25

Dass Sie diese Absurdität entlarven, Herr Grau.
Was Precht fordert, bedingte ja, dass es übergeordnete überlegene Menschen gibt, die nur sinnvolle Verbote nur zum Wohle aller aussprechen und ihre Macht nicht missbrauchen.
Und das ist eine Unmöglichkeit.

Dorothee Sehrt-Irrek | Sa, 13. Juli 2019 - 10:26

unter einer evtl. "völlig" Debatten-entleerten Medien/Öffentlichkeit/Politik.
Ein Grund, warum ich immer mal wieder darauf aufmerksam mache, dass ich in "ambitionierteren" persönlichen Jahren zugedeckt war mit Debatte/Denken/Umsetzen, denn "nichts" davon prägte den Alltag in der DDR, weshalb ich nach wie vor FREIHEIT für den Osten einfordere, weniger Political Correctness, summa summarum also verantwortete Freiheit.
Nach meiner Einschätzung haben wir in Deutschland aber immer noch, generationenbedingt?, das Narrativ der geglückten DDR, gerne auch, um "kontaminierten" Personen des öffentlichen Lebens einen nahtlosen Übergang in die neue Bundesrepublik zu verschaffen? Das wird sich noch lange halten, denn "die" haben Kinder etc.
Es ist aber völlig falsch Herrn Precht vor dem Hintergrund eines solchen Narrativs zu interpretieren, ungeachtet des Umstandes, dass man ihn dafür nutzbar machen könnte.
Gut, dass Sie auf solche möglichen Entwicklungen aufmerksam machen und Precht ermahnen.

Helmut Bachmann | Sa, 13. Juli 2019 - 10:30

Die 68er haben eben mitnichten die autoritären Strukturen verändert. Sie haben das Äußerliche verändert, sind aber machtgeil und autoritär geblieben.

Das Rauchverbot ist im Übrigen zurecht bei Nichtrauchern beliebt, denn es gibt ihnen Freiheit zurück. Was der XXL Intellektuelle da jedoch vorquarkt hat mit Freiheit nichts mehr zu tun, sondern mit Machtergreifung.

Gisela Fimiani | Sa, 13. Juli 2019 - 11:28

Wo eine Nachfrage besteht, läßt das Angebot nicht auf sich warten. Die Sehnsucht nach Führern und Propheten erzeugt leider das Erscheinen von Führern und Propheten. Die Sehnsucht der Intellektuellen zu imponieren, nicht aufzuklären, sondern zu betören (Schopenhauer) läßt sie als Verkünder aller Geheimnisse des Lebens und der Welt auftreten. Der ernsthafte Intellektuelle betrachtet es als seine Pflicht, sich von solchem Gebaren zu distanzieren. Der von sich und seiner Überlegenheit Berauschte, wird, in in Wahrheit menschenverachtender Weise, wieder einmal das tun, womit sich so zahlreiche Intellektuelle in der Geschichte hervorgetan haben: sie haben und sind im Begriff erneut großen Schaden über die Menschen bringen. Verantwortung werden sie keine übernehmen, sondern gegebenenfalls das „Kostüm“ wechseln. Beispiele lassen sich trauriger Weise in der Geschichte zu Hauf finden.

Christoph Kuhlmann | Sa, 13. Juli 2019 - 11:47

lassen ja keine andere Wahl, wenn wir nicht jedes Jahr am Tod von Millionen von Hitzetoten schuld sein wollen, obwohl die letzte Heizkostenabrechnung noch das Konto belastet und wir mitten im Sommer bei nasskaltem Wetter Temperaturen frieren. Die letzte kleine Eiszeit endete mit der großen Hungerkatastrophe 1845-1852 in Irland. Schuld war der Ausbruch des Tambora ca. 30 Jahre zuvor. Man könnte jetzt zynisch sein und sagen, dass Klimaschwankungen schon immer Millionen von Menschen das Leben gekostet haben. Aber wir sollten das psychologische Moment nicht vergessen. Die Urbanisierung führt ja bereits zu einer Erwärmung um ca. 3,5 Grand Celsius, die es in den Großstädten wärmer ist als auf dem Land. Das entspricht ungefähr der maximalen erwarteten Erderwärmung auf absehbare Zeit. Vermutlich sind deswegen sind die Grünen in den Städten so stark. Es scheint ein naturfernes Milieu zu sein, dass nie den kühlenden Effekt eines Waldes im Sommer erlebt und deswegen ein Afforstungsgebot ablehnt.

Urban Will | Sa, 13. Juli 2019 - 12:19

Verbote erzeugen Macht.
Und diese ist in der Regel in der Hand von Behörden.

Wenn man in einem stark reglementierten Umfeld arbeitet, merkt man bald, dass Verbote also verschärfte Regeln, nur dann sinnvoll sind, wenn sie sinnvoll angewendet werden.

Ich könnte Romane schreiben über stupides Behördendenken, welches verantwortungsvolles Arbeiten schlichtweg lähmt. Ich erlebe es täglich.

Ich möchte keine Verbotsgesellschaft und setze voll auf den Verstand die Fähigkeit der Menschen, ihn sinnvoll einzusetzen, also die Vernunft.
Diese beiden muss man allerdings entwickeln, sich aneignen, kann sich nicht zurücklehnen und glauben, dass andere für einen denken. Man muss selbst denken.

Das ist eine kulturelle Herausforderung und wird seit Jahrzehnten vernachlässigt.

Es erschreckt mich, dass ein „Philosoph“ auf eine Verbotskultur setzt.

Gute Dinge entwickeln sich nur in den Köpfen, nicht über Verbote.

Letzteres wäre ein weiterer Schritt in die Gesinnungsdiktatur.

Ernst-Günther Konrad | Sa, 13. Juli 2019 - 14:06

Wenn ich nichts mache, kann ich kein Verbot umgehen. Einfach das tun, was die Regierung sagt, was Politik will, ohne Widerspruch und mit Haltung. Es soll Menschen geben, die lassen sich Chips unter die Haut pflanzen und in Spanien gäbe Diskotheken, die über den Chip das Eintrittsgeld und den Verzehr abbuchen und natürlich den Chipträger über alles und jeden informieren, soweit es für notwendig erachtet wird.
Sie legen den Finger in die Wunde. Kannte Herr Precht bislang nicht, nun man kann nicht jeden kennen, habe aber inzwischen etwas über ihn gelesen und gebe Ihnen recht Herr Grau, wenn Sie schreiben: ..." Es ist eine alte Schwäche von Intellektuellen, ihre Ideale und ihre Vorstellungen dem Rest der Gesellschaft oktroyieren zu wollen....
Herrn Precht fehlt das, was vielen Interlektuellen fehlt. Kant's Zweifel am eigenen tun und denken.
Manch einer neigt dazu, aus Idealen und Vorstellungen eine Ideologie zu formen. Und ich schrieb schon einmal. Ideologie kennt keinen Zweifel.

gabriele bondzio | Sa, 13. Juli 2019 - 14:09

aus einer freien eine unfreie Gesellschaft machen."...
"Weisheit waltet durch Nicht-Tun. Woher ich das weiß? Weil es so ist: Je mehr Verwaltung und Verbote, umso mehr Gewalt und Armut. Je mehr Gewalt und Waffen, umso mehr Unruhe und Widerstand. Je mehr Schlauheit und Berechnung, umso mehr Verschlagenheit und Rückschläge. Je mehr Verordnungen, umso mehr Feinde der Ordnung." (Lao-Tse)
Damit wäre eigentlich alles gesagt!
Regeln sind gut und richtig unsere Gesetze schöpfen sie, bei konsequenter Einhaltung, aus. Das was die Grünen planen ist mit der Prohibition in den USA zu vergleichen. Die illegale Produktion und Verbreitung von Alkohol breitete sich rasch aus, und die Regierung hatte nicht die Mittel zur flächendeckenden Kontrolle. Die Kriminalität nahm einen beachtlicher Aufschwung. Preise für das Produkt stiegen enorm. Zudem gab es etwa 10.000 Todesfällen durch Vergiftung durch gepanschten Alkohol.

Markus Michaelis | Sa, 13. Juli 2019 - 19:29

Ich glaube nicht, dass wir gleich in einem autoritären Staat leben. Staat und Gesellschaft gehen immer mit Verboten einher. Etwa, dass ich nicht wie im (frühen?) Kanada einfach meine Axt kann und mir im Wald mein Haus bauen kann. Ich kann auch nicht nachts um 3 auf der Straße Party feiern und muss die in dieser Gesellaschaft verabredeten sensiblen Themen einhalten.

Soweit ist glaube ich alles normal und Verbote gibt es immer. Neu ist glaube ich, dass wir in Umbruchzeiten leben und die Gesellschaft bunter und globaler wird, so dass nicht mehr so klar ist, welche Verbote gelten sollen.

Günter Johannsen | Sa, 13. Juli 2019 - 20:06

Philosophie ist, wenn jemand in einem absolut dunklen Kellerloch mit verbundenen Augen eine schwarze Katze sucht, die gar nicht da ist, und ruft: "Ich hab sie."

Bernhard Pesch | Sa, 13. Juli 2019 - 20:20

Die demokratisch liberale Gesellschaft ist einmalig in der Geschichte der Menschheit und trotz eines kurzzeitigen Siegeszuges nach dem Ende der Sowjetunion und dem Ende des kalten Krieges, zeichnet sich ein Ende ab, nach einer Periode des "Siechtums". Der alte Westen ist müde geworden und sucht nach einer Erneuerung doch es ist vergebens. Unsere Zeit ist abgelaufen und neue Ideen machen sich breit. Der Glaube an eine freie und demokratische Gesellschaft gehört nicht dazu

Alexander Mazurek | Sa, 13. Juli 2019 - 23:21

… ist einer der Philosophanten, die den Zeitgeist reiten oder von ihm geritten werden, auf der Suche nach Zuspruch. Echte Philosophen und Propheten erregen hingegen Widerspruch, denn "nur tote Fische und Müll müssen immer nur mit dem Strom schwimmen, nur was lebt, kann sich dagegen stemmen", so G. K. Chesterton, der den "Fortschritt" vor ca. 100 Jahren treffend wie folgt zusammenfasste: "Der Fortschritt, so wie er seit dem 16. Jahrhundert fortgeschritten ist, verfolgt in jeder Hinsicht den gewöhnlichen Sterblichen. [...] Auch der Fortschritt hat seine Heiligen und seine Märtyrer, seine eigenen Legenden und Wunder-geschichten wie jede andere Religion, nur sind sie meistens falsch, wie die Religion, zu der sie gehören. Am verbreitetsten ist die Legende, der junge fortschrittliche Mensch werde von dem alten gewöhnlichen unterdrückt. Aber das stimmt nicht. Der alte gewöhnliche Mensch ist der Unterdrückte. Ihm hat man nach und nach alle seine alten, gewohnten Rechte genommen."

Wolfgang Schneider | Sa, 13. Juli 2019 - 23:33

Da haben wir ihn wieder, den sozialistischen Dreischritt: Reglementieren, Kontrollieren und Sanktionieren. Aber die Mehrzahl der Deutschen scheint wieder Gefallen daran zu finden. Warum eigentlich?

Jürgen Keil | So, 14. Juli 2019 - 09:40

Der Sultan fragte seinen Wesir: „Warum ist der Mond einmal eine Scheibe, dann wieder eine Sichel nach links, dann nach rechts und manchmal ist er gar nicht zu sehen?“ Der Wesir war zwar ein kluger Mann, darauf wußte er aber keine Antwort. Er fragte den Astrologen. Dieser wußte es auch nicht, konnte dies dem mächtigen Mann, den er hin und wieder die Sterne deuten durfte, aber nicht zugeben. Deshalb erklärte er die Mondphasen so: „Der Mond ist ein Kind der Sonne. Der große und der kleine Himmelshund lieben Mondfleisch. Sie fressen jeden Tag einen Streifen vom Mond, bis sie ihn ganz aufgefressen haben. Die Sonne beginnt nun von der rechten Seite, den Mond wieder neu zu gebären.“ „Nun, das ist gut so?“ sagte der Wesir. „Nein, denn die Sonne wird mit jeder neuen Mondgeburt kleiner. Irgendwann wird sie so klein, dass die Erde ganz kalt wird.“ „Was kann man tun?“ "Es liegt an den Hunden; man muss sie verbieten!“ Darauf hin lies der Sultan alle Hunde in seinem Reich einfangen und einsperren.

Brigitte Miller | So, 14. Juli 2019 - 15:53

zu Prechts Wünschen:
"Die Unersättlichen
Politik ist eine Droge. Sie vermittelt das Gefühl von Bedeutung. Und Bedeutung ist Macht. Macht, die dafür steht, anderen vorschreiben zu können, was diese zu tun und zu lassen haben."
Tomas Spahn TE
Und diese Süchtigen sollen uns verbieten können?

Josef Olbrich | So, 14. Juli 2019 - 15:57

Es ist eine Diskussion, die in der Nachkriegszeit schon mit meinem Mitschüler geführt habe. Im dritten Reich sozialisiert, weis ich, wie Verbote sich auf die Gesellschaft der Mitmenschen auswirken - z. B. kauft nicht bei Juden. Denn Verbote sind Verbote gleich wen sie treffen. In der Diskussion mit meinen Mitschüler ging es um den Unterschied Sozialismus - Kapitalismus (was immer wir darunter verstanden haben), denn, auch wenn es die Linken nicht hören wollen, die Nazi waren Sozialisten in ihrer Grundhaltung. Zusammen gefasst: der Sozialismus betrachtet den Menschen als Objekt, dem man vorgeben muss, was für ihn am besten sei. (Der neue sozialistische Mensch). Im Kapitalismus hingen wird der Mensch als Subjekt gesehen, der Initiativen ergreift. Was allerdings für viele anstrengend ist.
Die Geschichte hat uns gehrt, welches System überlebt hat. Die sozialen Marktwirtschaft nach dem Kriege eingeführt, war die ausgleichende Form beiden Systemen annähernd gerecht zu werden.