Vasil Bozhkov - Vom Krösus zum Knacki

Der Bulgare Vasil Bozhkov hat sich geschickt angestellt. Doch der Höhenflug des Oligarchen wurde jäh ausgebremst. Vom Aufstieg und Fall eines bemerkenswerten Geschäftsmanns und Kunstsammlers.

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Ein Mann, zwei Gesichter - Goldene Maske aus Bozhkovs privater Sammlung / picture alliance

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Frank Stier ist Korrespondent für Südosteuropa und lebt in der bulgarischen Hauptstadt Sofia.

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Ein präzedenzloses Gipfeltreffen markierte den Beginn der Saison 2019/2020 der bulgarischen Fußball-Liga A. Auf der einen Seite des Konferenztisches saßen Regierungschef Boyko Borissov und Vertreter der Generalstaatsanwaltschaft, auf der anderen die Bosse der führenden Vereine FK Ludogorets, CSKA Sofia und Levski Sofia. Im Ergebnis der Unterredung gaben sie bekannt, man habe vereinbart, die Saison sportsmännisch im Geiste des Fair Plays durchzuführen, ohne Schiedsrichter und Spiele zu kaufen.

Zur internationalen Fahndung ausgeschrieben

Mit am Tisch saß Vasil Bozhkov, den die Bulgaren „Tscherepa“ (der Schädel) nennen. Ein halbes Jahr später wird sich der Eigner von Lewski Sofia in seiner Gefängniszelle in Dubai im Zorn daran zurückerinnern. Zur Winterpause der Liga A hat ihm die Regierung kurzerhand sein Glücksspielgeschäft enteignet.

Und unmittelbar nachdem „der Schädel“ am letzten Januartag 2020 seiner Heimat im Privatjet Bombardier Global 5.000 in Richtung Vereinigte Arabische Emirate (VAE) entflogen war, erklärte ihn Generalstaatsanwalt Ivan Geschev zum Anführer einer kriminellen Vereinigung und schrieb ihn zur internationalen Fahndung aus. Es war das abrupte Ende des dreißig Jahre währenden Märchens vom Aufstieg des jungen Diplom-Mathematikers Bozhkov zum Reichsten der Bulgaren und bewunderten Kunst- und Antikensammler.

Gewinner der neuen kapitalistischen Ordnung

Noch als die kommunistische Volksrepublik Bulgarien 1989 in ihren letzten Zügen lag, wickelte Bozhkov am Sofioter Boulevard Vitoscha erste Geschäfte ab. Valuta, Antiquitäten, aber auch Waffen wurden im Umkreis des legendären Café Magura gehandelt. In dem auf den Sturz des ehernen Staats- und Parteischef Todor Schivkov einsetzenden kapitalistischen Chaos orientierte sich der intelligente Bozhkov als einer der Ersten.

Allein oder mit Partnern gründete er in schneller Folge Firmen für Glücksspiel, Wachschutz, Versicherungen, Bau und Tourismus. Im Gegensatz zu den meisten seiner damaligen Kollegen und Konkurrenten aus Bulgariens kapitalistischem Aufbruch, die früher oder später gewaltsam aus dem Leben schieden, überlebte Tscherepa auf wundersame Weise.

Der Oligarch und seine Kunst

Im Jahre 1994 detonierte eine an seinem Mercedes montierte Bombe während der Fahrt auf der Autobahn Thrakia. Anders als die meisten der bulgarischen Oligarchen begnügte sich der Dollar-Milliardär Bozhkov nicht damit, sein Geld für die typischen Vergnügungen der Neureichen zu verprassen. Stattdessen sammelte er Werke zeitgenössischer Kunst und Artefakte der antiken Thraker.

Die Ureinwohner des Territoriums des heutigen Bulgarien sind berühmt für ihre kunstvollen Goldschätze. „Bulgariens Pracht” hieß die mit Stücken aus der Sammlung Bozhkovs zusammengestellte Ausstellung, mit der sich das EU-Neumitglied Bulgarien im Jahr 2007 im Europäischen Parlament in Brüssel präsentierte. Seit einigen Jahren verfolgte Tscherepa den Plan, dem ehemaligen Telefonpalast im Zentrum Sofias ein Obergeschoss hinzuzufügen, um im privaten Museum seine Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Dunkle Wolken über Bozhkov

Die bulgarische Hauptstadt hätte damit eine einzigartige Touristenattraktion erhalten. Daraus wird nun wohl nichts. In den finsteren Wintermonaten zum Jahresende 2019 hatten sich dunkle Wolken über Vasil Bozhkov zusammengezogen. Bisherige Geschäftspartner behaupteten plötzlich, er habe sie und den Eigentümer des FK Ludogorets Kiril Domuschtiev mit dem Tode bedroht.

Die zuständigen Behörden reagierten darauf zunächst mit verstörender Passivität. Dann brachte ein Parlamentsabgeordneter der Regierungskoalition plötzlich den Gesetzesentwurf ins Parlament ein, Bozhkovs Nationale Lotterie zu verstaatlichen. Der konterte mit dem kaum verhohlenen Aufruf an die Fans von Levski Sofia, unter dem Fenster von Regierungschef zu protestieren.

Tatvorwürfe weiten sich aus

Möglicherweise hat er sich mit dieser Unbotsamkeit seiner eigenen Freiheit beraubt. Während „der Schädel“ nun in Dubai in Gewahrsam sitzt und seine mögliche Auslieferung nach Bulgarien erwartet, sichten Kunsthistoriker und Archäologen im Auftrage der Staatsanwaltschaft seine Antikensammlung. Sie enthält über dreitausend Stücke aus dem Zeitraum von 4.000 vor Chr. bis 600 n. Chr., darunter goldene Rhyta, Keramikplastiken, Vasen, Waffen und Alltagsgegenstände.

Die Verantwortlichen von Bozhkovs Stiftung Thrakia haben die UNESCO alarmiert, der bulgarische Staat drohe eine bedeutende private Stiftung zu zerschlagen. Unterdessen hat Bulgariens Generalstaatsanwalt Ivan Geschev die Tatvorwürfe gegen Tscherepa beträchtlich ausgeweitet. Er wirft ihm nicht mehr nur die Führung einer kriminellen Vereinigung vor und Nötigung und Geldwäsche, sondern sogar Mord und Vergewaltigung.

Späte Aufklärung

Für sachdienliche Hinweise haben die zuständigen Behörden eine Telefon-Hotline eingerichtet, über die die Bürger im Schutze ihrer Anonymität etwaige Kenntnisse von Bozhkovs Verbrechen mitteilen können. „Die Leute klingeln unaufhörlich an”, erklärt Innenminister Mladen Marinov, „Unsere Kollegen analysieren und überprüfen die Signale.” Die eigentliche Frage, die die bulgarische Öffentlichkeit zu den Vorgängen um die Verhaftung des Reichsten der Bulgaren beschäftigt, lässt er indes unbeantwortet: „Warum jetzt und warum nicht irgendwann in den drei Jahrzehnten zuvor?”

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