Der chinesische Präsident Xi Jinping auf einem Bildschirm in Peking / picture alliance

China, Putin, Israel - Die seltsame Unehrlichkeit in der Außenpolitik

Warum trifft sich US-Präsident Joe Biden in China mit Xi Jinping? In wessen Auftrag verkündet Weißrusslands Präsident Lukaschenko, dass der Ukraine-Krieg für keine Seite gewinnbar sei? Und was bedeutet es, wenn die USA versprechen, an der Seite Israels zu stehen? Rückblick auf eine Woche voller Andeutungen, Bluffs und Unsicherheiten.

Autoreninfo

George Friedman, 74, ist einer der bekanntesten geopolitischen Analysten der Vereinigten Staaten. Er leitet die von ihm gegründete Denkfabrik   Geopolitical Futures  und ist Autor zahlreicher Bücher. Zuletzt erschien „Der Sturm vor der Ruhe: Amerikas Spaltung, die heraufziehende Krise und der folgende Triumph“ im Plassen-Verlag.

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Die Praxis der Außenpolitik besteht, wie viele andere Praktiken auch, aus Andeutungen und Täuschungsmanövern angesichts von Unsicherheit. Es hat seinen Wert, das Wertlose als wertvoll und das Verwirrende als selbstverständlich erscheinen zu lassen. Und dennoch gab es in der vergangenen Woche mehrere Ereignisse, die Dinge signalisieren, welche zumindest ich nicht ganz nachvollziehen kann.

Erstens: US-Präsident Joe Biden reist nach China, um sich mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping zu treffen. Ich bin mir nicht sicher, was er zu erreichen gedenkt, und weiß daher nicht, warum er dorthin fährt. Aber er ist der Präsident der Vereinigten Staaten, und ich gebe zu, dass er etwas wissen muss, das ihm die Reise lohnenswert erscheinen lässt. Dennoch sagte der chinesische Außenminister – derjenige, der den verschwundenen Minister ersetzt hat –, dass das Treffen umstritten sein werde. In Anbetracht der Tatsache, dass Chinas Wirtschaft anfällig ist und seine militärische Position durch ein Abkommen zwischen den USA und den Philippinen Anfang des Jahres geschwächt wurde, signalisiert China, dass das Treffen die Aufrichtigkeit der Amerikaner erfordern wird.

Amerikanische Aufrichtigkeit ist immer Mangelware, besonders aber, wenn China zu bluffen versucht. China braucht die Einfuhren und Investitionen der USA, und, offen gesagt, es braucht die USA in einer schwächeren strategischen Position. Da dies in absehbarer Zeit nicht der Fall sein wird, bleibt nur die Möglichkeit, so zu tun, als wären die USA diejenigen, die in Not sind.

Bemerkenswerte Erklärung des weißrussischen Präsidenten

Unterdessen wurde in Weißrussland, einem Ort, an dem selten interessante Dinge geschehen, eine bemerkenswerte Erklärung abgegeben. Der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko sagte, dass der Krieg in der Ukraine zu Ende sei und dass weder die Ukraine noch Russland die Fähigkeit hätten, die jeweils andere Seite zu besiegen. Beide Seiten müssten diese Realität akzeptieren und sollten über ein Ende des Konflikts verhandeln.

Erinnern Sie sich daran, dass Lukaschenko seine Position dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zu verdanken hat, der zu seinen Gunsten intervenierte, nachdem landesweite Proteste gegen eine Wahl ausgebrochen waren, die weithin als gefälscht angesehen wurde. Erinnern Sie sich auch daran, dass Lukaschenko vielen Mitgliedern der Wagner-Miliz nach deren gescheitertem Aufstand Zuflucht gewährte, offenbar mit Putins Segen. Einfach ausgedrückt: Lukaschenko ist Putins Untergebener.

Es ist also höchst unwahrscheinlich, dass er eine solche Erklärung abgegeben hätte, ohne sie vorher mit Putin abzuklären. Und wenn Putin grünes Licht gegeben hat, bedeutet dies, dass Moskau durchaus zu Verhandlungen bereit sein könnte. Putin kann dies natürlich nicht zugeben, weil es auf Schwäche hindeuten würde. Wäre er gezwungen, Schwäche zuzugeben, wäre das Nachkriegsrussland der Gnade des Westens, insbesondere der USA, ausgeliefert. Das Paradoxe in der Außenpolitik ist: Je mehr man ein Abkommen braucht, desto unwahrscheinlicher ist es, dass man eines bekommt.

 

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Schließlich verkündete Biden, dass die Vereinigten Staaten offiziell an der Seite Israels stehen. Obwohl dies keine große Überraschung ist, scheint es dennoch ein großes Engagement zu sein. Aber in Wirklichkeit lässt sich nur schwer sagen, was genau es bedeutet. Die israelischen Streitkräfte sind genau für den Kampf ausgebildet, der ihnen in Gaza bevorsteht. Das gilt auch für die Hamas. Die USA haben das größte und am besten ausgerüstete Militär der Welt, aber da die Streitkräfte genauso gut in der Arktis wie im Dschungel eingesetzt werden könnten, ist ihre Ausbildung tendenziell breiter angelegt. Besser ausgedrückt: Die US-Streitkräfte sind darauf trainiert, flexibel zu sein.

Da Israel ein kleines Land ist, das von potenziellen Feinden umgeben ist, ist sein Militär sehr viel spezifischer ausgebildet und darauf konditioniert, auf einem bestimmten Terrain und unter bestimmten Umständen auf Angreifer zu reagieren und sie zu besiegen. Um im Gazastreifen zu kämpfen, müssten die US-Streitkräfte schnell organisiert und bewaffnet werden für einen Kampf, auf den sich die israelischen Streitkräfte seit langem konzentrieren.

Mit anderen Worten: Israel braucht keine US-Bodentruppen. Sie in den Kampf einzubeziehen, würde die israelische Aktion nur verzögern. Israel verfügt bereits über eine Luftüberlegenheit sowie über eine – wenn auch unvollkommene – Fähigkeit, ankommende Raketen auszuschalten. Und die USA haben Israel im Laufe der Jahre bereits Milliarden von Dollar für seine Verteidigung zur Verfügung gestellt. Die amerikanische Beteiligung könnte also einfach eine Frage der lautstarken Unterstützung für einen langjährigen Verbündeten sein – und nicht eine tatsächliche Verpflichtung zum Kampf.

Menschen sind merkwürdige Wesen, die seltsame Spiele treiben

Internationale Angelegenheiten haben eine seltsame Unehrlichkeit an sich. Das Geheimnisvolle ist ein inhärentes Laster. China kann nicht einfach definieren, was es von den Vereinigten Staaten braucht, also tut es so, als ob es nichts braucht. Washington kann China nicht einfach sagen, was es zu tun bereit ist, weil es damit signalisieren würde, dass es Chinas Bedürfnisse kennt. Putin kann nicht sagen, was allen bekannt ist, also hat er es Lukaschenko sagen lassen.

Für diese Art von diplomatischen Tänzen gibt es zwei Gründe. Der eine ist Stolz. Das Eingeständnis von Not zeigt Schwäche, und niemand möchte ausgenutzt werden. Der zweite und wichtigere Grund ist, dass das Eingeständnis des Bedarfs die Absichten verrät, und alle Nationen haben das politische Bedürfnis, ihre Absichten zu verbergen. Es ist eine kryptische Angelegenheit, ja, aber wenn all diese kleinen Signale zusammengenommen werden, entsteht ein gegenseitiges Verständnis, weil die Komplexität von Wahrheit und Verleugnung es unmöglich macht, zu verstehen, was beabsichtigt ist. Und selbst wenn die Absicht gutartig ist, ist es am sichersten, eine bedrohlichere Absicht zu konstruieren, um nicht in die Falle des anderen zu tappen.

Ich behaupte nicht, dass Amerika sein Verhalten ändern oder die Praxis der Außenpolitik reformieren sollten. Die Situation ist, wie sie ist. Ich weise lediglich darauf hin, dass Menschen merkwürdige Wesen sind, die seltsame Spiele treiben. Das mag offensichtlich erscheinen, aber da Kriege auf diesem Prozess beruhen, ist es alles andere als trivial.

 

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GPF

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Django Reinhardt | Mi., 1. November 2023 - 17:31

Nun, Hr. Friedman orakelt hier ein wenig herum.
Täuschen und tarnen, Luftballone steigen lassen und mal schauen was passiert.
Das offensichtliche, was zu erkennen ist, sh. auch die UN Resolution zu Gaza, die USA als Vormacht und mit ihm der Westen verlieren an Gewicht.
Das weltpolitische Gefüge ist im Umbruch, die tektonischen Platten der Geopolitik verschieben sich.
Da kommuniziert und konsultiert man sich auf unterschiedliche Weise.
Demnächst im Theater der Weltpolitik sehen wir das Stück ....?

Das sehe ich ganz ähnlich. Ich glaube auch, dass es sogar dem schläfrigen Joe allmählich dämmert, dass der von Obama und ihm angezettelte Putsch in Kiew sowie der provozierte Ukrainekrieg mit die größten geostrategischen Fehler der USA waren seit Vietnam. Dass dies eines der größten Menschheitsverbrechen seit Vietnam ist - geschenkt! Statt Goldgrube - nur noch Niedergang und Verlust an internationalem Einfluss. Und jetzt kommt auch noch die Verpflichtung zum Beistand für Israel dazu - für die man Biden dankbar sein muss - gegen die übergroße Mehrheit der Diktaturen, Gottesstaaten und linksgerichteten Staaten in der UNO. Die USA müssten sich endlich ehrlich machen, aber angesichts der tiefem bösen Verstrickungen ist das kaum zu erwarten.

Heidemarie Heim | Mi., 1. November 2023 - 18:13

Auf höchster Ebene angesiedelt auf einem momentan so rutschigen Parkett, dass jeder falsche Tanzschritt zu einer veritablen Katastrophe führen könnte. Denn unterschiedlicher könnten die oben genannten Tanzpartner nicht sein. Und natürlich möchte jeder führen, oder zumindest dem eigenen Volk gegenüber sein größeres Talent demonstrieren. Ich fand es z.B. auch bemerkenswert, dass der mächtigste Mann der Welt wie es immer hieß ohne lange zu fackeln nun schon 2 Kriegsgebiete besuchte, was meiner Erinnerung nach früher ein Unding für den US-Präsidenten betreffs Sicherheit war? Wohlgemerkt außer, er muss sich als oberster Dienstherr bei seinen im Krieg befindlichen Truppen blicken lassen. Welche Bewandtnis oder Signalwirkung/ Demonstration für wen? hatte allein dieses Vorgehen? Keine Ahnung wie sich Freund oder Feind davon beeindrucken lassen, aber ich hätte mir allein beim Anblick seines Geleitzugs in Gestalt zweier waffenstarrender Flugzeugträger so meine Gedanken gemacht. MfG

Urban Will | Mi., 1. November 2023 - 18:16

„seltsame Wesen sind, die seltsame Spiele treiben“. Vermutlich hatte er Langeweile an diesem 1. November, dem ersten Tag des als trübe und verregnet verschrienen Monats.
Obwohl es doch so schönes Wetter war heute, zumindest in der Südpfalz.
Einer der „bekanntesten geopolitischen Analysten“ teilt uns also mit, Außenpolitik sei irgendwie „unehrlich“.
Und orakelt ein bisschen in der Gegend herum. Biden in China, Putins Sprachrohr Lukaschenko und, eiei, die amerikanischen Soldaten wären in Gaza irgendwie fehl am Platze. So als hätte irgendjemand nach ihnen gerufen.
Das waren alles Dinge für ein Kinderbuch.
Die einzige,die wohl mit Neugierde, Interesse und Erstaunen diese Zeilen lesen wird,ist Analenchen, unser irrlichterndes Trampolin-Trampel.
Die Gute kann da sicher noch viel Neues heraus ziehen.
Vielleicht muss sie nochmal nachschauen, wo Weißrussland ist, das war ja schon länger nicht mehr Thema, da hat Analenchen sicher vergessen, wo das liegt. Und warum nochmal ist das weiß?

Arthur Dent | Mi., 1. November 2023 - 18:38

Nun Herr Friedman,
die Anwesenheit zweier Flugzeugträger sowie das Statement Bodens haben wenig mit der Bodenoffensive oder der Luftschläge Israels gegen Gaza zu tun, sie sind vielmehr ein Wink in Richtung Iran und dessen Hisbollah.

Walter Bühler | Mi., 1. November 2023 - 18:55

... seltsame Wesen, die merkwürdige Spiele treiben."

Jeder kennt das aus dem zivilen Alltag: Menschen handeln einfach nicht durchgehend rational, nicht zuletzt deswegen, weil rationales Handeln eben nicht immer möglich ist.

Politik, die Krieg verhindern will, muss diesem Faktum Rechnung tragen und sich auf "seltsame Spiele" einlassen.

Es wäre falsch, wenn sie sich in dieser düsteren Vorkriegs-Situation als "Wissenschaft" begreifen würde, die EINE eindeutige und sichere Lösungsstrategie anbieten könnte.

Wenn der Krieg sein Haupt erhebt, wird immer auch das Verhängnis, das Schicksalhafte und nicht mehr beherrschbare der kommenden Katastrophe sichtbar. Und da kommen dann instinktive, uralte archaische Verhaltensweisen, (="seltsame Spiele") wieder zum Tragen, die wir nutzen sollten, um der drohenden, menschengemachten Katastrophe vielleicht doch noch zu entgehen.

1914 - 2023

Henri Lassalle | Mi., 1. November 2023 - 20:47

Unwahrscheinlich, denn Verhandlungen implizieren normalerweise die Möglichkeit von Kompromissen. Würde Putin auf solche eingehen, dann wäre er politisch erledigt. Bisher kennt Putin nur einen Stil von Verhandlung: Den seiner Monologe. Man sollte nicht vergessen, dass Putin weitreichend von (ultra)nationalistischen Gruppen gestützt wird - und die wollen die russische Dominanz über die Ukraine.

Peter Eberl | Mi., 1. November 2023 - 22:30

Kein vernunftbegabter Mensch würde annehmen, dass nun amerikanische Soldaten die Tunnel der Hamas in Gaza stürmten. Hingegen können die USA Israel ganz konkret unterstützen, indem sie den Iran militärisch in Schach halten (und vermutlich hinter den Kulissen dem Großmaul Erdogan vors Schienbein treten).

Karl-Heinz Weiß | Mi., 1. November 2023 - 22:49

Die Ukraine hält gegenüber der als übermächtig eingestuften russischen Armee stand, die chinesische Regierung wirft ihre jahrelang praktizierte Null-COVID-Politik innerhalb von Tagen über den Haufen, die israelische Armee kann einen Küstenstreifen in der Größe eines deutschen Stadtstaats nicht überwachen: in solchen Zeiten darf auch ein langjähriger politischer Analyst ratlos sein.

Christoph Kuhlmann | Mi., 1. November 2023 - 23:07

... ist die Lüge des anderen. China sitzt auf einer schwelenden Immobilie und Bankenkrise. Strategisch gesehen gehen 90 % seiner Exporte durch ein maritimes Nadelöhr. Die Investoren betreiben Deriscing. Die Frage ist, was hat China anzubieten? Welche Hebel hat China?

Ernst-Günther Konrad | Do., 2. November 2023 - 07:31

Wie alle Artikelschreiber, die versuchen die Politik einzelner Staaten zu ergründen, kann man nur im Trüben fischen. Ich habe manchmal das Gefühl, das auch die Staatenlenker selbst nicht immer genau wissen, was sie wollen und wie sie es bekommen. Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, das ein Politiker offen und ehrlich sagt was er will und auf welchem Weg er erhofft es zu erreichen. Wir können zwar versuchen, das Gesagte oder nicht Gesagte, die Handlung oder Unterlassung für uns zu deuten, daraus Absichten der jeweiligen Personen zu unterstellen. Die Wahrheit aber, werden wir in den seltensten Fällen vorher erfahren. Was immer Biden mit XI zu besprechen hat. Eines ist immer gut. Wer miteinander redet, schießt nicht auf den anderen. Alles was auch immer dazu führt, das keine Kriege entstehen ist hilfreich. Und ob es Sinn macht, das wir alles bis ins Detail schon vorher wissen kann man diskutieren. Es bleibt dem Leser nichts anderes übrig, als mühselig selber seine Schlüsse zu ziehen

Armin Latell | Do., 2. November 2023 - 08:44

Politiker, lügen. Es ist eine von vielen ganz speziellen Eigenschaften von Menschen, notwendig, um mehr eigene Ziele, Macht, Einfluss gegenüber anderen zu erreichen. Gefühlt ist es in der heutigen Zeit so, dass der größte (=beste) Lügner, die schlechtesten Charaktere, in der Karriereleiter am höchsten steigt, weil sich die Masse Mensch eben gerne in die eigene Tasche belügen lässt oder nicht mehr in der Lage ist, selbst zu denken und nicht alles zu glauben, nur "weil es in der Zeitung steht". Politiker lassen "Thinktanks" und "Berater" für sich denken. Diplomatie ist es ja wohl, Lügen nett verpackt und geframed dem Gegenüber zu präsentieren. Bis diesem dann doch irgendwann der Kragen platzt. Zu diesem Artikel: die Situation ist wie sie ist, stimmt. Aber Ihr Amerika, Herr Friedman, ist maßgeblich durch Lügenpolitik daran beteiligt. Aber diese deswegen zu ändern braucht es nicht? Der "Beschissene" war dann einfach zu naiv? Wie wir sehen, das funktioniert so auch nicht mehr.

Peter William | Do., 2. November 2023 - 10:41

in Anbetracht der Probleme die die Menschheit im Moment jedoch hat denke ich nicht das es klug ist, zumindest für einen gewissen zeitlich begrenzten Rahmen, weiterhin diese Spiele zu spielen. Wie die Führer*innen dieser Welt damit umgehen ist und bleibt natürlich deren Entscheidung.

Vereinbarungen und Regelungen können sehr viel einfacher und vor Allem schneller getroffen werden bei gegenseitiger Ehrlich- und Aufrichtigkeit. Da die Öffentlichkeit dies wahrscheinlich nicht mitbekommen darf, Wissen wir ja alle um die Macht der Medien und der Justiz sind Hinterzimmerdeals wohl wieder Notwendig.