Papst Franziskus - „Er braucht den Beistand der Gläubigen“

Ulrich Nersinger weiß alles über Geschichte und Gegenwart im Vatikan. Ein Gespräch über den unorthodoxen ersten Auftritt des neuen Papstes, seinen selbstgewählten Namen und die schönste Papstanekdote der Kirchengeschichte

Auf dem Petersplatz in Rom: Gemeinsames Beten für den Papst.
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Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

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Wie hat ihnen der Auftritt des neuen Papstes gefallen?
Es war sehr interessant. Vor allem war es verblüffend, dass er nicht in der traditionellen Kleidung, der weißen Soutane, dem weißen Zingulum (dem Gürtel), dem Rochett (dem weißen Chorhemd) und der roten Mozetta (dem Schulterüberwurf) auftrat. Das verdeutlicht, wie das Pontifikat vermutlich aussehen wird.

Wie denn? Und wie passt dazu die Wahl seines Namens, die auf den heiligen Franziskus von Assisi zurück geht?
Die Namenswahl Franziskus und sein schlichtes Auftreten korrespondieren sehr mit der Persönlichkeit wie wir sie von Jose Mario Bergoglio kennen. Denn so hat er es bereits als Kardinal und Erzbischof von Buenos Aires vorgelebt.

Als bescheidener Diener Gottes, so wie Franz von Assisi. Wie ging seine Geschichte noch?
Franz von Assisi kommt aus einem sehr reichen Haus, aus einer Kaufmannsfamilie. Dieser Reichtum, der zu einem großen Teil von der Kirche mitgelebt wurde, ist ihm eines Tages in einer persönlichen visionären Begegnung mit Gott als ein Weg gezeigt worden, den er nicht beschreiten sollte. Franz von Assisi hat sich dann radikal vom Lebensstil seiner Familie entfernt und den einfachen, schlichten, Weg eingeschlagen, wie er uns vom Evangelium vermittelt wird.

Entspricht das auch Bergoglios eigener Geschichte?
Nach allem, was ich bisher über ihn gehört habe, ist das eine Einstellung, die er eigentlich immer gehabt und auch konsequent durchgelebt hat.

Ist es schon vorgekommen, dass ein neu gewählter Papst die Gläubigen um ein Gebet bittet?
Eigentlich macht das wohl jeder Papst. Aber er drückt das dann nicht expressis verbis aus. Jeder neue Papst merkt nach seiner Wahl, dass etwas in ihm geschehen ist, mit dem er nicht alleine zurechtkommt. Er braucht den Beistand der Gläubigen, die für ihn beten und den Beistand Gottes. Wenn er sich dessen nicht bewusst wird, wird er auch ein solches Amt nicht annehmen und nicht durchstehen können.

Als Franziskus vor die Gläubigen auf dem Petersplatz trat, initiierte er fast einen spontanen Gottesdienst. War das bei Benedikt XVI. auch so?
Papst Benedikt XVI. ist eher der ruhig denkende Professor, der Zurückhaltende. Das zeigte sich auch nach seiner Wahl. Aber ich glaube nicht, dass das eine Frage der Frömmigkeit ist. Es ist das, was den Menschen ausmacht. Alle Päpste haben anders reagiert, allerdings immer in einem gewissen Rahmen. Das, was gestern passiert ist, war in gewisser Weise ein Novum. Etwas Ähnliches haben wir aber auch bei Johannes Paul II. gehabt. Da gab es eine hübsche Szene als er sich das erste Mal auf der Loggia zeigte. Er wich ein wenig vom Protokoll ab und fing an zu reden während man üblicherweise nur den Segen erteilt. Die Zuhörer im Fernsehen und im Radio konnten ganz deutlich hören, wie der päpstliche Zeremonienmeister mehrmals sagte: „Basta. Basta.“ Das zeigt, dass man sich bei jedem Auftritt eines neuen Papstes überraschen lassen muss.

Rechts und links neben Franziskus standen die Kardinäle und lächelten Ihrem neuen Papa voller Stolz zu.
Ja, nach so einer schweren Entscheidung fällt auch den Kardinälen ein Stein vom Herzen. Das ist ein Moment, in dem man frei sein und sich auch freuen kann. Und es ist ein schönes Zeichen, rechts und links auf dem Balkon die Kardinäle zu sehen. Es vermittelt eine Einheit, die auch dagewesen sein muss. Sonst hätten wir nicht so schnell und so unerwartet einen positiven Ausgang gehabt.

Seite 2: „Wenn ich Papst Franz der Erste höre, dann denke ich zunächst einmal an Kaiser Franz und Beckenbauer“

Kommentatoren weisen darauf hin, dass die Entscheidung der Kardinäle einen Wahlgang länger dauerte als bei Benedikt XVI.
Ja, da stand der Kandidat aber eigentlich schon fest. Wenn man bedenkt, wie viele Kardinäle heute wählen, ist es schon beachtlich. Viele von ihnen kennen sich gar nicht so gut. So gesehen ist das eigentlich eine sehr schnelle Wahl gewesen. In der Vergangenheit gab es Papstwahlversammlungen mit 20, 25 oder noch weniger Leuten. Die haben manchmal über Monate oder Jahre hinweg ihr Konklave veranstaltet.

Erst hieß es, der Neue solle nicht so alt sein. Nun ist er mit 76 Jahren doch ziemlich in die Jahre gekommen und hat auch schon eine schwere Krankheit hinter sich.
Dafür kann es verschiedene Gründe geben. Vielleicht hat man sich auf diesen einen geeinigt. Dann spielt das Alter keine Rolle. Oder man wollte ein kurzes Pontifikat, keines von zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren sondern einen sogenannten Übergangspapst. Aber das wird man noch nicht so ausloten können.

In einem Interview riet Bergoglio seinen Priestern in Argentinien, Garagen zu mieten, wo keine Kirchen seien, und von Laien die Katechese machen zu lassen. In solchen Vorschlägen erkennt man wieder seinen Pragmatismus, richtig?
Ich glaube schon. Die gestrige Ansprache zeigte aber auch, dass eine sehr starke religiöse Motivation vorhanden ist. Jedermann sah, dass Franziskus sehr stark von religiösen Momenten erfasst war, dass er in einer Haltung stand, die sich aus dem Glauben heraus ergibt. Und trotzdem gebraucht er sehr praktische Entscheidungen und Formulierungen. Genauso die spontane Entscheidung, am Tag nach der Wahl in die Marien-Basilika zu gehen. Das zeigt, dass er auf der einen Seite doch ein sehr spiritueller Mensch ist, auf der anderen Seite die praktische Seite nicht vernachlässigt.

Dann eine sehr praktische Frage: Warum heißt Jorge Mario Bergoglio in Deutschland jetzt nicht Franz sondern Franziskus?
Wenn ich Papst Franz der Erste höre, dann denke ich zunächst einmal an Kaiser Franz und Beckenbauer. Eine sehr seltsame Kombination.

Sie haben ein Buch über Anekdotisches aus der Kirchengeschichte geschrieben: Ihre liebste Papstanekdote?
Da fällt mir eine schöne Geschichte von Pius XII. ein, von dem man auch schon vor der Wahl wusste, dass er der eigentliche Kandidat ist. Noch als Kardinal Eugenio Pacelli stolperte er beim Einzug ins Konklave. Er fiel fast zu Boden. Ein römischer Mitkardinal sagte etwas prophetisch spöttelnd: „Ah, vicarius Christi in terris“, der Stellvertreter Christi auf Erden – also im doppelten Sinn.

Wie geht es jetzt weiter?
Wir müssen uns sicher auf viel Neues einstellen. Wenn wir aber mal so 2000 Jahre zurückblicken auf den Moment, wenn dort die neuen Konsuln ihr Amt antraten, dann sehen wir: Die Auguren versuchten aus dem Vogelflug die künftigen Ereignisse zu erraten, andere Priester bemühten sich, aus den Innereien der Tiere zu lesen, wiederum andere befragten die sybillinischen Bücher. Ich glaube, in so einer Situation befinden wir uns momentan.

Das Interview führte Marie Amrhein.

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