Justin Trudeau - Abgesang des Anti-Trumps

Justin Trudeau galt weltweit als Idol der Progressiven: In Zeiten von Abschottung und Populismus zeigte sich der 2015 gewählte kanadische Premier offen für Migranten, Gleichstellung und Minderheitenrechte. Aber das öffentlich inszenierte Bild bröckelt. In einem Monat könnte er abgewählt werden

Fallender Stern: Kanadas Premierminister Justin Trudeau / picture alliance

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Moritz Gathmann leitet das Ressort Berliner Republik bei Cicero. Er studierte Russistik und Geschichte in Berlin und war viele Jahre Korrespondent in Russland

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Für viele ist er der Anti-Trump schlechthin: Justin Trudeau, 47 Jahre jung, hübsch anzusehen (laut Barbra Streisand „eine Mischung aus Marlon Brando und Napoleon“), und dazu noch auf einer Welle mit den Linksliberalen dies- und jenseits des Atlantiks, die sich Minderheitenrechte, eine liberale Migrationspolitik und Gleichstellung um jeden Preis auf die Fahnen geschrieben haben. Das Bild von Trudeaus praktisch perfektem Kabinett bei Amtsantritt 2015 wurde in den sozialen Netzwerken millionenfach geteilt und beklatscht: Von den 30 Ministern waren nicht nur die Hälfte Frauen, es fanden sich auch kanadische Ureinwohner, ein Flüchtling aus Afghanistan, ein Homosexueller und vier Sikhs darin. 

Inhaltliche Enttäuschung

Aber Trudeaus Zustimmungswerte sind tief gefallen: von 65 Prozent im Jahr 2016 auf jetzt 32. Der Sunnyboy und Anti-Trump läuft Gefahr, bei den Parlamentswahlen am 21. Oktober der erste kanadische Premierminister seit den 1930ern zu werden, dem nicht die Wiederwahl gelingt – und damit im Übrigen seinem Vater Schande zu machen, Pierre Trudeau, der das Land von 1968 bis 1984 regierte.

Der Grund dafür ist, dass Trudeau über die sozialen Netzwerke zwar lange Zeit perfekt das Spiel mit der Öffentlichkeit beherrschte, aber inhaltlich in vielen Punkten enttäuscht hat: Eines seiner wichtigsten Versprechen, die Reformierung des Mehrheitswahlrechts, das wie in Großbritannien die großen Parteien begünstigt, hat er nicht eingelöst. Wie groß der Graben zwischen der „Marke Trudeau“ und der Person des Premierministers ist, zeigte sich zudem in diesem Frühjahr, als Vorwürfe bekannt wurden, der Premierminister hätte versucht, Druck auf seine Justizministerin (Frau und kanadische Ureinwohnerin) auszuüben, um einen Korruptionsprozess gegen einen großen Baukonzern zu verhindern.

Todsünde „Blackfacing“

Nachzulesen ist das in diesem langen Porträt im Guardian, das für all jene lehrreich sein dürfte, die meinen, in der Politik gehe es nur darum, sich medial gut zu verkaufen. Wie Kanzler Kohl zu sagen pflegte: Entscheidend ist, was hinten rauskommt.

Wie sehr Trudeau das von ihm selbst inszenierte Bild des makellosen Linksliberalen nun auf die Füße fällt, zeigt auch ein „Skandal“ aus dieser Woche, der noch vor zwei Jahrzehnten keine Maus hinter dem Ofen hervorgelockt hätte: Die TIME fand ein Bild von Trudeau im Alter von 29, das ihn auf einer Party mit schwarz angemaltem Gesicht zeigt – diese Todsünde heißt jenseits des Atlantiks „Blackfacing“. Trudeau musste mit einer öffentlichen Entschuldigung reagieren.