Eine nicht explodierte Rakete in Nikolajew / Jelena Kostyuchenko (Nowaja Gazeta)

Eine russische Frontjournalistin berichtet - Nikolajew – Ein Augenzeugenbericht

Für die Moskauer Zeitung Nowaja Gazeta hat Jelena Kostyuchenko am 12. März über die Kämpfe im ukrainischen Nikolajew berichtet. Aufgrund der in Russland geltenden Militärzensur musste der Bericht in der online veröffentlichten Fassung stark gekürzt werden. Mit freundlicher Genehmigung der Autorin bringt Cicero den ungekürzten Originaltext in deutscher Übersetzung.

Autoreninfo

Jelena Kostyuchenko ist eine russische Investigativjournalistin und Korrespondentin der Nowaja Gaseta.

So erreichen Sie Jelena Kostyuchenko:

Die Stadt Nikolajew erstreckt sich weitläufig um den Fluss, den silbernen Spiegel des breiten Bug. Die Brücke über den Bug wird von Zeit zu Zeit angehoben, wenn ein Schiff durchfahren muss. Täglich fahren Busse mit Frauen und Kindern von Nikolajew in das noch sichere Odessa, einige fliehen weiter nach Moldawien, andere in diejenigen Gebiete der Ukraine, die noch nicht vom Krieg erfasst wurden. Die Stadt wird in den Außenbezirken beschossen. Sie ist schon zur Hälfte eingekesselt: 20 Kilometer nördlich und östlich von ihr stehen russische Einheiten.

Der Militärgouverneur Witalij Kim ist ein Star geworden. Sein Telegram-Kanal hat 650.000 Abonnenten. Er nimmt sich selbst mit der Kamera seines Handys auf und beginnt jede Sendung mit den Worten „Wir aus der Ukraine!“. Er ist russischsprachig und halbkoreanisch, was immer wieder Anlass zu lokalen Witzen über „die Nazis, die die Macht in der Ukraine übernommen haben“ gibt. (Das russische Fernsehen wird nicht müde, über diese angeblichen Nazis zu berichten.)

Gouverneur Witalij Kim. Foto: Jelena Kostyuchenko, Nowaja Gazeta

In der Stadt herrscht das Regime des „schwarzen Himmels“. Das bedeutet: Nach Sonnenuntergang darf das Licht nicht mehr eingeschaltet werden. Die Mitarbeiter der Stadtverwaltung haben den Anwohnern angekündigt, dass ganzen Häusern das Licht abgeschaltet werde, sollten sich einzelne nicht an die Regel halten. Alle Geschäfte, mit Ausnahme von Lebensmittelgeschäften und Drogerien, sind geschlossen, die Schulen und Kindergärten sind es schon seit Kriegsbeginn. Die Kinder sollen nicht von den Erwachsenen getrennt sein. Viele Busverbindungen in der Stadt fallen aus – einige Busse werden von der Armee übernommen, andere werden für Evakuierungen genutzt.

An der Kreuzung liegen Berge von Reifen. Sie sollen in Brand gesetzt werden, wenn das russische Militär in die Stadt eindringen sollte. Viele Reifen weisen Farbspuren auf: Sie wurden vorher zur Einfassung von Blumenbeeten verwendet. Der Bürgermeister der Stadt hat gesagt: „Wenigstens hat dieser Krieg einen Nutzen: Wir werden die Gummischwäne los.“ (Anm. d. Red: „Gummischwäne“ sind aus Autoreifen geformte Schwäne in den Vorgärten vieler postsowjetischer Wohnhäuser.)

Die aufgestapelten Reifen auf der Straße in Nikolajew sollen angezündet werden, sobald die russischen Streitkräfte auf die Stadt vorrücken. Foto: Jelena Kostyuchenko, Nowaja Gazeta

In der Stadt sieht man riesige Warteschlangen, wo humanitäre Hilfe ausgegeben wird: Getreide, Konserven, Öl. Das städtische Alltagsleben wird ständig durch die Sirenen des Fliegeralarms unterbrochen. Das Notfallkrankenhaus ist zum Militärhospital umfunktioniert worden – und die Menschen werden nach Operationen und der Behandlung von Wunden schnellstmöglich aus dem Krankenhaus entlassen. Denn die Betten müssen für Neuankömmlinge immer frei bleiben. Das Krankenhauspersonal wohnt dort schon seit dem Kriegsbeginn von vor zwei Wochen.

Die humanitäre Hilfe kommt aus Odessa. Odessa betet mit und für Nikolajew. Die Odessiten glauben, dass Nikolajew der Grund dafür ist, dass Odessa noch nicht gestürmt worden ist.

„Nikolajew ist nur zum Teil halb eingekesselt“

Jaroslaw Tschepurnoj, Presseoffizier der 79. Brigade, die Nikolajew verteidigt, erzählt: „Nikolajew ist nur zum Teil halb eingekesselt. Siebzehn taktische Bataillonsgruppen der russischen Streitkräfte sind um die Stadt herum konzentriert. Wenn man davon ausgeht, dass jede taktische Bataillonsgruppe etwa eintausend Soldaten umfasst, sind das 17.000 Soldaten und etwa eineinhalbtausend Stück Militärtechnik. Natürlich kennen wir die Pläne des russischen Kommandos nicht, aber wir gehen davon aus, dass ein Teil dieser Gruppen nach Norden gehen wird, vielleicht nach Kriwoj Rog. Nun, ein Teil wird bleiben und die Stadt stürmen. Wir wissen, dass das russische Kommando offenbar die Aufgabe hat, Nikolajew einzunehmen, Odessa zu erobern und einen Landkorridor nach Transnistrien zu durchbrechen. Aus diesem Grund bereiten wir die Verteidigung vor. Und jeder Tag, an dem Nikolajew nicht angegriffen wird, stärkt unsere Verteidigung.

Sie kommen sowohl aus dem Osten als auch aus dem Norden. Sie versuchen bereits, an einigen Stellen oberhalb von Nikolajew Truppen anzulanden und anscheinend einen Übergang über den südlichen Bug zu organisieren. In Nowaja Odessa ist der Fluss schmaler als hier. Und hier, durch die Region Nikolajew, fließt der Fluss Südlicher Bug – nach der Warwarovskij-Brücke wird er Südliche Bugmündung genannt. Und diese Mündung ist sehr breit. Wenn wir die Brücken sprengen, wird es für sie sehr schwierig sein, sie zu überqueren, denn unsere Ufer sind steil. Deshalb gehen wir davon aus, dass sie ihn höchstwahrscheinlich irgendwo im Norden überqueren werden, wahrscheinlich in der Region von Nowaja Odessa, und zwar mit Hilfe einer Pontonbrücke. Außerdem wissen wir von unserer Aufklärung, dass sie Schwimmkörper und Boote transportieren, d.h. Ausrüstung, die für die Konstruktion von Pontonbrücken erforderlich ist.

Mehrmals haben russische Truppen die Stadt schon angegriffen. Die ersten drei Male waren es Aufklärungsangriffe. Sie kamen in sehr kleinen Trupps, wir wehrten diese Angriffe ab, zerstörten ihre Technik ... Am 7. März gab es dann einen stärkeren Angriff, zuerst kamen Raketen und die Grad-Raketenwerfer, dann griffen sie unsere Stellungen mit zwei taktischen Bataillonsgruppen an.

Hierzu eine interessante Tatsache: Sie hatten ausreichend Technik. Aber es hat gereicht, mehrere Panzer und gepanzerte Fahrzeuge abzuschießen, um sie zur Umkehr zu zwingen.

Es stellte sich heraus, dass sie aus irgendeinem Grund umkehrten und sich zurückzogen, nachdem sie kaum Schaden erlitten hatten und ihre Truppen nur geringfügig beschädigt worden waren. Das hatten wir nicht erwartet. Denn wenn es bei einer Offensive mit Panzern und gepanzerten Fahrzeugen zu einem Gefecht kommt, bei dem mehrere Fahrzeuge verloren gehen, sollte das kein Hindernis für den Vormarsch der Offensive sein.

Nach offiziellen Angaben gibt es in der gesamten Ukraine über dreitausend Kriegsgefangene, und ich vertraue den offiziellen Angaben. Selbst in unserer Oblast liegt die Zahl bereits im hohen zweistelligen Bereich. Vor zwei Tagen haben sich zwölf Soldaten ergeben.

Die Stadt wird mit Smertsch-, Uragan- und Grad-Raketen beschossen. ,Grad‘ sind 122-Millimeter-Geschosse, ,Uragan‘ 240 Millimeter, und ,Smertsch‘ verfügen über das Kaliber 320 Millimeter. Allesamt sind das Salvenfeuer-Systeme mit besonderer Durchschlagskraft. Die ersten Angriffe galten militärischen Objekten: Am 24. Februar wurde unser Militärflugplatz Kulbakino beschossen. Zum Zeitpunkt der Attacke war unsere Luftwaffe schon nicht mehr dort, deshalb war der Angriff eigentlich umsonst. Am 4. März abends haben sie den Bahnhof und die Treibstoffdepots getroffen, dann eine Brotfabrik – ich weiß nicht, warum ... Und dann, am 6. und 7. März, haben sie eine Militäreinheit beschossen und anschließend damit begonnen, Wohngebiete zu bombardieren. Die Kläranlagen in der Nähe von Nikolajew wurden bereits mehrfach beschossen, und wir gehen davon aus, dass dies ein Versuch war, der örtlichen Bevölkerung Probleme mit der Wasserversorgung zu bereiten. Zwischen Nikolajew und Cherson gibt es Siedlungen, und dazwischen haben sie Positionen, von denen aus sie die Stadt mit Artillerie beschießen.“

Nadja und Sascha überlebten den Luftangriff nur knapp

Die Cherson-Straße ganz im Süden der Stadt Nikolajew wurde großflächig beschossen. Die einstöckigen Häuser hier sind stark beschädigt. Es sieht jetzt so aus, als wären sie nie fertiggebaut worden. Die Zaunplatten liegen nach den Einschlägen verstreut in der Gegend herum, die Dächer sind eingestürzt, auf der Straße zwischen den Häusern liegen die Trümmer des zivilen Lebens. Eine Mauer ist in einzelne Ziegelsteine zerschlagen, aus einer Laune heraus blieb das Schild mit der Nummer 22 übrig. In den Fensterrahmen ist kein Glas mehr, sie wirken, als wären sie unbewohnt. Hinter dem grünen Tor versteckt sich ein ramponierter Lieferwagen.

Nikolajew nach dem Beschuss. Foto: Jelena Kostyuchenko, Nowaja Gazeta

Ein umgegrabener Gemüsegarten: Es hat die Kirschbäume getroffen – Zweige liegen auf der warmen Erde. Auf dem Dachboden gibt es drei Durchschusslöcher. Sascha steht auf einer Leiter und räumt den ramponierten Schiefer vom Dach ab. Er weint, aber er merkt es nicht. Das Gesicht wischt er sich nicht ab. Er sagt: „Zuerst schossen sie. Es gab einen Knall über dem Weizenfeld, die Fenster flogen uns sofort raus. Dann wurde es ziemlich still. Meine Frau war im Flur, ich war in der Küche. Sie setzte sich, ich schaute aus dem Fenster, und dann, wie aus dem Nichts, tauchen zwei schwarze Flugzeuge auf, wie diese Tarnkappenflieger. Meine Frau fällt hin und dann geht’s los: Tra-ta-ta! Eine Art weißer Rauch. Ich fiel auf meine Frau, und wir krochen los. Ich habe alle Teile aufgehoben. Das Schrapnell hier kann einen Menschen in zwei Hälften schneiden.“

Sascha hält ein Raketenschrapnell in der Hand. Foto: Jelena Kostyuchenko, Nowaja Gazeta

Nadja, seine Frau, sitzt da, die Hände auf den Knien: „Hier habe ich gesessen. Und ich sitze so da, es gibt keinen Ton. Es gibt kein Geräusch, das mich erschreckt. Zwei Flugzeuge, so unheimlich schwarz, dunkelgrau, und ich habe mich nicht einmal bewegt. Ich dachte: Sie schießen doch nicht auf die Zivilbevölkerung. Und dann fing es an, durch die Decke zu fliegen ... Es ist so furchtbar ... Sieh dir das Tor an, diese Löcher. Wenn sie nur Zeit gehabt hätten, mich zu erschießen. Ich stehe so unter Schock, dass ich nicht drüber hinwegkomme. Wissen Sie, ich habe Angst. Denn es ist auch beängstigend, wegzugehen. Es ist eine weite, lange Fahrt. Ich habe die Nachrichten gesehen über eine Familie, die abreisen wollte. Sie gerieten unter Beschuss. Kinder und Eltern – alle getötet.“

Im Kreuzfeuer russischer Raketensysteme

Das Zentrum für soziale und psychologische Rehabilitation von Kindern in Nikolajew, ein städtisches Waisenhaus, wurde kurz nach Kriegsbeginn evakuiert. Es sind 93 Kinder im Alter von drei bis 18 Jahren. Sie sind so genannte Sozialwaisen – ihre Eltern sind zwar da, aber sie können sich nicht um die Kinder kümmern. Die Kinder wurden nach Antonowka evakuiert, ein Dorf 67 Kilometer von der Stadt entfernt in Richtung der Stadt Krapiwnitskij, des früheren Kirowograd. Vor fünf Tagen standen russische Truppen in der Nähe des Dorfes. Am 8. März um 9.20 Uhr wurde ein Auto, das eine Schicht von Erziehern zu einem Waisenhaus brachte, von russischen Soldaten auf der Kirowograd-Autobahn beschossen. Drei Frauen wurden getötet.

Nadja erzählt. Foto: Jelena Kostyuchenko, Nowaja Gazeta
Der Fahrer, Anatolij Aleksandrowitsch Geraschenko, tritt von einem Bein auf das andere. In seinem rechten Bein steckt ein Schrapnell. Sie kamen nicht ran, sagt er: „Der Chirurg sagte, dass sie erst dann operieren werden, wenn die Wunde zu faulen anfängt.“ Mascha steht neben ihm – ein Auge ist blau, das andere braun – und presst sich an ihren Vater.  „Ich habe drei Söhne und zwei Töchter“, sagt Anatolij Alexandrowitsch stolz. Er beginnt zu zittern und sagt: „Es ist kalt.“

Es war seine dritte Fahrt nach Antonowka. Mit dem Geld, das er für seine Fahrerdienste bekommt, deckt er nur den Spritpreis für die Fahrt. Er klebte vor der Fahrt ein rotes Kreuz aus Klebeband an seine Windschutzscheibe. Sein Auto, ein Mercedes-Sprinter, brannte mit den Leichen darin aus.

Er erzählt: „Es war das dritte Mal, dass ich die Erzieherinnen gefahren habe. Wir haben alle Kontrollpunkte passiert. Wir zeigten unsere Pässe. In meiner Kabine saßen sechs Frauen, zwei Frauen saßen ganz hinten. Am Checkpoint sagten sie, dass nachts irgendetwas los war. Eigentlich hätten sie uns nicht durchfahren lassen dürfen!

Es gab keine Autos, die uns entgegenkamen. Die Straße war leer. Wir fuhren etwa 25 Kilometer. Und 250 Meter vorher, nun ja, ich sehe nicht so gut, aber die Frauen sahen etwas, und sie sagten: ,Da vorne ist jemand, irgendeine Art von Fahrzeug.‘ Ich sagte: ,Mädels, was sollen wir tun?‘ Ich wurde langsamer. Dann gab es eine Maschinengewehrsalve. Aber ich habe es nicht gehört und nicht gesehen. Ich habe nur gesehen, wie die Kieselsteine nach oben fliegen neben dem Auto. Ich verstehe erst jetzt, was es war.

Wie wir beschossen wurden, weiß ich nicht mehr. Entweder hatte ich schon angehalten, oder das Auto rollte noch ein wenig. Ich habe die Explosion nicht gesehen. Ich habe gerade gespürt, wie etwas runterfällt. Ein Blitz in meinen Beinen. Ich steige aus dem Auto aus. Sie kommen mit Maschinengewehren angerannt. Ich liege mit dem Gesicht nach unten auf dem Bürgersteig und schreie: ,Da sind Frauen drin! Das sind Frauen! Das sind Frauen!‘

Ein brennendes russisches Kampfflugzeug. Foto: Anatolij Geraschtschenko

Die Russen öffneten die Hintertür, wo vier weitere Menschen saßen. Die Frauen kamen aufs Feld raus, die Russen rannten auf sie zu und riefen: ,Werft eure Handys weg.‘ Die vier Frauen warfen ihnen die Telefone vor die Füße. Ich werfe mein Telefon ins Gras. Ich hatte das kleine Telefon in meiner Tasche, und das Smartphone lag im Auto.

Dann gehe ich zurück zum Auto und finde das Smartphone nicht mehr. Ich fange an, danach zu suchen. An der Tür saß eine Frau – ihr Gesicht war völlig weg. Nur ihre Innereien waren zu sehen. Auf dem Tritt des Autos lag ihr Finger. Da war kein Gesicht mehr, kein Gesicht! Und eine Frau hinter mir wurde getötet, aber die habe ich nicht gesehen.

Die Russen sagten: ,Wir haben euch doch gewarnt! Wir haben doch eine Warnsalve abgegeben.‘ Aber ich kämpfe doch nicht! Es kommt nicht jeden Tag vor, dass jemand auf mich eine Warnsalve abgibt. Eine Frau hatte eine Wunde in ihrer Schulter. Sie haben sie hochgehoben. Einer, ein Jakute oder Burjate, machte ihr einen Verband. Und der andere war so ein blutjunger Soldat. Der hatte so eine schwarze Brille wie meine. Ich erinnere mich an sein Gesicht. Und mein Bein, nun ja, es wurde von einem Schrapnell getroffen. Und dieser Junge läuft vor mir weg. Hatte er Angst oder so? Ich sagte zu ihm: ,Wie kommen wir hier raus?‘ Er sagt: ,Geht durch die Felder. Sie haben die Schilder an den Straßen entfernt.‘ Ich sagte: ,Wir werden die Straße entlang gehen. Informiert eure Leute, wenn da noch welche auf der Straße unterwegs sind.‘

Sie sagten: ,Wir haben ihnen schon Bescheid gegeben.‘

Bei den Russen herrschte so eine Gleichgültigkeit. Es interessierte sie nicht einmal, dass das Auto brannte, dass dort noch Leute drin waren. Ich sagte: ,Helft wenigstens mit, es zu löschen!‘ Aber sie standen einfach nur da.

Das Auto stand bereits in Flammen, der hintere Teil brannte, ich konnte jemanden dort liegen sehen. Ich ging rein und sah eine Frau. Ihr Mann hatte sich bei der Abfahrt von ihr verabschiedet, mit einem Kuss. Ich zog sie hinten raus, dann half mir eine andere Frau. Wir legten sie auf den Bürgersteig, und ihr Rücken war nackt. Ich zerrte sie an ihrer Jacke, und sah, dass ihr Rücken von Schrappnellen durchlöchert war. Ich habe nicht nach einem Puls oder so etwas gesucht. Ihr Mann hat heute angerufen. Ich habe gesagt: ,Sie ist nicht verbrannt, ich habe sie herausgezogen ... Sie ist noch da.‘ Zwei Leichen brannten weiter im Auto. Das Auto hat heftig gebrannt.“

Die Namen der Toten und Verwundeten

Am 8. März war Internationaler Frauentag. Die Namen der getöteten Frauen sind Natalja Jewgenjewna Michailowa, Jelena Alexandrowna Batygina und Walentina Anatoljewna Widyuschenko. Swetlana Nikolajewna Klujko, Direktorin des Zentrums, erzählt über jede von ihnen: „Natalja Jewgenjewna Michajlowa ist seit 2014 bei uns und arbeitet als Erzieherin. Sie hat viel Erfahrung, da sie seinerzeit in einer Sonderschule gearbeitet hat. Sie ist eine gütige Person und ein gutherziger Mensch. Sie war ein richtiges Vorbild. Sie war sehr kinderlieb, sie war so eine kluge Frau, praktisch veranlagt. Alle meine Mitarbeiter sind gut, aber sie hat für jeden ein gutes Wort gefunden. Sie arbeitete nur mit erwachsenen Jungen. Am 4. Mai wäre sie 50 Jahre alt geworden, und wir bereiteten uns darauf vor, ihr Jubiläum zu feiern. Batygina Elena Alexandrowna – sie kümmerte sich um die Kinder: zog sie an, wechselte ihre Kleidung. Unsere Kinder waren immer sehr hübsch gekleidet. Sie hatte immer eine große Auswahl an Anzügen und schicken Kleidern, und die Kinder liebten sie sehr. Die Freundlichkeit in Person. Sie hat 20 Jahre lang gearbeitet. Sie war 64 Jahre alt. Valentina Anatoljewna Widyuschenko, die das zweite Jahr bei uns als Erzieher-Assistentin gearbeitet hat. Sie arbeitete in einer Gruppe, in der die Kinder gerade ankamen. In der Gruppe der neu angekommenen Kinder. Sie hatte, wissen Sie, eines der schwierigsten Gebiete. Die Kinder kommen rein, sie weinen, sie ... Sie ist der Mensch, der die Kinder begrüßte. Sie wusch sie, zog sie an, wechselte ihre Kleidung und beruhigte sie. Das sind die Menschen, die gestorben sind. Die Kinder waren hysterisch. Sie haben auf sie gewartet, wir haben ihnen gesagt, dass sie kommen würden. Die Kinder schrien und brüllten.“

Die Leichen – oder das, was von den Leichen übrig war – konnten nicht geborgen werden. Es ist unmöglich, dorthin zu gelangen. Sie befinden sich immer noch 25 Kilometer vom nächsten ukrainischen Kontrollpunkt entfernt. Die Verwundeten, die Lehrerin Anna Nikolajewna Smetana und die Psychologin Elena Fjodorowna Belanowa, befinden sich in Krankenhäusern in Nikolajew. Die Überlebenden, die Erzieherinnen Galina Iljinichna Lytkina und Natalia Evgenyevna Vedeneeva, befinden sich „in einem psychologischen Schockzustand“ im Krankenhaus. Die 93 Kinder und zehn Erzieherinnen in Antonowka, das von russischen Truppen umzingelt ist, warten darauf, evakuiert zu werden – „weiter fort, in die Ukraine“.

Direktorin Svetlana Kliuyko zeigt Bilder der verstorbenen Pädagogen. Auf dem Bild ist Jelena Alexandrowna Batygina zu sehen. Foto: Jelena Kostyuchenko, Nowaja Gazeta

Autopsie hilft, Kriegsverbrechen zu dokumentieren

Alle Leichen werden vom regionalen Büro für gerichtsmedizinische Untersuchungen untersucht. Nach Angaben der Leiterin des Büros, Olga Deryugina, wurden seit Beginn des Krieges mehr als 60 Leichen ukrainischer Soldaten und mehr als 30 Leichen von Zivilisten geborgen. Als ich nach genauen Zahlen frage, sagt sie: „Wozu das Ganze? Hier kommen ständige Neue an.“ Jede Leiche wird von den Mitarbeitern der Ermittlungsabteilung untersucht – sie bereiten Dokumente für den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag vor.

Olga Deryugina sagt: „Wir haben noch nie so viele Leichen gehabt. Schrapnellwunden, Schusswunden, Explosionen ... Die meisten davon waren Schrapnellwunden. Wir hatten Leichen mit nicht explodierten Sprengkörpern, und Bombentechniker kamen und entschärften sie ... Es gab zwei solcher Fälle in den Leichen, im Inneren, die Bombentechniker kamen und entschärften diese Leichen.“

„Ja, es gab eine nicht explodierte Mine, ich habe sie herausgezogen“, sagt der Gerichtsmediziner Yury Alexandrovich Zolotaryov. „Der Sprengkopf war beschädigt, so dass er nicht explodierte, ich zog den Mechanismus heraus und übergab ihn den Bombentechnikern, denn wir mussten ihn untersuchen. Ich sagte den Frauen, sie sollten zur Seite gehen ... Ex-Militärs ... Ich zog sie vorsichtig heraus und gab sie dem Bombentechniker. Im Körper des Mannes befand sich eine Feder in der Brust, und in seinem Bauch befand sich ein Sprengkopf, der nicht explodierte, sein Bauch war weich. Das war zu der Zeit, als Otschakow noch beschossen wurde, es waren hauptsächlich Leichen aus Otschakow ... und die zweite hatte nur einen Teil einer Mine. Als die Ehefrauen gestern zur Identifikation hier waren, haben sie auf der ganzen Straße geschrien, so etwas habe ich seit zwanzig Jahren nicht mehr gehört. Ich war als Arzt im Bosnienkrieg, da gab es solche Gräueltaten nicht. Ich habe die Autopsie bei zwei unserer Jungs vorgenommen. Die bekamen nicht nur Kopfschüsse, sondern zusätzlich noch Messerstiche in den Rücken. Am 6. März waren zwei junge Männer auf das Gelände einer Flugzeugreparaturfabrik gegangen und hatten versucht, deren Militärfahrzeuge mit Molotowcocktails in Brand zu setzen ... Die Russen fingen sie, fesselten sie, schossen ihnen in den Kopf und töteten sie dann mit Messerstichen in das Schulterblatt. Es ist eine Gräueltat, sie haben Verwundete festgenommen und sie dann getötet ...“

„Sie haben erst auf sie geschossen und sie dann erledigt?“

„Ich bin seit zwanzig Jahren Gerichtsmediziner! Ich weiß, welche Wunde vorher und welche nachher da war.“

An der Belastungsgrenze

Die Leichen werden in zwei Abteilungen des „Kühlschranks“, einem Raum mit kontrollierter Temperatur, gestapelt. Aber sie passen nicht in den Kühlschrank. Draußen an der Mauer liegen in schwarzen Plastiksäcken diejenigen, die bereits untersucht wurden – acht Leichen. In einem Gebäude, das vor dem Krieg als Scheune genutzt wurde, befinden sich in zwei Räumen von je 20 Metern Länge Leichen. Leichen bedecken den Boden. In einer Ecke liegen die Leichen von fünf russischen Soldaten. „Solange es kalt ist, lagern wir sie ein. Es ist nicht klar, an wen und wie sie übergeben werden sollen.“

„Das sind alles Kriegstote, verbrannt, in Säcken verpackt ... Habt keine Angst. ... Ich habe mehr davon hier und hier.  Und dann, wenn wir fertig mit ihnen sind, packen wir sie in Hygienesäcke und legen sie ab, denn es gibt keinen Platz, um die geöffneten Leichen zu lagern, Sie haben die Hallen gesehen ...“

Nackte Füße, jemand mit Schuhen. Ein verbrannter Mann liegt mit ausgestreckten Armen da, ein schwarzer Klumpen anstelle eines Gesichts. Ein halber Männerkörper, Fleisch mit Gras vermischt, der Kopf von einer Jacke bedeckt, der Arm eines Mannes lugt unter der Jacke hervor. Ein nackter Mann, eingewickelt in ein buntes Laken. Russischer Soldat – Hände hinter dem Kopf, überhängende Tarnkleidung, sauberes Militärhemd und gelblich schaut ein Streifen des Bauches heraus.

Im Kühlschrank liegen die Leichen in mehreren Schichten. Zwei Mädchen liegen übereinander. Sie sind Schwestern. Die Ältere ist 17, in dem Haufen von Leichen kann ich nur eine Hand mit einer sauberen rosa Maniküre sehen, lange dünne Finger. Die Jüngere – sie ist drei – liegt auf ihrer Schwester. Sie hat blondes Haar, ihr Unterkiefer ist mit einem Verband gefesselt, und ihre Hände sind auf dem Bauch zusammengebunden. Auf ihrem Körper sind rote Schrapnellpunkte zu sehen, Einschusslöcher. Fast scheint es, als wäre das Mädchen am Leben.

„Arina Dmitrievna Butym und Veronika Aleksandrovna Biryukova. Sie haben dieselbe Mutter, aber verschiedene Väter. Sie wurden am 5. März um 17 Uhr zugestellt. Sie lebten im Dorf Meschkowo-Pogorelowo, Schewtschenko-Straße,“ sagt der Sanitäter Nikolaj Chan-Chu-Mila und schaut dran vorbei. „Ich bin ein Cousin ... Ihre Eltern haben ihre Kinder von mir taufen lassen. Wir sind Freunde der Familie. Die Mädchen wurden zu mir gebracht, während meiner Schicht. Natürlich habe ich sie erkannt. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was ich in diesem Moment durchgemacht habe.“

Dimitri Butym, der Vater eines der Mädchen, steht hinter dem Zaun. Wartet auf die Übergabe der Leichen. Die Augen sind rotgeweint. „Vera war in der Küche und wärmte das Essen auf, Arina ging in den Garten. Weder die jüngere noch die ältere hatten eine Chance. Die jüngere starb sofort, ein Schrapnell durch das Herz, bei der älteren haben sie zwei Minuten versucht, das Herz wieder in Gang zu bringen, aber es ging nicht. Ihre Mutter liegt im Krankenhaus in Dubky, ein Schrapnell durchschlug ihre Hüfte, sie hat innere Verletzungen. Entschuldigen Sie mich. Das Wichtigste für mich ist jetzt, die Kinder zu begraben.“

Jeder Tote hat seine eigene Biografie

Sie bringen eine neue Leiche herein und wickeln ein gestreiftes Laken aus. Ein Mann mit einem Sauerstoffschlauch im Mund, dessen Körper von Granatsplittern zerfetzt wurde. Man hat versucht, ihn zu retten, und ihn doch nicht gerettet. Er wird auf dem Hof liegen gelassen.

Vier Männer mit dunklen Rosen bleiben in der Ecke stehen. Sie warten darauf, dass ihnen ihr Kollege übergeben wird. Es war Igor, ein Wachmann, Zivilist. „Ein verdammtes Smertsch-Geschoss kommt geflogen – und das war’s.“

Eine Leiche in Tarnhose wird aus dem Lagerraum getragen. Der Körper ist violett und hat einen breiten Schlitz anstelle eines Gesichts. Zwei Männer von der Kriminalpolizei beugen sich über ihn. Sie beschreiben die Kleidung, ziehen die Hose herunter, nehmen eine DNA-Probe – sie tauchen einen Verband in das Blut, dann steckt einer seine Finger in den Mantsch, wo einmal ein Mund war: „Wir müssen wissen, welche Schädelknochen gebrochen sind und welche nicht.“

Eine blondhaarige Frau mit dunklem Kopftuch erzählt: „Meine Mutter wohnte in der fünften Etage. Sie konnte nicht in den Bunker oder in den Keller gehen. Sie hatte Nachbarn in der Nähe. Die Nachbarn haben geholfen, sie waren eine Familie. Sie starb am Morgen, ganz leise, so leise, wie man es nur sagen kann. Im Badezimmer auf dem Boden, wo sie sich vor Schreck versteckte. Und am nächsten Tag schlug genau zur gleichen Zeit eine Rakete im Nachbarhaus ein, und die Fenster aller ihrer Wohnungen wurden zerstört. Aber sie war nicht mehr da, in der Wohnung. Ich weiß es nicht, es ist ein Wunder, dass sie am Sonntag friedlich gestorben ist. Am nächsten Tag wäre sie in schrecklicher Angst gestorben. Sie war 77 Jahre alt. Ich habe ein Foto von der Wohnung, von dem, was davon übrig ist, die Nachbarn haben es mir geschickt. Das ist der Blick aus ihrem Fenster, und das ist das Haus nebenan, in das die Rakete einschlug. Es war der nächste Tag, sie hätte es nicht überlebt. Sie starb am ,Vergebungssonntag‘. Und am 7. März waren alle Fenster in der Wohnung zerschlagen, sie habe eine unerträgliche Angst gehabt. Da es so kommen musste, ist es gut, dass es am 6. und nicht am 7. passiert ist.  Ich bin so dankbar. Der Name meiner Mutter war Swetlana Nikolajewna. Eine halbe Russin. Ihr Mann, mein Vater, wurde in Krasnojarsk geboren. Er diente hier, und sie lernten sich kennen. Mein Großvater, der Vater meiner Mutter, stammte aus Kursk. Unsere Familie war russischsprachig. Wir gehen auf den Friedhof. Mein Sohn ist in Kiew. Mein Name ist Oksana.“

Stas und Jaroslaw berichten über den Artillerieangriff auf die Kaserne

Die Militärkaserne A0224 ist eine der beiden Militäreinrichtungen in Nikolajew, die vom Artilleriefeuer getroffen wurden. Am 7. März um 5:15 Uhr schlug eine „Kalibr“-Rakete in die Kaserne ein. Neun Tote, darunter fünf Wehrpflichtige, die nicht an Kampfhandlungen beteiligt waren. 14 Verwundete. Zwei Wehrpflichtige, die als vermisst galten, wurden Stunden später gefunden – sie waren in eine andere Stellung geflohen und hatten sich dort versteckt.

Ein Teil des dreistöckigen Gebäudes wurde in Schutt und Asche gelegt. Auf dem verbliebenen Stück des Fußbodens steht ein zweistöckiges Bett.

Der Schutt wird von Hand abgetragen. Die Rettungskräfte arbeiten mit dem Militär zusammen, die Trümmer werden nach oben weitergereicht. Sie suchen nach der Leiche des letzten Vermissten – sein Name war Stas, er stammte aus der Westukraine und wurde vor acht Monaten eingezogen.

Jaroslaw, der in dieser Nacht gerettet wurde, blinzelt in die Sonne, die Hände auf sein Gewehr abgelegt. „Der Alarm wurde um 5:15 Uhr ausgelöst. Ich stehe auf und schreie: ,Leute, rennt alle raus!‘ Die allerersten rannten, ohne sich die Schuhe anzuziehen, aus dem Gebäude ... Draußen standen Leute – ich rief ihnen zu, sie sollten reingehen, denn Gott bewahre, wenn sie von draußen reinkämen, könnten die Granatsplitter ... Und begann zurückzulaufen. Ich rannte zurück, und im ersten Stock, sieben Meter von mir entfernt ... sieben Meter von mir entfernt sehe ich dieses Bild: diese Platten ... Die Platten gingen hoch und es gab einen Blitz – Feuer. Ich habe Feuer gesehen.

Jaroslaw, der sich zum Zeitpunkt des Beschusses in der Kaserne befand. Foto: Elena Kostjuchenko, Novaja Gazeta

Um 5:17 Uhr hatten sie uns bereits getroffen. Ich wurde zurückgeschleudert, fiel hin, hielt mir den Kopf und spürte, wie Glas auf mich fiel. Ich komme zu mir ... 15 Sekunden vergehen, ich schalte die Taschenlampe ein und krieche. Ich höre Menschen schreien, eine Frau schreit. Ich krieche und krieche und fühle, dass ich keinen Boden unter mir habe. Da ist kein Grund mehr. Und ich höre unseren Ältesten schreien: ,Alle raus!‘ Ich schaffte es zurückzukommen und rannte zur Straße. Ich schnappte mir mein Maschinengewehr. Und ich rief allen zu, die noch da waren: ,Leute, geht alle in den Luftschutzbunker.‘ Also rannten wir hinein. Taras, Danila und ein paar andere Jungs blieben unter den Trümmern. Wir waren 29 Leute im Block.

Ich will nicht nur fluchen ... Aber danach werde ich keine Gefangenen mehr machen. Und ich habe kein Mitleid mit irgendwelchen Eltern und Ehefrauen. Ich bin zwanzig Jahre alt, ich habe Tierarzt gelernt, und jetzt tut mir niemand mehr leid.“

Kaserne der Militäreinheit A0224 nach dem Beschuss. Foto: Jelena Kostyuchenko, Nowaja Gazet

Anthony hatte andere Pläne als den Krieg

Neben ihm steht der dunkelhäutige Anthony. Er wurde in Moskau geboren, lebte dann elf Jahre lang mit seiner Großmutter in Lugansk und ging vor dem Krieg nach Amerika. „Vor acht Monaten kam ich in die Ukraine, ich wollte ein neues Leben beginnen. Ich wusste, dass sie mich zur Armee bringen würden, ich dachte, ich bin 23, jetzt werde ich meinen Wehrdienst leisten und mein neues Leben beginnen, und dann – peng – begann der Krieg. Ich werde den Dienst beenden, etwas Geld in Amerika verdienen, eine Wohnung in der Ukraine kaufen und eine Frau finden. Jetzt weiß ich genau, was ich will – und dass ich in diesem Land leben werde.“

Anthony und Jaroslaw. Foto: Elena Kostjuchenko, Novaja Gazeta

Ein russisches „Tiger“-Fahrzeug wurde an der Frontlinie abgeschossen. Die Besatzung – vier Russen – ergaben sich. Die Militärführung glaubt, dass die Russen in einem Erkundungsgefecht waren, aber die Leute in den Stellungen sagen, dass sie sich „wahrscheinlich verlaufen haben“.

Artur – sein Gesicht ist mit einem schwarzen Verband bedeckt, in Friedenszeiten ist er ein Wirtschaftskybernetiker – sagt: „Ein Auto kam aus der Richtung von Cherson. Sie fuhren vor, und ich entdeckte, dass es gepanzert war. Sie öffneten ein Fenster. Ich schaue hinein – Russen in Uniform. Ich fordere sie auf, sich zu ergeben, natürlich begleitet von Flüchen. Sie schließen das Fenster. Ich wollte durch das Fenster schießen, hatte aber keine Zeit, zerschoss deshalb die Räder. Das Auto fuhr noch etwa 20 Sekunden. Wir warfen eine Granate, das Auto fing Feuer. Sie stiegen zunächst nicht aus dem Auto aus. Wir schlugen ihr Fenster ein – sie begannen, sich zu ergeben.

„Haben Sie mit ihnen gesprochen?“

„Wir haben versucht, es nicht zu tun. Sie sind doch furchterregende Krieger.“

Die Soldaten lachen schallend.

„Sie sagten, nun ja, das übliche Zeug, von irgendwelchen Militärübungen, all diese Witze. „Ich weiß nicht, wo ich hingegangen bin“ und so weiter. Das ist alles Blödsinn. Sie alle wissen es.“

Sie übergaben die Gefangenen an den SBU.

Auf die Markierung in der Mitte der Straße haben sie geschrieben: „Tod den Feinden“.

Die Soldaten wärmen sich am Ofen und heizen mit Holz. „Die Russen haben den Frühling *** (gestohlen).“

Ukrainische Soldaten. Foto: Elena Kostjuchenko, Novaja Gazeta

„Man hat mir gesagt, dass sie dort drüben von den Hügeln schießen. Entweder ein Scharfschütze oder ein Maschinengewehrschütze, das kann ich nicht genau sagen. Eine Kugel verfehlte meinen Fuß um 40 Zentimeter. Nach der dritten Kugel wurde mir klar, dass sie auf mich persönlich schossen“, sagt der Soldat mit dem Rufnamen Artist.

„Warten Sie darauf, dass die Stadt gestürmt wird?“

„Ich erwarte nur eines: den ganzen Scheiß loszuwerden – Sie wissen schon, wohin. Und ich möchte den Einheimischen in den besetzten Gebieten wünschen, dass sie Molotow-Cocktails herstellen. Und ich wünsche meiner Tochter Glück. Sie ist drei Jahre alt. Ihr Name ist Maria.

Meine Familie ist hiergeblieben. Mein Bruder hat ein größeres Haus als ich. Wir leben alle im selben Dorf: Mutter, Bruder und ich. Da mein Bruder älter ist als ich, ist er, wie man so schön sagt, das Oberhaupt der Familie. Seine Aufgabe ist es, die Frauen und Kinder zu bewachen, meine Aufgabe ist es, hier zu sein. Als der Flugplatz Kulbakino beschossen wurde, war ich in Warwarowka, ich arbeitete in der 61. Fabrik, wir bauten dort Schiffe. Mein Onkel weckte mich um 6:30 Uhr, der Beschuss von Kulbakino war bereits im Gange, ich konnte ihn sehr gut hören. Um 8.20 Uhr war ich bereits in der zentralen Melde- und Einberufungsstelle des Militärs. Ich erhielt eine Vorladung und sollte am nächsten Tag um 6 Uhr mit meinen Sachen kommen. Das habe ich meiner Frau erzählt, nachdem ich beim Einberufungsamt gewesen war. Und sie wusste, dass ich das tun würde.“

„Die Russen müssen nach Hause gehen“

„Wohin sollen wir evakuiert werden? Wir sind in unserem eigenen Land“, sagt ein anderer Soldat. „Ich habe meine Familie in Odessa. Solange Nikolajew steht, werden sie Odessa nicht angreifen. Ich bin hier. Wir sagen: Die Russen müssen nach Hause gehen! Einfach nach Hause gehen – und das war’s. Wir haben Sie nicht gerufen. Sie müssen hier nicht sterben. Wir haben Eure Leute beschossen und sie sind gestorben. Warum bringen sie sie nicht zurück in die Heimat? Warum nehmt ihr eure Leichen nicht wieder mit? Eure Körper sind nur der Dünger für die Felder. Es tut mir leid, aber euer Sohn wird hierher kommen, und Sie werden ihn nie wieder sehen oder sein Grab besuchen. Wenn mir etwas zustößt, wird meine Mutter um mich trauern und mich begraben.

Menschen, die früher unsere Brüder waren, sind jetzt unsere Feinde, weil sie uns angegriffen haben. Wir waren gezwungen, unser Land zu verteidigen, unsere Stellung zu halten, wir wollten keinen Krieg, wir haben nicht darauf gewartet. Ich komme selbst aus Nikolajew. Soll ich etwa zu Hause sitzen und warten? Ich ging gleich am ersten Tag zum Einberufungsbüro. Wir wollen nicht gegen Russland kämpfen. Hört auf, gegen uns zu kämpfen. Sie halten die Ukraine für schwach. Nein. Die Ukraine kämpft sehr gut. Wir kennen jeden Winkel und jedes Versteck. Ihr seid in unser Land gekommen. Wir wollen keinen Krieg. Wir wollen in Ruhe gelassen werden.“

Der Kriegsalltag in der Entbindungsklinik

Während des Krieges wurden in der Entbindungsklinik Nr. 3 in Nikolajew 22 Babys geboren. Zwei davon im Keller, der zum Luftschutzkeller wurde. Sie haben alle überlebt.

Sie haben die Kaiserschnittoperationen praktisch eingestellt – die Nähte müssen heilen, und sie brauchen Ruhe, aber der Fliegeralarm lässt ihnen keine Ruhe. Im Keller wurde ein Kreißsaal eingerichtet. Aber die Operationssäle sind im dritten Stock geblieben – und das ist sehr gefährlich.

Kreißsaal in der Entbildungsklinik Nr. 3. Foto: Elena Kostjuchenko, Novaja Gazeta

Der Luftangriffsalarm ertönt. Schwangere Frauen steigen in den Keller hinab, Stufe für Stufe, eine Hand an der Wand. Sie gehen mit Mühe die Stufen hinunter. Hebammen tragen die Babys.

Lena Silveistrova liegt auf einer Metalltrage, zugedeckt mit einer Wolldecke. Ihr Mann, Alexej, legt seinen Arm um ihren Hals und tröstet sie. Lena hat um 4:30 Uhr morgens per Kaiserschnitt entbunden, vorher hat sie versucht, selbst zu gebären – fast vierundzwanzig Stunden lang. Sie ist 28, Alexej ist 26, es ist ihr erstes Kind. Die Wehen setzten am frühen Morgen ein, während der Ausgangssperre. Alexej fuhr seine Frau selbst in die Entbindungsklinik.

„Gerade als der Krieg begann, hatte ich meinen Entbindungstermin bekommen. Ich war sehr besorgt darüber, wann es losgehen würde. Ich war in ständiger Angst und wartete darauf, dass es passiert, dass ich nicht in einen Luftangriff oder einen Beschuss der Stadt gerate. Ich hatte Glück – ich hatte einen Kaiserschnitt zwischen den Luftangriffen. Kannst du dir das vorstellen? Du liegst in den Wehen, willst Ruhe für dein Baby, und währenddessen bombardieren sie deine Stadt wie verrückt!

Alexej streichelt ihre Wange.

„Ich möchte mich einfach nur daran erinnern, wie es ist, auf der Straße zu gehen, ohne Angst vor Schüssen zu haben.“

Das Untergeschoss ist durch Lampen schwach beleuchtet. Die Frauen sitzen an den Wänden.

Alexej und Lena kurz nach Lenas Entbindung. Foto: Elena Kostjuchenko, Novaja Gazeta

Alexej folgt dem Chefarzt. Der Chefarzt stößt die Tür des Archivs auf. Dort sitzt auf Matratzen eine Hebamme mit einem weißen Bündel. Die Hebamme hält Alexej das Bündel hin. „Ich will sie nicht in die Hand nehmen, ich habe Angst“, sagt Alexej. „Daran muss man sich gewöhnen. Haben Sie keine Angst, bitte haben Sie keine Angst“, sagt die Hebamme.

Alexej nimmt Mascha in seine Arme. Es ist das erste Mal, und die Hebamme legt ihm sanft die Handflächen an.

„Es ist so klein“, sagt Alexej. Er schweigt und beugt sich immer tiefer zum Gesicht seiner Tochter hinunter. „Mein kleines Mädchen. Hallo! Warum zeigst du mir deine Zunge? Mascha, was machst du da? Lasst uns jeden Tag zusammen sein!“

„Wir wünschen uns nur Frieden. Bitte schreiben Sie das,“ sagt die Frau im weißen Kittel. „Mein Name ist Nadeschda Scherstowa. Ich bin leitende Anästhesieschwester und arbeite seit 30 Jahren in der Anästhesie. Wissen Sie, wenn der Krieg beginnt, wenn ein Kind geboren wird, dann gibt es keine Freude in den Augen der Eltern. Sie machen sich Sorgen, ob die Frauen Milch haben werden. Das ist fürchterlich. In den Augen der Eltern sieht man keine Freude.“

„Sie war sehr unruhig im Bauch,“ erzählt Alexej dem Arzt. „Ständig hat sie getreten. Besonders wenn sie meine Stimme hörte, fing sie an zu tanzen. Sie hat die Mutter nachts nicht schlafen lassen. Jetzt strampelt sie auch ein bisschen. Ich dachte, sie würde wie ich aussehen. Auf dem Ultraschall waren meine Gesichtszüge zu sehen, und sie ist wunderschön.“

Alexej und seine neugeborene Tochter Mascha. Foto: Elena Kostjuchenko, Novaja Gazeta

Ein weiterer Beschuss von Nikolajew begann um 20 Uhr am 11. März und wurde mit Unterbrechungen die ganze Nacht hindurch fortgesetzt. Laut Bürgermeister Aleksandr Senkewitsch wurden mehr als 167 Wohngebäude, das Krankenhaus Nr. 3 mit zivilen Opfern, eine Fabrik für halbfertige Lebensmittel, elf Schulen und Kindergärten sowie ein Internat beschädigt. Elf Privathäuser wurden vollständig zerstört. Der Hof der onkologischen Abteilung und der Ambulanzstation war mit Granatsplittern übersät. Der Krankenhaushund Kusja, ein Straßenhund mit goldenem Fell, wurde getötet. Sie haben ein Handtuch über ihn gelegt. Der städtische Friedhof geriet unter Beschuss. In der Stadt brachen Brände aus.

Übersetzung: Moritz Gathmann. Das russische Original finden Sie hier.

Joachim Kopic | Mi, 16. März 2022 - 22:53

... ALLEN kriegerischen Auseinandersetzungen gibt bzw. gab (Afghanistan, Libyen, Jemen und und und). Nebenbei bemerkt: Momentan hör ich mir die "Anti-Kriegs-Lieder" von Franz Josef Degenhardt, auch die von Ludwig Hirsch an. Warum? Ein guter Ausgleich zu manchen politischen Äußerungen, egal von welcher Seite!

Gerhard Lenz | Do, 17. März 2022 - 08:56

der wenigstens ein kleines, erhellendes Licht auf Putins-Lügenstaat wirft.

Jetzt warte ich nur noch auf die bestens bekannten Aufklärer, die den mutigen Beitrag der Journalisten als freche Lüge der Mainstreammedien diffamieren werden.

Und sofort auf "sensationelle Enthüllungen in irgendwelchen alternativen Hetz-Medien verweisen.

Maximilian Müller | Do, 17. März 2022 - 10:05

der erste sachliche Artikel über den Krieg, den ich gelesen habe. So stellt man sich eigentlich Journalismus vor. Das westliche Medien nur noch ungefilterte ukrainische Propaganda veröffentlichen, passt ins Bild. Sie setzen das fort, was sie die letzten Jahre unter anderen Themen schon getan haben: Ihre Leser auf Linie bringen, Hass säen.

Danke für diesen Artikel

Heidemarie Heim | Do, 17. März 2022 - 15:26

Wie hält man dies zumal in seiner Arbeit behinderte, der Wahrheit gerecht werden wollende Investigativ-Journalistin wie die junge Frau Kostyuchenko überhaupt aus ohne selbst für den Rest des Lebens Albträume zu bekommen? Schon die Lektüre bringt Einen an die Grenzen. Allein der dazwischen aufblitzende Humor wie der über den halbkoreanisch zu entnazifizierenden Bürgermeister, der Sarkasmus der Verteidiger, der sie wahrscheinlich davon abhält ihre von ihnen aufgelesenen, "nur verirrten tapferen" russischen Gegner sofort zu exekutieren, das ein oder andere Wunder des Überlebens trotz durchlöchertem Tor, und zuletzt das neue Leben, auch wenn es in einem Keller/Bunker das Licht der Welt erblickt oder inmitten von Beschuss im OP-Saal, ließ mich diesen Artikel so gut es ging gestern verdauen. Als vor der Pandemie gern und vielreisend, bevorzugt auch Städte wollte ich schauen wo die "Stadt der Bräute" genau liegt und stieß auf einen Reiseführer m. Fotos/Stadtkarte. Das war keine gute Idee!!

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