Brexit-Abstimmung - Der Brite denkt ans Meer, nicht an den Kontinent

Ein Blick in die Geschichte zeigt: Großbritannien gehörte mental schon immer mehr nach Asien als nach Europa. Über die Wurzeln des Brexit

Im Norden von Großbritannien warnen schon die Seeschwalben/ dpa/picture alliance

Autoreninfo

Ramon Schack ist Journalist und Buchautor mit Sitz in Berlin. Zuletzt erschienen seine Bücher „Neukölln ist nirgendwo“ und „Begegnungen mit Peter Scholl-Latour“.

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Es war der damals führende britische Politiker, Benjamin Disraeli, zweimal sogar im Amt des Premierministers, welcher das britische Weltreich öffentlich eher als eine asiatische Macht definierte, denn als eine europäische. 

Disraeli bezog sich zu seiner Zeit, also Mitte des 19. Jahrhunderts, als britische Seeleute ihren Finger in den Ozean tauchten, flankiert von der Aussage "Tastes salty must be British", ("Schmeckt salzig, muss also britisch sein"), auf die Herrschaft Londons über den indischen Subkontinent.

1876 verband Disraeli sogar den Titel der Königin von England mit dem der Kaiserin von Indien, ab diesem Zeitpunkt der offizielle Titel Ihrer Majestät.

Derselbe Politiker hatte schon 1847 in seinem Roman "Tancred" die Idee propagiert, die Königin von England sollte nach Indien umziehen.

In dem erwähnten Roman heißt es: "Die Königin soll eine große Flotte sammeln und mit ihrem ganzen Hof und der ganzen führenden Schicht ausziehen und den Sitz ihres Reichs von London nach Dehli verlegen. Dort wird sie ein ungeheures, fertiges Reich finden, eine erstklassige Armee und große Einkünfte."

Die Insel gehörte noch nie zum Kontinent

Benjamin Disraeli brachte mit diesen Worten zum Ausdruck, was zu jener Zeit von vielen Bewohnern des Empires ähnlich empfunden wurde, nämlich dass das britische Mutterland, die Insel, aufgrund der gewaltigen geographischen Ausdehnung des Weltreiches, über Kontinente und maritime Weiten hinweg, kein Bestandteil Europas mehr war und auch nicht mehr mit dessen Schicksal verbunden sei. Viel eher  glich dieses Gebiet, indem die Sonne nicht mehr unterging, einem Schiff, welches den Anker lichten und in einem Erdteil vor Anker gehen kann.  

Einige Jahrzehnte später, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, propagierte der amerikanische Admiral Mahan gar eine Wiedervereinigung des Vereinigten Königreiches mit den USA, freilich unter der Vorherrschaft Washingtons.

Entscheidend war für Mahan dabei, dass die angelsächsische Herrschaft über die Meere aufrechterhalten werden muss, bis weit in das 20. Jahrhundert hinein.

Während ein Politiker wie Disraeli die Verlagerung des britisches Weltreiches nach Asien propagierte, warb der amerikanische Admiral für einen Auszug nach Amerika.

Der Brexit und die alte Seemacht

So unterschiedlich die Motive, das Selbstverständnis, sowie der historische Hintergrund beider Thesen auch sein mögen, so sind diese doch Ausdruck des Selbstverständnisses des britischen Reiches als maritime Macht mit globalem Anspruch.

Was haben diese historischen Betrachtungen mit der aktuellen Debatte um den sogenannten "Brexit" zu tun, wie die Medien die Volksabstimmung getauft haben, welche über den Verbleib des Vereinigten Königreiches in der Europäischen Union entscheiden soll?

Sicherlich, die Thesen von Mahan und Disraeli entstammen schon aus einer fernen Historie, das Empire existiert nicht mehr, ist auf ein paar Fetzen geschrumpft, verstreut in Form von entlegenen Inseln auf allen Weltmeeren.

Auffällig ist es aber auf jeden Fall schon, wie häufig von den Befürwortern des Austritts aus der EU, die "Rückkehr zu den Meeren" verkündet wird, anstatt die "Hinwendung zum Kontinent".

Die Financial Times vermerkte in diesem Zusammenhang: "The European debate with its questions of history and sovereignty has not changed much since 1960".

Rückblick

Nach der Schlacht von Waterloo, als Napoleon, immerhin nach einem 20-jährigen Krieg, besiegt wurde, begann die Epoche der unbestrittenen Seeherrschaft Englands, welche Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte, wodurch auch das Zeitalter des globalen Freihandels begann.

Diese Zeit des Freihandels war auch die Zeit der freien Entfaltung der wirtschaftlichen und militärischen Überlegenheit Englands, welche nur in den seltensten Fällen durch "Fair Play" erreicht wurde.

Freies Meer und freier Weltmarkt verbanden sich zu einer Vision als deren Hüter und Träger nur England, beziehungsweise dessen Weltreich in Frage kommen konnten.

Um diese Zeit erreichten auch die kulturelle Ausstrahlung und die Bewunderung des englischen Vorbildes ihren globalen Höhepunkt.

Brexit: Utopie mit trüben Aussichten

Es darf diesbezüglich nicht verwundern, dass die Befürworter eines Brexits, bei aller ideologischen und parteipolitischen Heterogenität, zumindest unterbewusst, häufig auch demonstrativ, die Sehnsucht nach dieser Zeit propagieren "when Britannia ruled the waves", als "Britannien die Wellen beherrschte".

Das es sich hierbei um eine von Nostalgie getragene Utopie handelt, die im Falle eines Austritts Großbritanniens aus der EU einer tristen Realität- ja einer beklemmenden sozioökonomischen Perspektive weichen könnte, ist wahrscheinlich.

Marc Schulze | Mi, 22. Juni 2016 - 16:25

Sieht man sich den Zustand, insbesondere die Entwicklung, von mancher ehemals von Großbritannien kolonierter Gesellschaft an, so ist das Ende des Kolonianismus fast zu bedauern.

Nicht nur deshalb, sondern auch aus imperialistischem Eifer und Aufbruchsgeist selbst kann man Nostalgie verstehen.

Allerdings wundere ich mich über diesen ideologischen Nebenschauplatz. Keiner der BREXIT Befürworter (und das beweist der Autor ja auch durch das Unterlassen von Zitaten oder Quellen) ist antieuropäisch.

Aber die Briten wären damals eigentlich im Recht gewesen, sich nicht von ihrer viktorianischen Regierung nach Asien verschiffen zu lassen, um ein Imperium zu errichten. Und die Briten sind heute im Recht, sich nicht von Brüssel das Fischen vor der eigenen Küste verbieten (und das Geschäft vollständig den Norwegern) zu überlassen.

Die Ursache des BREXIT liegt in der Bürokratie, nicht in Geografie.

Jürgen Dannenberg | Mi, 22. Juni 2016 - 17:19

Was ist mit dem Dexit? Die Medien schreiben kein Wort darüber, und im TV ist tiefes schweigen angesagt.
Hat mit dem Presse Diktat natürlich nix zu tun. Oder ist die Presse einfach nur feige? Wenn schon Freiheit, dann Freiheit für alle.
Ich würde gespannt sein wie hier ausgehen würde.

Z E I T U N G E N :
- Eigentümlich Frei
- KOPP Online
- COMPACT Magazin
- Junge Freiheit
- Daily Bell
- Unz
- Drudge Report

Y O U TU B E :
- Sons of Libertas
- Free Domain Radio
- Tom Woods Show
- Corbett Report
- NouViso
- Info Wars
- Alexander Benesch
- Milo Yiannopoulos
- Ron Paul Liberty Report
- KenFM
- Russia Today

Christa Wallau | Mi, 22. Juni 2016 - 17:58

Daß bei den Gegnern eines Verbleibs Großbritanniens in der EU gewisse nostalgische
Erinnerungen an Weltmacht-Zeiten (Empire) mitschwingen, mag wahr sein.
Aber alle Briten sind sich - davon bin ich überzeugt - der Tatsache bewußt: Diese Zeiten kommen nie wieder.
Deshalb müssen sie aber doch nicht gleich voller Begeisterung dem tollen Groß-Projekt die Treue halten, das EU heißt und als Traumland proklamiert wird für alle, die wirtschaftlich stark sind und bereit, ihre Eigenarten in einer Multi-Kulti-Gesellschaft aufgehen zu lassen. Bürgerliche Rechte und Freiheiten haben in GB einen höheren Stellenwert als in manch anderem Land Europas, z. B. in Deutschland. Herr im eigenen Land zu bleiben - das ist für selbstbewußte Briten enorm wichtig.
Hoffentlich gibt es genug Stimmen für den BREXIT.
Ich fürchte jedoch, die geschürte Angst vor einem wirtschaftl. Abstieg und die mögliche Loslösung Schottlands als Folge des Ausstiegs werden den Ausschlag für einen Verbleib in der EU geben.

Weshalb ich mir, leider allerdings, einen Brexit vorstellen kann.
Nach dem Krieg hatten die Briten starke Interessen in Deutschland, die sich nach der erneuerten Souveränität Deutschlands unter Schröder recht vielversprechend neu angingen vor allem auch in Richtung globale Perspektive auf Russland.
Unter Merkel ist diese Verbindung m.E. gekappt worden.
Andereseits steigt jetzt Polen zu einem Global Player auf auch in Bezug auf Russland und seine ehemaligen Verbündeten.
Ich bin mir gar nicht mehr sicher, dass sie sich Merkels vor allem moralisches Zwangskorsett antun und nicht doch aus dem Euro bleiben. Finnland könnte rausgehen.
Das würde bedeuten, dass England sein Weltreich erhielte und als Freies Land neben den anderen nordischen Freien noch vieles dazugewönne.
Ich bin sehr für das Miteinander in Frieden, auch weil es Frieden eigentlich stabilisieren sollte.
Mit Merkel aber wurde evtl. aus Zuschneiden der Freiheit/Achse USA-Deutschland, vor allem Unfrieden und Unwägbarkeit.

Dirk Nowotsch | Mi, 22. Juni 2016 - 20:18

Ohne Zweifel ist England die "Kriegsnation" unter allen Nationen. Kein Volk auf dieser Welt, hat so viele Kriege initiiert, so viele Intrigen gesponnen und so viele Völker versklavt und ausgerottet, wie England. Wäre es nicht ein Affront, Leichen gegen Leichen zu zählen, müsste sich der deutsche Bundestag nicht mit einer Armenien-Debatte beschäftigen! Viele Kriege und Konflickte, von den Engländern verursacht, beschäftigen uns heute mehr denn je! Wenn man vom zweiten Weltkrieg eigentlich nicht positiv sprechen kann, hatte er aber doch eine positive, auf England negative, Folge. Das Kolonialreich zerbröselte! Aber auch hier wurde auf dem Rückzug, oft noch eine giftige Saat ausgebracht. Das mit dem Freihandel war doch nur ein Witz oder? Den gab es, wenn überhaupt, nur für England. Aber ist schon okay wenn die "Achse" Berlin, Rom, Ankara und Tokio die "Bösen" dieser Welt sind. Fair Play? Bestimmt keine Erfindung aus England! Wenn der Brexit kommt, sollte er auch von Seiten der EU vollzoge

Karola Schramm | Do, 23. Juni 2016 - 11:28

Viel Hintergrundwissen, das natürlich auch die Politiker mehr oder weniger unbewusst beeinflussen kann.
Ich neige zu der Annahme, dass GB und USA zusammen halten, zumal ich an anderer Stelle las, dass GB für die USA so etwas wie ein "trojanisches Pferd" für die EU sein soll und von daher konsequent für einen Verbleib in derselben plädieren. Auf keinen Fall, so die Einstellung, darf die EU eine Weltmacht gegen die USA werden. Wobei Merkel,als deutsche Vertreterin die EU als Weltwirtschaftsmacht sehen will mit deutscher Vormachtstellung innerhalb der EU, die gleichzeitig eine Marionette der internationalen Wirtschaft ist, die die ganze EU umkrempeln soll. Was sie ja auch tut.
Es wird wieder kräftig kolonialisiert nur eben anders als vor 200 Jahren. Was damals mit Waffengewalt geschah, erledigen heute Weltbank und IWF, was genauso grausam ist.
Es muss eine Abkehr von der Macht des Turbokapitalismus, der Weltbank und des IWF stattfinden damit es der Welt besser geht.

Dorothee Sehrt-Irrek | Do, 23. Juni 2016 - 11:33

Das frage ich mich bei den genannten Beispielen.
Welchen Blick hat u.a. Disraeli?
Die Briten haben zweifelsohne einen globalen Ansatz except the kontinent, weil sie vom Kontinent her schauen.
Dann kommt man übers Meer gesehen, wenn man die starken nordeuropäischen Seenationen aus guten Gründen auslässt nach Asien, Afrika, Nahem Osten und Amerika.
Diese Freiheit werden die Briten sicher nicht so schnell aufgeben. Müssen sie das denn in Europa?
Doch nur, wenn sie sich entweder nicht mit ihren Freihandelsvorstellungen durchsetzen können, was ich hoffe oder wenn Merkel ihre Freihandelsbeziehungen, die hoffentlich nicht Freihandel der USA mit aller Welt bedeuten, durchsetzen würde.
Wenn die Briten in Europa bleiben, haben sie eine Menge Arbeit vor sich.
Sie können es auch alleine!
Deutschland hatte auch schon mal mehr Globus und Einfluss als unter Merkel.
Je länger ich nachdenke, so oder so wird es für die Briten gehen, aber auch für Europa durch die Kontinentalmacht Polen.

Barbara Kröger | Do, 23. Juni 2016 - 15:06

Warum schreiben bei Cicero eigentlich keine Engländer über das Thema BREXIT? Hier werden immer nur Texte von Menschen veröffentlicht, die GB toll finden, aber keine Engländer sind. Was soll das?

Habe gestern noch im ersten Schock mit einem englischen Verwandten gesprochen.
Ein sehr kluger Mensch und wenn dieser Mensch nicht gegen den Brexit war und ich es aus seiner Sicht nachvollziehen konnte, dann ist doch wohl nur wichtig, dass man immer im Gespräch bleibt, jetzt erst recht.
Merkel jettet auch immer um die Welt und - entschuldigen Sie meinen Eindruck - führt sich vor.
ihre Entscheidungen scheinen dann nicht einmal mehr die CDU/CSU hinter sich zu versammeln, siehe Griechenlandrettung I und II undmeiner Meinung nach weiss man bis zum Schluss nicht, was sie dann entscheidet, nur der eine oder andere Thinktank?
Eine ganz "clevere" Politik des gemeinsamen Handelns von Merkel.
Ich denke die Briten haben eine Chance, vor allem wenn aus meiner Sicht Merkel weiter die EU überdehnt und spaltet oder tun das auch die Polen und anderen baltischen Staaten?
Es wäre nicht besonders klug.

Peter Schultheiß | Fr, 24. Juni 2016 - 10:20

Nun ist es also eingetreten: die Briten haben für den Ausstieg aus der EU gestimmt.
Die Gründe lagen nicht in der Nostalgie eines britischen Empire, sondern einzig und allein in den Fehlern der EU: wenig bis keine Demokratie, dafür aber Bürokratie und - das betrifft nicht die Briten -
eine unverantwortliche Finanzpolitik.

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