Familie von Asia Bibi - Versteckt und in ständiger Angst

Die vor acht Jahren wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilte Katholikin Asia Bibi darf wohl bald nach Kanda ausreisen. Viele Hilfsorganisationen hatten sich für sie eingesetzt. Für ihre Familie, die in Pakistan zurückbleiben muss, scheint sich dagegen niemand zu interessieren. Ein Besuch

Familienmitglied Asia Bibis
Asia Bibis Familie bleibt ohne Hilfe in Armut zurück / Ul-Haq

Autoreninfo

Terrorismusexperte Shams Ul-Haq ist in Pakistan geboren. Er schreibt unter anderem für Die Welt und die Schweizer Sonntagszeitung. Sein Buch „Eure Gesetze interessieren uns nicht!“ ist im Orell Füssli Verlag erschienen.

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Shams Ul-Haq

Asia Bibi darf möglicherweise bald nach Kanada ausreisen, doch ihre Familie – ihr Vater und ihr schwerkranker, auf Krücken laufender Bruder – müssen in Pakistan bleiben. Dort sind sie massiven Todesdrohungen seitens der Mullahs ausgesetzt. Kein Politiker, keine Medien, keine christliche Kirche, keine Hilfsorganisation oder NGO hilft ihnen, die in einem Versteck zwei Stunden von Lahore entfernt leben. Nach der Verhaftung Bibis im Jahre 2010 versuchten sie ihre Heimat zu verlassen, weil auch ihnen eine Gefängnisstrafe drohte. Das erzählt mir ihr Vater, als ich die Familie besuche.

Die Fahrt nach Nirgendwo

Zwei Kontaktpersonen fahren mit mir von Lahore aus los. Wir reisen etwa zwei Stunden lang durch einige kleine Dörfer. Endlich kommen wir an und ich stehe vor einer Siedlung, in der höchstens 100 Personen leben. Kleine, aus Erde gemauerte und teilweise provisorisch mit Lehm verputzte Häuser. Hier versteckt sich also Asia Bibis Familie. In einem der Häuser, in einem kleinen dunklen Raum, leben der Vater und der älteste Bruder mit nur zwei Betten als Mobiliar. Und das seit Jahren, seit die Familie aus ihrem Heimatdorf hierher geflohen ist. Asia Bibi hat noch zwei weitere Brüder. Der eine arbeitet als Busfahrer und schläft auf seiner Arbeitsstelle, der andere ist für das Dorfoberhaupt als Maurer tätig, ständig unterwegs und kommt selten nach Hause. Die fünf Schwestern Asia Bibis sind alle verheiratet und leben bei ihren Ehemännern. Nicht einmal ihr Vater weiß genau, wo sie sich befinden. Auch sie verstecken sich.

Ich sitze draußen in der heißen Sonne neben dem Vater, der mir mit ruhigen Worten seine Geschichte erzählt. Einfach gekleidet, ärmliche staubbedeckte Sandalen. Die Söhne sitzen mit verschränkten Armen auf der landesüblich geflochtenen Außencouch. Aus Pappbechern trinken wir Cola gegen den Durst.

Wie alles begann

Ihr Vater erzählt mir, dass keine Aussicht auf eine Verbesserung ihrer verzweifelten Lage besteht. Schließlich interessiert die Öffentlichkeit lediglich die Geschichte von Asia Bibi und nicht die ihrer Familie. „Dadurch gibt es auch keine Unterstützung und daran wird sich wohl nichts ändern.“ Die meisten Menschen in diesem kleinen Dorf seien Muslime, die jedoch die christliche Familie akzeptieren. Weil seine anderen Töchter auch nicht hier leben, gibt es weniger Probleme. Ich frage den Vater wie es zur Verhaftung von Asia Bibi und zur Flucht der Familie kam. Er beginnt mit der Feststellung, dass die Anklage jeglicher rechtlichen Grundlage entbehrte. „Man hat es uns untergejubelt.“

Dann erzählt er, dass Asia Bibi mit zwei muslimischen Dorfmädchen sehr gut befreundet war und die drei viel Zeit zusammen verbrachten. Am verhängnisvollen Tag waren sie in einem Obstgarten unterwegs. Sie pflückten Obst und unterhielten sich über Religionen, über den Propheten Mohammed und auch über Jesus. Asia Bibi kam nach Hause und erzählte, sie hätten sich über die Religionen gestritten und sich gegenseitig Vorwürfe gemacht. Fünf Tage später kam dann der Imam des Dorfes, in dem damals die Familie lebte. Einige Polizisten begleiteten ihn und nahmen Asia mit.

Auf der Flucht

An dieser Stelle macht ihr Vater eine kurze Pause. Dann sagt er: „Ich habe schnell begriffen, dass das eine Nummer zu groß für uns wird. Dass Widerstand zwecklos ist. Meine Söhne wollten sich noch gegen die Verhaftung wehren und haben herum geschrien und wollten um ihre Schwester kämpfen. Aber ich habe sie gewarnt und ihnen gesagt, das ist eine Nummer zu groß für euch. Ihr seid zu schwach, um euch gegen die Polizei und die Politiker, die dahinter stehen, zu wehren. Dann habe ich meine Kinder genommen und bin aus meinem Heimatdorf hierher geflüchtet, ohne dass irgendjemand etwas davon mitbekam. Seitdem leben wir hier. Versteckt und in ständiger Angst vor einer Verhaftung.“ Er erzählt mir, dass er nun das erste Mal mit jemanden über alles spricht, dass niemand hier wisse, weshalb sie sich verstecken.

Dann spricht er weiter: „Da meine Kinder und ich uns gegen die Verhaftung ausgesprochen haben, wollten die uns auch noch mitnehmen. Ich hatte Angst um meine Kinder und deshalb entschlossen wir uns zur Flucht. Wir hatten keinerlei Möglichkeit und Gelegenheit, unsere Version der Geschichte vorzutragen. Niemand interessierte sich dafür, sie haben meine Tochter einfach mitgenommen.“

Die Zeit nach der Verhaftung von Asia Bibi

100 Jahren sei er alt. Auf seinem Personalausweis steht, dass sein Alter 89 Jahre beträgt. Er begründet den Unterschied damit, dass er seinen Ausweis mehrfach nachmachen ließ. Er sagt, dass er zu alt und zu schwach wäre, um gegen diese Ungerechtigkeit zu kämpfen. Ich kann nicht sagen, ob vor mir tatsächlich ein beinahe hundertjähriger Mann steht. Ich sehe jedoch einen Mann, der alt, krank und schwach wirkt.

Asia Bibis Ehemann ist zweifach verheiratet, wobei sie die zweite Ehefrau ist. Kurz nach der Verhaftung unterstützte er ihren Vater und den kranken Bruder, einmal besuchte er die beiden. Anfangs besuchte der Vater seine Tochter im Gefängnis, doch dann wurde es zu gefährlich für ihn. Angeblich suchten die Behörden nach der Familie. Zu dieser Zeit brach auch jeglicher Kontakt zu ihrem Ehemann ab.

Grundsätzliche Abneigung gegen Christen

Ihr Vater erzählt auch von ihrer Mutter, seiner Ehefrau: „Die Verhaftung traf sie sehr schwer. Sie war damals schon krank, konnte kaum mehr sehen und war körperlich stark eingeschränkt, da sie vor vielen Jahren einen Arm verlor. Als sie Asia wegbrachten, weinte sie nur noch. Sie starb bald darauf. Vor Kummer.“

Dann bekomme ich die Möglichkeit, mich mit den drei Brüdern von Asia Bibi zu unterhalten. Der älteste Bruder kann kaum sprechen, da er sehr krank ist. Der jüngste Bruder erzählt, dass es ihnen in ihrem Heimatdorf gut ging, doch einige Muslime es nicht ertragen hätten, dass Christen unter ihnen lebten. Vor allem Christen, die ein zufriedenes Leben führten. Er macht mir klar, dass einige Muslime im Dorf grundsätzlich etwas gegen sie hatten. Sie wurden mehrfach bei der Polizei angezeigt und als zwischen Asia Bibi und ihren Freundinnen ein Streit über religiöse Fragen ausbrach, nutzten die Muslime das, um sie zu vertreiben. Er äußert zudem den Verdacht, dass alles geplant war. Er vermutet, dass selbst der Streit inszeniert wurde, da die beiden Freundinnen von Asia Bibi unmittelbar danach zum Mullah gingen und diesem alles erzählten. Dieser hätte daraufhin die Sache richtig hoch kochen lassen.

Niemand interessiert sich für die Familie

Der Vater bedauert, dass sich zwar alle Organisationen um seine Tochter gekümmert haben, aber weder Pakistan, noch Europa, noch Hilfsorganisationen sich für seine Familie interessieren. „Wir müssen weiter in Angst leben, nur Asia Bibi hat die Möglichkeit, von hier wegzugehen. Wir leben hier zur Zeit sehr unglücklich, aber was sollen wir machen? Wir wissen nicht weiter.“ Aus eigener Kraft schaffen sie es nicht, sich in Sicherheit zu bringen. Dazu fehlen der Familie sämtliche finanzielle Mittel. Asia Bibis jüngster Bruder beschwert sich bei mir – ebenso wie sein Vater – über die christliche Kirche, über die Politik und über sämtliche Organisationen, die sie im Stich gelassen haben. Dass nicht mal danach gefragt wird, wie sie leben müssen und ob sie klar kommen. Er erzählt auch, dass sich bei ihnen umgerechnet in etwa dreitausend Euro Schulden angehäuft haben, seit ihre Schwester verhaftet wurde. Sie leihen es sich von privaten Geldgebern und arbeiten die Schulden ab.

Ich frage die Männer, was sie sich wünschen. Darauf kann jedoch niemand eine Antwort geben. Sie sehen mich einfach nur an. Dann machen wir uns auf den Weg. Zurück bleibt eine Familie, die verloren scheint.

Christa Wallau | Mo, 15. April 2019 - 19:43

... mußte ich erst mal schlucken.

Es darf doch einfach nicht wahr sein, daß wir in Deutschland muslimische Pakistanis als "Geflüchtete" aufnehmen, bestens versorgen und sie einem Asylverfahren zuführen,
während wir den wenigen Christen in Pakistan
nicht z u e r s t mal beistehen und sie, wenn sie bedroht sind, aufnehmen!
Warum ist die Familie von Asia Bibi nicht längst in Europa?
Wie können Bischof Bedford-Strohm oder Kardinal Marx begründen, daß sie sich nicht um das Schicksal dieser, n u r wegen ihres Glaubens verfolgten Familie kümmern?

Mir sträuben sich die Haare!
Das geht alles über meine Hutschnur.

Tja, Frau Wallau, die überall geforderte Moral, ist wählerisch in ihren Klientel, welches schutzbedürftig ist.
Selbst im „toleranten“ Großbritannien war kein neues Zuhause für Asia zu finden. Dort hatte man Angst, dass es zum Aufstand unter den Muslimen komme, berichtet die Huffington Post im Nov.2018. Man habe „Sicherheitsbedenken“, hieß es aus Regierungskreisen.
Asia hatte dort zuerst, für sich und Familie, einen Asylantrag gestellt.

Beide wollen sich nicht einmischen, da sie nicht den Eindruck erwecken wollen, dass Christen und Muslime nicht friedlich miteinander zusammen leben können.
Antwort von ihren Büros auf meine Anfrage weshalb sie die Christlichen Flüchtlinge nicht mehr unterstützten und sich nicht mehr für sie einsetzen.

Ernst-Günther Konrad | Mo, 15. April 2019 - 20:43

Also wirklich, nach Clas Relotios wieder eine Jammergeschichte. Tut mir leid, ich bin weder herzlos noch fehlt es mir an Emphatie. Ich bin aber auch nicht blöd. Was soll diese Stroy. Wollen die Spenden oder sollen wir sie nach Deutschland holen? Solche Geschichten gibt sicher unzählige. Die Familie hat vorher schon in Armut gelebt und tut es auch jetzt. Sie haben Angst vor der Polizei, vor der Politik und vor den Muslimen. Die hatten sie vor dem angeblichen Zwinschenfall nicht?
Die Behörden finden sie tatsächlich nicht und alle im "neuen" Dorf wissen nichts?
Der 89jährige oder war er 100 Jahre, hat Kinder in die Welt gesetzt und klagt jetzt über seine Lebensverhältnisse dort. Was istdie Familie eigentlich? Sind sie nun christlichen Glaubens oder nicht? Sie schimpfen über die Kirche, weil sie ihnen nicht hilft. Haben aber wegen ihres Glaubens Probleme. Es gibt den Spruch der da heisst: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.
Leute, Leute ist das Buchwerbung oder was soll das werden?

Max Müller | Di, 16. April 2019 - 08:32

Pakistan hat vor gut einem Jahr mit einem Staatsbegräbnis Pakistan Abschied von der deutschen Ordensfrau Dr. Ruth Pfau genommen, die sich dem Kampf gegen die Lepra-Krankheit verschrieben hatte. An der Feier in der St.-Patrick's-Kathedrale in Karachi nahmen hunderte Menschen teil, die Zeremonie wurde landesweit im Fernsehen ausgestrahlt. Die mit 87 Jahren Verstorbene, wurde in Pakistan "Engel von Karachi" und "Mutter der Leprakranken" genannt. Sie hat sich aus christlicher Nächstenliebe für die Menschen in Pakistan eingesetzt.
Um so unverständlicher, dass in Pakistan gerade Christen mit soviel Hass verfolgt werden.

Ernst-Günther Konrad | Di, 16. April 2019 - 10:43

Genau dieses Unverständnis hat mich zu meinem obigen Kommentar veranlasst. Offenkundig hat der Staat Pakistan gegenüber den Christen zwar ein gespaltenes Verhältnis, in der Bevölkerung gibt es mit Sicherheit Fanatiker, das streite ich nicht ab. Dann aber öffentliche Huldigung einer Ordensfrau und dann wieder kleinliche Verfolgung einer "unbedeutendenden" Christin nach einem Streit unter Mädchen?
Nur, Asia und auch ihre Familie lebten offenbar bis zu diesem öminösen Streit unbehelligt. Mag der Konflikt der Mädchen eskaliert sein und die Reaktion darauf unsinnig. Asia ist in Sicherheit und um sie ging es. Der angeblich 100jährige Mann will tatsächlich noch mal woanders hin? Die "versteckten Familienmitglieder" werden von den "fanatischen" Behörden nicht gefunden? Es sind mir zu viele Unbekannte in der Gleichung. Was will der Vater, was die Familie von der Kirche. Unklar. Irgendiwe Hilfe will sie. Hat er mit der Kirche selbst Kontakt aufgenommen? Wissen die wo er ist? Fragen über Fragen.

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