Ägypten - Die Militärdiktatur und die Generation Revolutionsburnout

Bei den Präsidentschaftswahlen in Ägypten am heutigen Montag gilt Ex-Feldmarschall Abdel Fattah Al-Sisi als aussichtsreichster Kandidat. Die einen lieben ihn, weil er hart durchgreift. Doch die Jugend ist frustriert vom Comeback der Militärdiktatur. Das Land ist tief gespalten

Ein Soldat patrouilliert in einem Panzer in Kairo, Ägypten, vor einer Wand mit Graffitis, die Opfer blutiger Auseinandersetzungen zeigen
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Elisabeth Lehmann ist freie Journalistin in Kairo.

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„Ich hab damals aus Scherz gesagt: Jetzt haben wir Demokratie, jetzt kann ich mich um andere Dinge kümmern und heiraten.“ Youmna erinnert sich an die Tage im Januar 2011, als sie gemeinsam mit Millionen anderer Ägypter tagelang auf dem Tahrir-Platz ausgeharrt hatte. Bis der verhasste Langzeit-Präsident Hosni Mubarak endlich abtrat. Das ägyptische Volk hatte zum ersten Mal seine Stimme erhoben und die Machthaber in die Schranken gewiesen. Die Euphorie war grenzenlos.

Heute, drei Jahre später, herrscht Resignation unter der Revolutionsjugend. „Alles, wogegen wir gekämpft haben, kommt wieder“, sagt Youmna frustriert.

Youmna geht es wie vielen ihrer Generation. Sie leidet unter „Revolutionsburnout“. So nennt Ayman Abdel Meguid die Erschöpfung nach den Jahren des Kampfes, der, so scheint es heute, sinnlos war. Abdel Meguid ist einer der führenden Köpfe der Demokratiebewegung „6. April“, die seit ein paar Wochen verboten ist. „Wir sehen eine Renaissance des Systems Mubarak, nur viel schlimmer“, sagt Abdel Meguid. „Was im Moment geschieht, wird dem Land mehr Repression bringen, als wir unter Mubarak je gesehen haben.“

Al-Sisis Wahl gilt als sicher


Abdel Meguid spielt auf den nächsten Präsidenten Ägyptens an. Die Wahlen finden zwar erst am Montag statt. Doch dass Ex-Feldmarschall Abdel Fattah Al-Sisi sie gewinnen wird, gilt als sicher. Er wird demokratisch gewählt sein, er muss die Wahlen nicht fälschen lassen. Die Unterstützung der Bevölkerung ist ihm gewiss.

[[{"fid":"62330","view_mode":"copyright","type":"media","attributes":{"height":219,"width":345,"style":"height: 127px; width: 200px; margin: 2px 10px; float: left;","class":"media-element file-copyright"}}]]Das wird deutlich, wenn man sich in diesen Tagen auf den Straßen Kairos umhört. Kein Café, keine Straßenecke, kein Taxi, in dem man nicht „Sisi, Sisi, mein Präsident“ vernimmt. Gefragt nach den Gründen für ihre Entscheidung, antworten die meisten mit zwei knappen Worten: Sicherheit und Stabilität.

Wie wichtig das für die Menschen im Land ist, wird bei einem Spaziergang über den Khan Khalili, den großen Markt in der Altstadt von Kairo, deutlich. Viele Geschäfte sind geschlossen. Sie leben hier von den Touristen. Doch die kommen immer seltener, seit Anschläge in Ägypten zum Alltag gehören.

„Ägypten braucht einen starken Mann“


Gamal Shousha hat ein kleines Geschäft für Kupferwaren. Vor seinem Laden sitzt einer seiner Mitarbeiter und graviert ein prächtiges Muster in einen Teller. Auf der Seite des Tisches prangt ein Sisi-Konterfei. „Ich hatte vor der Revolution neun Mitarbeiter, jetzt sind es nur noch drei.“ Shousha schaut sich die Gravur an, klopft seinem Mitarbeiter auf die Schulter und wendet sich einem Kunden zu. Ein Ägypter. Ausländer sehen sie hier nur noch selten. „Ägypten braucht einen starken Mann“, ist Shousha überzeugt. „Und die besten davon gibt es nun einmal beim Militär.“

Ein starker Mann, einer der wieder Recht und Ordnung herstellt – das wünschen sich die meisten Ägypter. Auch sie leiden nach Jahren der Wirren und des Kampfes um ihre Existenz unter einer Art Burnout.

Wie Al-Sisi Stärke interpretiert, hat er schon in seinem ersten Fernseh-Interview klargemacht. Die Muslimbrüder werden „keine Rolle mehr spielen“ im Land. Auch sollten Meinungsfreiheit  und andere Rechte nicht überschätzt werden. Sie seien eine Gefahr für die nationale Sicherheit.

Die Gesellschaft wird gespalten


Mit dieser Rechtfertigung schaltet Al-Sisi derzeit alle Kritiker nach und nach aus. „Unter dem Verdacht, Anhänger der Muslimbrüder zu sein, kann im Prinzip jeder festgehalten werden“, sagt Rafiq, Youmnas Mann und Anwalt in einer Organisation, die sich für willkürlich Verhaftete einsetzt. „Laut der neuen Verfassung habe ich als Anwalt eigentlich das Recht, von der ersten Minute an bei meinem Mandanten zu sein. Aber was soll ich denn machen, wenn die Polizei sagt ‚Verpiss dich‘?“ Rafiq bläst den Rauch seiner Zigarette in die Luft und reibt sich die Augen. „Es ist echt alles deprimierend im Moment.“

Die Muslimbrüder gelten derzeit als Quelle allen Übels in Ägypten. Die massenhafte Inhaftierung und Verurteilung ihrer vermeintlichen Anhänger wird von vielen hingenommen, sehen sie in ihnen doch die Verantwortlichen für den Terror im Land. Eine Versöhnung hat Al-Sisi konsequent ausgeschlossen. Damit spaltet er die Gesellschaft auf kaum absehbare Zeit in zwei Lager, von denen eines die Staatsmacht auf ewig bekämpfen wird. Eine explosive Grundlage für ein ohnehin instabiles System.

Revolutionen brauchen Zeit


Ayman Abdel Meguid und die Anhänger der „Bewegung 6. April“ haben beschlossen, die Wahlen zu boykottieren. Eine weitere Gruppe, die den neuen Präsidenten nicht als ihr  Staatsoberhaupt anerkennen und ihm jegliche Unterstützung verweigern wird. „Diese Wahlen sind eine Farce. Der Gegenkandidat Hamdien Sabbahi ist nur dazu da, um sie im Nachhinein als demokratisch zu rechtfertigen. Um das Image Ägyptens im Ausland aufzupolieren.“

Abdel Meguid versucht Menschen wie Youmna und Rafiq zu überzeugen, durchzuhalten. Keine Revolution sei von heute auf morgen erfolgreich gewesen. Das habe die europäische Geschichte gezeigt. Doch Youmna hat genug von Politik. „In diesem Land ändert sich sowieso nichts.“ Sie sucht nach Wegen, Ägypten zu verlassen. Vor drei Jahren, auf dem Tahrir, hätte sie das noch nicht für möglich gehalten. Immerhin: Das mit dem Heiraten hat geklappt. Auf Demokratie warten die Ägypter noch immer.

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