Unternehmer 4.0 - Strahlen überm Sonnenberg

Lars Fassmann ist Unternehmer neuen Typs: alternativ, engagiert und heimatverbunden. Besuch bei einem spannenden Exoten

Lars Fassmann sitzt auf einer Fensterbank, die Füße auf einem Sofa abgestellt
„Chemnitz hat viele Kreative und Kulturschaffende. Um die muss sich die Stadt kümmern“, sagt Lars Fassmann / Jasmin Zwick

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Diese Lampen! Sie sind das erste, was einem ins Auge springt, wenn man die Chemnitzer Kneipe Lokomov betritt. Die Leuchten mit den großen Kugeln und den markanten Verbindungsrohren sind beeindruckend – und sie bilden einen Kontrast nicht nur zu dem Altbau, in dem sich das Lokomov befindet, sondern zum gesamten Stadtteil Sonnenberg. „Sonnenberg? Was wollen Sie denn da?“, antwortet eine Frau auf die Frage nach dem Weg. „Ich sag mal so: Es gibt schönere Ecken.“ Sonnenberg, einst als Brennpunkt verschrien, mag nach wie vor keinen klingenden Namen haben. Doch in dem Viertel hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Und zu einem guten Teil liegt das eben an Lars Fassmann.

Das Lokomov hat noch nicht geöffnet, aber Fassmann ist schon da. Dem 43-Jährigen gehört das Lokal, das  gesamte Haus und das Gebäude gegenüber. Darin: Ateliers, Wohnungen, Pizzeria, Club, Bandproberäume, Fotostudio und Werkstatt für Fahrrad-Oldtimer „nach bester Chemnitzer Industrietradition“, wie Fassmann sagt. Und mit der kennt sich der 1978 in Garnsdorf geborene Geschäftsmann bestens aus. Mit Mitte 20 gründete er das IT-Unternehmen Chemmedia AG, bis heute führender Anbieter in Sachen Lernsoftware. Er ist Gründungsmitglied des Landesverbands der Kultur- und Kreativwirtschaft Sachsen, Vizepräsident des Industrieverbands und Gesellschafter eines Unternehmens namens Kabinettstückchen. Kurz: Fassmann ist engagierter Unternehmer im besten Sinne; immer mit einem Gespür für den richtigen Zeitpunkt, um Dinge anzugehen. Und er weiß stets, was zusammenpasst.

Er missbilligt die Extreme

„Die sind aus Erichs Lampenladen“, sagt er und schaut zur Decke. Die Originallampen aus dem Berliner Palast der Republik hängen über weniger eleganten Sesseln. Auf den Tischen stehen gelbe Tulpen. „Den hat der Chaos-Chemnitz-Hackerspace aufgestellt“, sagt er und zeigt auf einen „Raspi“, einen Mikrocomputer, der einen Röhrenmonitor ansteuert. Über den alten Bildschirm rattern Anzeigen. „Der gesamte Fahrplan“, sagt Fassmann und schmunzelt. Ein paar Jahre saß er für die Liste Piraten/Wählervereinigung Volkssolidarität im Stadtrat. Ob und wann die Verkehrsbetriebe ihre Daten für die Allgemeinheit als Open Data freigeben, sei dort damals lange Thema gewesen. Im Erdgeschoss ist ein Teil der Fassade angesprayt. Im oberen Teil fehlen vereinzelt Fenster. Das Dachgeschoss wird als Lager für Material und Ausstellungsstücke genutzt. Die Miete für die Ateliers beträgt maximal einen Euro Kaltmiete. Fassmann ist eben kein gewöhnlicher Investor. Für ihn zählt, wie er sagt, die „gesellschaftliche Rendite“. Als Gewerbetreibender will er etwas tun für seine Stadt. Davon wiederum profitiert auch er selbst – denn Chemnitz wird so zu einem Ort, wie er ihn sich immer gewünscht hat: offen, lebendig, vielseitig.

Fassmann missbilligt die Extreme, er spricht und schreibt an gegen Rassismus, Rechte und Fußball-Hooligans – er kritisiert aber auch ein, wie er sagt, verzerrtes Bild seiner Stadt als Hort von Neonazis. Fassmann nimmt eine verengte Sicht mancher Chemnitzer aufs Korn, Menschen, die zufrieden seien mit Haus, Garten, Auto und für die Themen, die ihm wichtig sind, keine Rolle spielen: sauberes Trinkwasser in Kenia oder die Ausbildung von Bankern, die Mikrokredite vergeben. Auf kompetente Weise, oft gespickt mit Sarkasmus, kann er sich auch zur Wirtschaftspolitik in seiner Stadt äußern. „Der Eindruck, dass wir eine reine Industriestadt sind, hält bis heute an. Dabei haben wir eine ganz gemischte Wirtschaft und viele Kulturschaffende.“ Für die müsse etwas getan und so die Abwanderung gestoppt werden.

Chemnitz – eine tolle Stadt!

Den Anstoß für diese Haltung gab für ihn vor Jahren der drohende Abriss von 180 Gründerzeithäusern: Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin fasste er damals einen Plan: „Ich kaufte ein paar Immobilien und gab die Flächen frei für kulturelle Projekte.“ Den Anfang machte eine 1907 erbaute Villa. 2004 erwarb sie der junge Unternehmer und begann mit ihrer Sanierung. Heute hat in dem Haus sein eigenes Unternehmen, die Chemmedia AG, seinen Sitz. Fassmann hatte die Firma gegründet, da war er gerade mit dem Studium fertig. Anders als seine Kommilitonen wollte er Chemnitz damals nicht verlassen. Er erinnert sich noch heute an einen Brief, den er im letzten Semester vom damaligen Oberbürgermeister erhalten hatte: „,Wenn Sie in die Welt hinausgehen, berichten Sie positiv über Chemnitz‘, stand da geschrieben. Und ich dachte: Ich will doch gar nicht in die Welt hinaus. Ich will in Chemnitz bleiben!“ Eine tolle Stadt. Sie müsste sich halt nur ein bisschen verändern. Und dafür, so Fassmann in guter Unternehmertradition, dafür müsse man letztlich selber sorgen.

Sonderheft CoverDies ist ein Artikel aus dem Sonderheft „Mensch & Maschine“ von Cicero und Monopol












 

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