Cicero im Mai - 200 Jahre Faust. Das deutsche Drama

Vor 200 Jahren hat das Berliner Monbijou-Theater Goethes „Faust“ zum ersten Mal aufgeführt. Es wurde zu dem Drama der Deutschen überhaupt. Im neuen „Cicero“ widmen wir uns der Frage, wie Faust 200 Jahre nach seiner Premiere in Szene gesetzt wird und was der Stoff uns heute sagt

Mephisto Faust Goethe
200 Jahre Faust-Drama: Wie hast du's mit Mephisto?

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Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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In Schreibfibeln wird oft ein Bonmot des amerikanischen Filmproduzenten Samuel Goldwyn abgewandelt, wonach ein Text im ersten Satz mit einem Erdbeben beginnen und sich dann langsam steigern solle – weil jeder Leser die erste schwache Formulierung zum Anlass nehmen könnte, um auszusteigen.

Ein hoher Anspruch. Jeder Autor weiß, wie schwer es ist, im Leben auch nur zwei oder drei Erdbebensätze hinzubekommen. Was für eine Meisterleistung, wenn ein Werk über Hunderte Seiten und zwei Bände ausschließlich aus Sätzen besteht, die sitzen. 60 Jahre hat Johann Wolfgang von Goethe damit verbracht, in seinem „Faust“ Sätze aneinanderzureihen, die beim Lesen im Kopf explodieren, die so klingen, als seien sie allesamt für die „Geflügelten Worte“ des „Büchmann“ erdacht worden – und doch ein großes Ganzes bilden. Noch dazu wirkt Goethes Wortgewalt dabei viel anstrengungsloser als etwa die Werke Schillers, dessen Dramen man das Bemühen ungleich mehr anmerkt. In der Tat ist Goethes Lebens- und Meisterwerk „Faust“ das einzige Drama deutscher Sprache, das in einer Klasse mit jenen von Shakespeare rangiert. Es ist das Drama der Deutschen.

Vor 200 Jahren hat das Berliner Monbijou-Theater Goethes „Faust“ zum ersten Mal aufgeführt. Es ist seither das meistgespielte heimische Drama auf deutschen Bühnen. Unser Autor Björn Hayer hat sich auf eine Reise durch die Republik gemacht, um sich in sechs aktuellen Inszenierungen anzuschauen, wie Faust 200 Jahre nach seiner Premiere in Szene gesetzt wird. Und was der „Faust“-Stoff uns heute sagt. Die große alte Dame der Theaterwissenschaft, Erika Fischer-Lichte, hatte als junges Mädchen die berühmte Inszenierung von Gustaf Gründgens aus dem Jahr 1957 derart fasziniert, dass sie ihren Beruf dem Theater widmete. Im Interview erzählt sie von ihrem Erweckungserlebnis und darüber, wie Gründgens auf Fanpost der damals 15-Jährigen reagierte.

Warum „Faust“ auf ewig wirkt? „Aber doch ist alles sinnlich und wird, auf dem Theater gedacht, jedem gut in die Augen fallen“, befand am 25. Januar 1827 Goethe selbst in einem Gespräch mit seinem Hausfreund Eckermann. „Und mehr habe ich nicht gewollt. Wenn es nur so ist, dass die Menge der Zuschauer Freude an der Erscheinung hat“, stapelte er scheinbar tief und setzte gleichwohl hinzu: „dem Eingeweihten wird zugleich der höhere Sinn nicht entgehen.“

Mit besten Grüßen
Christoph Schwennicke
Cicero-Chefredakteur

 

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Romuald Veselic | Do, 25. April 2019 - 06:07

ist kein deutsches Drama mehr. Es globalisierte sich, verselbständigte sich. Die Theaterbühne für immer verlassen und zum Mensch mit seinem Alltag geworden.
Weltweit, auch dann, wenn die Eliten-Akteure nicht mal etwas von Goethe wissen, geschweige Faust richtig aussprechen können. Das Problem darin: Die beiden Figuren v. Faust und Mephisto, sind eins geworden.

herbert binder | Do, 25. April 2019 - 15:07

In reply to by Romuald Veselic

Zwei Figuren sind eins geworden.
Das wird so sein, lieber Herr Veselic. Interessant wäre
auch, zu wissen, wieviel Schiller (Apollon?) steckt in
Goethe (Dionysos?)? Und natürlich vice versa. Nur eins
geht m.E. nicht, den einen gegen den anderen auch nur
andeutungsweise (wie im Text versucht) auszuspielen.
Zwei Kolosse auf Augenhöhe - getrennt allenfalls durch
persönliche Vorlieben.

gabriele bondzio | Do, 25. April 2019 - 08:54

Faust gehörte zur Pflichtlektüre in der Schule. Als 15 jährige aber zu jung um den tiefen Sinn zu erfasse. Die Aussagekraft, welch in den Worten liegt, erschließt sich mit dem Leben.
"Der Worte sind genug gewechselt, Laßt mich auch endlich Taten sehn; Indes ihr Komplimente drechselt, Kann etwas Nützliches geschehn." — (Vers 214 ff. )...könnte man unseren Regierenden tägl. zu rufen.
Die Deutschen, welche gefangen durch tiefsinnige Gedanken das Leben viel zu schwer nehmen. "Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, Es müsse sich dabei doch auch was denken lassen."(Vers 2565)
Faust, der Wissenschaftler, der zurückschreckt vor den Gedanken, dass die Beherrschung der Natur, durch den Erfindungsgeist der Menschen aus den Fugen gerät. Oder die Gretchenfrage "Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?...die Ergründung des inneren Wertes, aus der sich Faust herauswindet. Weil er nicht Stellung beziehen will. Faust ist ein Werk, das zeitlos mit Gedanken untersetzt werden kann.

Ernst-Günther Konrad | Do, 25. April 2019 - 09:32

Ich habe Faust in der Schule lesen dürfen/müssen. Vieles damals nicht verstanden, trotz Erklärung des Lehrers. Erst mit zunehmenden Alter mag jeder selbst entscheiden, ob es nochmals liest, sich Theateraufführungen ansieht oder es einfach läßt. Es nicht zu tun wäre die verschenkte Chance, die Zeit des Goethe damals zu verstehen und bis heute in Abgleich zu bringen. Ich bleibe beim Ur-Faust und seiner Erklärungen hierzu, wobei ich für mich nach wie vor tagesaktuell seine Aussagen zum Leben und Wirken des Menschen mit all seinen Versuchungen und Verführungen bis heute wieder erkenne. Typisch Mensch, der versucht sodann für seine Zwecke den Inhalt umzudeuten, "neu" zu erklären und nicht davor zurück schreckt, es sogar politisch, je nach Sichtweise für sich zu interpretieren. Haben einige Politiker den Faust gelesen und wenn ja, auch verstanden? Kommt ihnen die Umdeutung recht, weil sich manch einer in ihm wiedererkennt? Ist es interlektuell, Goethe ständig neu zu erklären? Ich meine Nein.

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