200 Jahre Goethes „Faust“ - Vom Sturz eines Titanen

Zwischen Individualismus, Patriarchat und großen Gefühlen: Nach 200 Jahren „Faust“ auf der Bühne ziehen die Theater eine Bilanz des bis heute vielschichtigsten Antihelden der Deutschen

Szene aus Goethes "Faust I" in einer Inszenierung von Gustaf Gruendgens im Deutschen Schauspielhaus Hamburg im Fruehjahr 1957
Blitzende Augen hinterm bergenden Draht des Lids: Gustaf Gründgens als Mephisto, Will Quadflieg als Faust / picture alliance

Autoreninfo

Björn Hayer: Der 1987 in Mannheim geborene Autor ist promovierter Germanist und arbeitet heute als Literatur- und Theaterkritiker sowie Essayist für verschiedene deutschsprachige Zeitungen und Magazine. Er schätzt mutige Utopien und steile Thesen. Für Goethes „Faust“ zündete bei ihm tatsächlich bereits die Schule den Funken

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Faust. Ein Mann, ein Wort. Faust, die Verkörperung der Tat, des ewig menschlichen Strebens nach Sinn und Wahrheit. Faust, der Grenzgänger zwischen Melancholie und Selbstüberschätzung. Faust, der Hohepriester der deutschen Seele. Der Überflieger hat im Laufe der Jahrhunderte viele Zuschreibungen erfahren und gilt seit seiner fragmentarischen Uraufführung vor 200 Jahren, am 24. Mai 1819 im Berliner Schloss Monbijou, als einer der schillerndsten, problematischsten Charaktere der Literaturgeschichte. Unzählige Male für das Theater, in Filmen und Romanen adaptiert, zitiert und bearbeitet, avancierte Goethes unsteter Held zu einer Spiegelfigur für Mentalitäten und Herausforderungen der jeweiligen Epochen.

Dass die einen in dem Universalgelehrten einen nicht zu kopierenden, beinah gottgleichen Titanen sahen, während andere in ihm den mit allem Guten und Bösen versehenen Jedermann zu erkennen glaubten, ergibt sich aus den Widersprüchen im Helden selbst. Man feierte das von unstillbarem Wissensdurst getriebene Genie genauso wie den an seinen Trieben und Egoismen scheiternden Repräsentanten aller Menschen. Trotz unterschiedlicher Perspektiven ist zumindest die dramatische Story dieses offenbar schwer zu greifenden Subjekts schnell erzählt: Darbend in seiner dunklen Stube, befindet sich Faust anfangs in einer existenziellen Krise. Obwohl er über reichhaltiges Wissen aus sämtlichen Disziplinen verfügt, ist er außerstande zu klären, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Vermeintliche Erlösung verspricht ihm Mephisto, der teuflische „Geist, der stets verneint“.

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Martha Schwerdtlein | Mi, 24. April 2019 - 20:02

Dieses Opus summum den obwaltenden Regisseursadlaten vorzuwerfen, ist das Übelste, was dem Stück passieren konnte. Goethe hatte das geahnt und nicht umsonst die Versiegelung seines Manuskriptes bis nach seinem Tod verfügt.

Die Regiebestellten, die ohne SS- Uniformen in allen Lagen, ohne Voyeurismus und ohne die ständige Handbreite Sperma unter dem Kiel sofort intellektuell aufzusitzen pflegen, machen sich über das Stück her wie die Affenherde in Hellabrunn über die Bananenstaude (Hallo, hallo! Welch ein Hatespeech!!!)..

Da das Publikum zerstreut hinzueilt und auch der obige Rezensent nicht mitbekommen hat, dass das Stück eine absolut stringente Handlung, vom Vorspiel bis zur letzten Auffahrt, hat, bleibt der vom Inhalt des Stückes fast vollständig abgehobene Regieklamauk ebenso undurchschaut wie ungerügt.

Der Menschheit ganzer Jammer fasst einen an, wenn man die Post-Peter-Stein-Aufführungen als Selbstbespiegelung der Herren eigenen Geistes betrachten muss.

Wolfgang Tröbner | Do, 25. April 2019 - 09:12

"Und während man im Klassenzimmer noch ausgiebig die sogenannte kosmologische Dialektik bespricht, wonach das Gute und Böse ... sich im Idealtypus Faust vereinten, arbeiten die Theater längst an dessen Dekonstruktion." Dazu kann ich nur sagen: "When the dog barks at the moon, the moon doesn't care." Mit anderen Worten: Goethes Werk wird all das überleben. Man wird es noch in 100 Jahren kennen. Wer erinnert sich dann aber noch an all diese Theatermenschen?

Maria Fischer | Do, 25. April 2019 - 10:28

Und wieder wird „Faust“ aus dem historischen Kontext herausgerissen.
Weitgehend von Ich- Zentrierte „Zeitgeister“ benutzt.
Lerneffekt= null.
Eine prickelnde Auseinandersetzung hatte ich erhofft zwischen zeitgenössischen Interpretationen und dem historischen Kontext.
Schiller hat es doch klar geäußert “Die Unheilbare Wunde... die Dichotomie zwischen Gefühl und Verstand.“ Es geht um Sinnlichkeit, Vernunft, Goethe, Leibniz, Wolff, Descartes, Rousseau, Kant, Burk, Klassik, Romantik...

Schade, es wäre ein Anfang gewesen!

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