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Stadtbibliothek Stuttgart: Der Schreiber soll schreiben, der Leser soll lesen / picture alliance

Elena Ferrante - Enthüllung ohne Erkenntnis

Die Aufdeckung des vermeintlichen Klarnamens der Bestsellerautorin Elena Ferrante ist journalistisch belanglos. Der Literatur schadet sie sogar. Die zarte Stimme der Person hinter dem Pseudonym könnte nun ganz verstummen

Autoreninfo

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Es gab am vergangenen Wochenende zwei journalistische Enthüllungen, die für Furore sorgten. Die eine war die Nachricht der New York Times, dass Donald Trump 1995 in seiner Steuererklärung einen Verlust von 916 Millionen US-Dollar angegeben hatte. Die andere war die vermeintliche Aufdeckung des Klarnamens der italienischen Bestsellerautorin Elena Ferrante in mehreren Zeitungen darunter die New York Review of Books und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.

Das eine zeigt Journalismus, wie er sein sollte. Zwar war Donald Trump zum Zeitpunkt der Steuererklärung Privatmann. Doch heute kandidiert er für das mächtigste Amt der Welt. Diese Welt hat ein Recht, zu erfahren, ob und wie er seine Steuern gezahlt hat. Es geht um seine geistige und auch seine moralische Qualifikation als Präsidenten.

Hässliche Seite des Journalismus

Mit diesem Recht der Menschen auf die Wahrheit begründet auch der italienische Journalist Claudio Gatti seine aufwendige, monatelange Recherche hinein in das Privatleben der vermeintlich echten Elena Ferrante. Nur ist seine Enthüllung unnötig, da ohne relevanten Erkenntnisgewinn, und steht für eine besonders hässliche Seite des Journalismus.

Es ist die Seite, die auch der Boulevard bedient, wenn er über das Privatleben von Berühmtheiten berichtet. Natürlich ist es nicht notwendig, zu erfahren, welcher Star mit wem schlief. Trotzdem ist der Drang nach diesem Wissen menschlich. Medien nehmen daran teil und befeuern ihn sogar, in einer Art Deal. Die Celebritys bekommen Ruhm und Reichtum und tauschen dafür ihre Privatsphäre ein. Sie werden bejubelt, wenn sie Erfolg haben, und niedergemacht im anderen Fall. Matthias Döpfner, Vorstandschef von Axel Springer, sagte es es einmal so: „Wer mit der Bild-Zeitung im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.“

Bewusste Entscheidung für Anonymität

Nicht einmal diese Rechtfertigung greift im Fall Ferrante. Die Person, die sich Ferrante nennt, hat den Aufzug nie betreten. Vielmehr war es ihre bewusste Entscheidung, anonym zu bleiben, um genau diesem Celebrity-Zirkus, dem mittlerweile auch viele Schriftsteller angehören, zu entkommen. Dem Literaturmagazin Paris Review sagte sie, sie stelle sich gegen die „Eigenwerbung, die die Medien einem aufzwingen“ und die oberflächlichen Lesungen, die aus dem überzogenen Schriftsteller-Kult entstünden.

Es war ein Appell an die Einfachheit. Nach Ferrantes Überzeugung gibt die Abwesenheit der Autorenfigur der Literatur ihren wahren Zweck zurück. Der Schreiber soll schreiben und der Leser soll lesen. Davon sollte weder eine zeitaufwendige Buchtournee ablenken, noch ein Magazingespräch über Asylpolitik, noch Literaturtratsch darüber wer welche Romanfigur im wahren Leben sei, noch eine irritierende Autorenpersönlichkeit, die wir irgendwie mit den Sätzen, die sie schreibt, in Einklang bringen müssen. „Entferne das Individuum  aus der Öffentlichkeit“, sagte Ferrante, „und wir werden erkennen, dass der Text mehr enthält als wir uns vorstellen können.“

Jeder Leser kennt das. Wenn wir biografisch lesen, lesen wir automatisch symptomatisch, beschreibt das Literaturmagazin n+1 den Vorgang. Sobald wir beginnen, beim Autoren nach Erklärungen für den Roman zu suchen, suchen wir im Roman nach Erklärungen für den Autor. Das Wissen über seine Persönlichkeit verändert die Psyche des Buches. Und es zerstört die Intimität, das fast mystische Verständnis zwischen Autor und Leser, gerade weil sie nichts übereinander wissen. Indem sie ihre Privatheit beschützte, beschützte Ferrante uns.

Öffentlichkeitsdruck für Autoren

Dieses Einverständnis im modernen Literaturbetrieb aufrechtzuerhalten, ist alles andere als einfach. Es herrscht ein enormer Druck für Autoren, sich nicht zu verstecken. Verlage wollen gern ein Foto haben, dass sie auf den Umschlag drucken können, sie wollen, dass der Autor die Ochsentour durch die Stadttheater und Buchläden der Provinz macht, dass er Zeitungsinterviews gibt. Es hilft allen Beteiligten beim Geldverdienen.

Ferrante und ihrem Verlag also vorzuwerfen, dass es sich bei der Geheimhaltung um einen  PR-Trick handele, wie Claudio Gatti es tut, scheint absurd. Früh hatte Ferrante ihrem Verlag mitgeteilt, dass sie leider nichts zu Werbezwecken beitragen könne. Ihr Werk hätte auch spurlos im Literaturorkus versinken können. Dass beide Erfolg hatten, geschah trotz und nicht wegen der Anonymität des Autoren.

Der andere Grund, aus dem Gatti, sein Recht ableitet, Ferrante zu demaskieren, ist, dass sich seine Recherchen nicht mit dem decken, was man aus ihren Romanen herleiten kann, oder was sie selbst in ihrem Werk „Frantumaglia“ beschreibt, das autobiografische Züge enthalten soll. In einem Interview darin erzählt Ferrante eine Anekdote des Schriftstellers Italo Calvino. Der habe gesagt, er würde Fragen nach seiner Identität beantworten, jedoch nicht mit der Wahrheit. Ferrante schreibt, sie würde Lügen nutzen, um sich zu schützen. Gatti schreibt nun, angesichts dieser Lügen, wäre es eine Art Pflicht gewesen, die Wahrheit zu veröffentlichen. Vielleicht sollte jemand einmal Gatti erläutern, dass von einem Schriftsteller Fiktionen erwartet werden und keine lückenlosen Aufzeichnungen.

Was Gatti über Ferrante produziert hat, ist also weder journalistisch von Belang, noch hat es literarischen Wert. Umso erstaunlicher, dass die Intellektuellenblätter FAS und New York Review of Books sich an diesem Tratsch beteiligen. Viele andere Schriftsteller befürchten nun, dass die zarte Stimme Elena Ferrantes ganz verstummen könnte. Es wäre ein hoher Preis für eine Enthüllung, die keiner braucht.  

Matthias Noack | Mi, 5. Oktober 2016 - 13:29

für den Roman zu suchen, suchen wir im Roman nach Erklärungen für den Autor." ist sehr einleuchtend. Der Medienrummel um einen Star oder einer Person öffentlichen Interesses ist nicht der Preis des Erfolgs sondern die Strafe dafür.

Dieter Richter | Mi, 5. Oktober 2016 - 15:43

Ich stimme Ihnen vollkommen zu. Hinzu kommt, dass Gatti sich offensichtlich der kriminellen Machenschaften eines Angestellten im Verlag e/o Edizioni bediente, der ihm die Honorarüberweisungen zugespielt hat.
Dieter Richter

Edgar Timm | Mi, 5. Oktober 2016 - 18:43

dem ich voll zustimmen kann - und der nicht so schreiend daherkommt wie der Artikel von Margarete Stokowski im Spiegel "Das ist ein Akt der Gewalt: Niemand hatte das Recht, Ferrantes Privatsphäre zu verletzen." - Es geht eben auch sachlicher. Ferrante hat Literatur produziert, niemand war gezwungen, ihre Bücher zu kaufen oder zu lesen. Umso erfreulicher, dass sie auch ohne den ganzen "Literaturzirkus" Erfolg hatte - möge sie uns erhalten bleiben. Sie kann uns gewiss noch viele schöne Stunden bescheren.

Alexander Wildenhoff | Mi, 5. Oktober 2016 - 19:29

Ich kann verstehen, dass man im Glashaus Cicero nicht mit Steinen wirft. Und natürlich gibt es keine unvoreingenommene Berichterstattung, aber ein Zeichen für Seriosität ist die Trennung von Meinung und Berichterstattung und dass Wert auf eigene Recherche gelegt wird. Das ungeprüfte Nachdrucken von Regierungsverlautbarungen und wortgleiches Kopieren von Presseagenturen gehört nicht dazu. Mit Objektivität ist das so eine Sache – vielleicht ist Ausgewogenheit besser für die Seriosität. Für Paparazzi-Meldungen Geld zu zahlen wird auch nicht als serös angesehen. Vor diesem Hintergrund muss man sagen, hat die FAZ ihren früheren Nimbus nicht mehr. Und dass jetzt sogar im literarischen Umfeld paparazziähnliche Stories als Exklusivberichte erscheinen – das ist doch sehr grenzwertig.

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