Debattenkultur versus Cancel Culture - Robespierre in Berlin

Ob Dieter Nuhr oder Lisa Eckhart: Religionswächter an den Universitäten und in den Medien Deutschlands zelebrieren den „Kult des Wahren und Guten“. Die Jakobiner von heute bestrafen jede gedankliche Abweichung.

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Weggecancelled: Dieter Nuhr / dpa

Autoreninfo

Frank A. Meyer ist Journalist und Kolumnist des Magazins Cicero. Er arbeitet seit vielen Jahren für den Ringier-Verlag und lebt in Berlin.

So erreichen Sie Frank A. Meyer:

Vielleicht lässt sich diese öffentliche Angelegenheit mit einem ganz privaten Erlebnis illustrieren: Ein Freund, kulturell neugieriger Unternehmer, lädt in Berlin regelmäßig zu Begegnungen mit interessanten Politikern, Geistes- und Kulturschaffenden in seinen Salon. Zu den Gästen zählt auch ein in der Hauptstadt nicht unbekannter AfD-Politiker, ein Mann von herausragendem geistigen Profil. Andere Gäste erklären dem Gastgeber deshalb, dass sie seinen Salon künftig meiden werden, sollte der AfD-Kopf auch in Zukunft anwesend sein – er aber lässt sich davon nicht beeindrucken und lädt den Umstrittenen weiterhin ein. 

Die Reaktion des Gastgebers ist das einzig Ungewöhnliche an dieser Begebenheit aus dem Alltag der deutschen Demokratie: 
Ein Bürger widersteht. 

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Alexander Mazurek | Do, 3. September 2020 - 08:28

für diesen Beitrag. Allerdings meine ich, dass die Intoleranz wesentlicher Bestandteil der Moderne ist, "it's not a bug, it's a feature". So war das schon damals bei de Sade und Robespierre, denken Sie an die Vendée oder die Hetzschrift Voltaires "Über die Toleranz". Es scheint, dass dem einzig die Schweiz widersteht, sonst ist der Schoß fruchtbar noch, aus dem es kroch ...

Christa Wallau | Do, 3. September 2020 - 08:31

... für das, was sich im geistigen Leben Deutschlands etabliert hat. Danke, Herr Meyer.

Sie machen mir wieder Hoffnung darauf, daß sich das stickige Klima der p c , die sich fortschrittlich dünkt, noch verändern könnte. Aber es muß bald geschehen!
Die Menge der Unzufriedenen ist schon zu groß geworden, als daß sie noch lange gutwillig bleiben kann. Die mehr nur empfundene als hinterfragte Verunsicherung, welche sehr viele Deutsche inzwischen ergriffen hat, zeigt die ersten heftigen Reaktionen in Form der Demonstrationen, wie wir sie zuletzt in Berlin erlebten.

Wer aber kann u. will neue Zeichen für eine Kultur des freien Diskurses setzen? Wagt sich da endlich jemand vor?
Wir brauchten jetzt einen BP, der zum offenen Dialog aufruft u. nicht zur Geschlossenheit gegen "Rechts". Die zu erkennen ist jedoch ein F. W. Steinmeier nicht in der Lage.
Also kann ich nur an die Zunft der Journalisten
appellieren: Besinnt Euch Eures Auftrags! Grabt Euch nicht selber langfristig das Wasser ab!

liebe Frau Wallau. In dem wieder einmal ausgezeichnete Artikel wurde die Frage aufgeworfen, ob es wieder eines "Helden" bedürfe. Ich sage niemals mehr wieder. Wir hatten da einen mit Schnurbart, der auch den Helden gab, der zwar zur recht den Versailler Vertrag kritisierte, der aber letztlich ein ganzes Volk in den Abgrund stieß. Mir würde ein solcher "Held" sofort suspekt werden.
Sie haben recht, dass auf den BP keiner setzen kann. Wäre die wirkmächtigste Macht eine wieder freie, neutrale, dem Bürgerauftrag folgende Presse, die sich auch nicht mit Corona Gelder kaufen lässt, an deren Spitzen sich altgediente politisch ideologisierte Meinungslenker befinden, ja, das wäre ein Weg.
Nicht alle Journalisten in den Redaktionsräumen stehen hinter dem, was sie tun müssen. Sie müssten sich zusammen tun und die freien Kollegen, diejenigen die sagen was ist unterstützen und die Machenschaften bei SPIEGEL,FOCUS,BILD usw. offen legen. Das Netz bietet Möglichkeiten, siehe achgut.com.

Sehr viele Deutsche?

Nach einer jüngsten Umfrage haben 91 Prozent der Deutschen kein Verständnis für die Proteste.
https://www.welt.de/politik/deutschland/article213146390/Umfrage-Klare-…

Die heftigste Reaktion bei der Corona-Pegida-Demo war die Stürmung der Reichstagstreppe durch Reichsbürger und andere Rechtsextremisten, darunter angeblich auch AfD-Mitglieder.

Daneben demonstrierten ein paar zehntausend Corona-Leugner und -Verharmloser, Impfgegner, Anhänger von Verschwörungsmythen und weitere Rechtsextremisten.

Denen sollen sich Journalisten jetzt also anbiedern?

Einer kleinen, radikalen Minderheit?

Es mutet schon mehr als lächerlich an, von einem „Sturm der Reichstagstreppe“ zu sprechen. Damit wird eine Stimmung erzeugt, die fatal an die Zeit erinnert, als die BILD-Zeitung gegen die APO eine Welle des Hasses lostrat, die Rudi Dutschke zum Freiwild machte. Ergebnis: Mordanschlag. Derzeit ist zu befürchten, dass unsere Gesellschaft durch Politik und Medien in eine ähnliche Progromstimmung getrieben wird und Andersdenkende Freiwild für Aggressionen werden.

Kai-Oliver Hügle | Do, 3. September 2020 - 17:42

In reply to by Gast

"Progromstimmung" erzeugt zunächst einmal derjenige, der anlässlich der sog. "cancel culture" (der größte Cicero-Gassenhauer seit FFF) den abstrusen Vergleich mit den Jakobinern bemüht; einem totalitären Terrorregime, das mehrere 10.000 Menschen das Leben kostete!
Interessant und durchaus unterhaltsam finde ich, dass sich die Foristen hier über die Deutung der Ereignisse vor dem Reichstag nicht einig sind. Während Frau Wallau kryptische Andeutungen darüber macht, dass es mit der "Gutwilligkeit" der Demonstranten bald ein Ende haben könnte - was immer das bedeuten soll, versuchen Sie sich in Banalisierung und Täter-Opfer-Umkehr. Wieder andere behaupten, da hätten sich links-grüne Aktivisten und Verfassungsschützer als Reichsbürger/Neonazis verkleidet, um die Stimmung gegen "Rechts" zu schüren.
Offenbar ist für viele hier Kritik an einem minderbegabten Komiker ein größerer Aufreger als Neonazis und Reichsbürger vor dem Eingang des Deutschen Bundestages.
Schon krass, dieses Forum...

Günter Johannsen | Fr, 4. September 2020 - 12:07

In reply to by Gast

Meinen sie mit "einem totalitären Terrorregime" die SED-Diktatur? Ja, das war tatsächlich mörderisch, wie wir wissen. Der Marxsche Kommunismus hat allein in der Sowjetunion, in China, Nordkorea und in der DDR über Hundertmillionen Tote zu verantworten! Und auch der Antisemitismus ist den Marxisten nicht fremd.
Ich kann ihren berechtigten Zorn gut verstehen. "Progromstimmung" erzeugen zunächst einmal all diejenigen, welche Menschen mit eigener Meinung als Nazis diskreditieren. Man muss Andersdenkende nicht in MfS-Kerker stecken. Rufmord hat denselben Effekt! Aber was ich abscheulich finde: Wenn man Menschen mit eigener Meinung - die nicht so linksradikal wie die ihre ist - als minderbegabte Komiker bezeichnet. Das ist schäbig und eines Demokraten - der sie ja sein wollen - unwürdig!

In meinem näheren und weiteren Umfeld ist das Verhältnis umgedreht. Da ist die Mehrheit mit der Regierung und den Corona-Maßnahmen unzufrieden, und nicht nur das, eine Mehrheit gibt der Regierung und ihrer Überreaktion die Schuld für die katastrophale Situation im deutschen Mittelstand und im Handwerk. Grundsätzlich sollte man Umfragen niemals für irgendetwas heranziehen. Zuerst muss man sehen, wer gab sie in Auftrag. Denn auch bei Umfragen gilt: Wie bestellt - so geliefert! Nur ganz und gar regierungsgläubige Bürger vom Schlage einer Lieschen Müller glauben noch an die Wahrheit von Umfragen.

Petra Führmann | Do, 3. September 2020 - 09:36

diese neue rot-grüne Heimsuchung, denn wirklich zahlenmäßig in der Mehrheit? Ich vermute, sie sind es nicht. Wahrscheinlich aber besetzen sie Schlüsselpositionen. Sollte auch das nicht der Fall sein, frage ich mich, wieso denn so unendlich viele sich von diesen "Jakobinern" alles vorschreiben lassen, weshalb die so eine Macht haben. Wo sind alle intelligenten, mutigen, vernünftigen, erwachsenen Mitmenschen geblieben? Wovor haben sie Angst? Vor diesen Jakobinern etwa? Wieso? Man darf sich denen einfach nicht beugen, schon gar nicht in vorauseilendem Gehorsam oder weil es gerade Mode ist. Kämen Ratio und Haltung - womit keinesfalls die gerade angesagte gemeint ist - wieder zum Tragen, hätte dieser unselige Spuk schnell ein Ende. Man hat Angst... vor solchen Leuten? Davor, in die Ecker gestellt zu werden? Diese Macht haben diese Moralisten nicht, oder nur dann, wenn man sich stellen lässt. Es ist schlimm, welcher Geist durchs Land weht.

helmut armbruster | Do, 3. September 2020 - 09:52

wobei ich zu ideologischen Fanatikern auch die religiösen zähle.
Jemand, der völlig überzeugt ist, dass er im alleinigen Besitz der Wahrheit ist, ist in Wirklichkeit nur ein sehr dummer Mensch.
Kommt noch hinzu, dass ein solcher Jemand auch noch überzeugt ist, er müsse missionieren und alle Anderdenkenden überzeugen, so ist er ein eventuell gefährlicher Mensch.
Will er seine Überzeugungsarbeit mit Gewalt durchsetzen so ist er gemein gefährlich und kriminell.
Wir dürfen solchen ideologischen Fanatikern keine Chance geben. Und sie haben keine Chance, wenn wir sie abblitzen lassen. Denn wir, die Normalen, sind in der Mehrheit, sie stellen nur eine Minderheit dar. Allerdings eine gefährliche Minderheit.

Urban Will | Do, 3. September 2020 - 10:18

auch leidigen Thema, war dieser hier wirklich der genialste. Vielen Dank, Herr Meyer!

Sie trauen sich was und dem CICERO gebührt Lob und Anerkennung, dass er es veröffentlicht.
Ändern wird sich vermutlich nichts, das ist anzunehmen, aber alleine im „vermutlich“ steckt die Hoffnung.

Freiheit. Immer wieder ließt man von ihr und sieht die einzige Partei in D dahin sterben, die sie im Namen führt.
Warum? Weil sie vergessen hat, was Freiheit bedeutet. So wie ein sehr großer Teil der Bürger dieses Landes, der immer noch zufrieden scheint mit einer Kanzlerin, die Freiheit durch „Alternativlosigkeit“ ersetzt hat.

Die Grünen. Ein vernichtenderes Urteil hätte man denen kaum geben können. Wohlverdient.
Und die werden bald regieren.
Ein schlimme Vorstellung.

Kämpfen Sie weiter, Herr Meyer, sie haben ein „hervorragendes Geschütz“ in Stellung: die grandiose Wahl Ihrer Worte.
Und vielleicht ändert sich doch mal etwas.

Holger Jürges | Do, 3. September 2020 - 10:27

Einer der besten Artikel seit langem, werter Herr Meyer !!
Tja, die deutschen Eliten im philosophisch/journalstischen Bereich: bei Vielen (Ausnahmen oft beim CICERO schreibend) geht die Angst um - vor dem sofortigen Verriss mit gleichzeitig einhergehenden Nachteilen für´s persönliche Einkommen. - Oder, es wird sich - wie es Herr Precht tut - auf die Seite der Jakobiner geschlagen, das ist auch bein Geschäftsmodell.

Nun, Dieter Nuhr, das ist ein Zwiespalt: Die durchaus positive Gesellschaftskritik trifft auf eine ausschließlich negative Häme, was die AFD betrifft: In jeder Show ein pflichtgemäßes Draufschlagen auf die Partei, zählt zum Überlebensrhythmus in den ÖR.
Popper sagte einst:"Unsere Einstellung der Zukunft gegenüber muß sein: Wir sind jetzt verantwortlich für das, was in der Zukunft geschieht."

Nun, wir verspielen in diesen Zeiten sehenden Auges unsere Zukunft: Die Justierung in Richtung
Abgrund ist fest eingerastet in den Stellwerken der Jakobiner.

auf die AFD ist für mich der Beweis, das die Angst umgeht.
Ich sehe gerne Dieter Nuhr, aber das Draufschlagen ist dem linksgrünen ÖR geschuldet. Schade. Aber gleichzeitig sieht man die Jakobiner um sich schlagen und auch die eigenen Reihen dezimieren. Meine Devise. Von aussen zuschauen, geniessen und abwarten.

Steffen Loos | Do, 3. September 2020 - 10:53

Mehr braucht man zu Ihrem Artikel nicht sagen. Herzlichen Dank!

Günter Johannsen | Do, 3. September 2020 - 10:54

„Eine Gesellschaft, die sich im Besitz der Wahrheit wähnt, kreist nur noch um sich selbst.“ (Alexander Grau, Autor/Journalist des Politmagazin Cicero)
Die grundlegende Frage ist doch: wer lenkt unser Schiff ´Gesellschaft´ überhaupt? Denn es ist mit Sicherheit nicht zufällig in schwere Gewässer geraten. Absicht? Wer behauptet, dass der Klimawandel menschengemacht ist, darf auch annehmen: die Steuerung nach links außen ist kein Zufall, aber auch nicht gottgewollt! Ein Schiff, das nur nach links gesteuert wird, dreht sich im Kreis – also um sich selbst. Das empfinden immer mehr denkende Menschen so und wollen das nicht mehr hinnehmen. Wie gesagt: „Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf!“ Ich denke, es ist jetzt an der Zeit aufzuwachen und dafür zu sorgen, dass ein ehrlicher und kompetenter (ideologiefreier) Steuermann unser Schiff wieder übernimmt, sonst verlieren wir das Gleichgewicht und uns geht sehr bald die menschenfreundliche Luft aus!

gerhard hellriegel | Do, 3. September 2020 - 11:19

Herrn meyers ausführungen habe ich nichts hinzuzufügen. Nur, auch ich streite gerne:-)
Deshalb geht mir die nuhrsche
"selbstverständlichkeit" schon etwas gegen den strich. Klar, wissenschaft ist keine religion. Aber kann man unterschlagen, dass wissenschaft das beste wissen liefert, das derzeit im angebot ist? Wo ist der, der es besser weiß?
Offensichtlich liegt das daran, dass zumindest in den naturwissenschaften das prinzip der erfolgskontrolle gilt. Für die sozialwissenschaften gilt das nur sehr eingeschränkt - und das merkt man.
Natürlich haben alle wissenschaften ihr festeres und ihr loseres ende. Und solange wir suchen, wird das auch so bleiben.

Simone Büchl | Do, 3. September 2020 - 11:24

vielen Dank für Ihren Kommentar.
Mich würde interessieren was dieses kollektive Schwarz-Weiß-Denken auslöst.
Meiner Ansicht nach sind die sozialen Medien daran beteiligt.
Eine kleine Anekdoten meinerseits zu Facebook vor ca. 10 Jahren:
Ich bin Vegetarierin.
Meine Schwester nicht.
Beide setzen wir uns jedoch im Tierschutz ein.
Auf Facebook wird einiges von Tierschutzorganisation zu Themen wie Tiertransporte, Pelze, Tierversuche, usw. veröffentlicht.
Natürlich kann man alles kommentieren.
Wenn man jedoch Tierschützer ist,aber (Gott behüte) Fleisch verzehrt, wird man von anderen Nutzern angegriffen.
Frei nach dem Motto "alles oder nichts".
Sowohl andere Tierschützer als auch "Anti-Tierschützer" greifen diese "Heuchler" an.
Dass man sehr wohl Fleisch konsumieren und gleichzeitig am Tierwohl interssiert sein kann, wurde bestritten.
Zu guter letzt ging es nicht mehr um das Thema.
Ich persönlich habe mich damals von Facebook verabschiedet.

Gerd Runge | Do, 3. September 2020 - 11:39

hatten ihre Guillotine,wir FB und andere Soziale Medien nebst Shitstorms.
Weniger blutig, aber ebenso wirksam.

Holger Jürges | Do, 3. September 2020 - 11:41

Ich bin ganz bei Ihnen Frau Wallau...

Zitat: "Wer aber kann u. will neue Zeichen für eine Kultur des freien Diskurses setzen? Wagt sich da endlich jemand vor?"
Es muss wohl aus dem Volk kommen: Irgendwann wird der Karren so heftig gegen die Wand gefahren sein, dass der Michel erschrocken vom Sofa plumst.
Und erst dann diktiert die Hoffnung eine Möglichkeit des Wandels. - Hoffen wir´s.

Gisela Fimiani | Do, 3. September 2020 - 11:42

Ihre Gedanken, Herr Mayer, treiben auch mich um. So stellt sich mir die Frage, ob die Deutschen, die ihnen geschenkte Demokratie wirklich „ergriffen“ haben, oder ob ihnen vor allem deren wirtschaftlicher Erfolg willkommen war. Politische Freiheit darf nicht gewählt werden, weil wir uns ein besseres Leben versprechen, sondern weil sie selbst einen letzten Wert darstellt, der nicht auf materielle Werte zurückgeführt werden kann. Mit Demokrit: >>Ich ziehe das karge Leben in der Demokratie dem Reichtum unter einer Tyrannis vor.<< Statt dessen toben „neue Propheten“ zahlreicher gesellschaftlicher Bereiche in unerträglich relativierender Art und unter der Flagge, zum Schutz Dritter zu handeln, alle ihre paternalistischen Instinkte aus. Der „Wohlfahrtsstaat“, der sich viel auf seine Moralität und Menschlichkeit einbildet, stellt aber in Wirklichkeit einen unethischen Eingriff auf das wichtigste Menschenrecht dar: Das Recht der freien Selbstbestimmung. Wollen wir die gelenkte Demokratie?

Slawomir Heller | Do, 3. September 2020 - 12:16

Vielen Dank, Herr Meyer, für Ihren erfrischenden Beitrag!
Um den berühmten und tatsächlich sehr problematischen Aphorismus von Adorno: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ (übrigens, im Original mit kleinem „f“, was die Bedeutung ändert) streitet man bis heute. Entscheidend ist aber, wer darüber bestimmt, was „falsch“ und was „richtig“ ist? Wer ist dieser Richter und mit welcher Prokura ist er ausgestattet?

Jemand, der sich während einer Demo in der Nähe einer Reichsflagge aufhält, ist selbst schon ein Rechtsradikaler. Jemand, der mit einem AfD Mitglied gesehen wurde, stinkt. Und das bleibt für immer hängen. Man bleibt lieber zu Hause, vor allem, wenn man etwas zu verlieren hat. Bevor man ein Like unter einen treffenden Kommentar setzt, studiert man die Biographie des Verfassers.

Schlimm ist, das Regie unter diesem politischen Ostrazismus eine unsichtbare Hand führt. Es gibt dazu weder Gesetze noch Recht und trotzdem, oder sogar deswegen, ist es so effizient.

Walter Müller | Do, 3. September 2020 - 13:21

Treffende Analyse des Ist-Zustandes. Was mir fehlt: Wie konnte sich der Moralkodex der linksliberalgrünen Meinungsmacht überhaupt so tief und breit etablieren. Es dürfte kein Zufall sein, dass sich dieses Phänomen ausgerechnet zum Ende der Amtszeit von Angela Merkel in voller Pracht zeigt. Die Kanzlerin hat mit Ihren Strategien wie „asymmetrische Demobilisierung“ sicher einen erheblichen Anteil an der Entpolitisierung der Deutschen. Politik wurde zum "Service im Hintergrund" für Menschen, denen linksliberalgrüner Lifestyle wichtiger ist. Angenehm für die Regierenden, denn dies ist bei weitem nicht so anstrengend wie beständiges demokratisches Ringen. Damit war die Kanzlerin erfolgreich: Heute gibt es de facto keine (wenn man von der partito non grata mal absieht) ernst zu nehmende Opposition, die vierte Gewalt ist zahnlos geworden. Ist dies der Mehrheit überhaupt bewusst? Wie kann sich Freiheit als streitbares Engagement für die Umstrittenen bzw. das Umstrittene wieder einstellen?

Gunther Freiherr von Künsberg | Do, 3. September 2020 - 13:22

2 deutsche“ Schriftsteller“ der Neuzeit müssen einem sofort beim Lesen dieses Textes einfallen.
Der eine Schriftsteller schrieb den Bestseller “ Mein Kampf“. Die Konsequenz dessen, was in diesem Werk zu lesen und damit vorbereitet war endete 1945.
Ein weiterer großer deutscher Schriftsteller schrieb das Werk“ das Kommunistische Manifest“ sowie weitere volkswirtschaftliche Unsinnigkeiten.
Die Umsetzung dessen was in diesen weltweit beachteten Werken als das einzig Wahre dargestellt wurde hat die Geschichte in den Staaten Drittes Reich, China, UdSSR, DDR und vielen anderen zugelassen.
Die beiden“ Schriftsteller“ haben vieles gemein, insbesondere aber dass sie von ihrer Lehre keinen Widerspruch und keine Abweichung dulden, sondern ihre Lehren in Reinheit umgesetzt wissen wollten, was zwangsläufig in den Totalitarismus führte.
Wer sich dieser Erkenntnis verschließt ist selbst Diktator oder droht ein solcher zu werden.

Manfred Sonntag | Do, 3. September 2020 - 15:02

Es ist verhext, aber leider möchten viele Deutsche und vor allem die Eliten den Teufelskreis der Weltverbesserer und Tugendwächter nicht verlassen. Es ist scheinbar sehr verlockend sich als Oberlehrer und Blockwart der Obrigkeit durch Denunziation anzudienen. Angeheizt wird das Ganze noch durch die Identitätspolitik unseres Establishments. Die Folgen sehen wir schon in unseren Großstädten, wo in den muslimischen Comminitys schon länger Blockwarts das Leben der dort lebenden Muslime reglementieren. Der Islamismus dient offensichtlich als Vorbild. Es ist eine traurige Bilanz für die sogenannten "Progressiven", also Linke und Linksliberale. Sie sind zu den Unterdrückern der Bürger mutiert und gehen im Stechschritt mit den "Grauen Wölfen" nachweislich Allianzen ein. Es sind Brüder im Geiste und Anhänger des totalitären Staates. Da hat die Freiheit natürlich keinen Platz mehr. Weder zum Reden noch für sonst etwas.

Juliana Keppelen | Do, 3. September 2020 - 15:20

Kann ihne eigentlich zustimmen nur auf die Zunft der Journalisten zu appelieren ist, so lange jedenfalls Frau Merkel regiert, verlorene Liebesmüh. Man bekommt Tränen der Sehnsucht in die Augen wenn man die alten Klamauksendungen wie "Klimbim" oder "Ein Herz und eine Seele", oder die alten Bundestagsreden und Debatten sich ansieht. Das Kabarett war noch nicht totgegendert und noch nicht von der PC erdolcht. Nicht alles war früher besser aber unterhaltsamer. Ich will wieder ein "Zigeunerschnitzel, ein Jägerschnitzel, ein Mohrenkopf, ein Nonnenfürzle, ein Hamburger, ein Paar Frankfurter" und dazu die Schröder'sche Flasche Bier. Aber halt, was ich mir strengstens verbete ist das diskriminiernde Wort "Altweibersommer" der ist zwar in der Regel wunderschön aber sollte dringend in "der zweite Frühling der älteren Damen" umgewandelt werden. (LetzterSatz beinhaltet eine Portion Ironie)

Albert Schultheis | Do, 3. September 2020 - 18:11

In reply to by Gast

der Begriff "Alteibersommer" enthält doch selber eine gehörige Portion treffender Ironie! Wir sollten wieder lernen, uns selbst für nicht ganz so wichtig zu nehmen und uns selber ironisieren zu können. Ich hänge an diesen alten Begriffen, ihre Ausmerzung könnte ich nur mit tiefem Wehmut ertragen.

Ich habe diese Anmerkung mit einem breiten Schmunzeln geschrieben. Selbstverständlich liebe ich den "Altweibersommer" und an diesem Wort nehme ich überhaupt keinen Anstoss. Wollte nur ein bisschen provozieren und die Absurdität des "Gender- und Pc-Gedöns" auf den Arm nehmen. Also ein Hoch evntl. mit einem Gläschen Sekt auf den hoffentlich noch schönen "Altweibersommer".

Stefan Teschner | Do, 3. September 2020 - 17:37

Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass jede zunächst wohlmeindende Emanzipations- bzw. Reformbewegung irgendwann den Bogen überspannt und damit die ursprüngliche Zielsetzung diskreditiert. Dieser imaginäre Punkt wurde längst überschritten. Dank an Herrn Meyer. Dank an CICERO, dass diese Problematik hartnäckig thematisiert wird.

Jens Böhme | Do, 3. September 2020 - 18:18

Eigentlich braucht man keine staatliche Ordnungsmacht mehr. Die Sprach-, Benimm- und Haltungspolizei haben das soziale Gefüge bereits fest im Griff. Der ungewollte Flashmob auf der Reichtagstreppe - einmal hoch und wieder runter - zeigt die Kopflosigkeit und Verwirrung der wertedesorientierten Gesellschaft.

Roland Richter | Do, 3. September 2020 - 21:22

Wer sagt denn, dass einer mit einer Reichsflagge ein Rechter ist? Die Jungs sahen mir eher aus als wenn sie sonst in Schwarz auftreten. Agitation in reinster Form. Schaffung eines imaginären Gegners auf den die Presse und Politiker von R2G einschlagen können.Siehe Reaktionen am Tag danach!

Paul Rintschenk | Do, 3. September 2020 - 22:00

Danke Herr Mayer, danke Cicero.
Nicht alle Medien versagen als Korrektiv
Das Gefühl, zur moralischen Mehrheit zu gehören, mag erhebend sein. Doch es ist Heuchelei. Sicher, Oppositionelle werden bei uns nicht eingesperrt. Aber man darf sie öffentlich als „Nazischweine“ diffamieren, ihnen androhen, sie grün und blau zu schlagen. Mit einer reflektierten „Zivilgesellschaft“, politischer Kultur und Respekt, nach der Freiheit immer die Freiheit Andersdenkender ist, hat das alles jedoch nichts mehr zu tun.
Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.

Wolfgang Schuckmann | Do, 3. September 2020 - 23:26

Sehr geehrter Herr Meyer, schon oft habe ich ihre Denkansätze verfolgt, jedoch muss ich Ihnen zu diesem Beitrag meinen uneingeschränkten Respekt zollen. Ihre Ausführungen waren mehr als notwendig und sollten gewisse Leute glauben, sie hätten es beinahe schon geschafft, dann sollten sie über ihre mahnenden Worte nachdenken und hoffentlich ihrer kaum verständlichen Agenda eine andere Richtung geben.
Diese mahnenden Worte sind wie Alarmglocken für jeden anständigen Demokraten. Vielen Dank!