Selbstverschuldete Unreife - Die infantile Gesellschaft

Gefühl ist Trumpf, Argumente stören, Diskretion war gestern. Wir sind eine Gesellschaft der Kindsköpfe geworden. Erwachsene verhalten sich ungeniert wie Kinder und werden von Politikern auch so behandelt, schreibt Alexander Kissler in seinem neuesten Buch. Ein Auszug.

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Erwachsene benehmen sich zunehmend wie Kinder, die Gesellschaft befindet sch in der selbstverschuldeten Unreife / dpa

Autoreninfo

Alexander Kissler ist Redakteur im Berliner Büro der NZZ. Zuvor war er Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“ und „Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss“.

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Alexander Kissler

Wir sind von Kindsköpfen umgeben und sind es manchmal selbst. Das Kind in uns zieht es zu lustigen Spielen für angegraute Herren, zum Duzen unter unbekannten Best Agern, zu generationenübergreifender Freizeitkleidung im Alltag, aber auch ins Tierreich, wo es kreucht und fleucht und alles wunderbar bestellt ist. Zumindest lesen wir das in immer mehr Büchern, in denen uns Tiere als die besseren Menschen vorgestellt werden. Infantil ist die Sehnsucht mündiger Erwachsener nach Unreife. Infantil ist die Weigerung, Grenzen anzuerkennen – zwischen dir und mir, Alt und Jung, Tier und Mensch. Niemand macht Kindern einen Vorwurf, wenn sie vertrauensselig die Hand ausstrecken nach einem Hund, der sie nicht kennt. Oder wenn sie jede und jeden duzen, auch die ältere Generation, auch Fremde. Kinder dürfen das.

Erwachsene freilich, die sich hinab flunkern zum Kind, das sie nicht mehr sind, sind ein trauriger Fall. Sie fingieren einen Stand von Unmündigkeit, den sie überwunden haben sollten. Sie prunken mit jenem Verstand, auf den sie verzichten. Sie bilden Herde der Ignoranz, die eine Republik mit Unvernunft infizieren. Kindern sind sie ein schlechtes Beispiel, sprechen sie ihnen doch den Ehrgeiz ab, sich entwickeln zu wollen. Dem sozialen Zusammenhalt schaden sie. Jeder Sinn für Gemeinschaft verkümmert, wenn wir im Stil der Teletubbies miteinander verkehren.

Der Mensch kann vom Tier nichts lernen

Der infantile Mensch bewundert das Kind, das er war, und das Tier, das er nie sein wird. Er bedauert nicht, ein Mängelwesen zu sein, er sucht stolz neue Mängel. Das Tier soll ihm beibringen, wie man menschlich lebt. Die Paradoxie wird vom Gag zur Norm: Tier musst du sein, um Mensch zu werden. Dass der Mensch faktisch nicht perfekt und die Natur nicht sein Spiel- und Ausbeutungsmaterial ist, mit dem er verfahren darf nach Belieben: Wer aus dieser wichtigen Wahrheit praktische Konsequenzen ziehen will, darf gerade nicht auf einen erwachsenen Geist verzichten.

Der Mensch, der es in seiner Menschenhaut nicht aushält, liest etwa im Bestseller „Einfach Mensch sein. Von Tieren lernen“ (2019) der amerikanischen Autorin Sy Montgomery: „Auch wenn unter meinen Lehrern fabelhafte Menschen waren (…), so waren doch die meisten meiner Lehrer Tiere. Und was habe ich von den Tieren gelernt? Einfach Mensch sein.“ Sy Montgomery spricht von den „Fähigkeiten“ der bewunderten Tiere. Die Fähigkeit aber der Spinne, „die Welt mit ihren Füßen [zu] erschmecken“, wird nie die Fähigkeit der Sy Montgomery sein. Kein Mensch wird je wie die Grille „mit den Beinen singen und mit den Knien hören“. Oder wie der Hund „Töne wahrnehmen, die weit über den Frequenzen des menschlichen Hörvermögens liegen“. Da gibt es nichts zu lernen. Die spezifisch tierischen „Fähigkeiten“ haben die Tiere exklusiv. Nie werden Menschen über sie verfügen.

Kein Bedarf für tierische Hebammenhilfe

Montgomery schrieb ein Erbauungsbuch für Menschen, die menschliche Wahrheiten erst glauben, wenn sie sie Tieren unterschieben können. Ein Wiesel taucht zu Weihnachten vor Sys Haus auf? Das kleine Tier mit dem weißen Fell verbannt „Wut und Ärger aus meinem Herzen“ und schafft „Platz für ehrfürchtiges Staunen und den Balsam der Vergebung“. Die immer fröhliche Border-Collie-Hündin Tess wiederum ist „der Inbegriff der Grazie“ mit ihren „hündischen Superkräften“, „nie zuvor hatte mich jemand so tief und rückhaltlos geliebt.“ Zu lernen, wirklich und handfest zu lernen gibt es von Tieren nichts – nichts zumindest, worauf man durch Nachdenken und Nachlesen nicht auch selber käme, ohne tierische Hebammenhilfe. Weil man Mensch ist und weiß, was es heißt, ein Mensch zu sein.

Die Schriftstellerin steht an der Spitze einer Pyramide von Büchern, Artikeln und Filmen, die allesamt versprechen, was Sy Montgomery nicht einlösen konnte: dass man von Tieren etwas lernen könne. Vielleicht gelingt es anderen Autoren, anderen Büchern, vielleicht jenem, das im Titel zu verraten ankündigt, „was wir von Vögeln lernen können“? Oder dem hier, das die „Weisheit alter Hunde“ entschlüsseln will und „was wir von grauen Schnauzen über das Leben lernen können“? Erfahre ich alles im Werk „Die Intelligenz der Tiere: Wie Tiere fühlen und denken“? Oder bei Gary Ferguson, der im gleichnamigen Sachbuch „die 8 großen Lehren der Natur“ vorstellt und „was wir von Tieren und Pflanzen lernen können“? Der Verlag wirbt für Ferguson mit den Worten, das Buch handele von „empathischen Wildgänsen, respektvollen Affen und nachsichtigen Moosen“ – drei Tugenden, die im klassischen philosophischen Denken Menschen zukommen. Und die Menschen von sich aus entwickeln kann. Weiß Oliver Tanzer mehr?

Die Hinwendung zum Tier als Befreiungsschlag 

Dessen Buch „Animal Spirits. Wie uns Fledermäuse, Pantoffeltierchen und Bonobos aus der Krise helfen können“ ist lehrreich, amüsant und aufschlussreich. Die Krise, die Tanzer meint, betrifft „das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem“ dieser Tage, dem der Autor das Etikett „neoliberal“ verpasst. Es sei gekennzeichnet durch „die Ausbeutung von Ressourcen, die Reichtums-Disparität, die Zerstörung von Lebensräumen und das Massensterben der Arten.“ Soweit die bekannte Diagnose, das Lamento, das je nach Betrachtungsweise bitter notwendig oder heillos übertrieben ist.

Bei Tanzer hören wir den Hintergrunddonner der neu erweckten Sehnsucht nach dem Tier klar und unverstellt. Andernorts bleibt dieses Grundrauschen ausgespart. Hier wird es explizit. Am Anfang der Überlegung steht eine menschengemachte Krise, aus der dann die Hinwendung zum Tier befreien soll. Kulturpessimismus ist die Basis der animalischen Aufrufe. Die Erde muss in einem großen Schlamassel stecken, aus dem kein Mensch heraushelfen könne. Was gestern der fatalistische Blick war hinauf zu den Göttern, ist heute der Blick hinab zum Tier: Hilf, Amöbe, hilf! Beim Bonobo!

Einzeller als Vorbild für multilaterale Zusammenarbeit

Mit einem Tusch heißt Oliver Tanzer die Pantoffeltierchen willkommen: „Die Bakterien antworten auf Krisen mit einer Strategie, die höchst erfolgreich genau das Gegenteil von dem tut, was die Krisenmanager der angeblich höchstentwickelten Spezies vorschlagen – und schädlicherweise auch noch umsetzen.“ Nämlich? Die „großartigen Extremlebewesen“ kennen den Wert der multilateralen Zusammenarbeit.

Die Menschen täten „derzeit das Gegenteil von dem, was Einzeller im Krisenmodus tun würden. Anstatt horizontal in Austausch zu treten und intensiver als je zuvor miteinander zu kooperieren, ziehen wir künstliche Grenzen ein. Wir entwickeln politische Leitbilder, die alles Fremde als Gefahr brandmarken und die Nationen isolieren – unter dem Vorwand, 'das Volk' oder 'das Abendland' retten zu wollen.“ Die Einzeller haben demnach letztlich die Ideen der Europäische Union und der Vereinten Nationen vorweggenommen. Woher diese Sehnsucht, den Mensch als Mensch für defekt oder zumindest dramatisch unvollständig zu halten?

Demut ja, Handlungsanweisungen nein Kissler Die infantile Gesellschaft

Natürlich ist der Aufruf, schonend mit Tieren und Pflanzen umzugehen, vernünftig. Natürlich schadet es nicht, sich der Menschennatur als eines kleinen Teils der Schöpfung neu zu vergewissern. Mehr Demut hat noch keinem geschadet. Der Anspruch der Tierautoren und -apostel jedoch ist ein anderer, und er wird um einen zu hohen Preis erkauft. Hier werden im Medium der Tierbeobachtung Handlungsanweisungen an den Menschen ausgesprochen.

Die Natur wird in das moralische Korsett des jeweiligen Autors gezwungen. Indem man sich dabei auf Bienen beruft statt auf Aristoteles oder Thomas von Aquin oder Immanuel Kant, tritt man aus der menschlichen Gattung heraus. So wird die eigene Weltanschauung immunisiert gegen Einwände. Wer aber das Tierreich zum philosophischen Lehramt verklärt und alle Abgründigkeit ausblendet, der unterschätzt sich gewaltig und tut den Tieren unrecht. Genau das zeichnet eine infantile Gesellschaft aus: dass man sich selbst nichts zutraut und anderen Menschen nicht traut.

Dies ist ein Auszug aus dem soeben bei HarperCollins erschienenen Buch des Autors: „Die infantile Gesellschaft. Wege aus der selbstverschuldeten Unreife“. 256 Seiten, 20 Euro

Dirk Jäckel | Di, 29. September 2020 - 08:46

Das Tanzersche Werk steht auf Amazon-Rang 338,301. Weniger tröstlich allerdings:
Die Grünen mit ihren infantil-sachkenntnisfreien Vorsitzenden bei 19%.

Robert Müller | Di, 29. September 2020 - 10:17

In reply to by Dirk Jäckel

Der Auszug, den ich da gelesen habe, überzeugt mich nicht. Es gibt eine uralte literarische Gattung, nennt sich Fabel, die Menschen in Tiergestalt handeln lässt. Mir scheinen diese Geschichten nichts anderes zu sein. Auch sonst ist es in der Literatur nicht unüblich nur indirekt Aussagen zu tätigen. Die Frage wäre vielleicht warum Autoren glauben, dass dies ein guter Weg ist die Leser zu erreichen. Eine Zensur gibt es ja nicht mehr, was früher oft der Grund war derart Texte zu schreiben. Eventuell geht es darum, keine hierarchisch übergeordnete Position einzunehmen. Was sagt uns das? Interessanterweise haben die Grünen damit kein Problem. Die glauben allen Vorschriften machen zu können. Eventuell weil übergeordnete, die Menschheit rettende Gründe dafür heran gezogen werden? Tja. Beides passt wohl in unsere Zeit.

Dorothee Sehrt-Irrek | Di, 29. September 2020 - 11:07

In reply to by Robert Müller

Dann aber auch der Versuch, sehr zurückhaltend die Menschen über sich selbst aufzuklären, ohne gleich von diesen abgewehrt zu werden.
Kinder und Jugendliche wurden Herrschern und Diktatoren beigesellt, zum einen, um deren Harmlosigkeit zu unterstreichen, dann auf den Schutz auch der Kleinsten zu verweisen, ganz Clevere glauben mit Kindern die zukünftigen "Herrscher" der Welt den Erwachsenen vorzusetzen, sozusagen als "Vorschein" und klare Ansage, dass sie nichts mehr zu melden hätten, ausser im Dienste der Kinder und besser gleich als "Dienstpersonal"?
Mehrere Punkte lassen solche "Prediger" - Christus sprach nicht, weg mit den Erwachsenen, her mit den Kindern - evtl. ausser Acht.
Eltern machen das meist automatisch, aber im Sinne von Schutz und Hilfe statt als Machtübergabe und zweitens bleiben das die Kinder besagter Eltern.
Kinder von Eltern, die weder für sich noch für die Sache ihrer Kinder einzutreten wüßten, lernen was?
Die Präsenz von Kindern ist ein Versprechen auf Zukunft? JA

Gerhard Lenz | Di, 29. September 2020 - 10:19

In reply to by Dirk Jäckel

Wo steht denn Sarrazin mit seinen amateurhaft-mangelhaften Erkenntnissen zu Migration und Rassen?

Auch das ist besorgniserregend: Da schmücken sich Fachfremde wie Sarrazin mit einer Kompetenz, die sie gar nicht haben. Der Mann ist schliesslich Volkswirtschaftler, kein Genforscher oder Biologe.

Mehr noch sichtbar wird das in der Corona-Diskussion: Da behauptet ein Schwindel-Arzt - nicht irgendsoein Internet-Enthüllungs-Hans-Wurst - er BRAUCHE die Infektion mit Corona-Viren, um sich dagegen zu schützen. Und viele INFANTILE, die dem Onkel Doktor glauben, stimmen zu!

Ist es nicht andererseits infantil, wenn Herr Otto bzw. Frau Ottilie Normalverbraucher in komplexen Sachverhalten sich als plötzlich besser wissend "präsentieren", weil sie ihrem (fehlgeleiteten) gesunden Menschenverstand höchste Kompetenz zuweisen, haben sie doch irgendwo irgendwas gelesen, was ihnen zusagt?

Der infantile Aufstand des Empörten gegen diejenigen, deren Meinung nicht behagt...

Jacqueline Gafner | Di, 29. September 2020 - 15:21

In reply to by Gerhard Lenz

dass Otto bzw. Ottilie Normalverbraucher/-rin, die "auf ihren (fehlgeleiten) gesunden Menschenverstand" setzen, auch auf Ihre - wie immer - ungemein erwachsenen Ein- und Ansichten kaum ansprechen werden? So wird immerhin klar, dass Sie zum kleinen Kreis derjenigen gehören, die jederzeit den vollen Durchblick auch in komplexen Sachverhalten haben.

Jürgen Keil | Di, 29. September 2020 - 16:39

In reply to by Gerhard Lenz

Was hat denn jetzt Herr Sarrazin mit Infantilismus und "vom Tier lernen" zu tun? Sie werden es wissen! Er hat aber mit wissenschaftlicher Akribie, ein mit Fakten fundiertes, sachliches Buch geschrieben. Auch "Amateure" können lesen, das Gelesene auswerten, durchdenken und Schlussfolgerungen daraus ziehen. Hat er tatsächlich etwas über Rassen geschrieben? Sie müssen ein anderes Buch gelesen haben. Haben Sie es überhaupt gelesen?

Karsten Paulsen | Di, 29. September 2020 - 08:55

• Wenn sich Väter daran gewöhnen, ihre Kinder einfach gewähren zu lassen, wie sie wollen, und sich vor ihren Kindern geradezu fürchten;

• wenn die Söhne schon sein wollen wie die Väter, sich nichts mehr sagen lassen wollen, um ja recht erwachsen zu erscheinen;

• wenn die Lehrer (Erzieher) bei solchen Verhältnissen vor ihren Schülern zittern und ihnen lieber schmeicheln;

• wenn es überhaupt schon so weit ist, dass sich die Älteren den Jungen gefällig zu machen versuchen, indem sie ihre Albernheiten übersehen oder gar daran teilnehmen, damit sie ja nicht den Anschein erwecken, als seien sie Spielverderber;

• wenn auf diese Weise die Seele und die Widerstandskraft der Jungen allmählich mürbe werden;

• wenn die Jungen am Ende dann auch die Gesetze verachten, weil sie niemand und nichts mehr als Herrn über sich anerkennen wollen
... so ist das der schöne Anfang der Tyrannis."

"Politeia", Platon, 375 Jahre v. C.,

gabriele bondzio | Di, 29. September 2020 - 09:08

Schön mal wieder etwas von Herrn Kissler zu hören. Habe ihn schon vermisst. Im Grunde ist zur Einleitung zu sagen, dass Tiere (aus meiner Erfahrung mit ihnen) in vieler Hinsicht die besseren Menschen sind. Denn sie sind eher bereit Grenzen zu akzeptieren. Und sie tun dies aus Zuneigung zu ihrem Menschen. Treue und Loyalität sind ihnen eigen. Und das sind in meinen Leben zwei wichtige Bausteine. Ich leite jedoch hieraus keine Überbewertung ein. Wir Menschen sind in der Lage über uns selbst nachzudenken, der größte Vorteil überhaupt. Und wir sollten es einsetzen um Wahrheit und Lüge zu unterscheiden.
Das Wesen des Menschen, nämlich die Intelligenz sich zu fragen, was der Mensch ist. Wir Menschen haben das naturgegebene-gewachsene Potential nur ganz wenig ausgeschöpft. Was man jetzt viel beobachten kann ist das „Männchen machen“. Z.B. der Hund machte Männchen, um Futter zu bekommen. Die charakteristische Wortkombination wird ja auch als „stramm stehen“ ausgewiesen.

Ines Schulte | Di, 29. September 2020 - 12:58

In reply to by gabriele bondzio

Ja, Anhänglichkeit und Treue beim Hund, (weniger bei Katzen,) Der Autor bezieht sich aber nicht nur auf domestizierte Haustiere, sondern bezieht das ganze Tierreich in seine Betrachtungen ein. Finden wir dann etwa die Hackordnung bei Hühnern, die Revierkämpfe, z.B. beim Rotwild, wo auch Ausgrenzung eine Rolle spielt, weil sprichwörtlich einer was 'verbockt' hat, oder ganz allgemein das Recht des Stärkeren, oder das Fressen und gefressen werden, bezogen auf uns Menschen gut?

auf meine Kater konnte ich mich auch verlassen, wir hatten unsere Rituale.
In der Wildnis, da wo der Mensch keinen Einfluß ausübt, ist es natürlich anders.
Wenn sie z.B. den Rehbock ansprechen, da geht es zur Sache wenn die Brunst beginnt. Er beansprucht nicht nur eine Ricke, sondern ein ganzes Rudel. Da werden die Rivalen rücksichtslos weggebockt.
Gibt es aber auch bei Menschen, die sich gern mit vielen Frauen schmücken.
Ich sprach aber ausdrücklich von meiner Erfahrung und auch dass ich das nicht überbewerte.

Holger Jürges | Di, 29. September 2020 - 09:18

...der Gesellschaft hat ja diverse Gründe, werter Herr Kissler: Das Mühlwerk von Überforderung, dominanten Ängsten und Agitation schafft das Bedürfnis nach der Flucht ins Reich der Harmonie, wo Tier und Natur den Menschen in die Arme schließen.
Rilke schreibt dazu in der 8. Duineser Elegie:

"Mit allen Augen sieht die Kreatur das Offene. Nur unsre Augen sind wie umgekehrt und ganz um sie gestellt als Fallen, rings um ihren freien Ausgang."

Die Sehnsucht nach Harmonie ist den erwachsenen Menschen nicht vorzuwerfen; das Fremde hingegen ist stets der Feind des Einklangs: Der Zeitgeist des Drang­sa­lie­rens quält die Seele in einer Gegenwart, in der es den Menschen scheinbar "besser geht als je zuvor". - Die "Tierautoren" bedienen doch nur das tiefe Bedürfnis des Menschen nach Ursprung und Halt, die Vergewisserung, dass eine heilende Nähe zum besagten Ursprung in der platten Konsumwelt tatsächlich existiert.
Die Sehnsucht der Menschen ist ein Symptom dafür, dass etwas nicht stimmt !

Christa Wallau | Di, 29. September 2020 - 12:53

In reply to by Holger Jürges

ist verständlich u. zeigt, daß die Menschen seit ihrer Vertreibung aus dem
Paradies noch eine Ahnung von dem haben, was der Schöpfer mit ihnen vorhatte: Leben im Einklang mit ihm u. seiner Schöpfung. Da aber der Mensch sich überhob u. selbst Gott sein wollte, zerbrach er die schützende Hülle, die ihn umgab u. stürzte sich ins Unheil.
Seidem s e h n t sich jeder - mehr o. weniger stark - nach dem Urvertrauen zurück, das im Garten Eden herrschte. Er versucht dies auf vielen Wegen zu finden: bei Menschen, bei Tieren, im Ausleben seiner Triebe, durch Drogen usw. Und dennoch bleibt stets ein Rest von ungestillter Sehnsucht...
Augustinus schrieb: "Geschaffen hast du uns auf dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir." Wir sollten uns nicht den Tieren zuwenden, sondern versuchen, den guten Teil unseres GEISTES (den allein der Mensch besitzt) zu pflegen u. aus ihm heraus zu leben. Orientieren wir uns an Menschen, die uns geist-erfülltes Leben vorgelebt haben!

Jacqueline Gafner | Di, 29. September 2020 - 14:47

In reply to by Holger Jürges

auch wenn sie sich im Einzelfall die Hand reichen mögen. Wer als nach Jahren längst erwachsener Mensch "Ursprung und Halt" im Tierreich oder in einem Verhalten sucht, das für Kinder typisch ist, mit dem stimmt in meinen Augen in der Tat etwas nicht, wenn auch kaum aus dem Grund, den Sie als Erklärung offerieren ("platte Konsumwelt"). Die wachsende Infantilisierung westlicher Gesellschaften mag auch mit deren (noch) verbreiteten relativen Wohlstand zusammenhängen, der erst erlaubt, nie "richtig" erwachsen zu werden, ohne deswegen gleich in materielle Nöte zu geraten, erklärt das Phänomen jedoch höchstens ansatzweise. Es ist ja nicht so, dass die Zahl der offiziell erwachsenen Kindsköpfe nur ausserhalb des professionellen Politikbetriebs zunehmen würde, und die Kehrseite davon ist ein zunehmend übergriffiger "Gouvernanten-Staat", der einen auch ungefragt "sicher und rundumbetreut" durchs Leben führen will. Soweit an mir habe ich dafür keinen Bedarf, und das kaum als einzige im Land.

Urban Will | Di, 29. September 2020 - 10:07

an den Menschen auszusprechen, kann auch nach hinten losgehen.
Diese infantilen Schreiberlinge, die Sie hier erwähnt haben, mögen das ja alles gut finden, was Bonobos, Fledermäuse, Pantoffeltierchen, etc. so machen, aber sie verkennen wohl bewusst die Gesetze der Natur.

Auf die Menschen angewendet, wäre das wohl kaum im Sinne dieser Buchautoren und deren Anhänger.
So werden bspw die „emphatischen Wildgänse“ kaum ihre Reise unterbrechen, wenn Teile ihrer Population zu schwach sind, weiterzufliegen. Letztere werden zurückgelassen und sterben.
Ist das im Sinne derjenigen, die solche Bücher vermarkten oder lesen?

Nun denn, man kann heute jeden Mist vermarkten, solange die Leute kaufen und lesen, ist das zu akzeptieren.
Wenn denn mal der erste Papagei eine BT – Rede hält oder ein Orang – Utan im Kanzleramt sitzt, sollte man vielleicht überlegen, wie weit man das Ganze noch treiben möchte.
Aber wer weiß, alles ist möglich.

Herrn Kisslers Anspielung auf Kants Postulat von 1784:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.[...]"

trifft nur bedingt ins Schwarze: Selbstbestimmung und Eigenverantwortung umfasst auch die bedingungslose Akzeptanz der Natur (und somit auch zum Tier und den Ausfaserungen unseres Daseins)als etwas "uns Übersteigendes"; alles andere wäre dekadent und arrogant. -

Eine "gesunde" Ratio umfasst auch den Mut, demütig zu akzeptieren, dass der Mensch nicht die Hoheit der Welt ist (vielleicht zum Teil ein gefährliches Virus). - Zum besseren Verständnis ein Gedicht:

Die Raupe

Im Walde auf grünem Pfade
geh ich so vor mich hin,
als eine Raupe gerade
entlang kriecht, wo ich bin.

Da kommt es mir in den Sinn,
nur nicht auf sie zu treten,
die einst wird ein Schmetterling,
in Schönheit anzubeten.

Das Tier repräsentiert, wie auch der Mensch, die Schönheit der Schöpfung in toto; es gibt keinen Grund sich über die Kreatur zu stellen, nicht wahr ?

Nun ja, die Grüne Jugend fordert ein Wahlrecht ab der Geburt. Persönlich. Leicht zu googeln unter "Wahlaltergrenzen abschaffen". Da wir wissen, dass etwa Schimpansen (welche übrigens grausame "Kriege" mit anderen Gruppen führen können) die Intelligenz von vierjährigen Menschen haben können, warte ich auch noch auf solche Vorschläge von denen. Undenkbar? So ein Kreuzchen kann auch ein Schimpanse machen, und mit farblicher Unterstützung auf den Wahlzetteln - so ein ansprechendes Urwaldgrün etwa ... Und es gibt so viele Grotesken bei der regressiven Linken, welche man vor wenigen Jahren noch für schlecht gemachte Satire gehalten hätte.

der Parlamentarische Rat tagte ja in einem Naturkundemuseum zur Ausarbeitung des GG.
Aber aus einem Orang – Utan als Kanzler wird es wohl so bald nichts werden, bei unter 20% für die AfD bei fallender Tendenz. Aber es steht nirgendwo im GG, dass der Kanzler unbedingt ein homo sapiens-sapiens sein muss, da haben Sie natürlich recht.

Herr Elvers, doch gebe ich angesichts der derzeitigen Hysterie in Sachen Blau eher einem Orang Utan die Chance, ins Kanzleramt einzuziehen als einem aus der AfD. Aus den Reihen Letzterer ist mir jedoch kein Vertreter dieser Art bekannt, da würden auch 95% nichts helfen.

Mir persönlich – da bin ich mal ganz ehrlich – ist jedoch der Gedanke an so einen uns ja nicht unähnlichen Pongo im Kanzleramt nicht so unheimlich wie der, dass da eine Frau Baerbock, ein Habeck oder gar ein Söder sitzen.

Schlimm, gell, so weit sind wir schon gekommen, wir Blau – Wähler.

Romuald Veselic | Di, 29. September 2020 - 10:13

Ich kann mich erinnern, als mir mein Dad vor 50 Jahren erklärte, dass Tom u. Jerry Zeichentrick, nicht den Tatsachen entspricht, denn die Katzen sind nützlich, Nager (Maus) nicht. Die Mäuse verbreiten gefährliche Krankheiten. Ich glaubte meinem Vater u. nicht dem lustigen Blödsinn.
Obwohl die Pharaos, in D speziell bewundert, für mich den schlechtesten Beispiel für etwas Menschliches sind (denn sie wurden als Götter betrachtet, was mich ankotzt, wie Personenkult), wussten diese brutalen Sklavenhalter, wie nützlich eine Katze ist.
Es gibt mehrheitlich Kulturen, die die Tiertheorien der weißen Eliten negieren o. ablehnen, u. im Zwangsfall, werden sie sich dagegen zur Wehr setzen. Weiteres Erörtern braucht man nicht...
Ich als alter, weißer Mann, obwohl Kulturell auf dem anderen Ende dieser Theorien, werde mich daran nicht beteiligen, einem weiteren Hype/Hippe/Hypo-Hippe zu folgen, denn ich per se, Antihype eingestellt bin. Danke für die literarische Warnung.
MfG Isarius Wuhansky ✔

Jens Böhme | Di, 29. September 2020 - 11:19

Zu allen Zeiten gab es besondere Tierfreunde, die in Tieren mehr sahen als das Tier. Sicherlich sind z.B. domestizierte Hunde treu, lieb guckend usw. Letzlich hängt solch Hund an seinem Alphatier, welches ihm das Überleben sichert. Solch Hund ist es egal, ob es sich dabei um einen Hund oder einen Menschen handelt. In den 1930er Jahren hat ein Forscherpaar den eigenen Sohn mit einem Schimpansenbaby aufwachsen lassen. Nach zwei Jahren wurde das abgebrochen, weil nicht der Schimpanse menschlicher wurde sondern das Menschenkind affiger. Wohin das führt belegen Schicksale, wo Kinder vor Krieg und Gewalt flüchtend bei Affen lebten und heute behindert sind. Menschenkinder sind unfertig! Selbst "Kinder an die Macht" funktioniert nicht, da sie ihre Entscheidungen weder überblicken noch berechnen und somit exponentiell tödlich enden können, z.B. Straße überqueren. Die Infantilität der Erwachsenenwelt resultiert aus der veränderten Kindererziehung, Kinder als gleichberechtigt zu behandeln.

Ernst-Günther Konrad | Di, 29. September 2020 - 11:19

Habe versucht das meinen drei Katzen (ein Kater) zu erzählen. Die schütteln den Kopf und haben sich schlafen gelegt. Schön von Ihnen zu lesen Herr Dr. Kissler. Lese Sie bei der NZZ natürlich weiter.
Tiere soll man respektieren, ja, man kann wissenschaftlich über sie forschen, ihre Lebensräume versuchen zu retten und sie eben Tier sein zu lassen und sie zu schützen und nicht zum Lehrmeister der Menschen zu stilisieren. Das Menschen sich so verhalten wollen wie Tiere, dann ist da wohl etwas schief gelaufen im Leben. Wer solche Bücher lesen will, soll es tun. Ich brauche solche Geschichten nicht. Schaue mir lieber einen interessanten Film über Tiere an und denke angestrengt selber nach, lasse nicht denken und habe Anstand, Respekt und Umgang mit allem was uns die Natur bietet von Kindesbeinen erlernt. Und nein, nicht ein Tier hat es mir beigebracht, sondern meine Eltern, die soziale Umgebung und die Gesellschaft.

Bettina Jung | Di, 29. September 2020 - 11:29

Ich beobachte nicht selten, dass gerade dumme Menschen sich so herrlich jung fühlen. Naiv und unerfahren zu sein, ist ein Privileg der jungen Menschen. Viele Erwachse drehen den Spieß um, und fühlen sich jung, wenn es ihnen an Intellekt, Weitsicht und Wissen fehlt. Sie drücken dies dann auch gerne in der Kleidung aus. Erst gestern begegnete meinem Mann und mir eine Frau fortgeschrittenen Alters mit zerrissener Jeans (destroyed Jeans).... Leider wirken die Menschen in der Kleidung ihrer Kinder erst richtig alt und hilflos.

Markus Michaelis | Di, 29. September 2020 - 14:43

Das mit den multilateralen Einzellern ist natürlich ausgemachter Unsinn. In der Natur wird einfach gemacht - das, was gerade im Moment am besten funktioniert. Auch gefressen und verdrängt.

Das Erwachsensein heißt auch Widersprüche auszuhalten, weil die Natur eben nicht einfach von Gotteshand oder Mutter Erde gesteuert menschlich oder perfekt oder gut ist. Es heißt auch aushalten, dass wir Erwachsenen an der Spitze des (unseres) Kosmos stehen - das ist hart und schwer. Niemand gibt absolute Wahrheiten oder Gewissheiten oder eine widerspruchsfreie Welt von außen vor. Wir müssen unsere eigene Moral und Begriffe machen und die Widersprüche dabei aushalten. Gerne würde man bei "PatchaMama" unterkriechen in die von außen gesetzte Wahrheit, der wir nur folgen müssen. Aber so ist es eben nicht.

Gerne würden wir auch in einer liebenden (sich duzenden) Gemeinschaft leben - aber gleichzeitig 50% aller Menschen für unerträglich halten, wenn sie einem zu nahe kommen. So ist eben die Welt.

Heidemarie Heim | Di, 29. September 2020 - 19:53

Wie schön von Ihnen zu hören Herr Dr. Kissler;-)!
Überlege gerade ob ich Kind geblieben bin oder mich mit meinen über 60 Lenzen schon wieder rückentwickele;). Wenn mir die Realität und das Denken zu viel werden, nehme ich ebenfalls Zuflucht in eine mir gerade passende Scheinwelt. Meist mittels Fantasy-Lektüre in der meist sogenannte "Gestaltwandler"
vorkommen.(Nalini Singh)Also Menschen die halb
Leopard oder Wolf, Adler usw. sind und zwischen 2 Gestalten switchen können. Die neben beibehaltenem natürlichen Raubtierinstinkt mit dem Intellekt der menschlichen Hälfte ausgestattet sind. Ob es sich was meine Faszination für solche Fabelwesen betrifft um einen infantilen Anpassungsdefekt handelt oder habe ich den von den hier beschriebenen von Amöben lernen-Autoren eingeforderten Weg schon länger eingeschlagen? Apropos Bonobos! Sind das nicht die, die jedes Unwohlsein bzw. Problem innerhalb der Gruppe mit Kreuz und Quer-Sex lösen;)? Auch nicht dumm, oder? Bis hoffentlich bald wieder! MfG

Albert Schultheis | Di, 29. September 2020 - 23:30

Sie hat viele Facetten. Sicherlich ist die Zuwendung zu Tieren als Ersatz für reife menschliche Beziehungen auf Augenhöhe eine infantile und infantilisierende Ersatzhandlung. "Ich kenne die Menschen, deshalb liebe ich die Tiere!" Das ist so ein eigentlich tief trauriger Satz von Menschen, die nie in der Erwachsenenwelt angekommen sind. Eine weitere, gleichermaßen bedauerliche Ersatzhandlung ist die der Zuneigung zum Edlen Wilden. So wenig wie man Beweggründe, Gedanken und Überzeugungen eines Tieres wirklich kennt, sowenig kennt man die Lebensumstände und Motive des Wilden - und gerade deshalb wird er zum begehrten Objekt der Ersatzbefriedigung. Weil die Beziehung zu ihm mich aus der Kleinkariertheit meiner Existenz zu befreien vorspiegelt. Ich erinnere an das deutsche Kultbuch "Die weiße Massai". Des Weiteren natürlich die Projektion auf unmündige, aber altkluge Kinder, wie uns das Beispiel "Greta" lehrt. Und wehe einer kritisiert das Idol! Das ist Häresie, Gotteslästerung.