Berlin in der Coronakrise - Die Party ist vorbei

Die Corona-Pandemie trifft Berlin ins Herz. Der Tourismus bricht ein und die Clubs und Restaurants bleiben geschlossen. Es bleibt offen, wie die Metropole nach der Krise aussehen wird, aber auch welche Chancen sich ihr bieten.

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Die Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen in den Bars und Clubs von Berlin / picture Alliance

Autoreninfo

Rainer Balcerowiak ist Journalist und Autor und wohnt in Berlin. Im Februar 2017 erschien von ihm „Die Heuchelei von der Reform: Wie die Politik Meinungen macht, desinformiert und falsche Hoffnungen weckt (edition berolina). Er betreibt den Blog „Genuss ist Notwehr“.

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Corona hat längst tiefe Spuren im ökonomischen und gesellschaftlichen Gefüge Deutschlands hinterlassen. Auch die nunmehr begonnene Lockerung der einschneidenden Restriktionen kommt nicht an der Grundprämisse vorbei, dass es eine Rückkehr in die gewohnte „Normalität“ auf absehbare Zeit nicht geben wird – möglicherweise nie mehr.

Ein Blick auf Berlin zeigt das exemplarisch. Hier waren die Verwerfungen, die durch den Kalten Krieg und die deutsche Teilung entstanden waren, besonders deutlich. Das eingemauerte Westberlin diente als Mythos und Aushängeschild der „freien Welt“. Ein Status, den sich die Bundesrepublik einiges kosten ließ.

Der Kater nach der Wiedervereinigungseuphorie

Die äußerst üppige Finanzierung der Teilstadt war quasi komplett entkoppelt von ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Die Rolle des Ostteils der Stadt als Hauptstadt der DDR war durchaus vergleichbar, wenn auch auf niedrigerem Niveau. Doch die Privilegien der Hauptstadt gegenüber der Rest-DDR in Bezug auf Versorgung, Infrastruktur, Wohnungsbau, Kultur und vieles andere mehr waren beachtlich.

Der Wiedervereinigungseuphorie von 1990 folgte ziemlich schnell der Kater. Schnell wurde deutlich, dass Berlin als amorphes, kaum lebensfähiges Gebilde ohne nennenswerte Wertschöpfung und weitgehend deindustrialisiert sich neu erfinden musste. Das Geld floss nicht mehr aus der Wand und binnen weniger Jahre türmte sich ein gigantischer Schuldenberg in der Stadt auf.

Fokus auf Tourismus

Seitdem ringt die Stadt um einen „Masterplan“ für ihre Zukunft. Mit den Irrwegen, Skandalen und Fehlern die diesen Weg pflastern, kann man Bücher füllen. Doch unbestreitbar ist, dass auf dem Weg zu einer Metropole von Weltrang durchaus Fortschritte gemacht wurden.

Im vergangenen Jahrzehnt wurde dabei zunehmend der Fokus auf den Tourismus entwickelt, der durch den besonders partyaffinen Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), der die Stadtregierung von 2001 bis 2014 anführte, unermüdlich forciert wurde.

14 Millionen Besucher im letzten Jahr

Dabei ging es schnell nicht mehr um den traditionellen Kulturtourismus, der sich auf die großen Museen und die beeindruckende Konzert- und Theaterlandschaft bezog, sondern um die boomende Eventkultur, mit Clubszene, nächtlichen Partymeilen und Großveranstaltungen aller Art, für die sich Berlin zu einem international wichtigen Hotspot entwickelte.

Die Zahlen sind beeindruckend. 2019 kamen 14 Millionen Besucher nach Berlin, insgesamt wurden 34 Millionen Übernachtungen registriert. Dazu kommt eine nicht unerhebliche Dunkelziffer von nicht registrierten Übernachtungen in halb- oder illegalen Feriendomizilen, deren Anzahl auf über 10.000 geschätzt wird.

Man plant mit exponentiellen Zuwachsraten

Die Bruttowertschöpfung, die sich aus den durchschnittlichen täglichen Ausgaben von Berlin-Besuchern (auch Tagesbesuchern ohne Übernachtung) errechnet, liegt bei rund 12 Milliarden Euro pro Jahr. Das Beschäftigungsvolumen in diesem oftmals von prekären Arbeitsverhältnissen geprägten Sektor entspricht 235.000 Vollzeitstellen.

Nicht nur das Beherbergungsgewerbe, sondern auch große Teile der Gastronomie, der Transportlogistik (Fluggesellschaften, Busunternehmen etc.) und der Unterhaltungs- und Freizeitindustrie sind ganz oder überwiegend vom Tourismus abhängig. Und viele Planungen, etwa für den den weiteren Ausbau des noch nicht einmal eröffneten neuen Großflughafens BER in Schönefeld, basieren auf erwarteten exponentiellen Zuwachsraten in diesem Bereich.

Die Stadt lebt vom Nachtleben

Doch die Party ist vorbei, die global begehrte Event-Metropole ist im Ruhemodus, den sie auch nur ganz allmählich wieder verlassen wird. Viele kleine und auch größere Betriebe sowie Solo-Selbstständige werden das trotz der einmaligen Soforthilfen des Senats nicht überstehen.

Kaum anzunehmen, dass es danach (wann immer das sein mag) auch nur ansatzweise eine Rückkehr zu „Vor-Corona-Zeiten“ geben kann und wird. Das sieht die Club Commission Berlin, der Interessenverband der Clubs, Kultur- und Partyveranstalter, deutlich anders. Das Nachtleben – nicht nur in den Klubs – sei „ein wesentlicher Faktor für die Attraktivität der Stadt“, sagt deren Sprecher Lutz Leichsenring im Gespräch mit Cicero.

Die Luft wird knapp

Diesen wolle man keineswegs zurückfahren, „ganz im Gegenteil, davon lebt die Stadt in hohem Maße“. Die Zielgruppe sei auch flexibel, und werde sich durch die möglicherweise weiterhin latente Gefahr durch Corona nicht abschrecken lassen: „Die gehören ja schließlich nicht zu den Risikogruppen.“

Schwierig werde es allerdings, wenn es zu langfristigen großen Rückgängen beim Angebot an Billigflügen und Unterkünften im Low-Cost-Bereich käme. Jedenfalls müssten die Clubs, die ganzen anderen Kultur-Events, aber auch die Gastronomie so schnell wie möglich wieder hochgefahren werden, denn „noch zwei bis Monate länger, dann wird vielen die Luft ausgehen“.

Ein „Weiter so“ oder neue Perspektiven?

Aber wäre ein „Weiter so“ auf Vor-Corona-Level überhaupt erstrebenswert? Idealerweise könnte der Shutdown vielmehr in ein nachhaltiges Runterfahren der Dauerparty münden – eine deutliche Reduzierung des Massentourismus auf ein sozial und ökologisch vertretbares Maß.

Was für viele hier lebende Menschen eine ausgesprochen erfreuliche Entwicklung wäre und Berlin ganz neue Perspektiven der Stadtentwicklung eröffnen könnte. Vielleicht in Richtung einer Stadt, in der nicht mehr ganze Wohngebiete als Partymeilen fungieren; in der an deutlich weniger Tagen Teile der Innenstadt komplett für irgendwelche Events gesperrt werden müssen.

Neue Form der Lebensqualität

Eine Stadt, die auch mit der Hälfte der Klubs, Bars, 08/15-Gastronomen, Hostels und Ferienwohnungen eine flirrende Metropole mit einem faszinierenden Kulturangebot wäre, die viele Besucher aus aller Welt anlocken würde. Eine Stadt, die auf Bildung, Forschung und innovative Wertschöpfung setzt und etwas weniger auf Bedienung und Bespaßung. Und dadurch vielleicht eine neue Form der Lebensqualität entwickelt.

Die Gefahren des in Berlin und einigen anderen europäischen Städten wie Barcelona, Venedig. Amsterdam oder Lissabon grassierenden „Overtourism“ sieht man auch bei bei „VisitBerlin“, der städtischen Marketingagentur für den Hauptstadttourismus.

„Erhebliche Marktbereinigungen“

In den aktuellen Tourismuskonzepten setze man weiterhin auf Vielfalt, aber auf „Qualität statt Masse“, auf Berlin als „Erlebnisort für Natur und Kultur“, sagt VisitBerlin-Presseprecher Christian Tänzler im Gespräch. Berlin müsse nicht die europaweit bevorzugte Destination „für Jungesellenabschiedsparties sein, bei denen man sich ein Wochenende lang mal richtig daneben benehmen kann und dann mit seinem Billig-Ticket wieder nach Hause fliegt“.

Tänzler erwartet als Folge der Corona-Krise „erhebliche Marktbereinigungen“ in Bereichen wie Beherbergung, Gastronomie, Club- und Eventkultur und deutliche Rückgänge bei der Billigfliegerei. Bei VisitBerlin schiele man auch nicht auf immer neue Rekordzahlen bei Besucher- und Übernachtungszahlen.

Neuerfindung einer Metropole

Zumal die bislang größte Gruppe der ausländischen Berlin-Touristen aus jenen Ländern kommt, die derzeit am stärksten durch die Pandemie wirtschaftlich gebeutelt werden, also Italien, Spanien und Großbritannien. Die Stadt muss sich nach Corona wohl wieder mal „neu erfinden“.

Doch ohne umfassende Neuorganisation der sozialen Daseinsvorsorge, eine nachhaltige Abkehr von prekären Erwerbsmodellen, wie sie gerade im Kultur- und Tourismussektor weit verbreitet sind, und einen neuen „Masterplan“ für die wirtschaftliche, infrastrukturelle und soziale Entwicklung wird das nicht gehen. So gesehen, ist der Corona-Shutdown auch eine große Chance. Wird die verspielt, droht ein Desaster, dessen Dimensionen man sich nicht ausmalen mag. Darum wird es in den kommenden Jahren gehen. Nur darum, und das in aller Härte.

Gisela Fimiani | Do, 16. April 2020 - 15:57

Der Länderfinanzausgleich wird weiter dafür sorgen, dass Berlin sich auch in Zukunft „arm aber sexy“ fühlen kann. Als „Bundeshauptstadt“ besitzt man einen unschlagbaren Trumpf.

Arm aber sexy war gestern und sollte mit Corona einen Abschluss finden. Klasse statt Masse täte der Stadt gut. Schöner Artikel - wie Ihre Rezepte!

benannt wird ist ohnehin gleichgültig.
Kein Cent dieser Kredite ist wertbesichert.
Unterschied zu früher: Es braucht weder Druckmaschinen noch sonstige Rohstoffe.
Isz nur noch ne `0` oder ne ´1`

So ist es, liebe Frau Fimiani, um Berlin muß sich wirklich
keiner graue Haare wachsen lassen. Die bekommen auch
weiterhin - wahlweise oder in Kombination - die Tita, das
Fläschchen, Hi.., Hi..., pp. Selbst wenn Masken weiterhin
knapp bleiben sollten, das juckt keinen. Viel wichtiger ist
doch, daß es für die viel dringlicher benötigten Schnuller
keinerlei Lieferschwierigkeiten gibt.

Alle europäischen Städte hatten bisher das Problem, wie sie sich einordnen sollten. Es gab keine staatliche Autorität, die Entwicklungsfelder beplanen konnte. Entwicklung wurde dem Wettbewerb überlassen. Und die Städte spielten dieses Spiel mit. Sie versuchten ihren Rang selbst zu bestimmen. Stadtvorstellungen waren dynamisch.

Jetzt haben wir eine völlig neue Situation. Werden Städte wieder zu Solidargemeinschaften? Kann die Stadt eine „andere“ Eigendynamik entwickeln? Neue Impulse im Dienstleistungsbereich, wenn die Stadt ihr spezifisches Potential nutzt?

Liest man so einige der Kommentare hier, muss man zu dem Schluss kommen, der Berliner sei bequem, wolle nur seinen Spass haben, wäre unwillig oder unfähig, für sich selbst zu sorgen und habe nur eins im Sinn, nämlich 24 Stunden am Tag Parties zu feiern, die über den Länderfinanzausgleich vom Spießer im Hessischen oder sonstwo finanziert werden.

Obendrein wählt er auch noch die falschen Parteien und wird, natürlich verdienterweise, dafür bestraft.

Es ist erstaunlich, wieviel Unsinn über unsere Hauptstadt erzählt wird.
Partymeilen stören den fleissigen Deutschen in Mallorca oder Tirol überhaupt nicht, in Berlin werden sie schnell zum Sündenbabel.
Dabei sind Gastronomie usw. in der Hauptstadt wichtige Wirtschaftszweige, die mangels Masse, für viele Berliner den Lebensunterhalt sichern.
Seltsam: Ständig wird über "Bevormundung" gemeckert, aber man selbst möchte fortlaufend die Menschen in Berlin zum "Besseren" bekehren.

Wer zahlt?

Egal. So was nennt sich "nationale" Solidarität.

Romuald Veselic | Do, 16. April 2020 - 16:24

Jetzt ist man bei eigenem existenziellen Retten. Quo Vadis Pandemis?
Jetzt sieht man, wie lächerlich wurden die Fahrverbote wg. CO2 & Mikro-Nano-Staub. Die zu Öko-Potemkinschen-Megadörfer verkommen sind. Titanic mal global und Seuchen-Eisberg. Die Faschingspartys im Re-Fokus, haben einiges dazu Beigetragen.
Den Donald T. außenvorlassen...
Was macht Greta T.?

Dennis Staudmann | Do, 16. April 2020 - 16:35

offensichtlich nicht interessiert, was aus den vielen Angestellten in der Berliner Gastronomie wird, die schon jetzt von der Kurzarbeit betroffen sind. Seit gestern wissen wir, Bundesregierung und Senat sind sich einig darin, dass in keinem Bereich eine Ansteckung mit dem Coronavirus so wahrscheinlich ist wie in der Gastronomie. Wissenschaftlich belegt ist das nicht, aber man verweist auf einen Berliner Club, bei dem man vor einiger Zeit feststellte, dass sich dort drei Infizierte angesteckt haben. Nicht die Menschen im hoffnungslos überfüllten öffentlichen Nahverkehr, nicht Friseure mit Mundschutz, der, wie wir gelernt haben, "gar nichts bringt" oder andere Bereiche werden in Frage gestellt, aber die Gastronomie wird zum Sündenbock gestempelt und gilt als verzichtbar. Seit dem 16.03.2020 sind alle Bars, Clubs etc. geschlossen. Die Zahl der Infektionen stiegen aber weiter dramatisch an. Das interessiert natürlich einen Senat nicht, der schon vor Corona von Unfähigkeit befallen war.

Ernst-Günther Konrad | Do, 16. April 2020 - 17:34

Egal was Berlin macht. Sie haben doch Sicherheiten.
" An der Spitze der Empfängerländer liegt Berlin. 4,33 Milliarden Euro kassierte die Bundeshauptstadt 2019 aus dem Topf (2018: 4,40 Milliarden)." Also was soll's. Die Berliner Regierung kann nicht viel, aber das Geldausgeben für manche schrägen Sachen, das beherrschen sie.
Wer sollte in Berlin was ändern? Rot-rot -grün etwa? Im Leben lacht kein Gaul.
Die Berliner wollen es so, sie wählen so, sie bekommen es so.

helmut armbruster | Fr, 17. April 2020 - 09:29

wenn das so ist, dann soll sich niemand in Berlin wundern, wenn es immer dunkler in der Stadt wird. Die Nacht ist zum Schlafen und Erholen da, damit man am folgenden Tag seine Arbeit ordentlich machen kann.
Wer das nicht wahrhaben möchte, soll ruhig sein Nachtleben weiter leben, aber er soll dann bitte nicht irgendwann Sozialhilfe beantragen und die Gesamtheit aller mit seinen Problemen belasten.
Er soll bitte so viel Verantwortungsgefühl haben, dass er sich sagt, ich habe es so gewollt und stehe für die Konsequenzen selber ein und belaste niemand anderen damit.

Eckart Härter | Fr, 17. April 2020 - 09:34

Bis zur Machtübernahme der Nazis gehörte Berlin zum Kreis der bedeutendsten Weltstädte wie London, Paris, New York. Dass die deutsche Hauptstadt nach dem Zusammenbruch des Reichs künstlich beatmet werden musste, dafür kann sie nichts. Aber nach der Wiedervereinigung mit Mitteldeutschland so dominierend auf Jux, Klamauk, Party und Eventkultur zu setzen, war ein riesiger Fehler, der alle unangenehmen Begleiterscheinungen von Verwahrlosung und Niveauverlust mit sich brachte. Man hätte konsequent ans Vorkriegsniveau in Kunst, Kultur und Wissenschaft wieder anknüpfen sollen (was ja Amüsement und Vergnügen nicht ausschliesst). Jetzt könnte man die Zäsur durch das Coronavirus dazu nutzen, Berlin als grosse, seriöse Kultur-Weltstadt wieder neu zu beleben, dann hätte die Krise doch auch ihr Gutes gehabt.

Bernhard Jasper | Fr, 17. April 2020 - 11:35

In reply to by Eckart Härter

Zur Historie: Mit der Wende und der Öffnung nach Osten zeigten Industrieruinen den Entzug von Arbeit und Kapital. Diese Industrien zeigten sich auch in materieller Alterung und Verbrauchtheit. Ganz zu schweigen von den riesigen Umweltschäden. Es war ein Bankrott. Die Leute wurden nicht mehr bezahlt und entlassen. Die Zwecke dieser Industrien waren obsolet geworden und eine neue Formierung, wenn überhaupt möglich nicht in Sicht. Alte Gewissheiten verschwanden, neue nicht in Sicht. Ganze Berufsbiografien ruiniert.

Das Zutrauen auf regionale und lokale konzeptionelle Kompetenz scheint in Berlin gering entwickelt zu sein. Da ist in vielen Kommunen der Republik so. Es geht darum einen bestimmbaren, vor allem aber bewirtschaftbarer Rang zu bekommen oder zu erhalten. Können Städte eine „andere“ Eigendynamik entwickeln? Neue Impulse im Dienstleistungsbereich, wenn die Städte ihr spezifisches Potential nutzen? Darum geht es in diesem Beitrag.